Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Veränderung"

Pastor Burkhard Grahe (ev. -luth.)

12.02.2017 Dorfkirche Alt-Garbsen, Garbsen

Verabschiedungsgottesdienst zur Pensionierung

Liebe Gemeinde,

Veränderung.

Das ist nicht nur gerade ein Thema für mich, weil ich in den Ruhestand gehe.

Sie wissen: Es ist ein Thema, das uns ständig begleitet. Schon der griechische Philosoph Heraklit hat vor weit über 2000 Jahren festgestellt: “Nichts ist so beständig wie der Wandel”.

Und heute sagen viele Wissenschaftler und Politiker, dass die Welt sich so rasant verändert wie nie zuvor. Die Welt - und damit auch unser eigenes Leben.

Viele sind darum besorgt oder haben sogar Angst vor Veränderungen. Nicht wenige versuchen, Veränderungen aus dem Weg zu gehen oder sie mit allen Mitteln zu verhindern. Aber das geht natürlich nicht.

Darum ist für mich die wichtigste Frage heute: Wie können wir uns optimal auf Veränderungen einstellen? Was hilft uns, Veränderungen gut zu meistern? Wodurch können wir vielleicht sogar Lust auf Veränderung bekommen?

Ich habe mich lange mit diesem spannenden Thema beschäftigt. Ich kenne viele Ratgeber-Bücher dazu. Ich habe mit Coaches und Beratern gesprochen. Dabei ist das Thema immer komplizierter und unübersichtlicher geworden.

Und schließlich bin ich wieder einmal bei Jesus gelandet.

Überrascht es Sie, dass dieser junge und intelligente Mann schon vor über 2000 Jahren auch zu diesem Thema die genau richtigen Ideen hatte? Und die sind - wie immer - einfach und klar und sehr aktuell.

Drei davon habe ich Ihnen heute mitgebracht.

Doch zunächst:

Wenn es in meinem Leben kompliziert und unübersichtlich wird, dann konzentriere ich mich auf meinen Körper. Der hat alle Informationen, die ich brauche. Und das auf eine sehr einfache und klare Art und Weise. Das wird manche vielleicht überraschen, aber probieren Sie es ruhig einmal aus.

Veränderung heißt ja auf körperlicher Ebene nichts anderes als: Schritte nach vorne gehen.

Ich vermute, Sie haben das gelegentlich schon gemacht. Sind Schritte nach vorne gegangen.

Aber haben Sie schon einmal einen Schritt ganz bewusst gemacht? In Super-Zeitlupe sozusagen? [vormachen]

Dabei merkt man nämlich, dass die längste Phase bei einem Schritt sehr unsicher ist. Da wird es wackelig.

Und ich vermute, dass so viele Menschen durch ihr Leben hetzen und rennen, weil sie diese Erfahrung der Unsicherheit nicht mögen. Weil sie buchstäblich möglichst schnell darüber hinweg - gehen wollen.

Also: wenn wir so dastehen [auf einem Bein] und dann denken an: Trump, Erdogan, Putin, Terror, Klimawandel, die Vergänglichkeit des Lebens, … dann wird es wackelig und unangenehm.

Wenn wir aber so dastehen [fest auf beiden Beinen], dann fühlt sich das gleich völlig anders an.

Es ist also klar: Um Veränderungen meistern zu können, brauchen wir zunächst einen sicheren Stand. Sonst wird’s wackelig. Wir brauchen festen Boden unter den Füßen.

Psychologisch und theologisch gesprochen: Wir brauchen Vertrauen.

Auch das ist für Sie natürlich nichts Neues.

Ich erlebe immer wieder Menschen in Krisen. Und dass dann der eine zum anderen sagt:

„Du musst Vertrauen haben! Hab doch einfach mehr Vertrauen!“

Oder die christliche Variante: „Du kannst auf Gott vertrauen!“

Das klingt sehr schön. Nur was mach ich, wenn mir das nicht gelingt?

Nun: Mein Körper hat mich dazu auf drei Dinge aufmerksam gemacht.

Erstens: Stehen bleiben und wahrnehmen was ist.

Dazu gehört natürlich, sich zu informieren. Das wird in unserer Zeit ja immer schwieriger: Die Fakten von den sogenannten Fakenews zu unterscheiden ist nicht immer einfach. Aber es ist doch auch total spannend, sich zu informieren und immer wieder Neues zu lernen. Oder?

Und dann kommt etwas dazu, das finde ich persönlich mindestens genauso wichtig. Ich meine damit alles, was wir heute mit dem Begriff „Achtsamkeit“ verbinden.

Dabei geht es darum, mich und mein Leben wahrzunehmen.

Und dann kommt das Entscheidende: Das, was wir wahrnehmen, nicht zu bewerten. Nicht zu be-urteilen oder gar zu ver-urteilen. Einfach nur wahrnehmen was ist.

Das klingt einfach - oder? Aber ich merke oft morgens vor dem Spiegel wie schwer das ein kann. Nichts bewerten, einfach nur wahrnehmen, was ist.

Aber es geht. Mit etwas Übung. Und es lohnt sich.

Achtsamkeit gehört zu den stärksten Mitteln, um Selbstvertrauen aufzubauen. Sie ist zu Recht gerade total angesagt.

Und an diesem entscheidenden Punkt ist vor über 2000 Jahren ein kluger, junger Mann einen entscheidenden Schritt weitergegangen.

Er hat uns beigebracht, uns selbst und unser Leben nicht nur nicht zu verurteilen, sondern uns mit den Augen Gottes zu betrachten. Genauer: im Licht seiner unfassbaren Liebe - seiner unglaublichen Großzügigkeit. Das macht den Unterschied!

Ich empfehle Ihnen darum, sich morgens als erstes mit beiden Beinen fest auf den Boden zu stellen - am besten unter freiem Himmel. Und dann stellen Sie sich vor, wie Gott Sie gerade anschaut: Mit dieser unglaublichen Liebe, mit dieser unfassbaren Großzügigkeit.

Vielleicht hören Sie dabei sogar die Worte aus dem Markusevangelium: „Du bist mein geliebter Sohn. Du bist meine geliebte Tochter. An dir habe ich Wohlgefallen.“ (Markus 1)

Für Jesus war klar: Das gilt jedem von uns.

Übrigens: Selbst Jesus musste das üben. Immer wieder hat er sich dafür zurückgezogen: auf Berge, in Wüsten, auf das Wasser. In die Stille.

Zweitens: Sich umdrehen und zurückschauen

Aus dieser guten Erfahrung heraus können wir jetzt einen Blick zurück wagen. Was liegt hinter uns?

Die Berater und Coaches unsere Tage empfehlen, dabei das Gute zu betonen: Die eigenen Erfolge, die eigenen Stärken, die Glücksmomente, das, was einem gelungen ist. Aus dieser Art Rückschau entstehen Kraft und Mut, Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft.

Ich habe das gemerkt, als ich auf meine Erfahrungen in dieser Gemeinde zurückgeschaut habe. Was für eine phantastische Gemeinde! Was haben wir in den letzten Jahrzehnten hier nicht alles aufgebaut und entwickelt und geschafft!

Ich bin für diese Meinung auch kritisiert worden. Menschen haben gesagt: „Du siehst das ja total einseitig!“ „Du idealisierst deine Gemeinde!“

Das stimmt. Ich könnte genauso gut auch vom Gegenteil sprechen und würde dafür mindestens genauso viele Belege finden. Für das, was alles schiefgelaufen ist, was anders und besser hätte sein können.

Vor allem: Wie oft ich selbst hinter meinen Möglichkeiten zurückgeblieben bin. Wie oft bin ich Menschen etwas schuldig geblieben bin. Wie viele Fehler habe ich gemacht.

Und ich kann Sie an dieser Stelle nur noch einmal um Verzeihung bitten. Es tut mir aufrichtig leid, dass manches nicht so gewesen ist, wie es hätte sein können.

Auch diese Art der Rückschau ist natürlich sinnvoll und wichtig. Vor allem, weil man aus Fehlern lernen kann.

Aber Kraft und Energie und Hoffnung für die Zukunft erwachsen vor allem aus dem Blick auf das Gelungene.

Das ist so einfach wie stark. Man könnte sagen: Coaching auf aktuell höchstem Niveau.

Und an diesem entscheidenden Punkt ist vor über 2000 Jahren ein kluger, junger Mann einen entscheidenden Schritt weitergegangen.

Er hat seine Erfahrungen mit Gott in Verbindung gebracht.

Das haben seine Vorfahren auch schon getan. Aber er hat dabei ganz konsequent auf die Liebe Gottes geschaut.

Und dabei passieren zwei äußerst wichtige Dinge.

Erstens: Alles was schiefgelaufen ist, wo wir versagt haben, wo unsere Schwächen deutlich geworden sind -  alles das wird verwandelt durch den liebevollen Blick Gottes. Vergebung ist darum zu recht die zentrale Botschaft unseres christlichen Glaubens.

Zweitens: In Bezug auf unsere Erfolge werden wir auf eine sehr starke Weise demütig, weil wir wissen, dass nichts von all dem je allein in unserer Hand lag.

Drittens: Noch einmal umdrehen und nach vorne schauen

Jetzt haben wir uns einen so guten Standpunkt erarbeitet, dass wir auch einen Blick nach vorne wagen können.

Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass es in dieser Zeit in unserer Gesellschaft an Visionen fehlt? An schlüssigen Entwürfen für die Zukunft? An einem Blick nach vorne, der Lust macht, mutige Schritte zu gehen?

Ich sehe sehr viele Menschen, die wie verrückt durch die Gegend rennen. Sie engagieren sich und arbeiten hart - ohne eine Idee davon zu haben, wo es überhaupt hingehen soll. Das erlebe ich oft auch in meiner Kirche.

Und bei vielen Politikern, die es, wenn wir Glück haben, gerade mal schaffen, Dinge m Nachhinein zu reparieren. Von der Klimakatastrophe bis zu den jüngsten Terrorangriffen kann man das beobachten.

Ich sehe kaum einen, der uns sagt, wo er unser Land in 10 / 20 oder 50 Jahren sieht. Ich nehme mich da selbst nicht aus.

Wo sind die Philosophen, Welterklärer und Visionäre (auch Theologen) früherer Tage, die noch Ideen für die Zukunft hatten?

Wollen wir die Zukunft wirklich den Leuten aus dem Silicon-Valley überlassen? Den Google- und Facebook-Machern? Die haben Ideen für die Zukunft. Aber ob die zu unserem Besten sind, wage ich zu bezweifeln.

Rein zufällig gab es da (und jetzt müssten Sie den Text eigentlich schon mitsprechen können) vor über 2000 Jahren einen klugen, weisen und mutigen Mann,

der schon in jungen Jahren eine Idee von dieser Welt und unserem Zusammenleben hatte. Er nannte sie richtungsweisend das »Reich Gottes«. In seinem Blick auf die Welt waren zwei Dinge ganz klar:

Erstens: Es gibt etwas Größeres als uns und unsere Welt.

Zweitens: Jeder und jede von uns hat die Zeit, die Fähigkeit, die Kraft, die Kompetenz, die Ressourcen, um an diesem Größeren mitzuwirken. Wir können helfen, dass dieses »Reich Gottes« jeden Tag ein kleines Stückchen Wirklichkeit wird. Hier und jetzt.

„Selbstwirksamkeit“ nennen das die Spezialisten unsere Tage - die Coaches und Berater und wie sie alle heißen. Und das gehört mit in die Reihe der wichtigsten Erfahrungen, um Mut, Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft zu stärken.

Selbstwirksamkeit. Die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können. Etwas verändern zu können.

In der sogenannten Flüchtlingskrise konnte man das gut beobachten.

Da gab es viel Kritik. Auch Sorge um die Zukunft und sogar Angst.

Es gab aber auch Menschen, die etwas getan haben. Die zugepackt haben.

Und von denen habe ich keine Sorge um die Zukunft gehört. Erst Recht keine Angst vor Flüchtlingen. Und der Satz „Wir schaffen das!“ war für sie kein Problem.

Jesus hat sein Konzept in eine bis heute unübertroffene Formel gepackt. Leicht zu merken. Und er hat diese Formel zu Recht das höchste Gebot genannt: Liebe Gott. Also das oder den, der größer ist als wir selbst. (Wie immer wir das nennen mögen und was immer wir darunter verstehen). Und: liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Liebe Gemeinde,

jetzt habe ich viel reingepackt in diese Predigt. Dabei ist manches vielleicht zu kurz gekommen, anderes habe ich vielleicht zu plakativ und einseitig formuliert. Und ich kann mir vorstellen, dass der eine oder die andere schon ihr „Ja, aber…“ auf den Lippen hat. Das ist auch gut. Bleiben Sie kritisch. Überprüfen Sie alles was man Ihnen sagt. Und probieren Sie manches auch selbst aus. Das gilt vor allem für das, was ich Ihnen jetzt zum Schluss sage:

Ich als ihr „Seelenarzt“ gebe ich Ihnen folgendes Rezept mit auf den Weg:

Für den Anfang sollten Sie sich mindestens einmal täglich 6 Minuten Zeit nehmen. Wenn Ihnen das zu viel ist, können Sie auch erstmal mit der Hälfte anfangen. Sie können die Dosis sowieso jederzeit erhöhen. Negative Nebenwirkungen sind ausgeschlossen - positive garantiert.

Erstens: Zwei Minuten stehenbleiben und wahrnehmen was ist. Und dazu gehört, dass Sie sich erinnern, mit welcher Großzügigkeit und Liebe Gott auf Sie schaut. Jesus hat uns immer wieder vermittelt: Gott liebt dich so wie du bist.

Zweitens: Zwei Minuten zurückschauen und alles was war festhalten und mit Gott in Verbindung bringen. Daraus entsteht in der Regel eine ganz besondere Art von Dankbarkeit. Ich schreibe all das jeden Tag in mein Danke-Tagebuch.

Und schließlich drittens: zwei Minuten mutig nach vorne schauen und eine Frage beantworten: Was kann ich heute - mit meinen bescheidenen Mitteln - an meinem Platz an dem ich gerade bin - dafür tun, dass diese Welt ein kleines bisschen freundlicher wird?

Musik (setzt direkt ein „Was keiner wagt“ von Lothar Zenetti, in der Fassung von Konstantin Wecker)

Text dazu gesprochen:

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen

Was keiner sagt, das sagt heraus

Was keiner denkt, das wagt zu denken

Was keiner anfängt, das führt aus

 

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr‘s sagen

Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein

Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben

Wenn alle mittun, steht allein

Wo alle loben, habt Bedenken

Wo alle spotten, spottet nicht

Wo alle geizen, wagt zu schenken

Wo alles dunkel ist, macht Licht

Amen