Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Ruth 3

Pfarrer Clemens Frey

24.02.2002 in der Titus Kirche Basel

Die gemeinsame Decke

Liebe Gemeinde

Zwei Menschen stecken unter einer Decke. Es ist keine geheime Verschwörung gegen einen Dritten, sondern sie verbinden sich innig und geben ihrer Liebe gegenseitig Ausdruck. Was unter dieser Decke geschieht, sollen wir nicht beleuchten; auch nicht mit unseren Augen sehen. Die Bibel breitet diese Decke über sie aus und schützt ihre Intimität. Allerdings schweigt sie nicht darüber, worum es hier geht.

Sehr konkret und anschaulich verfolgen wir die Werbung um eine Ehe. Dabei ist es erstaunlicherweise nicht der Mann, der die Initiative ergreift, sondern die Frau - genauer gesagt: zwei Frauen. Es mag uns heute befremden, wie Naemi ihre Schwiegertochter instruiert. Mit viel trickreicher Schläue fädelt sie die Begegnung unter der Decke ein. Vor dem Spiel der Liebe unter der Decke ist viel Nüchternheit im Spiel. Beide Aspekte gehören offensichtlich eng zusammen. "Das Herz sagt die Wahrheit" pflegt man zu sagen. Das Gefühl der Liebe ist gegeben. Naemi wird das genau herausgehört haben, als Ruth ihr von der Begegnung mit Boas berichtet hat. Deshalb schlüpft sie in die Rolle der nüchternen Freundin, die ein offenes Auge für die Realität neben den Liebesgefühlen hat. Sie sucht das klärende Gespräch mit Ruth. Ganz wirklichkeitsnah bringt sie zuerst die soziale Überlegung auf den Punkt: du musst ein gutes Heim haben für deine Zukunft. Denn ich möchte, dass es dir wohl ergeht. Boas kann das bieten. Das ist die Bestätigung für Ruth, dass ihre Gefühle sie nicht irregeführt haben, sondern den Grund für eine gute Zukunft gelegt haben.

Durchsichtige Absicht

Wir könnten jetzt wohl daran aussetzen, dass Naemi auch an ihre eigene Zukunft denkt. Denn eine gute Partie ihrer Schwiegertochter bedeutet ebenso Sicherheit für sie selbst. Das ist gleichsam ihre AHV. Allerdings müssten zu dieser Kritik einige andere Voraussetzungen hinzukommen, damit sie stichhaltig würde. Etwa, dass Naemi Ruth drängt, sich auf Boas einzulassen; oder dass Ruth gegen ihren Willen verkuppelt wird; auch dass Ruth Opfer einer längst eingefädelten Intrige wird oder dass Naemi sonst auf eine Weise ein undurchsichtiges Spiel betreibt. Aber all das trifft nicht zu. Naemi deklariert offen ihre Absicht, so wie sie schon früher Ruth über die Person Boas aufgeklärt hat. Sie klärt sie auch über die Möglichkeit auf, wie sie an Boas herankommt, ohne einen formalen Weg einschlagen zu müssen. Damit lernt Ruth als Ausländerin die ungeschriebenen Gepflogenheiten des Landes in solchen Fällen kennen. Gleichzeitig vermeidet sie jeden offiziellen Anstrich. Boas und ihr bleiben die Entscheidungen offen, eine Verbindung abzulehnen. Prompt muss Boas davon Gebrauch machen. Denn nach der strengen Lesung ist da noch ein anderer Mann, der Ruth nach dem Witwenrecht unterstützen müsste.

Mit ihren nüchternen Erklärungen und Ratschlägen steckt Naemi den Raum ab, in dem sich das Gefühl der Herzen entfalten kann. Wahrscheinlich hat sie die Situation längere Zeit beobachtet und bedacht. Denn es ist anzunehmen, dass sich die fein gesponnene Beziehung zwischen Ruth und Boas während der vielen Wochen der Erntezeit verdichtete. Es ist kein Schnellschluss, sondern eine sich entwickelnde Liebe, die eine vernünftig überlegte Form benötigt.

Gefühl und Nüchternheit des Zufalls

Dass sich in dieser Geschichte die Gunst der Liebe so ideal mit der realistischen Situation verknüpft, spricht nicht gegen sie. Es wäre unredlich, nach unlauteren Absichten und Hintergedanken zu suchen. Vielmehr müssen wir darüber nachdenken, ob es sich nur um einen interessanten Zufall handelt. Ich denke nämlich eher, dass dieser "Zufall" sich innerlich vorbereitet hat. Wunsch und Wirklichkeit, Gefühl und Nüchternheit haben einen geheimen Dialog geführt - so lange bis sich ein Gleichgewicht eingestellt hat. Erst dann ist den Beteiligten klar geworden, was sie zueinander zieht und wie sie dieser Anziehung eine Form geben könnten, die eine gemeinsame Zukunft ermöglicht. Wir gründen auch nicht mit einem vollkommenen Menschen einen Hausstand und eine Familie. Wir tun es im Wissen um unser beider Unvollkommenheit; im Bewusstsein, dass wir uns dadurch mit Problemen konfrontieren; und mit der vernünftigen Überlegung, was die Liebe erträgt und wie sie uns immer wieder neu verbindet. Deswegen ist die Liebe irdisch und himmlisch zugleich. Himmlisch ist sie, wo wir sie dankbar als ein Geschenk annehmen, das letztlich geheimnisvoll bleibt. Irdisch ist sie, wo wir die Vernunft walten lassen, sie zu erhalten und zu vertiefen. Denn auf der Erde sichtbar zeigt sie ihre Wirkung.

Wir können auch so sagen: unter der Decke steckt mehr als wir auf Anhieb erwarten. Die Decke behütet und bewahrt. Sie weckt die Verantwortung füreinander. Denn es ist nicht gleichgültig, mit wem wir unter der Decke stecken, auch nicht, wie wir es tun. Ob nämlich die Decke so schwer wird, dass sie erstickend lastet oder so leicht ist, dass die Kälte darunter schleicht. Und wer deckt wen zu? Immer die gleiche Person die andere? Oder sie sich gegenseitig? Oder beide sich selbst, aber so, dass beide genügend davon haben? Das sind nüchterne Fragen. Die Antworten jedoch sind getragen vom Gefühl der Liebe. Und was sich daraus ergibt, ist konkret mit dem irdischen Leben verknüpft.

Grenzaufhebungen

Die Geschichte von Boas, Ruth und Naemi zeigt das überaus deutlich. Es ist zuerst die Trennung zwischen Völkern, die überwunden wird: Judäer flüchten nach Moab. Eine Moabiterin wandert in Juda ein. Ebenso überwunden wird die Grenze der Religion: eine Andersgläubige wird in die jüdische Familie aufgenommen. Damit überwindet sie auch die Grenze innerhalb der Sippe zwischen fremd und eigen. Nun kommen sich die Generationen nochmals ganz nahe: Naemi berät Ruth; diese nimmt Boas zum Mann, obwohl er wahrscheinlich zu Naemis Generation gehört. Mit Boas hebt sich auch der Unterschied zwischen arm und reich auf. Die arme Witwe wird beschenkt: Boas lässt es zu, dass sie an privilegierter Stelle Ähren lesen kann, er lädt sie an seinen Tisch und er behält sie in jener besonderen Nacht bei sich. Überall werden Begrenzungen aufgehoben, hinter die man sich hätte zurückziehen dürfen. Es ist keineswegs selbstverständlich, was da geschehen ist. Wenn wir ungeschminkt hinsehen, dann fallen diese Grenzen erst richtig auf. Offensichtlich ist es üblich, dass Menschen aus fremden Ländern radikal abgewiesen werden. Fremden begegnet man im Normalfall ablehnend, gar dann, wenn sie einer fremden Religion angehören. Witwen müssen mühsam die vergessenen oder gnädig fallengelassenen Ähren lesen, um zu überleben. Und hätte Boas nicht die Vornehmheit besessen, Ruth in jener Nacht zuvorkommend zu behandeln und das Zeichen der Liebe ehrenwert zu deuten, so müsste man von Prostitution aus der Not heraus sprechen.

Dies ist der Hintergrund, vor dem die Geschichte Ruths sich abspielt. Er rückt ins rechte Licht, was Ruth und Naemi miteinander erleben und was Boas tut. Denn jede dieser Grenzüberwindungen basiert auf der Liebe. Immer steht die Menschlichkeit im Zentrum, mit der sich Menschen begegnen und sich annähern. Diese Grenzen zwischen den Menschen verlieren fortlaufend ihre Bedeutung, wo Menschen sich in erster Linie als Menschen geben. Alles andere wird zweitrangig. Es ist nicht aus der Welt geschaffen, denn es hat auch seinen Sinn. Aber das Zweitrangige steht nicht mehr im Zentrum.

Das weist auf den Gekreuzigten, der in seiner Liebe auch die allerletzten Grenzen zwischen den Menschen auflösen wollte: alle die Grenzen, die über die Menschen den Tod bringen, die aus Angst, Hass und Gleichgültigkeit anderen Menschen das Leben schwer machen oder es ihnen nehmen.

Begegnung bei der Decke

Von Boas wird gesagt, er sei erschrocken, als er Ruth zu seinen Füssen entdeckte. Vielleicht ist er darüber erschrocken, dass in dieser Nähe sein ganzes Äusseres zweitrangig war. Er war Ruth nicht mehr als Gutsherr, als Mann oder als Besitzer gegenüber. Er war nur noch als Mensch vor ihr. Die äusseren Dinge, an denen er üblicherweise seine Selbstsicherheit aufhängen konnte, waren plötzlich nicht mehr da. Damit fehlten auch die Trenn-Grenzen. Das, was er dann sagt, ist der Beweis, dass es ein heilsames Erschrecken war: "Fürchte dich nicht. Alles, was du dir wünschst, will ich dir tun." Ruth ist ihm nicht mehr eine Ausländerin, nicht mehr eine Witwe, nicht einmal mehr eine Frau, sie ist ihm ein DU - also mehr als alles. Als er sie zum ersten Mal sah, fragt er noch: Wer ist sie? Jetzt fragt er sie: Wer bist du? Dazwischen liegt so vieles, woran er hätte hängen bleiben können. Nun erkennt er sie als DU. Darum sagt er ihr auch nicht mehr, was er ihr zu tun erlaubt. Vielmehr fragt er sie jetzt nach ihren Wünschen.

Ruths Vertrauen hat er gewonnen, auch das von Naemi. Sie haben die Initiative ergriffen und haben soviel vorbereitet. Nun vertrauen sie auf seinen Teil: "Er wird die Sache zu Ende führen. Heute noch."

Amen