Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über St. Martin

Pastor Joachim Deutsch (ev.-luth.)

08.11.2015 Kirche St.Martin-Anderten, Hannover

Martinsfest

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben?

 

Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten.

 

Als Familie bestiegen wir in den Herbstferien in Kiel die Fähre nach Göteborg, um für eine knappe Woche Freunde zu besuchen. Unsere Kinder hatten je einen kleinen Rucksack auf ihren Schultern mit den unverzichtbaren Kuscheltieren darin. Wir Großen zogen je einen mittelgroßen Koffer hinter uns her, gefüllt mit dem, was man eben zu viert für eine Woche so braucht.

Mit uns bestiegen Flüchtlinge aus Syrien die Fähre. „Stena Line unterstützt Flüchtlinge bei ihrer Reise in die nordischen Länder“ stand auf einem Schild. Die Syrer trugen teilweise Trekkingrucksäcke, andere zwei, drei Plastiktüten. Kein Urlaubsgepäck für eine Woche, sondern die gesammelten Habseligkeiten, die ihnen Bürgerkrieg und Flucht gelassen hatten.

 

Ich fühlte mich in dem, was ich meinte für eine Woche zu brauchen, plötzlich sehr beschämt.

Andererseits: Die Syrer waren auf dem Weg nach Schweden, ein freies, friedliches und gastfreundliches Land. Wie viele ihrer Landsleute würden mit denen, die da auf die Fähre gingen, gerne tauschen?

 

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben? Wer diese Frage mit einer Debatte um Hartz IV Regelsätze beantworten will, der greift zu kurz. Bei der Frage, was wir zum Leben brauchen, geht es auch um Geld, aber es geht noch um viel mehr.

Wenn wir uns mal unseren Täufling, Lennart, anschauen und überlegen: „Was wünschen wir ihm für sein Leben?“ dann wären 4000€ netto sicher nicht ganz oben auf der Liste, sondern eher Wünsche wie: Dass er Eltern hat, die ihn lieben. Dass er in Frieden aufwachsen kann. Dass er gute Freunde findet, auf die er zählen kann. Dass er einen Marienkäfer als ein Wundertier entdeckt, über das man nur begeistert staunen kann. Dass er in viele Pfützen springen darf, auch mal ohne Gummistiefel. Dass er seinen himmlischen Vater, seine himmlische Mutter kennen und lieben lernt und erfährt: Gott ist für ihn da, ohne jedes Wenn und Aber.

 

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben?

Es gibt da keine allgemein gültige Antwort, keine Regel, die für alle gilt. Ich denke, diese Frage lässt sich immer nur ganz konkret beantworten. Für einen bestimmten Moment, in einer bestimmten Situation.

 

Der Heilige Martin von Tours hat eine bestechende Antwort auf diese Frage gefunden. Eine, die so überzeugend ist, dass man noch 1500 Jahre später von ihr erzählt und singt. Der römische Reiteroffizier Martin trifft mitten im Winter auf einen Bettler, der im Schnee sitzt, friert und hungert. Und mit einen Schwert- und Geniestreich teilt er seinen Mantel und hüllt den Bettler in die eine Hälfte.

Übrigens: Wenn wir uns an die Evangelienlesung erinnern (Lk 17, 22-23), was Jesus über das kommende Himmelreich sagt: Es blitzt unerwartet mitten unter auf und dann ist es da, so gewaltig und so flüchtig wie ein Blitz.

 

Martin teilt seinen Mantel blitzartig und teilt damit ein Stück des Himmels aus, zum Greifen nah, wärmend: Ein Stück Himmel auf Erden.

 

Lassen wir einen kurzen Moment die Bedenkenträger zu Wort kommen:

„Buh“, würden heute vielleicht einige sagen, „Sachleistung statt Geldleistung. Wie bevormundend. Vielleicht war der Hunger des Bettlers viel quälender, als die Kälte. Martin hätte ihm Geld geben müssen, damit der Bettler selbst entscheiden kann, ob er sich was zum Anziehen kauft, oder was zum Essen.“

 

Ich denke, Martin hat gerade mit dem geholfen, was er hatte. Und statt ideologische Debatten zu führen, hat er tatkräftig angepackt, Not gelindert. Das ist mir allemal lieber.

 

Ein zweiter Einwand: „Martin hätte diesen Mantel gar nicht teilen dürfen. Das war nämlich gar nicht seiner. Genau genommen gehörte der Mantel als Uniformteil nämlich dem Kaiser und Martin war für diesen Mantel rechenschaftspflichtig. Das ist juristisch betrachtet Beschädigung und Veruntreuung von Staatseigentum und das macht man nicht mal so eben im Vorbeireiten. Da muss man erst Rücksprache mit den Vorgesetzten halten, auf jeden Fall braucht es dafür eine Genehmigung des Kaisers, bitte mit dem gelben Formular beantragen.“

 

Die Einwände sind alle richtig und Martin hat sich mit dieser Tat sicher eine Menge Ärger bei seinen Vorgesetzten eingehandelt. Die Einwände sind sachlich alle richtig, und doch gehen sie in die Irre. Denn hinter solch scheinbar richtigen, vernünftigen Bedenken und Einwänden verstecken sich allzu oft diejenigen, die zu furchtsam sind, überhaupt irgendetwas zum Guten zu bewegen.

 

Martin handelt richtig, gerade weil er damit Ärger in Kauf nimmt. Er handelt richtig, weil er eben nicht von seinem Überfluss abgibt, nicht von seinen fünf Mänteln den verschenkt, der bisher zu schade für den Container war. Er handelt himmlisch, weil er etwas riskiert, weil er mit seiner Mantelhälfte auch etwas von sich selbst verschenkt. Weil er damit eine Beziehung zu dem Bettler aufbaut, wenn auch nur für einen kurzen Moment, blitzartig. Wahrscheinlich war es eine Bauchentscheidung, so wie viele unserer besten Entscheidungen  Bauchentscheidungen sind. Entscheidungen, die nicht erst die Filter der Bedenken und Vernunft durchlaufen haben. Entscheidungen, die wir im Angesicht von Mensch zu Mensch, von Herz zu Herz treffen.

 

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben?

Martin gibt darauf eine bestechende Antwort, die in dieser Situation ein echter Volltreffer ist. Sicher kann man da jetzt keine allgemeine Regel draus ableiten: „Geht Nach hause, zerschneidet eure Mäntel und reicht sie an Bettler weiter.“ Das wäre vermutlich keine gute Idee.

Aber Martin macht uns Mut, angesichts von Not und Elend intuitiv auf unser Herz zu hören, anzupacken, zu helfen, womit wir können. Loszugehen, auch mal ohne Masterplan, ohne zu wissen, wohin das führt. Im Vertrauen darauf, dass Gott unsere Wege führt, ganz anders, als wir uns das so ausdenken. Gewiss aber dahin, wo er uns haben will. So wie z.B. der Nachbarschaftskreis für das Flüchtlingsheim in der Höverschen Straße einfach losgegangen ist. Laufen lernt man beim Laufen. Hinfallen, wieder Aufstehen und Weitergehen gehören dazu. Im Glauben ist das genau so.

 

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben?

Die Geschichte von Martin gibt noch eine zweite Antwort, denn  Martin ist nicht nur der Gebende, er ist am Ende auch ein Beschenkter. Seine Offizierslaufbahn musste er zwar an den Nagel hängen, das ist historisch verbürgt, aber im Traum erschien ihm nach der Teilung des Mantels Christus selbst, in die geteilte und verschenkte Mantelhälfte gehüllt. Die eine Hälfte konnte Martin noch selbst tragen, die verschenkte Hälfte trug Christus. In diesen Mantelhälften verbinden sich Himmel und Erde: Was wir verschenkten, das ist nicht einfach nur weg. Sondern was wir verschenken verbindet uns mit dem Himmelreich Jesu.

 

Und ganz unabhängig davon, wie voll oder leer mein Koffer ist, ob es ein Koffer für eine Woche oder eine Plastiktüte für ein Leben ist: Diese Verbindung zum Himmel, die benötige ich für ein erfülltes Leben.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle unsere Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn und Heiland. Amen.