Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Römerbrief 6,3-11

Pfarrer Berthold Haerter

in der Reformierten Kirchgemeinde Stammheim, Schweiz

Liebe Gemeinde!

Sie sind zum Essen eingeladen. Vor sich haben sie nun ein Stück gut aussehendes Fleisch. Beim ersten Bissen merken sie, dass das Fleisch wirklich gut, aber etwas zäh ist. Was werden sie tun?
Der Anstand verbietet es, nicht zu essen, also werden sie das Stück in kleine Stücke schneiden und kauen, immer wieder kauen, bis es magenfreundlich und verdaulich ist. Vielleicht merken sie im Nachhinein, dass dieses Fleisch, obwohl schwierig zu essen, doch sehr gut war.

Genauso ist es mir ergangen, als ich den Predigttext für heute bearbeitet habe. Als Text, der das Ostergeschehen intensiv behandelt, war er mir bekannt, eine Einladung für mich, mich mit ihm auseinanderzusetzen. Aber dann beim Bearbeiteten merkte ich, wie zäh er war.
Also musste ich ihn in kleine Stücke zerschneiden und ihn Tag für Tag immer wieder "durchkauen". Nun, als ich damit fertig bin, merke ich, das der Text wirklich viel spannender ist, als ich dachte. Wie das intensive Kauen viel mehr Zeit braucht, so brauche ich nun auch einige Zeit für diese Predigt. Aber der Text hat auch uns, nicht nur der Gemeinde in Rom wichtiges zu sagen.

Hören sie ihn nun nochmals Text aus dem Römerbrief Kap. 6, 3-11 die Verse 3-5

Paulus versucht der Gemeinde klar zu machen, was Karfreitag und Ostern für sie bedeutet. Er benutzt dazu ein Bild, ein Bild, das auch uns einleuchten kann:
Ein Mensch sitzt im Gefängnis. Wegen irgend einer Straftat sitzt er lebenslänglich. Er wird erst wieder ein freier Mann sein, wenn er stirbt. Mit seinem Tod ist auch seine Strafe gestorben.

So wie dieser Mensch stirbt, so ist auch Christus gestorben, betont Paulus.
Und so wie bei einem Menschen mit dem Tod alle Strafe mit-gestorben sind, so ist auch mit Christus alle Strafe mit dem Tod mit-gestorben.
Nun hatte Jesus selbst aber keine Schuld, kein Vergehen, er hatte keine Straftaten begangen. Und, so lehrt uns unser Glaube, starb er auch nicht mit seiner Schuld, sondern Gott setzt hier ein Zeichen für uns Menschen und betont:
Er starb für die Schuld, in die sich die Menschheit immer wieder hinein verstrickt.

Sünde, in diesem Wort ist das alles gefasst, durch das sich die Menschheit schuldig macht an Gott. Schuldig machen an Gott heisst auch sich schuldig machen an anderen Menschen, und an der Schöpfung:
"Was ihr einem meiner geringsten Schwestern und Brüder (Gutes) nicht getan habt, das habt ihr mir (Gutes) nicht getan." betont Jesus im Matthäusevanglium.

Aber mit Jesu Tod ist dieses Schuldig sein mit gestorben. Bis in den Tod hinein geht kein Strafmass. Jesu Tod und echtes Sterben heisst auch echtes Sterben all dessen, was mit "Sünde" definiert werden kann.

Das war hohe Theologie. Interessant, aber sie betrifft mich zunächst nicht. Spannend wird es ja erst, und das ist ja mein Interesse; wenn mit Christus Tod die Sünden der Welt sterben, wann stirb da denn auch mein ganzes Schuldigwerden? Wann dürfen wir davon ausgehen, dass mit Jesu Tod wir Amnestie erlangen, also Freiheit ohne das wir für Vergangenes, im Leben Geschehenes noch bestraft werden könnten?

Paulus sagt der Gemeinde in Rom da: Durch die Taufe. Durch die Taufe ist unsere Schuld mit Jesus gestorben. Dabei hat er nicht unsere Taufe vor Augen, so wie wir sie eben feierten. Er sah nicht eine Kindertaufe, wie sie seit 1500 Jahren Tradition ist. Bei unserer Kindstaufe kommt es ja sehr auf die Eltern und ihre religiöse Erziehung an, ob das Kind wirklich den Weg zu Gott findet. Ohne diese religiöse Erziehung wäre Taufe wie Konfirmation nur ein Happening, das in unseren Breitengraden zum Leben dazu gehört und gefeiert wird, aber über dessen Inhalt nicht nachgedacht würde.

Paulus hat die Taufe der Urchristen vor Augen, wenn er meint, mit der Taufe stirbt alles Schuldig geworden sein - oder eben alle Sünde von mir. Die ersten Christen damals, meistens Juden mit einer guten religiösen Grundausbildung, wurden als Erwachsene getauft. Ja, sie liessen sich bewusst taufen, da sie keine christliche Erziehung geniessen konnten, denn ihre Eltern kannten diesen Jesus Christus ja noch gar nicht.

Solche Taufe gibt es heute nur noch selten und wenn man sie gegen unsere Tradition wieder zu beleben versucht, so wirkt das oft etwas verkrampft und gekünstelt. Sie ist nicht mehr das, was sie bei den Urchristen war, ein klarer einfacher Entscheid auf klare logischen Tatsachen. Dies kann Taufe auch nicht mehr sein, höchstens auf Missionsstationen, wo man bislang nichts vom Christentum gehört hat.

Wir müssen uns also bewusst sein, nicht durch eine Taufe, einen symbolischen Akt sind wir amnestiert, sondern durch den Glauben. Taufe damals war Glaubenstaufe, also setzte Glauben voraus. Es setzt voraus, das ich ja gesagt habe. Ja dazu, mich auf Gott einzulassen.

Und nun schauen sie sich selbst einmal an und schauen sie zurück. Wann hat für sie Glauben, Gott und Jesus Christus Bedeutung gewonnen?
Wenn ich mich so an die Geschichten von den einen und anderen von Ihnen besinne, so weiss ich, das Glaube bei den einen zu Hause wichtig war, das gebetet wurde, und man auch praktisch als Christ lebte. Bei anderen weiss ich, das ein Pfarrer ihnen geholfen hat, er eine Vorbild für sie war und so der Glaube wichtig wurde. Bei wieder anderen weiss ich, dass das Fundament in der Kindheit gelegt wurde. Nun durch den Tod oder ein schweres Schicksal oder ihre Lebenserfahrung haben sie gelernt, im Glauben an Gott Kraft und Hilfe zu suchen. Bei anderen ist es Alter und Lebensweisheit, die sie dazu bewegt haben, sich damit wieder auseinander zu setzen. Gottes Wege uns zum Vertrauen zu ihm zu bewegen sind manchmal sehr merkwürdig.
So erzählte ein Kirchenrätin, dass sie nach der Konfirmation als Sonntagsschulhelferin anfing, nicht wegen des Glaubens sondern wegen des Pfarrer, der später ihr Ehemann wurde. Und langsam merkte sie, ich glaube ja an Gott, ja Glaube ist mir eine Stütze geworden. Vielen von uns ist es wohl ähnlich gegangen.

Glaube, ja der Versuch sich auf Gott einzulassen, ist oft langsam und bedächtig, schleichend gekommen, indem man z.B. für sich still angefangen hat zu beten, dann vielleicht manchmal wieder zur Kirche ging und es einem etwas gebracht hat. Auf einmal hat man dann etwas entdeckte, was einen das Leben leichter machte, Gott.

Genau in dieser Zeit, wo ich mir bewusst werde, Gott, das ist ja eine neue Dimension zum Leben, etwas was mir gut tut, genau in dieser Zeit sterben meine Sünden mit Christus am Kreuz. Genau da geschieht diese Amnestie durch den Tod meiner Schulden vor Gott. Ich bin ein neuer Mensch, wie die Bibel betont.
Kaum sind das klar zu fassenden punktuelle Erlebnisse. Es ist eine "schleichende Bewegung", eine "versteckte Unterwanderung" in der Glauben sich in meiner Seele Territorium erobert.

Wenn jemand nun Datum und Zeit seiner Bekehrung angeben kann, so nehme ich ihm das nur sehr vorsichtig ab. Denn manchmal, wenn jemand zu sehr auf Datum und Zeit besteht, so kommt mir das vor, wie mit unserer Verlobung.
Als ich meine Bewerbungsschreiben auch hier her schrieb, meinte meine Frau: "Du solltest schreiben, wir sind verlobt. Das sieht besser aus. Komm, wir nehmen den letzten Sonntag als Datum."
So sieht es für manche Besser aus, so ein fixes Bekehrungs-Datum zu haben, als zu zulassen, das Gottes Wirken an uns Zeit, manchmal viel Zeit braucht, bis wir es überhaupt ernstlich wahrnehmen.

Vergebung, Amnestie oder Befreiung von Schuld, die ich mir aufgeladen habe, das ist wirklich an mir erst geschehen, wenn ich keine Angst mehr habe, keine Angst vor meiner Vergangenheit. Ich bin angenommen von Gott. Er vergibt mir.
Wenn ich dies sagen kann und mich nicht in ein Frömmeln zurück ziehe und in ständige Bussübungen, sondern in dieser Welt und für dieses Menschen da bin, dann hat Jesus Sterben und das Sterben meiner Schuld mit ihm echt stattgefunden.

Im Leben in dieser Welt werde ich wieder Fehler machen, grosse und kleine. Ich werde diese auch wissen. Aber das Wichtigste ist, das Gott mich nicht als der fehlermachende Mensch ansieht, sondern Gott sieht mich immer zusammen mit Christus. Das muss ich begreifen. Durch diesen Christus hat er mir vergeben.

Ich denke es ist so, wie meine Erinnerung an eine Frau unseres Tales. Überall, wohin sie ging, kam ihr alter Dackel mit. Wenn ich an diese Frau denke, so sehe ich sie immer mit ihrem Dackel.
So sieht Gott mich auch nicht isoliert sondern immer mit dem gestorbenen und wiederauferstandenen Christus an meiner Seite. Er sieht mich, dessen Fehler im Tod Jesu begraben sind.

Nun, meine Vergangenheit ist für Gott kein Problem mehr, höchstens für mich, der ich mir selbst nicht vergeben kann. Und die Zukunft? Wie kann ich in der Zukunft so leben, das dieser Christus an meiner Seite bleibt. Eine alte Frau im Altersheim erzählte mir in dieser Woche:
"Ja, wie ist das: Ich muss doch einmal vor Gott Rechenschaft über jedes unnütze Wort ablegen." Denken Sie, wenn wir das müssten! Ich hätte Angst, wenn dem so wäre! Ich könnte nicht mehr frei in dieser Welt leben. Ich hätte immer Angst, etwas falsch zu machen und sie alle wissen ja: Wo gearbeitet wird, da macht man Fehler. Nur wo nicht gearbeitet wird, passieren auch keine Fehler.
Deshalb betont Paulus auch: Macht euch keine Sorgen um die Zukunft:
"Denn wenn wir in unserem Geschick mit Jesu Tod verbunden sind, so werden wir auch mit seiner Auferstehung als unsere Zukunft verbunden sein." (Vers 5)

Als Glaubender oder sagen wir als Christ, der versucht zu glauben und seine ganze Schwachheit auch sieht, muss ich mir keine Sorgen um das danach machen. Sind meine Sünden mit Christus gestorben, so stehe ich wie er als neuer Mensch nach meinem Sterben wieder auf. Ich glaube, dieses Vertrauen muss man immer wieder lernen, so lernen, wie man im Alter sein Gedächtnis trainiert. Immer wieder sagt man sich Gedichte her, übt Namen und anderes. Genauso muss ich mich im Beschäftigen mit Gott immer wieder darin üben, vertrauen zu Gott zu haben, dass er ein gutes Danach hat. Ich muss es mir vor Augen führen, was die Bibel dazu sagt. Auch dazu sind unsere Gottesdienst da.

Und wenn uns Bibelgerichtsdarstellungen quälen, wie sie in der Bibel uns vielfältig ausgemalt werden dann muss ich lernen, dass mich das nicht betrifft, denn ich bin mit Christus gestorben, als ich anfing zu glauben.
So werde ich mit ihm auferstehen.

Also, wir brauchen keine Angst vor unserer Vergangenheit haben, so wie es noch heute manche Leute in Ost- und Westdeutschland haben, die mit der Staatssicherheit zusammen arbeiteten. Ich brauche mir keine Sorgen um die Zukunft machen. Ich werde auferweckt werden durch Gott, wie Jesus Christus.
Aber was fange ich nun damit an, mit dem "neu gewonnenen Leben", wie Paulus es nennt. (Vers 4).

"Wir sollen lebendig sein für Gott..." meint er. Und dabei steht Gott nicht hinter uns, wie ein Lehrer aus alten Büchern, mit dem Rohstock in der Hand, und haut uns eins auf die Finger, wenn wir nicht so handeln, wie er es von uns erwartet. Er ist auch nicht ein Verfechter antiautoritärer Erziehung, der uns machen lässt was wir wollen. Gott ist eher wie ein Pestalozzi, der es immer wieder im Gute versucht, oft scheitert und meint: "Erziehung ist tausend Mal das Gleiche sagen."

Er betont: ‚Ich sehe euch bei allem, was ihr tut und denkt mit Christus.
Das grosse griechischen (gesprochen: sün) .d.h. "mit", spielt in diesem Paulus Text die entscheidende Rolle. Gott sieht uns bei allem mit Christus.

Genau das erwartet er nun im neu gewonnenen Leben auch von uns. Im Leben sollen wir versuchen uns und die anderen mit Christus zu sehen..

Wenn ich handle, so soll ich mit dem Bewusstsein handeln, Christus ist neben mir. So werde ich wie er versuchen, an meine Mitmenschen, Mitgeschöpfe und Mitwelt zu denken. Nur egoistisches Handeln verbietet sich da einfach.

Wenn ich Menschen erlebe und über sie urteile, so werde ich sie nicht nur als Menschen sondern als Menschen mit Christus beurteilen. Meine Urteile werden milder, ja vergebender ausfallen. Ich kann nicht immer wütend auf Menschen sein, sie übersehen, auf der Strasse nicht grüssen und ihre Geschäft nicht mehr betreten, nur weil sie in meinen Augen etwas Falsch gemacht haben. Würde Gott so handeln, der mich mit Christus sieht?

Und ich, der ich merke, das jemand wütend auf mich ist: Sehe ich den Menschen mit Christus, so sehe ich, das ich ihn irgendwo verletzt, angegriffen, Wunden aufgerissen habe, die den anderen sehr schmerzen. Werde ich dann nicht versuchen wie Christus Möglichkeiten zu suchen, ihm zu helfen, aus diesem Schmerz heraus zu finden.

Wenn ich selbst bemerke, ich mache da etwas falsch, ich mache mich schuldig, begehe Sünde an Gott oder einem Menschen, so gibt es immer für mich einen Weg. Echte Schuld geschieht nur in der Gottesferne. Also muss ich umkehren und die Gottesnähe wieder suchen. In dem ich diese suche, wirkt die Vergebung der Schuld durch Christus und ich bin wieder mit Christus auf meinem Weg.

Darum, so betont Paulus: Gott sieht uns als Befreite. Befreite, die durch Jesu Tod frei sind von Schuld der Vergangenheit, selbst wenn sie uns in der Erinnerung noch plagt. Gott sieht uns als Menschen, die zukünftig einmal zu ihm kommen werden. Wir müssen also keine Angst haben, was alles noch kommt, wo wir alles noch Fehler machen können. Gott sieht uns immer mit Christus an der Seite. Er bittet uns, auch die anderen mit diesem Christus an der Seite zu sehen.

Das mildert unser urteilen, denken und fühlen gegenüber anderen. Es öffnet unser Herz und unser Gefühl für das, was dem anderen gut tut. Wenn Gott durch Christus vergibt, wie könnten wir anderes tun?

Amen