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Predigt über "Wenn das Grab schweigt"

Wolfgang Gerlach (ev)

05.04.2010 Deutschlandradio Kultur - FEIERTAG

Ostermontag

Hier die Predigt hören

 

Autor
Spüren Sie’s auch? Es ist immer noch früher als sonst, seit vor einer Woche die Uhren um eine Stunde vorgestellt sind. Mein Organismus hat sich noch nicht dran gewöhnt. Ich komm noch nicht mit.
Gestern haben die Christen in den Kirchen gesungen „Christ ist erstanden“. Und heute werden sie`s wieder singen. „Wär er nicht erstanden, so wär die Welt vergangen“. Das ist österlicher Refrain, jedes Jahr. Im vorigen Jahr hab ich ihn auch noch mitgesungen – den Kanon „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden. Halleluja“. Aber diesmal bleibt mir das Halleluja in der Kehle stecken.  Die Stimmbänder geben’s nicht frei. Der sprichwörtliche Kloß im Hals. Es ist, als ob die Uhren überhaupt gänzlich anders gingen, seit meine Frau vor elf Monaten gestorben ist. Ich komm noch nicht mit.

1. Musik: Garbarek „Officium“

Autor

Maria Magdalena trauert auch um einen Menschen, den sie liebte. (Johannes 20) Wir sehen auch sie in der Früh. Da gab’s noch kein Ostern. Durch das, was sie erlebte, sollte erst noch Ostern werden. Sie steht am Grab Jesu, vor Sonnenaufgang. Als Erste war sie gekommen, in der Dunkelheit. Sie wartet die Dämmerung ab. Sieht den Stein vom Grab gewälzt. Läuft verschreckt zur Jüngerschar, trifft Petrus und Johannes, erzählt erregt vom fortbewegten Stein, faselt verwirrt irgendwas davon, dass der Leichnam gestohlen sei. Die beiden Freunde laufen, wie um die Wette, mit ihr dorthin. Kommen an, sehen nur zusammengerollte Leinentücher. Der Evangelist Johannes, der diese Szene überliefert hat, schreibt hier nichts  über die Gefühle der beiden.  
Petrus wagt sich zuerst ins Grab. Von dem Jünger Johannes, in dem sich der Evangelist am liebsten selber sieht, heißt es:

Sprecherin (Corinna Kirchhoff, Berlin)
„Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte. Denn sie hatten die Schrift noch nicht verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsste. Da gingen die Jünger wieder heim.“

Autor
Maria Magdalena bleibt da. Auch sie - kommt noch nicht mit. Sie steht vorm Grab und weint. Es ist von zwei Engeln die Rede, die sie sieht. Oder sollte ich besser sprechen von Engeln, die sie schaut? Sie fühlt sich angesprochen auf ihre Trauer und Tränen. Sie sagt, sie sei auf der Suche ...

Sprecherin
„Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben“.
Und als sie das sagte, wandte sie sich zurück und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Weib, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo hast du ihn hingelegt, so will ich ihn holen. Spricht Jesus zu ihr: Maria!
Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch. Rabbuni! Das heißt: Meister! Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.“

Autor
Maria Magdalena hat ihren Freund verloren und ich meine Frau. Wir beide sind Grabbesucher. Aber unsere Erfahrungen? Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Uns verbindet allein der Verlust eines geliebten Menschen. Aber sonst gibt es wenig Vergleichbares: Maria und Jesus jung, wir betagt; die Beiden kannten sich gut ein Jahr, wir beide waren 45 Jahre verheiratet; der Jude Jesus durch Heidenhand qualvoll hingerichtet, meine Frau nach Schlaganfall in tagelanger Atemnot qualvoll hingerafft. Ich weiß, solche
Vergleiche haben meistens wenig Sinn.
Aber für mich hat es dennoch Sinn; denn ich sehe und fühle:
Für Maria aus Magdala muss dieser Justizmord an ihrem noch so jungen, geliebten Freund weitaus schmerzlicher gewesen sein; habe ich doch eingewilligt, meine Frau gehen zu lassen. Denn ich habe akzeptiert, was sie in ihrer Patientenverfügung festgelegt hatte:

Sprecherin
„Sollte ich eine Hirnverletzung oder eine Gehirnerkrankung haben, durch die meine normalen geistigen Funktionen schwerwiegend und vermutlich irreparabel geschädigt worden sind, so bitte ich um Einstellung der Therapie.“

2. Musik: Garbarek „Officium“

Autor
Uns beide Grabbesucher unterscheidet besonders dies: Seit elf Monaten gehe ich zum Grab meiner Frau, aber mir ist kein Gärtner begegnet, der sich als Auferstandener erwiesen hätte, keine Gärtnerin, in der ich meine Frau als Lebendige hätte wiedererkennen dürfen. Am Grab spreche ich oft zu ihr. Ich frage sie: Sag mir doch, wo bist du jetzt? Wie bist du jetzt? Hörst du mich? Hast du’s gut? Bist du überhaupt noch – in irgendeiner Existenzform? Hat sich dein Wunsch erfüllt, in Abrahams Schoß zu landen? Keine Antwort. Kein Gärtner. Das Grab schweigt. Leben nach dem Tod, neue Existenz, aufgenommen in eine neue Welt - sind das alles vielleicht nur fromme Wunschvorstellungen, an den Himmel gemalt?

Und dann wieder erwische ich mich bei einem Abendgebet vorm Einschlafen, dass ich zu einem väterlichen Gott rede. Dem danke ich, dass er mein Gebet erhört und dem Leiden meiner Frau ein Ende gesetzt hat; und den bitte ich für mich um Stabilität für kommende Tage; denn die Uhren laufen jetzt anders. Der Puls auch. Eine Herz-Rhythmus-Störung hatte mich vorübergehend aus dem Takt gebracht. Erweise ich mich in solchem Beten nur als „Mensch in seinem Widerspruch“? Oder ist das ein Rückfall in frommes Bettgeflüster?

Aber geträumt habe ich von ihr, das ja. Im Traum war sie mir erschienen, zwei Mal kurz hintereinander fast der gleiche Traum: Sie konnte wieder sprechen. Und so, wie Jesus zur Maria sagt „Rühre mich nicht an“, so hörte ich mich im Traum denken: ‚Rühre sie nicht an durch Worte; berühr sie nicht mit deiner Freude, dass sie plötzlich wieder sprechen kann; die Gefahr ist groß, dass sie darüber sprachlos wird.’ So dachte ich im Traum. Heute denke ich: In meinem Traum waren vielleicht zwei Geschichten des Berührens mit einander verwoben: die Mariageschichte und der Orpheus-Mythos: Orpheus trauert um seine Gemahlin Eurydike. Ein Schlangenbiss hatte sie getötet. Orpheus steigt hinab in die Unterwelt. Dem unwiderstehlichen Zauber seines Gesanges kann sich auch der Hades nicht verschließen und  macht ihm ein Angebot:

Sprecherin
Orpheus, wir sehen deine Trauer um Eurydike. Es steht in deiner Macht, sie zurück zu gewinnen, doch unter einer Bedingung: Du darfst dich nicht umdrehen auf dem Weg zurück.
Tust du’s doch, bleibt sie dir ewiglich verloren.

Autor
Indes –  seine Sehnsucht überkommt ihn, sein liebender Blick berührt sie und Eurydike entschwindet. Oder drehte er sich um, weil er zweifelte, ob die Geliebte wirklich noch hinter ihm war? Hätte also nicht seine Sehnsucht, sondern sein Zweifel sie im Tod gelassen?
Das Umdrehen spielt auch in der Mariageschichte eine heimliche Rolle: zwei Mal, so erzählt der Evangelist Johannes, „wandte sie sich um“. Blick und Hand wollen ihn festhalten. Der Versuch, den geliebten Toten zurückzuholen, muss scheitern an der Unumkehrbarkeit. Liebe mag stark sein wie der Tod – wie es im Hohen Lied Salomos heißt (8,6), aber sie ist eben nicht stärker als der Tod. Sich umdrehen kann tödlich sein.

3. Musik: Garbarek „Officium“

Autor
Meine Frau war nicht nur von dem Glauben geleitet, sondern von der großen Sehnsucht bestimmt, einst, wie sie gerne sagte, „in Abrahams Schoß“ ihre Endgültigkeit zu finden. Ein Bild für Geborgenheit, nach der sich ein zutiefst ängstlicher Mensch sehnte. Wie es in der Schrift steht: „Von den Engeln getragen in Abrahams Schoß“ (Lukas 16,22)

Abrahams Schoß – ein Lieblingsbild meiner Frau aus dem Lukasevangelium. Es gab noch  ein zweites Bild für ihr Ende und Ziel. Das fanden wir im Schatzkästlein ihrer Spruch- und Gedichtsammlungen. Dieses Gedicht von Hans Sahl, von dem sie mir nie erzählt hat, setzten wir über ihre Todesanzeige:

Sprecherin
Ich gehe langsam aus der Welt heraus
in eine Landschaft jenseits aller Ferne,
und was ich war und bin und was ich bleibe
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile
in ein bisher noch nicht betretenes Land.
Ich gehe langsam aus der Zeit heraus
in eine Zukunft jenseits aller Sterne
und was ich war und bin und immer bleiben werde
geht mit mir ohne Ungeduld und Eile  
als wär ich nie gewesen oder kaum.

Autor
Das ist die Sprache, die ich verstehe. Ganz unreligiös und doch voller Spiritualität. Hier werden nicht abgehobene oder schwere Begriffe kopiert. Keine Rede von ewigem Leben oder Auferstehung, nicht von Vergebung oder Sünde, nicht von Wiedersehen im Jenseits; auch keine ehernen Lehrformeln. „Landschaft jenseits aller Ferne“ – dort sehe ich meine Frau, dort sah sie sich selbst gut aufgehoben. Da kann Gott nicht weit sein. Da möchte ich auch hin. Und die ganze persönliche Existenz von einst, von jetzt, von morgen – sie atmet in der Sphäre der absoluten Ruhe und wandert „in ein bisher noch nicht betretenes Land.“
In diesem noch nicht betretenen Land, so ahne ich, gehen die Uhren nicht nur anders, da gehen andere Uhren. Da ist es nie zu früh und nie zu spät. Da fällt keiner dem anderen ins Wort. Die Worte bekommen wieder schöpferische Kraft, wie am Anfang vor aller Zeit.

4. Musik: Garbarek „Officium“

Autor

Bei der Geschichte von Maria Magdalenas Begegnung mit dem Auferweckten fasziniert mich die Erzählkunst des Evangelisten Johannes. „Sie wandte sich um“, die Maria, als der vermeintliche Gärtner sie anspricht. Und ohne, dass sich ihre Körperhaltung geändert hätte, heißt es noch einmal „sie wandte sich um“ – nämlich als der Gärtner zu ihr sagt „Maria“. Das ist Meisterschaft des Erzählens: Mit einer doppelten Sprachwendung eine innere Wende vorzubereiten. Die Wende weg vom Grab, weg von der Totenklage – hin zur Botschaft an die Traurigen und Enttäuschten: Er lebt. „Ich habe den Herrn gesehen“.   
Und ich? Ich nehme keine Wende wahr – heute, am Ostermorgen.
Darum steige ich nun aus aus meiner Rolle des Grabbesuchers, in der ich mich mit Maria verglich. Denn ich bin noch nicht so weit wie Maria. Ich komme noch nicht mit. Dem Jünger Thomas fühle ich mich näher: Von ihm erzählt das Johannes-Evangelium direkt nach der Mariageschichte. Man nennt ihn fälschlich den Ungläubigen, weil er mehr wissen, noch mehr erfahren will, ehe der Glaube ihm geheuer wird.
Keiner der Jünger verübelt Thomas den Zweifel. Und Jesus, in Gestalt des Unfasslichen, tadelt ihn auch nicht. Was er Maria Magdalena versagte – nämlich ihn zu berühren – das erlaubt er Thomas. Am Ende braucht auch Thomas die Berührung nicht mehr. Das Angebot reicht ihm.
Der nichtgläubige, zögernde Thomas erweist sich als der, der noch nicht glaubte. Ich selbst fühle mich diesem Skeptiker Thomas nahe. Dieses tastende Suchen  drückt Albert Camus so aus:

Sprecherin
„Ich tappe im Dunkeln und versuche dennoch, klar zu sehen“.

Autor
Der noch nicht gläubige Thomas brauchte Zeit. Und die brauche ich auch. Ich brauche noch Zeit, ehe mir der Tod meiner Frau wirklich wird und ich mit ihm leben lernen kann. Und wie sollte sie heute schon in meinen Glauben hinein erweckt werden können, da ich sie innerlich noch nicht wirklich für tot erklärt habe! Den Tod für wahr zu halten braucht so viel Zeit, wie zum Leben zu erwachen.
So schicke ich mich drein, ohne Hadern und Grämen: An diesem Ostern komm ich noch nicht mit. Oder soll ich sagen: komm ich nicht mehr mit? Auch abhanden gekommener oder verwundeter Glaube braucht Zeit zur Genesung.
Bisher hatte doch immer irgendetwas vom Osterereignis meinem Glauben eingeleuchtet. Ich habe Osterpredigten gehalten, Jahrzehnte lang. Und heute? Falle ich ab? Bin ich rückfällig geworden? Nennt man das „Glaubenskrise“? Was ist das? Wie zufällig höre ich aus dem Radio ein Wort von Anton Tschechow:

Sprecherin:
„Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag“.

Autor
Der Alltag – von dem wir nicht hören, wie Maria Magdalena ihn nach dem Tod Jesu gemeistert hat. Vielleicht ist sie irgendwann wieder zurückgefallen in Depressionen, von denen Jesus sie seelsorgerlich befreit hatte. Noch höre ich mich im Alltag oft flüstern: „Du fehlst mir – bei Tag und bis in den Traum hinein.“
Ich geb´ es zu – ich habe mir das Zurückbleiben nicht so schwer vorgestellt. Jetzt spüre ich, wie Recht Mascha Kaléko mit ihrer Gedichtzeile hat:

Sprecherin
Bedenkt: Den eigenen Tod, den stirbt man nur,
doch mit dem Tod der andern muss man leben.

5. Musik: Garbarek „Officium“

Autor

Ich sehe mich noch immer vor dem Grab. Noch kann ich nicht einstimmen in das Osterlied „Er ist wahrhaftig auferstanden“. Noch übertönt des Grabes Schweigen diesen Jubel.
Ich bin mir bewusst, dass ich wie ein Spielverderber, wie ein Verderber der Osterspiele erscheinen könnte. Manchmal ist es gut, wenn Spiele verändert werden oder ein ganz neues Spiel ausprobiert wird.
Dabei kommt mir eine Idee: Könnte für mich nicht auch Ostern werden, wenn ich aufhöre, mich mit Maria oder mit Thomas zu vergleichen? Dass ich also am Grab meiner Frau weder auf einen Gärtner warte, noch darauf aus bin, den auferweckten Rabbi zu berühren. Es kursierten 60 Jahre nach Jesu Tod mannigfache Auferstehungsgeschichten, um glaubhaft zu machen, dass die Sache Jesu nicht zu Ende ist. Müssen wir uns nicht einfach trauen, unsere eigenen Geschichten von einer Auferweckung ins Leben hier und heute zu erzählen?
Dafür muss ich dann nicht Jesu Wundmale berühren. Umgekehrt: Vielleicht sage ich eines Tages: Gott hat meine Trauerwunden berührt. Und so wie er meine Frau in den Tod erlöst hat, so könnte er mich zurück ins Leben erlösen. Ich könnte mich erneuert fühlen – als Gesegneter. Dann kann das Grab in Ruhe schweigen. Und ich könnte leben, gesegnet mit neuer Uhrzeit. Ostern würde zur Wendezeit.
Das ist meine Osterhoffnung in diesem Jahr – heute.

6. Musik: Garbarek „Officium“


Literatur-/Quellenangaben:
(Hgg.), Nils Kern und Klaus Siblewski, Hans Sahl. Die Gedichte, Luchterhand-Literatur Verlag, München 2009, S. 185. (10 Zeilen)

Albert Camus, Die Pest, übersetzt von Uli Aumüller, Rowohlt Verlag Reinbek 2008, rororo, TB 22500. (1 Zeile)

Anton Tschechow, Radio und andere Quellen u.a. Süddeutsche Zeitung, 26.05.2005.
(2 Zeilen)

Mascha Kaléko, Miteinander hoffen, Neukirchen 1998, S. 52. (2 Zeilen)

Musik:
Jan Garbarek and The Hilliard Ensemble: „Officium“, aufgenommen 1993 in Propstei St. Gerold, München, Tonmeister: Peter Laenger, Produzent: Manfred Eicher, LC 2516.