Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über "Was ist im Alter vom Glauben geblieben?"

Herma Brandenburger

08.03.2009 im DeutschlandRadio

Hier die Predigt hören (gekürzte, am PREDIGTPREIS teilnehmende Version)

Hier die Predigt hören (ungekürzte Version)

 

WAS IST IM ALTER VOM GLAUBEN GEBLIEBEN ?

„Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind...“ (1 Ko 13,11) Das sind Worte des Apostels Paulus, und mit meinen eigenen Worten kann ich hinzufügen: „...und ich glaubte wie ein Kind.“ Glaubte ausnahmslos alles, was mir Eltern und Erzieher von „Gott und der Welt“ erzählten. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, auch nur den geringsten Zweifel daran zu hegen, oder ihn gar auszusprechen. Das hätte bedeutet, sich selbst aus der vertrauten Gemeinschaft der Gläubigen auszuschliessen.
Schon als Kinder waren wir im ersten Jahrzehnt unseres Lebens total auf das Jenseits, auf den Himmel, fixiert. Dort würde Jesus zur Rechten Gottes sitzen und uns alle nach unseren Taten und Werken richten. Für die Guten war der Himmel, die Schlechten würden ins Fegefeuer müssen, bis sie ihre Sünden in den Flammen abgebüßt hätten. Für die ganz Bösen jedoch kam nur die Hölle infrage, in der „Heulen und Zähneknirschen“ herrschte, und aus der es auf ewig kein Entrinnen gab. Vor solchen Aussichten hatten wir alle „höllische“ Angst. Die unvorstellbare Pein im ewigen Feuer wurde uns als Abschreckung immer wieder ausgiebig vor Augen geführt. Gemälde eines Hieronymus Bosch illustrierten die Schauergeschichten für die, denen es an eigener Fantasie fehlte. Unser Bemühen ging ausnahmslos dahin, auf unserem Konto bei Gott gute Werke und Taten anzusammeln, um sie IHM dereinst vorweisen zu können, und um den verdienten Lohn zu erhalten. Dass wir Gott damit eine Rechnung aufmachten, war keinem von uns bewusst.
Bereits etwas älter, mochte ich nichts so sehr, wie den Aufenthalt in unserer Pfarrkirche. Da ihre Tür immer unverschlossen war, suchte ich sie gern auf und kniete oft lange in einer Bank, ganz in die Stille des hohen Raumes versunken, während die anderen Kinder draußen herumtobten. (An meinen Knien war ich bereits damals schon als katholisch erkennbar...) Ich hoffte, dass mir die Gottesmutter am Seitenaltar mit dem Kind auf dem Arm irgendwann einmal zulächeln würde. Immerhin hatte sie das doch (der Legende nach) mit dem kleinen Hermann-Josef getan, als der dem Jesuskind einen Apfel gereicht haben soll. Aber der wurde ja auch später Mönch und ist sogar heilig gesprochen worden....

Kindheit war in der Nachkriegszeit keine Zeit der großen Freuden. In der Fastenzeit verzichteten wir zusätzlich auch auf kleine Freuden. Meine Alterskameradinnen und ich waren mächtig stolz auf jedes Opfer, das zu erbringen uns gelungen war.   Selbstüberwindung brachte einen Zuwachs an innerer Stärke; so viel war sicher. Der frühzeitig eingeübte Verzicht machte mich widerstandsfähig gegenüber späteren Entbehrungen im Erwachsenenalter.

Im Sommer war es die Kühle, im Winter eine heimelige Geborgenheit, von der ich mich in unserer Kirche angezogen fühlte. Das „Haus Gottes“ war für mich Heimatboden. Oft hatte eine werktägliche Abendmesse für mich eine stärkere spirituelle Aura als ein Hochamt am Sonntag. Besonders wenn mich das Schlusslied „In dieser Nacht sei DU mir Schirm und Wacht...“ durch die Dunkelheit auf den Heimweg geleitete. Das waren unbestritten geistliche Sternstunden.
In meiner Jugend herrschte vor einem halben Jahrhundert aus Respekt vor der Sterbestunde Jesu viele Jahre lang an Karfreitag um 15 Uhr auf allen Radiosendern einige Minuten totale Funkstille. Und in den Familien unterblieb für eine Weile jedes unnötige Reden, sowie Lärm auf der Straße. Manche Haltungen und Gewohnheiten  von früher wären heute undenkbar. Obwohl sie gar nicht so schlecht waren.  -
Heranwachsend entdeckte ich, dass die Menschen um mich herum aufgrund ihres Bekenntnisses weniger frei, als vielmehr von einer permanenten Angst besetzt waren. Zu dieser Zeit ging ich schon einige Jahre in eine Klosterschule. Es sei nicht gut, hiess es dort, ständig so viel zu fragen. Mein Glaube müsse noch viel tiefer werden! Ich bemühte mich redlich darum. -
Ohne Frage hatte Gott die Frau für Röcke – und nicht für die gerade aufkommenden langen Hosen – erschaffen. Behaupteten unsere klösterlichen Lehrerinnen. Mädchen in Hosen wurden kurzerhand aus unserer Schule nach Hause geschickt, oder hatten ein Kleid über „den Stein des Anstoßes“ zu ziehen. Mein Dagegenhalten, dass man aber beim Bücken viel unanständiger unter einen Rock gucken könne, als unter eine lange Hose, wurde mit verächtlichem Schweigen quittiert.  
„Rein bleiben und reif werden“ wurde den heranwachsenden Schülerinnen  als Lebensmotto aufgegeben. Weniges nur wurde so verurteilt, wie bewusst auch an sich selbst zu denken. Sich selbst l o s  aufzuopfern – nach dem Vorbild Jesu - sollte einzig gottgefällig sein. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass dies ausnahmslos dem weiblichen Geschlecht als Lebenssinn aufgegeben wurde. Auf heute selbstverständliche Begriffe wie Selbstrespekt oder Selbstwertgefühl zu pochen, hätte seinerzeit wie der blanke Hohn geklungen. Unsere vornehmste Aufgabe sollten wir darin sehen, den - allein seligmachenden - Glauben an kommende Generationen weiterzugeben. Nicht zuletzt auch, um den Priesternachwuchs zu sichern und klösterliche Beterinnen gegen die Sünden der Welt. Ich hatte aber bereits entdeckt, wozu es zweierlei Menschen – Mann und Frau – gab, wollte heiraten und Kinder haben.
Dennoch war ich voller Skrupel, weil ich zwischen meiner Angst und der mir befohlenen Gottesliebe hin und herschwankte. Ständig rechnete ich mit  drakonischen Strafen. Zumal jeder Schicksalsschlag von den Erwachsenen hinter vorgehaltener Hand eine „Strafe Gottes“ genannt wurde. Eine falsch verstandene Frömmigkeit hatte manche der erwachsenen Glaubensgenossen in Fanatismus und Feindseligkeit getrieben. „Erlöst“ zu sein hatte nach meinem damaligen Empfinden einen hohen Preis... Ich wünschte, es hätte einen Seelsorger oder eine Seelsorgerin gegeben, die mir geholfen hätten, in meinen Anstrengungen, nicht nur eine Sisiphos-Arbeit zu sehen.
Traumatische Erlebnisse in der Erziehung zum Glauben sind vielen Menschen vertraut. Religion, soll helfen, dass Leben gelingt. In der Vergangenheit hat es oft das Gegenteil bewirkt und Menschen krank gemacht. Nicht jedem ist es gelungen, hier die Spreu vom Weizen zu trennen, und manch einer hat unbedacht alles über Bord geworfen, was ihm – bei rechtem Verständnis und Gebrauch – eine segensreiche Lebenshilfe hätte sein können. Auch ich hatte mich manchmal so verhalten, als mir ganz unverhofft ein Traum zu Hilfe kam:
Ich war auf dem Heimweg und ging durch meine Stadt, als die mir merkwürdig fremd vorkam. Nirgendwo war mehr ein vertrauter Straßenverlauf zu erkennen. Wie von Geisterhand fielen auf einmal alle Gebäude lautlos in sich zusammen, und um mich herum türmten sich Berge aus Trümmern auf. Nun hatte ich völlig die Orientierung verloren. Ich blieb stehen und fühlte, wie die Panik in mir aufstieg. Plötzlich zeichneten sich mitten in der Schuttwüste die beiden gotischen Türme des Domes ab, in dessen Schatten ich viele Jahre gelebt hatte. Hoheitsvoll überragten sie alles, und ich erkannte endlich, wo es langgeht, und wie ich nach Hause finde.
 
Dort, wo das richtige Glaubensverständnis zu einem glückenden Menschsein verholfen hat, ist es auch im Alter noch vorhanden.   
Der Reifeprozess des eigenen Glaubens kann durchaus mit einem fühlbaren Verlustschmerz einhergehen, wie wenn einen zu eng gewordene Schuhe zu drücken beginnen.  
Erziehung im – oder zum – Glauben ist ein sehr difficiles Unterfangen. Autoritäres Einpeitschen ist die falsche Methode. Als Eltern und Erzieher ist man nur so lange glaubwürdig, wie sich die eigenen Worte mit dem persönlichen Verhalten decken. Junge Menschen sind überaus kritisch, und beobachten uns Ältere sehr genau. Sie fordern uns gern heraus und erwarten, dass wir „Farbe“ bekennen. Was wir ihnen an Glauben weitergeben, sind nicht in erster Linie Regeln und Wissen, sondern das, was und wie wir es selber leben. Dazu gehören auch unsere Zweifel und Unsicherheiten. Je sicherer sich ihnen die Erwachsenen geben, umso größer der Verdacht, dass sie nur ihre eigene Not zu kaschieren versuchen.
Religion ist keine Gefühlsduselei, in der Verstand und Vernunft nichts verloren haben. Vielmehr kann ein tiefer Glaube einem dabei helfen, „über Mauern zu springen“, wie es im 18. Psalm von einem Beter heißt. Mauern, die schmerzliche Grenzen ziehen und voneinander trennen, was eigentlich zusammengehört.

Gläubig sein zu können, ist sicher nicht nur von göttlicher Gnade abhängig; es hat viel mit menschlicher Dankbarkeit zu tun. Dankbarkeit bringt Lebensfreude. Als dankbarer Mensch fühle ich einen inneren Reichtum, von dem ich weiß, dass ich nicht alles davon mir selbst verdanke. Der Glaube ist keine Frage des Habens, sondern des Seins – des Seins in Gott und durch Gott.

Im Alter hat man ein etwas anderes Glaubensverständnis als in jungen Jahren. Manche Fragen stellen sich nicht mehr, andere habe ich gelernt, auszuhalten. Vielleicht werden sie mir irgendwann einmal beantwortet. Die einstige Festung, mein Glaubensgebäude, hat mit den Jahren Risse bekommen, und das, was sich nach meinem Dafürhalten als Verkrustung herausgestellt hat, ist abgebröckelt. Doch die Grundsubstanz meines Glaubens ist nach wie vor das Fundament, das mich erdet. So ist mir meine christliche Prägung zeitlebens Orientierung und Maßgabe für das menschliche Miteinander. Wohl auch aus einer tiefen Sehnsucht heraus nach einem guten Gott, in dem jegliche Existenz Gnade und Frieden findet.