Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römer 8,18-25

Pfarrer em. Wolfgang Kolnsberg

06.11.2016 Ev. Kirche zu Bad Sassendorf

Gottesdienst zur Eröffnung der Friedensdekade „Kriegsspuren“

Einführende Worte zu Beginn  des Gottesdienstes: 

Am drittletzten Sonntag des Kirchenjahres seien Sie, liebe Gottesdienst-BesucherInnen, willkommen geheißen mit dem Bibelwort dieser Woche „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist die Zeit des Heils.“  Und gleichzeitig mit dem Wort aus der Neuordnung der Gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Damit entspricht die Neuordnung der besonderen Funktion dieses drittletzten Sonntags im Kirchenjahr, dem Beginn der Friedensdekade. In diesem Jahr unter dem Motto „Kriegsspuren“. Unsere Friedenskerze zünden wir nun an als Zeichen der Hoffnung in aller Dunkelheit der Kriege, Feindseligkeiten und Verfolgungen in der Welt. 

Predigt  zum Thema „Kriegsspuren“

Ökumenische Friedensdekade – seit 1980 wird sie am drittletzten Sonntag im Kirchenjahr   bis Buß- und Bettag begangen – bei uns bereits seit 1984 mit einem Eröffnungsgottesdienst und mit verschiedenen Veranstaltungen, entstanden und bis heute im Emblem begleitet von der Aktion „Schwerter zu Pflugscharen (Mi 4,3)“.

Wie unterschiedlich waren die Weltereignisse in jener Zeit bis heute  -  durchaus  vergleichbar mit einer Achterbahn – zwischen Hoffnungen und Rückschlägen, Krieg und Frieden, Rüstung und Verhandlungen. Und immer wieder die Angst vor neuen Gefahren von Krieg und Terror – heute vielleicht mehr als je zuvor. –    „Kriegsspuren“ – ja, sie ziehen sich durch die Jahrzehnte – auch 71 Jahre nach dem 2. Weltkrieg.

Und Dennoch!  Wir dürfen nicht nachlassen,  für den Frieden in dieser Welt zu denken, zu beten und zu handeln. Wie oft war es zum Verzweifeln, wenn wir uns zum abendlichen in den Dekaden versammelten. Immer wieder neue Konflikte, Unruheherde und Gefahren der Eskalation in dieser Welt. Was können wir tun?    Möglichst laut und nachhaltig gegen Waffenproduktion und Aufrüstung protestieren! Die Arbeit der Friedensdienste stärken und nicht zuletzt für den Frieden beten.

Es ist gut, dass die neue Auswahl von Liedern, Worten und Bibeltexten für diesen heutigen drittletzten Sonntag im Kirchenjahr das Thema Frieden statt der Endlichkeit allen Lebens in den Mittelpunkt rückt. Damit bahnt dieser Sonntag den Weg für den folgenden Volkstrauertag und überlässt  das Thema der Endlichkeit allen Lebens in dieser Welt dem Toten Sonntag und dem Inhalt als Ewigkeitssonntag im Glauben auf die ewige Geborgenheit in Gott.

Die neue Wegweisung für den heutigen Sonntag aber lautet (Röm 8,18-25):

Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat-, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.                                                                                                                                         Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

 

Hoffnung und Warten in Geduld – das ist die Aufgabe der Christen – auch und gerade auf dem Hintergrund der Kriege, Unruhen und Kämpfe ums Überleben gegen Hunger und Armut. „Kriegsspuren heißt es schlicht und einfach als Motto der diesjährigen Friedensdekade. Im Plakat    hier an der Kanzel und dort am Pfeiler zum Altarraum  -  ganz und gar unscheinbar dargestellt: Da ist das Loch in der Wand, eine Kriegsspur, ein Kugel-Einschlag.  Harmlos und doch wie ein Geschwür. Da ist was kaputt, zerstört – hässlich, unheimlich – Warum? Nur ein Versuch oder Querschläger?  -  In jedem Fall: Nichts Gutes – eine Spur der Bedrohung von Menschen, von Zu-Hause und Heimat. Zerstört, verletzt, getötet – was steckt dahinter? Kriegsspuren durchziehen die Welt – auch bei uns.

Kriegerische Gewalt hinterlässt Spuren! An Gegenständen, wie auf dem Plakat das Einschussloch in der Hauswand: Historische Stätten werden zerstört, Wohn- und Krankenhäuser und die Versorgungswege eines Landes.

Spuren des Krieges – ich erinnere mich noch gut an die Trümmer-Reste in den Großstädten bei uns – lange nach Ende des Krieges. Noch schlimmer sind die Spuren bei Menschen – damals schon und heute immer noch in den Kriegsregionen in Syrien, Libyen, Sudan, Mali oder Afghanistan. Es sind Verletzungen an Leib und Seele. Die Kriegserlebnisse wirken weiter bei den Betroffenen genauso wie bei den Helfern und Soldaten. Medizinische und psychologische Hilfen sind nötig. Ganz besonders auch bei  denen, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Die äußerlichen Kriegsspuren sind augenfällig und bedürfen der Heilung, die inneren sind nicht so deutlich, aber umso schwieriger zu heilen oder wenigstens zu lindern.

Wie lange Kriegserlebnisse nachwirken, haben wir in der Nachkriegszeitüber Generationen erfahren. Vieles wurde verschwiegen und wirkte umso länger nach, die schrecklichen Erfahrungen von Tod und Leid, Flucht und Gewalt.

„Von Deutschland darf nie wieder Krieg ausgehen“ hieß es. Durch Waffenexporte, die noch gesteigert werden sollen, ist die Realität eine andere. Sie führt auch zu Kriegsspuren von hier nach dort.

Aber: Neben den Kriegsspuren verlaufen Friedensspuren. Friedensaktivitäten sind nötiger denn je, um die Kriegsspuren zu verlassen, die Spuren zu wechseln in die Friedensspuren: Friedensaktivitäten ohne militärische Mittel in den Krisengebieten. Der Ök. Rat der Kirchen hat den „Pilgerweg für Gerechtigkeit und Frieden“ ausgerufen, um Friedensspuren zu legen, damit die Menschen wieder lachen, Versöhnung leben und den Frieden feiern können.

Ja, und dann sei der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, mit Euch allen.

Amen.