Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu dem Song Breakdown von Jack Johnson

Pfarrer Johannes Meier (ev)

03.08.2014 im hr1 – Sonntagsgedanken

Sommerreihe 2014

Das Lied Breakdown von Jack Johnson hören Sie hier.

Die Predigt hören Sie hier.

 

Musik-Intro (0:00)

Gitarrenintro loopen und unter erste Textpassage unterlegen

(0:05)

Autor 1 (0:05)

Scheint mir ja echt ein entspannter Typ zu sein, dieser Jack Johnson. Wie er da so lässig sitzt und seine Ukulele zupft. Alte Jeans, T-Shirt, Drei-Tage-Bart. Im Musikvideo zu seinem Song „Breakdown“ inszeniert sich der Singer-Songwriter nicht angestrengt als Hochglanzstar im gleißenden Rampenlicht. Stattdessen sehen wir ihn als Surfer durch die Wellen reiten und anschließend mit ein paar Kumpels am Strand chillen. Dort hockt er dann wieder mit seiner Klampfe im Sand und singt für sich und alle, die es hören wollen eine relaxte Melodie in den Abendsonnenschein.

(0:35)

Musik (0:40)

Instrumental-Loop geht in erste Songstrophe über, danach wieder Gitarrenloop (damit Autor und Sprecher unterlegen)

I hope this old train breaks down

Then I could take a walk around

And, see what there is to see

And time is just a melody

All the people in the street

Walk as fast as their feet can take them

I just roll through town

And though my windows got a view

The frame I'm looking through

Seems to have no concern for now

(0:40)

Autor 2 (1:20)

Jack Johnson wurde auf Hawaii geboren und stand schon als Fünfjähriger auf dem Surfbrett. Mit 17 war er Profi-Wellenreiter, später drehte er Filme übers Surfen und fing an, diese mit eigenen Songs zu unterlegen. Songs wie diesem. Er sei ihm auf einer langen Zugfahrt zugeflogen, erzählt Johnson. Zwischen Paris und Hossegor, einem berühmten Surferparadies an der Französischen Biskaya. Immerhin eine Bahnstrecke von gut 700 Kilometern, genug Zeit also für ein eingängiges Gitarrenriff und ein paar sehnsüchtige Textzeilen.

(0:35)

Sprecher 1 (1:55)

Ich wünschte, dieser alte Zug würde mal ’ne Panne haben und liegenbleiben.

Dann könnte ich herumspazieren und mich in aller Ruhe umsehen.

Zeit ist doch nur eine Melodie.

All die Menschen dort auf Straße laufen bloß so schnell ihre Füße sie tragen können,

ich aber rolle nur so durch die Stadt.

Und obwohl ich durchs Fenster schauen kann,

scheint dieser Ausschnitt, den ich da sehe, erst einmal gar keine Bedeutung zu haben.

(0:30)

Musik (2:25)

Instrumental-Loop geht in Refrain über

So for now

I need this Old train to breakdown

Oh please just Let me please breakdown

(0:12)

danach wieder Loop unterlegen

Sprecher 2 (2:37)

Ich brauch jetzt einfach, dass dieser alte Zug ne Panne hat,

oh bitte lass mich hier einfach mal ne Panne haben.

(0:08)

Autor 3 (2:45)

Was ist das denn für ein Wunsch? Eine Zugpanne? Die braucht doch nun wirklich keiner. „Sehr geehrte Fahrgäste, aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf verspätet sich unsere Weiterfahrt um ca. 60 Minuten. Wir bitten um ihr Verständnis. Sänk ju for trävelling.“ – Über so eine Durchsage hab ich mich jedenfalls noch nie gefreut. Will denn Jack der Surferboy nicht lieber so schnell wie möglich an seinen Strand? Wieso jetzt hier mitten auf der Strecke aussteigen und mit wildfremden Menschen in einer wildfremden Gegend herumspazieren?

(0:35)

Musik (3:20)

Gitarrenloop geht in zweite Liedstrophe über

This engine screams out loud

Centipede gonna crawl westbound

So I don't even make a sound

Cause it's gonna sting me when I leave this town

All the people in the street

That I'll never get to meet

If these tracks don't bend somehow

And I got no time

That I got to get to

Where I don't need to be

(0:25)

wieder Loop unterlegen

Sprecher 3 (3:45)

Die Maschine schreit laut auf

Und der Tausendfüßler kriecht weiter gen Westen

Ich gebe keinen Mux von mir

Denn es wird mir einen Stich versetzten, wenn ich diese Stadt verlassen muss

All diese Menschen dort auf der Straße

Die ich niemals treffen werde

Wenn diese Schienen nicht doch noch irgendwie umgebogen werden

Und ich habe keine Zeit übrig.

Die nehme ich mir stattdessen, um irgendwo hin zu gelangen,

wo ich eigentlich gar nicht sein muss.

Ich brauch jetzt einfach, dass dieser alte Zug ne Panne hat,

oh bitte lass mich hier einfach mal ne Panne haben.

(0:35)

Musik (4:20)

Instrumentalloop geht in Refrain über

I need this Old train to breakdown

Oh please just Let me please breakdown

I need this Old train to breakdown

Oh please just Let me please breakdown

(0:25)

Song langsam ausblenden (ohne das Sänger wieder neu ansetzt), evtl. mit Zugfahrtatmo (Schienen rattern, kein moderner Schnellzug) kreuzblenden, Atmo etwa bis zur Mitte der Textpassage unterlegen, dann Text freistehend

Autor 4 (4:45)

Da sitzt also ein junger Mann in einem alten Zug und schaut neugierig in die unbekannte Welt, die da draußen vorm Abteilfenster an ihm vorbeizieht. Jack Johnson singt von einem kriechenden Tausendfüßler mit schreienden Maschinen. Das erinnert mich an meine eigene lange Zugreise im letzten Jahr: Da war ich unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn, auch so ein stählerner Tausendfüßler auf Schienen. Von Moskau aus kroch er vorbei an Jekaterinburg und Novosibirsk bis nach Irkutsk am Baikalsee. Vier Tage und vier Nächte saßen wir nonstop im Zug. Mürrisches Personal, überhitzter Waggon, beengtes Vierbettabteil – aber ein wunderbarer Blick in die Weiten der Taiga draußen vor dem Fenster. An manch größerem Bahnhof dann ein kurzer Zwischenstopp. Für ein paar Minuten raus an die frische Luft, tief durchatmen, die Beine vertreten, noch rasch ein paar Dehnübungen an der Bahnsteigkante unter den strengen Blicken des Schaffners, der jetzt schon wieder zum Einsteigen ermahnt. Der Fahrplan darf nicht aus dem Takt geraten, es muss weiter gehen, immer weiter auf den nicht enden wollenden Schienen. Wie gern wäre ich manchmal etwas länger geblieben. Ein Erkundungsspaziergang durch den fremden Ort jenseits der Bahnhofshalle. Vielleicht gibt’s hier irgendwo ein gemütliches Café oder wenigstens eine Kneipe. Mal mit ein paar echten Russen einen Wodka heben, ein paar Brocken aus dem Reisewörterbuch ausprobieren, etwas vom Lebensgefühl der Leute aufschnappen, womöglich neue Bekanntschaften machen. Einen neuen Kumpel in Novosibirsk kennenlernen – das hätte doch was. Aber mir bleibt keine Zeit fürs Dableiben, sondern nur fürs Weiterfahren. Mein Zug hat keine Panne. Schade eigentlich. So eine Zwangspause, die täte mir jetzt mal richtig gut.

(1:45)

Musik (5:30)

I wanna break on down

But I cant stop now

Let me break on down

(0:10)

Autor 5 (5:40)

Also ich find’s irgendwie sympathisch, dass sich sogar ein berufsentspannter Surferboy wie Jack Johnson anscheinend ab und zu einen außerplanmäßigen Halt seines unaufhaltsam vorwärtsrumpelnden Lebenszuges wünscht, eine Zwangspause vom immer Weitermachen- und Weiterkommenmüssen. Diese Sehnsucht verbindet den wohl doch nicht so stressfreien Sänger aus Hawaii dann zum Beispiel auch mit dem nordhessischen Radiopfarrer genauso wie mit dem Krankenpfleger, dem Manager oder der Hausfrau. Mal an- und innehalten dürfen, das ist ja kaum noch vorgesehen in unserer Alltagswelt. Und wenn, dann möglichst weit im Voraus eingeplant und eben wieder ordentlich eingetaktet in den allgemeinen Jahresfahrplan, zu dem, wenns gut geht, ja durchaus mal ein paar überschaubare Urlaubspäuschen dazugehören dürfen. Aber immer ist klar: Danach geht’s wieder weiter, muss ja...

(0:50)

Musik (6:30)

But you cant stop nothing

If you got no control

Of the thoughts in your mind

That you kept in, you know

You don't know nothing

But you don't need to know

The wisdoms in the trees

Not the glass windows

You cant stop wishing

If you don't let go

But things that you find

And you lose, and you know

You keep on rolling

Put the moment on hold

The frames too bright

So put the blinds down low

(0:25)

wider Instrumental-Loop unter die folgende Textpassage legen

Sprecher 4 (6:55)

Du kannst nichts anhalten.

Du hast ja auch die Gedanken in Deinem Kopf nicht unter Kontrolle,

die Du immer für Dich behalten hast.

Du weißt Garnichts.

Die Weisheit liegt draußen bei den Bäumen,

nicht im Fenster, durch das Du sie siehst.

Die Sehnsucht wird niemals aufhören,

wenn Du nicht einfach mal loslassen kannst.

All die Dinge, die Du findest und die Du verlierst,

während Du immer weiter rollst.

Halt den Moment fest.

Also zieh die Rollos herunter, wenn es zu hell durchs Fenster scheint.

(0:30)

Musik (7:25)

Instrumental-Loop geht in Refrain über

I need this Old train to breakdown

Oh please just Let me please breakdown

I need this Old train to breakdown

Oh please just Let me please breakdown

(0:25)

Autor 6 (7:50)

Den Moment festhalten können. Eine uralte Sehnsucht.

Den eigenen Lebenszug mal an- und aufhalten. Da bleiben dürfen, wo alles ok ist. Mal nicht immer weiter müssen. Das erinnert mich an eine biblische Geschichte: Jesus ist mit ein paar seiner engsten Vertrauten auf einen Berg gestiegen. Die Sonne scheint hell dort oben, die Luft und der Himmel sind klar und all die Beschwernisse und der Stress der letzten Tage und Wochen scheinen auf einmal ganz fern, hinter ihnen, zurückgelassen unten in der Ebene, weit weg, fast vergessen. „Hier oben lässt es sich aushalten!“ seufzt einer erleichtert. „Lasst uns doch einfach ein paar Hütten bauen und hier bleiben.“ – Doch Jesus überhört diesen frommen Wunsch. Er weiß: Eine Auszeit tut allen gut – aber daraus kann und darf keine Weltflucht werden. Irgendwann nimmt er deshalb seine Freunde bei der Hand und macht sich mit Ihnen wieder auf den Rückweg, zurück in die Ebene des Alltags, zu all den anderen, die auf sie gewartet haben. Dort nämlich gehören sie hin. Dort geht das wahre Leben weiter mit all seinen schönen und auch schweren Erlebnissen, Begegnungen und Aufgaben. Sich diesem Leben zu stellen, dazu will Jesus ermutigen, damals wie heute. – Auch Jack Johnson weiß, dass er den Fahrplan seines eigenen Lebenszuges letztlich nicht selbst bestimmen kann. Der alte Tausendfüßler wird weiterkriechen – und Jack muss eben mit. Für mich hört es sich ganz so an, als könne der Sänger und Surfer damit auch eigentlich recht gut leben. Jedenfalls solange er seine Ukulele dabei hat und ihn die Schienen ab und zu zum Strand führen.

(1:40)

Musik (9:30)

I wanna break on down

But I cant stop now

(0:20)

Ende: 9:50