Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt vis-à-vis zu Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“

Pfarrer Frank Erichsmeier (ev.-luth.)

12.02.2017 Martin-Luther-Kirche in Detmold

 „Hier gilt’s der Kunst“: diese Worte Evchens Pogners aus dem zweiten Akt der Meistersinger ist immer wieder wie ein Schlüsselmotto über das Werk als Ganzes gestellt worden. „Hier gilt’s der Kunst.“ Schon die strahlende Ouvertüre, so hat es der schafsinnige Wagner-Interpret Friedrich Nietzsche gesagt, thematisiere das „Glück des Künstlers an sich selber“. Und „zentrales Thema der Meistersinger ist die Frage nach der gesellschaftlichen Funktion der Kunst“, so kann es der aufmerksame Theaterbesucher auch im Programmheft zur Detmolder Inszenierung nachlesen. „Hier“ - in den Meistersingern - „gilt’s der Kunst“ - und also eben nicht den anderen Formen menschlichen Zusammenlebens, nicht der Politik, nicht der Wissenschaft, der Wirtschaft - auch nicht der Religion. Die politischen Instanzen der Reichsstadt Nürnberg etwa, die im 16. Jahrhundert ja durchaus zu den Schwergewichten im Staatengefüge des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gehörte, kommen nirgends in den Blick; kein Bürgermeister, kein Mitglied des Rates tritt also solcher auf oder wird auch nur erwähnt. Dass Nürnberg im 16. Jahrhundert auch ein Zentrum des Buchdrucks und des Humanismus war, ist Wagner keine Silbe wert. Und die wirtschaftlichen Tätigkeiten der Nürnberger Meister, bei denen es ja eben doch - entgegen Veit Pogners wortreichen Beteuerungen - immer auch „um Schacher und Geld“ geht - schließlich fällt dem guten Beckmesser beim Werben um Evchen Pogner sogleich auch das Erben - ein, - diese wirtschaftliche Seite der Meisterexistenz dient in der Oper doch nur als Folie zu ihrem eigenen, dem künstlerischen Geschäft und Beruf. Exemplarisch wird das dargestellt, wenn der Lehrjunge David erzählt, wie er zugleich die Schuhmacherei und die Poeterei von seinem Lehrherrn Hans Sachs erlernt. Und auch, wenn das Lederschlagen und das Reimeschmieden dabei munter durcheinander gehen: im Endeffekt ist der Meistergesang allemal wichtiger als das „Paar recht guter Schuh‘“. Zumindest sagt er das…

Also: „Hier gilt’s der Kunst!“ Dieses Motto gießt nun aber dem evangelischen - und dem evangelisch-lutherischen Theologen zumal - einen ordentlichen Schluck Wasser in den Wein der Freude darüber, dass Wagner sein strahlendes Werk mitten in der Epoche der Reformation ansiedelt: und das nun noch dazu in Nürnberg, also in einer Stadt, die damals längst zu einem Bollwerk der lutherischen Reformation in Süddeutschland geworden war - und „a weng“ von diesem lutherischen Geist, um es fränkisch zu sagen, hat sich in dieser Stadt wohl auch bis heute erhalten. Ja, mehr noch: Richard Wagner bringt mit Hans Sachs dann auch noch einen Protagonisten als faktische Hauptperson auf die Bühne, deren historische Bedeutung nicht zuletzt darin bestanden hat, mit seinen Liedern zu den wirksamsten Propagandisten der Lehre Martin Luthers gehört zu haben. Nur - und hier kommt jetzt gehörig Wasser in den Wein -, dass sich in den „Meistersingern“ gerade von diesem Wirken Hans Sachs‘ ebenso gar nichts wiederfindet… „Hier gilt’s der Kunst“ - und damit eben auch nicht der Religion. Das wird nirgendwo so deutlich wie gerade an dem sogenannten Nachtigallenlied „Wachet auf, es nahet gen den Tag“, mit dem Wagner an wirkungsvoller Stelle und mit zugegeben wirkungsstärkster Klangkraft und -Schönheit ein Stück Dichtung des originalen Hans Sachs in seine Oper einfügt. Doch - was wird bei ihm daraus? Eigentlich - bei Sachs - ist in diesem Lied von einer „wittenbergisch Nachtigall“ die Rede, Martin Luther wird besungen, und das Licht, das am Morgen des Tages aufzieht und - langsam aber unwiderstehlich - die Dunkelheit vertreibt, das ist eben das durch Luther neu verkündete Evangelium von der Gnade Gottes. Wagner aber verwandelt das Nachtigallenlied, ohne seinen Text zu ändern, einfach durch seine Stellung in der Handlung zu einem Lobgesang auf Hans Sachs selbst, nun wird ihm damit bei seinem Erscheinen auf der Festwiese zugejubelt - und genau so fasst der Wagner‘sche Sachs es, bei aller wohl letztlich nur vorgetäuschten Bescheidenheit, dann ja auch selber auf. „Hier gilt’s der Kunst“… Zu ihr hat aber gerade der lutherische Theologe, aus seiner eigenen Tradition heraus, erst einmal nur zu sagen - dass er zu ihr wenig zu sagen hat. Gilt die Kunst in lutherischer Tradition doch als - wie es der Fachtheologe sagt - „Adiaphoron“, also als Mittelding, von Gott weder geboten noch verboten - sie ist also einerseits zwar keinesfalls zu verschmähen, und ohne Zweifel geeignet, das Miteinander der Menschen und so auch den Gottesdienst der Kirche zu bereichern und zu verschönern - aber wirklich nötig, im Sinne von not-wendig, die Not wendend, weil sie nötig - oder auch nur fähig - wäre, den Menschen von sich selbst zu erlösen und ihm und seiner Seele das Heil zu bringen: das ist sie nun gerade nicht.

Und genau das aber behauptet ja Richard Wagner, dieser Anspruch treibt ihn an  - und das stellt  er vielleicht nirgendwo in seinem Werk so sehr in den Mittelpunkt wie in den Meistersingern. „Hier gilt’s der Kunst“ - und so formt er in seiner Oper den glaubenstreuen Lutheraner, der Hans Sachs eigentlich war, unter der Hand um zu einem Propheten und gleichzeitig Messias einer anderen, einer neuen deutschen Kunstreligion, jener „heil’gen deutschen Kunst“, die in der Sachs von Wagner untergeschobenen Aussage der Schlussszene bekanntlich auch dann noch Bestand haben soll, wenn einmal das „heil’ge röm’sche Reich in Dunst“ zergeht. Andere nach ihm haben auch aus dieser von Wagner hier proklamierten neuen deutschen Kunstreligion dann jene Ideologie geschaffen, die dann wiederum keine hundert Jahre später dann in der Tat dazu in der Lage war, nicht nur - auch und gerade wieder in Nürnberg - Festwiesen zu füllen und dort und anderswo - allerdings wesentlich unschöneres - Heilgebrüll erschallen zu lassen, sondern schließlich tatsächlich dann nicht nur das Reich, sondern die halbe Welt in Dunst zergehen zu lassen - und dabei das Opfer von 60 Millionen Menschen in Kauf zu nehmen… Eine Keimzelle dieses Unheils, man kommt nicht umhin, das so zu sagen, sie findet sich schon hier - im - fast ist man geneigt zu sagen: leider - so überwältigend schönen Schluss der Oper. Dagegen mit durchdachten und klugen Inszenierungen zu protestieren, Wagner hier deutlich gegen den eigenen Strich zu bürsten, ist - so finde ich - immer noch angebracht. Und schön ist es, wenn dieser Protest dann zugleich noch so leichtfüßig und witzig daherkommt wie der Puck in unserer Detmolder Inszenierung. Auch eine Predigt im Nachhall der Meistersinger kann, so meine ich, nicht umhin, diesen Protest gegen das in Wagners Denken Mit-Angelegte zum Ausdruck zu bringen.

Was aber bleibt uns dann von den Meistersingern? Was fangen wir noch mit ihnen an? Vielleicht kann gerade die an der Bibel orientierte Predigt noch einmal nachvollziehen, wie Wagner das eigentlich macht, unter dem Motto „hier gilt’s der Kunst“ einen durchaus religiösen christlichen Künstler - Hans Sachs - unter der Hand zu verwandeln in den Protagonisten einer durchaus unchristlichen Kunstreligion. Da spätestens gilt’s nämlich nicht mehr nur der Kunst - hier ist die Religion in ihrem eigenen Fahrwasser. Und siehe da - bei diesem Vorhaben geht der doppelgesichtige Wagner selbst wieder durchaus biblisch zu Werk. Die Gestalt Johannes des Täufers ist’s, die zum Johannistag, und damit zu den Meistersingern, die ja nicht zufällig an einem Johannistag spielen, genauso dazugehört wie der Puck zur Mittsommernacht - so gewiss in Johannisnacht und Johannistag sich die heidnische und die biblische Seite alles christlichen Festefeierns so nah berühren wie wohl sonst nirgends im ganzen Kirchenjahr. Mit ihm, Johannes dem Täufer, ja, mit einem Gottesdienst zu seinem Gedächtnis, lässt Wagner nicht ohne Grund seine Oper beginnen. (In der Detmolder Inszenierung wird eine Chorprobe daraus, was ich als Theologe übrigens sehr gelungen finde - müsste man doch den Johannes-Gottesdienst liturgisch richtig in der Tat am Tag drauf, eben am Johannistag, erwarten. Und am Tag vorher wird eben noch einmal dafür geprobt.) So gut, so lutherisch. Nur nimmt es Wunder, dass in dem Choral zu Johannis‘ Ehren - ganz unlutherisch - nun dieser selbst angerufen wird - fast so, als sei er der Heiland: „Edler Täufer! Christs Vorläufer! Nimm uns gnädig an, dort am Fluss Jordan!?“ Das klingt nur noch alt - aber schon hat Wagner die Fährte in seine ganz eigene Richtung gelegt… 

Denn wer ist dieser Johannes der Täufer? Er der Vorläufer dessen, der erst noch kommen soll. Der Vorläufer dessen, der das unerhört Neue bringt - „nach mir kommt, der stärker ist als ich“ - und der doch kein Gehör finden würde, wenn er, der Vorläufer, der sich selber eben auch noch auskennt mit den Traditionen des Alten, weil er selber ja noch dazu gehört zu dieser alten Welt gehört, ihm nicht Gehör verschaffen, ihm nicht den Weg bereiten würde. So war es bei Johannes und Jesus. Und genau das ist ja die Funktion von Hans Sachs‘ in dieser Oper. Er ist der Wegbereiter, er ist sozusagen der Johannes der Täufer für den Neuen, Walther von Stolzing - bis ihn Wagner schließlich am Ende über diese Rolle noch hinaushebt und als Propheten und Messias in Szene setzt. (Manche Inszenierungen sind Wagner darin übrigens gefolgt - schön, dass die Detmolder Inszenierung das - dem Metzger und dem Puck sei Dank - gerade nicht tut…) Und wer das nicht merkt, dem tut Kindermund die Wahrheit kund - in diesem Fall der Mund des Lehrjungen David, dem zu Beginn des dritten Aktes selber erst beim Singen seines Sprüchleins die ganze Wahrheit aufgeht: „Wer am Ufer des Jordans Johannes war genannt, an der Pegnitz heißt der Hans!“  Hans Sachs ist Johannes der Täufer - und so ist es nur folgerichtig, dass er im Folgenden dann nicht nur als musik- und poesiepädagogischer Geburtshelfer des Preisliedes von Walther von Stolzing fungiert - sondern dass er am Ende die so neu zur Welt gekommene Meisterweise in der Tat auch „tauft“ - ja, dass er es auch ist, der ihr den Namen gibt: „Dass die Weise Kraft behalte zum Leben, will ich nur gleich den Namen ihr geben.“

Damit aber sind wir nun wiederum im zuvor gehörten Wahn-Monolog des Hans

Sachs angekommen. „Wer gibt den Namen an?“ Das ist die große Frage, die Hans Sachs hier stellt angesichts des letztlich vom Menschen immer wieder selbst verursachten Leidens, von dem nicht nur „Stadt- und Welt-Chronik“, sondern eben auch die eigene Erfahrung der vergangenen Nacht berichten. „Wer gibt den Namen an?“ Die Antwort darauf dürfte klar sein - in den Meistersingern ist es Hans Sachs. In der Wirklichkeit aber braucht es mehr Menschen, die den Namen angeben können. Menschen, die die Einsicht und den Mut haben, den Wahn der Zeit beim Namen zu nennen - den Größenwahn, den Wahn der Angst und der Gier, den Wahn, der wieder und immer wieder meint, das Heil der Menschheit könnte darin bestehen, dass die einen gewinnen und die anderen als Besiegte zurückbleiben. Und dieser Wahn ist mächtig, das erleben wir alle. „Wer gibt den Namen an?“ Hier gilt’s allerdings der Kunst, hier wird sie immer noch - und immer wieder gebraucht - und ebenso wohl die christliche Gemeinde, die ja doch die Zusage hat, dass ein Geist bei ihr und in ihr am Werk ist, der sie in alle Wahrheit leiten will. Diesem Geist der Wahrheit zu verhelfen, indem man die Dinge beim Namen nennt - das wäre, so meine ich, schon viel - für die Kirche wie für die Kunst, die auf Erlösungsphantasien, will sie nicht selbst dem Wahn erliegen, wohl besser verzichtet.

„Wer gibt dem Namen an?“ Wer das tut - wer die Dinge, so gut er es vermag, beim Namen nennt - und so dem Geist der Wahrheit Raum gibt in den Einflußsphären seines Lebens - der täte schon viel. Auch, wenn er die Welt so nicht erlösen wird. Aber vielleicht schafft er - vielleicht schafft sie - so dann und wann doch Raum für das Neue, das sich seine Bahn bricht gerade da, wo wir es nicht planen. Und das doch angewiesen ist auf Menschen, die es erwarten, ersehnen, und wenn es kommt, mit offenen Armen aufnehmen in ihre Welt, damit es seine Kraft erweisen kann - die Kraft, den Menschen in’s rechte Licht zu setzen - und ihm, um es mit Hans Sachs‘ beziehungsweise Richard Wagners Worten zu sagen „seinen wahrsten Wahn“ aufzutun: seine Sehnsucht nach Erfüllung - in der Kunst nicht weniger als im Leben. Wer gibt den Namen an? Wer nennt seinen Namen? Vermutlich hat es - vermutlich hat er tausende…  Wir Christen nennen ihn - Jesus Christus. AMEN.