Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Segnen"

Pfarrer i.E. Dr. Rainer Neu, Dozent für Evangelische Theologie

14.04.2016 Kapelle der Kirchlichen Hochschule Wuppertal

Morgenandacht vor Studierenden der Kirchlichen Hochschule Wuppertal

Segnen

An einem Montag in der S-Bahn zwischen Oberhausen und Essen. Draußen ist es dunkel und trüb. In der Bahn ist es hell und warm, aber keineswegs gemütlich. Der Wagen ist gedrängt voll, einige Fahrgäste stehen. Manche sehen verschlafen aus. Hängen in Gedanken einem vergangenen Wochenende nach. Schauen mürrisch oder teilnahmslos einem ungeliebten Arbeitstag entgegen. Ich habe einen Sitzplatz ergattert, versuche mein Umfeld zu vergessen und mich in ein Buch zu vertiefen.

         Aber etwas hält mich heute Morgen davon ab. Immer wieder schweift mein Blick auf die andere Seite des Gangs. Dort sitzt eine junge Frau – mir schräg gegen­über – mit einem vom Gram gezeichneten Gesicht. Wie verstört sie aussieht! Die Haare hängen ihr strähnig über die Augen. Als sollten sie einen schützenden Vorhang bilden. Sie hält den Blick gesenkt. Unsere Blicke begegnen sich nicht. Tiefe Falten haben sich in ihr Gesicht gegraben. Eigentlich ein schönes Gesicht. Ich könnte mir diese dunklen Augen und diese fein geschwungene Nase sehr ausdrucksstark vor­stel­len.

Aber jetzt ist ihr Aussehen von einer tiefen Unruhe gekennzeichnet. Die Lippen sind schmal und werden aufeinander gepresst. Dunkle Ränder unterliegen ihren Augen, die auf den schmutzigen Boden starren und dann plötzlich über die Sitznachbarn huschen. Solche Blicke wirken wie stumme Hilferufe. Die junge Frau sitzt bewegungslos auf ihrem Platz. Und doch spüre ich ihre innere Getriebenheit und Qual.

         Ich würde sie gerne ansprechen. Ihr ein kleines Zeichen des Mitgefühls zukommen lassen. Dem Schmerz ein ermunterndes Wort entgegen stellen. Ihr irgendwie deutlich machen, dass sie in ihrer inneren Wüste nicht allein ist. Zeigen, woher sich Kraft und Mut gewinnen lassen. Doch der Gang und die Sitznachbarn trennen uns. Vermutlich wäre sie auch nicht gewillt sich von einem fremden Mann in dieser Situation ansprechen zu lassen. Die S-Bahn ist kein Ort für eine Ausspra­che und in dieser frühen Morgenstunde scheint jeder noch ganz für sich zu sein.

Mit Blicken oder Worten erreiche ich sie nicht. Und doch fühle ich mich nicht hilflos. Ich glaube sie auf einer seelischen Ebene erreichen zu können, auch wenn sie mich hier in diesem Gewühl als Person gar nicht wahrnimmt. Ich möchte ihr etwas Heilsames mit auf den Weg geben. Ich konzentriere mich auf sie. Ich ver­suche meinen Geist zu öffnen und zu weiten. Ich richte mein inneres Auge auf diesen gequälten Menschen und spreche ihr schweigend ein altes Segensgebet zu:

 

Möge dein Weg dir freundlich entgegenkommen,
möge der Wind dir den Rücken stärken.
Möge die Sonne dein Gesicht erhellen
und der Regen um dich her die Felder tränken.
Möge Gott dich schützend in seiner Hand halten.
 Deine Wege mögen dich aufwärts führen.
Mögest du einen Freund an deiner Seite haben,
der dir Vertrauen gibt,
wenn es dir an Licht und Kraft gebricht.

 

Ob meine Segensworte diese junge Frau in ihrem Schmerz erreichen? Beweisen kann ich das nicht. Aber ich glaube, dass ein solches Gebet eine Kraft hat, die weiter reicht als menschliche Worte und menschliche Bemühungen – eine Kraft, die Menschen unter Gottes Schutz stellt und behütet sein lässt und ihnen Mut und Stärke zukommen lässt.