Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt "Wie viel Christentum braucht das Land" zu Lukas 12,32

Pfarrer Ekkehard Roßbach (ev.)

02.04.2017 St. Blasiuskirche Mägerkingen u. Christuskirche Trochtelfingen

Liebe Gemeinde,

so war unlängst in der Sonntagszeitung in der Überschrift zu lesen. (=>Zeigen!)

Wie viel Christentum braucht das Land?

Die christlichen Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder.

Weil mehr Gläubige sterben, als dass Kinder getauft werden.

Und die Säkularisierung der Gesellschaft schreitet voran.

Und die Evang. Landeskirche Württemberg streicht bis 2030 30% der Pfarrstellen.

Und im kath. Dekanat Sigmaringen-Messkirch wird es 2030 nur noch die Hälfte an Priestern geben, also 50% Minus, von derzeit 18 runter auf 9.

=> Aktuelles kath. Kirchenblatt (PGR-Vors. H.B. zum aktuellen Visitationsbericht der Seelsorgeeinheit)

Liebe Gemeinde,

ich unterstütze die These meines Kollegen, der sagt: Die kath. Kirche hat den Priestermangel, wir haben den Pfarrplan.

Weiter steht im kath. Kirchenblatt zum Visitationsbericht:

Die Volkskirche ist an ihr Ende gekommen.

D.h., liebe Gemeinde,

die Kirche schafft sich selber ab.

Kirche schafft sich ab. (im doppelten Sinne):

- Die verbleibende Kirche, schafft sich ab, d.h. die verbleibenden Pfarrer/Priester arbeiten sich zu Tode. (schaffen sich ab)

- Und die Kirche schafft sich ab, die Landeskirche räumt sich selber aus dem Weg, Kirche auf dem Rückzug.

Liebe Gemeinde,

derzeit läuft durch Europa eine beispiellose Säkularisierungswelle.

Säkularisierung = Verweltlichung, Entchristlichung.

Religiöse Überzeugungen und Praktiken befinden sich auf dem Rückzug.

Wir erleben einen Traditionsschwund.

Einen krassen Verlust von Bibelwissen, Liedern und der Bedeutung von Feiertagen.

Immer weniger Menschen können mit den Kernaussagen des christlichen Glaubens etwas anfangen.

Die Gottesdienste leeren sich.

Die christliche Religion im öffentlichen Raum verliert an Bedeutung.

Glaube ist zur Privatsache geworden.

Spiel und Genuss, Konsum und Freizeit werden zu primären Zielen des Lebens. Und zum Religionsersatz.

Die These der Säkularisierung scheint zu stimmen: Religion geht in dem Maße zurück, wie die Menschen mit Wohlstand versorgt sind.

In Europa ist die Verdunstung des christlichen Glaubens als gesellschaftlich relevante Größe zu beobachten.

Die Prognose der Kirche ist: In einigen Jahrzehnten wird man Gläubige nur noch in kleinen Gruppen finden, wo sie eng zusammengedrängt einer weltweiten säkularen Kultur widerstehen / Widerstand leisten.

Und wieder ganz aktuell von unseren kath. Kollegen, ich zitiere den Bericht von Hilde Butscher zur Visitation aus dem kath. Kirchenblatt:

Kirche, wie wir sie heute kennen, wird es in ein paar Jahren nicht mehr geben.

Und die Reaktion unserer Evang. Landeskirche Württemberg: Kapitulation!

Sie streicht Pfarrstellen. Ein Drittel!

Unsere Kirche schafft sich selbst ab!

Liebe Gemeinde,

ich glaube aber, dass es trotz aller Säkularisierung, Entchristlichung, Verweltlichung…- eine Trotz-Reaktion der Kirche geben müsste.

Das christliche: DENNOCH! Dennoch bleibe ich stets bei dir!!! Denn du hältst mich bei deiner rechten Hand!

Ein Weiter-so kann es nicht geben, titelt zumindest das kath. Kirchenblatt. (=> zeigen)

Die Kirche müsste jetzt endlich selbst gegen den Strom schwimmen, anstatt dies immer nur zu predigen und zu drucken.

Unsere Kirche hat das Geld, um Menschen für Menschen einzustellen und Pfarrstellen zu erhalten.

Hier wäre DIAKONIE das engere, speziellere Stichwort.

Menschen für Menschen. Menschen helfen Menschen.

MISSION wäre DAS weitere, allgemeinere Stichwort.

Menschen, um wieder viel mehr Menschen für den Glauben an Gott und für die Kirche zu gewinnen.

Eine Gegenbewegung zu starten, ein Zeichen zu setzen, gegen den Trend der Zeit, denn eines ist wahr: Wer MIT der Zeit geht, der g e h t mit der Zeit!

Jetzt müsste die Kirche finanzieren und investieren und nicht stagnieren und reduzieren!

Das ist gerade jetzt der falsche Zeitpunkt, der falsche Weg und das falsche Signal an die Menschen.

DENN: Ich glaube, dass gerade in dieser irrwitzigen Zeit / Welt der Hunger / die Sehnsucht nach einem MEHR zu spüren ist.

Nach Wurzeln, nach innerer Heimat, nach Verbundenheit, nach Zusammengehörigkeit.

Viele sind auf der Suche nach dem, was ihnen heilig ist.

Die Sehnsucht nach glaubwürdigen, ehrlichen, authentischen Persönlichkeiten ist groß.

Die Geborgenheit und Vertrautheit familiärer und kirchlicher Räume.

Der Wunsch, am Ort, in der Kirchengemeinde verbunden und engagiert zu sein.

Gemeinsam ein Feld zu bestellen, zu säen, zu jäten, zu ernten.

Der Wunsch wird laut, Weihnachten und das kommende Ostern nicht nur mit Weihnachtsmann und Osterhasen zu konsumieren.

Mit dem eigenen Kind ein Nachtgebet zu sprechen.

Beichten zu dürfen, Vergebung erfahren, nicht auf die Vergangenheit festgelegt zu werden.

Unterbrochen und inspiriert zu werden.

Die Nachfrage nach heiliger Pause, Auszeit und Meditation steigt.

Die Klöster bekommen viel Besuch. Wir haben das jetzt am vergangenen Klausur-WE des KGRs in Obermarchtal erlebt.

Die Aufmerksamkeit für die eigenen Wurzeln, Wünsche und den eigenen Beitrag für diese Welt ist hoch.

Menschen pilgern.

Indem sie Gott suchen und aufspüren, sprechen sie ihrer Welt aus Arbeit, Erwartung und Erfolgsdruck die Alleinherrschaft ab.

Liebe Gemeinde,

gegenwärtig erleben wir wohl einen Gemeinschaftsverlust, der Individualismus regiert.

Aber gleichzeitig spüren wir:

Wir brauchen starke Schultern, an die wir uns anlehnen können.

Worte, die wir alleine nicht zu sagen wagen würden.

Eine Gotteserzählung, die so heilig ist und groß ist, dass unsere krassen Zeiten sich in ihnen bergen könnten.

Ein Gotteswort, das uns beflügelt, kreative Lösungen für unsere Welt und für uns selbst zu finden.

Eine göttliche Macht, die verbindet, um die Hausforderungen unserer Generation meistern zu können.

Eine Glaubens-Quelle, die anders als unsere irdischen Ressourcen nicht versiegt.

Biblische Geschichten, die glücklicher sind als unsere Wirklichkeit.

Liebe Gemeinde,

ja, wir erleben zwar einen Verlust der Rituale und Formen.

Und doch fragen viele Menschen nach einem Gebet, nach einem Urlaubssegen, den Segen für das neue Haus oder die neue Wohnung, nach Erntedank, nach dem Ewigkeitssonntag und nach einem Ort für unsere Toten.

Nach dem Advent und der angemessenen Vorbereitung, das Licht zu begrüßen in der kalten Zeit.

Nach der Passions- und Fastenzeit das Fest und die Freude über das leere Kreuz, das offene Grab und den auferstandenen Sieger über den ewigen Tod auf seiner Seite zu haben.

Vielleicht sprechen viele Menschen nicht mehr selbst von Gott, sie leihen sich aber unsere Sprache – zB in Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen.

Und das ist die Gelegenheit, unsere eigenen, christlichen Schätze zu zeigen.

Unsere Worte und Lieder anzubieten als Gebet für diese Welt.

Das Vertrauen weiter zu geben: Wir sind nicht zufällig hier, in dieses Leben hineingeworfen.

Wir werden alle im Leben nicht alleine gelassen, sondern darin in Liebe vollendet.

Wie sagte ein Vater jetzt erst in einem Taufgespräch, ich glaube zwar nicht so sehr an Gott und bin auch nicht so oft in der Kirche, aber was da der JESUS so getan und gesagt hat, das finde ich klasse, das ist mir Vorbild und ein Beispiel.

Liebe Gemeinde,

ich glaube immer noch, dass Mensch und Gott zusammengehören.

Dass das „menschliche Besoffensein von sich selbst“ ohne Glaube für unsere Gesellschaft nicht erstrebenswert ist.

Ich versuche, wie das gelingen kann, fröhlich und ausstrahlend als Christenmensch diesem Jesus nachzufolgen und dabei wie Dietrich Bonhoeffer auch „weltlich“ von Gott und dem Glauben zu reden.

Ich will das tiefe Vertrauen haben, dass der Gott, der sich so in Jesus auf diese Welt eingelassen hat, auch weltlich kann.

Vielleicht brauchen wir gar nicht mehr so sehr gegen die Säkularisierung, Verweltlichung, Entchristlichung zu kämpfen, weil der Gott, der nicht weltlos sein will, nie zulassen wird, dass seine Welt gottlos wird.

In diesem Sinne, hinein mit uns Christenmenschen in diese Zeit.

Hinein mit den Pfarrer/innen zu den Menschen!

Hinein mit der Kirche in dieser Welt!

Ob allerdings die Kirche als Einrichtung und Institution da noch eine große Rolle spielen wird, das sei bezweifelt.

Die Kirchen machen diesen großen Fehler.

Sie schaffen sich selber ab.

Die einen haben den Zölibat, die anderen den Pfarrplan.

Liebe Gemeinde,

Ich zitiere noch ein letztes Mal das kath. Kirchenblatt mit – wohlgemerkt – Worten der Diözesanen Kirchenleitung:

„Die Volkskirche ist an ihr Ende gekommen, aber viele Strukturen sind noch von der Volkskirche geprägt und passen nicht mehr. Die Entwicklung erfordert Schwerpunktsetzungen, Abschiede und neue Initiativen. Dafür brauchen wir Kreativität und Mut auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens. Das heißt, Kirche, wie wir sie heute kennen, wird es in ein paar Jahren nicht mehr geben. Dafür aber eine andere. Und die muss nicht schlechter sein. Vielleicht sogar besser. Vielleicht kleiner, aber feiner.“

Liebe Gemeinde,

Jesus Christus spricht: Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben.

Denn der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (= für alle M.)

AMEN