Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu einer ökumenischen Trauung, Jesus Sirach 6,14

Pfarrer Dr. Frank Peters

21.05.2016 St. Servatiuskirche in Siegburg

Trauung

Lieber Sebastian, liebe Kerstin!

Auf den ersten Fotos, die ich von Euch beiden gesehen habe, da saht Ihr nicht ganz so schnieke aus wie heute. Ich erinnere mich an zwei junge Leute in ausgewaschenen Klamotten, mit müden, aber lachenden Gesichtern. Ihr saßt unter einem Sonnensegel oder in einem Zelteingang, irgendwo auf einem Feld in der Nähe eines Dorfes in Norddeutschland. Das Kaff würde hier in unseren Breiten niemand kennen, wenn dort nicht alle Jahre wieder eines der größten und bekanntesten Heavy-Metal-Festivals steigen würde: Wacken!

Auf einer Metal-Party auf der Burg Wissem habt Ihr Euch schon als Jugendliche kennengelernt – zu einer Musik, bei der Eltern sich die Ohren zuhalten, die Augen verdrehen und sich besorgt fragen, in was für Kreisen ihre armen Kinder denn da bloß gelandet sind. Seither seid Ihr gemeinsam auf unzähligen Festivals gewesen. Die Eintrittsarmbändchen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, würden wohl gar nicht mehr an einen Arm passen …

Sich ohrenbetäubender Musik auszusetzen und sich beim Headbanging die Nackenwirbel auszurenken, je nach Wetter unter sengender Sonne zu brüten oder durch knöcheltiefen Schlamm zu waten – all das ist ja nicht gerade jedermanns Geschmack. Meiner ist es, offen gestanden, auch nicht … Was ich aber sehr wohl mit Euch teile, ist die Bereitschaft – oder soll ich sagen: die Leidenschaft?! –, in einem Zelt zu übernachten.

Wer zeltet, der muss sich auf das Notwendigste, auf das Wesentliche beschränken – es ist sozusagen pragmatische Askese. Im Zelt gibt es wenig, ja: eigentlich gar keinen Platz, um sich zurückzuziehen. Man sitzt sich fast ständig auf der Pelle und muss sich zusammenraufen und vertragen – irgendwie. Darum haben zwei Menschen, die zusammen in einem Zelt hausen können, gute Aussichten, auch ihr ganzes Leben zusammen verbringen zu können, wie man an Euch sieht: Schon zehn Jahre seid Ihr zusammen, auch wenn Ihr nicht ständig im Zelt, sondern mittlerweile im eigenen Haus wohnt.

 

Ein Zelt ist ein Rückzugsort, eine Höhle, ein Schutzraum. Drinnen liegt alles, was man für die paar Tage oder vielleicht auch Wochen fürs Überleben braucht, und das ist von der Welt um einen herum nur getrennt, nur geschützt durch ein paar Mikrometer Textil. Bei Gewitter hört man dann, wie der Regen auf das Zeltdach trommelt; spürt, wie der Wind gegen die Zeltwand drückt und die ganze Konstruktion hin- und herwankt; und denkt beruhigt: „Wie gut, dass wir jetzt dieses Zelt über dem Kopf haben!“ – aber fragt sich auch ein wenig bange: „Ob das Zelt wohl dicht bleibt?! Ob die Abspannseile das wohl aushalten?!“

Wenn ich beim Campen spätabends oder frühmorgens über den Platz gehe, dann frage ich mich manchmal neugierig: „Wie mag es wohl in diesem Zelt aussehen oder in jenem?“ Und zugleich denke ich erleichtert:

„Gut, dass niemand in unser Zelt schauen kann – denn das geht auch keinen etwas an!“ Im Zelt können wir tun und lassen, was wir wollen. Dort darf ich und kann ich mich zeigen, wie ich bin, wie ich wirklich bin; so, wie mich kaum einer kennt – nur eben der beste Freund, die beste Freundin, der Mensch, dem ich alles von mir zeigen kann!

 

Ein treuer Freund ist wie ein festes Zelt;

wer einen solchen findet, hat einen Schatz gefunden.

 

Ihr beiden habt die Erfahrung gemacht, dass ihr einander ein solches Zelt sein könnt – sonst wärt ihr heute, nach all den Jahren miteinander, nicht hier! Ihr wisst aus vielen Momenten, wie unendlich gut das tut, sich einem Menschen wirklich anvertrauen zu können: dem einen, geliebten Menschen; sich ihm in den Arm zu legen, in ihn, in sie geradezu hineinkriechen zu können, sich bei ihr, bei ihm geborgen, zu Hause fühlen zu können.

Und Ihr kennt damit auch die andere Seite: Ihr wisst auch, was das in einem selbst auslöst, wenn sich ein anderer Mensch einem so vorbehaltlos anvertraut. Wunderschön fühlt sich das an – und doch zugleich auch ein wenig beängstigend: „Bin ich wirklich der, für den sie mich hält? Kann ich all die Hoffnungen, die er in mich setzt, überhaupt erfüllen?“

 

Das sind die Gedanken, von denen Paul Kuhr von Novembers Doom eben gesungen hat, als Ihr in die Kirche eingezogen seid und damit symbolisch Euer Ehezelt betreten habt.1 Man weiß ja bei Liedermachern nie so genau, ob sie nur mal wieder einen neuen Song schreiben wollten oder ob sie uns wirklich ihre eigenen Gedanken, ihre eigenen Gefühle offenbaren. Was aber sollte einem Metalhead solche Töne, solche Texte entlocken können, wenn nicht echte Liebe? Glauben wir es Paul Kuhr also einfach mal: Als er im dämmrigen Zwielicht eines zu Ende gehenden Tages im Bett seine friedlich schlafende Freundin im Arm hielt, da fragte er sich: „Wovon mag sie jetzt gerade träumen? Vielleicht wirklich von mir? Gar von meiner Liebe zu ihr, die ihr Herz wärmt?“ – Ja“, sagte er sich, wie um sich selbst zu bestärken, „ja, ich will dich lieben! Ich will immer über dich wachen! Ich will dir sicher Sicherheit schenken, wenn Du einmal Angst hast oder in Panik gerätst!“

Und dann singt Paul Kuhr diesen wunderschönen Satz: „Your dreams inspire me to be the best man I can be!“ „Es sind deine Träume, deine Sehnsucht; es ist die Hoffnung, die du in mich setzt, die mich beseelen und die mich erst der Mann sein lassen, der ich sein kann; der dich niemals fallen lassen wird und auf den Du stolz sein kannst!“

Was für eine Liebeserklärung! Im Zwielicht (twilight) des ausklingenden Tages keimt die Ahnung auf, dass die Liebe jenes Menschen da in meinem Arm mich über mich selbst hinauswachsen lässt und dass sie mir meine Unschuld (innocence) zurückschenkt, die Unschuld eines neugeborenen Kindes …

 

Deswegen tue ich mich offen gestanden schwer mit Wünschen, die an Tagen wie diesen so schnell gesagt sind: „Mögt ihr doch immer so verliebt bleiben wie heute!“ – „Das wäre doch schade“, denke ich dann, „wenn die Liebe nur so bliebe, wie sie jetzt ist! Liebe kann doch nicht nur verblassen – sie kann auch, ja: sie will sogar im Laufe der Jahre wachsen!“ Und Liebe wächst besonders dann, wenn ein anderer Mensch mir sein Vertrauen schenkt, mir seine Liebe entgegenbringt. Erst die Liebe des Anderen lässt uns zu dem werden, der wir von Anfang an waren und der zu sein wir bestimmt sind!

Darum ist das Ja-Wort, das ihr gleich einander zusagt, weder vermessen noch überheblich. Wer will schon ehrlichen Herzens von sich behaupten, das zu können: treu zu bleiben in guten und bösen Tagen in Gesundheit und Krankheit! Wenn wir ehrlich sind, müsste uns dieses Versprechen eher Angst machen: „Der bin ich doch gar nicht! Das kann ich doch gar nicht! Und schon gar nicht kann ich hier und heute sicher sagen, dass ich es auch in zehn, 20, 50 Jahren noch kann!“ – „Gut so!“, sagt die Liebe, „denn es geht doch gar nicht darum, dass wir etwas können, sondern dass wir uns fallenlassen: dass wir uns hineinfallen lassen in die Liebe des Anderen – und dass wir von dieser Liebe die Kraft erwarten, selbst weiter lieben zu können!“

 

Das klingt nun fast zu schön, um wahr zu sein – und das wäre es wohl auch, wenn es die ganze Wahrheit wäre. Wahr aber ist auch: So lieben, so leben können wir nicht alleine! So innig, ja: so intim die Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen auch ist: Sie kann nicht alleine bestehen und sie muss es auch nicht! Ihr gebt ja nicht ohne Grund euer Ja-Wort heute nicht im stillen Kämmerlein, nicht in eurer geliebten Feier-Garage und auch nicht im lauschigen Dunkel eines Zeltes. Nein, Ihr tut es hier und heute, vor all den Menschen, die Euch über die Jahre wichtig geworden sind, die euch aufgezogen, getragen, begleitet haben; mit denen ihr unglaublich viel Spaß gehabt und Freude geteilt habt, die euch aber – einige zumindest, da bin ich sicher – auch schon mal in den Arm genommen haben, die euch getröstet und begleitet haben, wenn Eure Zuversicht zu schwinden drohte, der Glaube an Euch und an Eure Treue und Liebe!

Eure Ehe braucht die Begleitung, den Schutz vieler anderer Menschen, nicht nur, aber besonders von anderen Eheleute und Paaren: von solchen, die offen und ehrlich genug sind, nicht nur ihre frohen und guten Tage mit euch zu teilen, sondern auch die eher neblig-düsteren; denn solchen Freunden werdet auch Ihr Euch anvertrauen können. Solche treuen Freunde sind wie ein festes Zelt für Euch beide und für Eure Ehe. Und: Für diese und für viele andere könnt und sollt Ihr Eurerseits ein Zelt sein: für alle die, die in der Familie, im Freundeskreis, im Reitverein Eure Gastfreundschaft, Eure Hilfsbereitschaft und Eure Herzlichkeit suchen und zu schätzen wissen.

 

Schließlich: Ihr gebt Euer Ja-Wort nicht irgendwo, sondern hier, in der Servatiuskirche. An diesem Ort, der besonders Dir, Sebastian, über viele Jahre vertraut ist; in dieser Kirche, die nicht ganz zufällig ein Walmdach hat, so wie es – zumindest früher – auch Zelte hatten. Ohne große Worte sagt Euch dieses Gotteshaus: Eure Liebe steht unter Gottes besonderem Schutz – nicht erst ab heute, aber erst recht ab heute! Gott spannt seinen Segen über Euch und Eure Ehe wie ein weites, ein festes Zelt. Unter seinem Segenszelt dürft Ihr leben und Eure Ehe wagen. Gottes Segen spannt sich nicht nur über Euch beide, sondern über alle, die Euch verbunden sind: über die, die heute hier sind, aber auch über die, die es gerne gewesen wären; auch über die, die Ihr nicht mitgebracht habt, aber die doch zu Euch gehören: Odie, Euren Hund, und Champ und Fuchur, Eure beiden Pferde.

 

Wenn nun an dieser Stelle – nicht ganz überraschend – auch von Gott die Rede ist, dann sei zu guter Letzt eines nicht verschwiegen: Gott ist auch ein leidenschaftlicher Camper! Nachzulesen im Johannesevangelium: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt! (Joh 1,14) – so kennen wir diese Stelle in der Regel; doch wörtlich heißt es dort: Gott hat in seinem Wort bei uns sein Zelt aufgeschlagen! Bei uns, unter uns – nicht nur über uns! Gottes Liebe nahm Menschengestalt an in Jesus Christus – davon spricht hier das Johannesevangelium, aber: Gottes Liebe nimmt auch Gestalt an in Euch, in Eurer Liebe zueinander!

Das meinen Katholiken, wenn sie sagen: „Die Ehe ist ein Sakrament!“ Die Ehe ist ein konkretes, ein quicklebendiges Zeichen für Gottes Liebe; und nicht nur ein Zeichen, das einfach in der Gegend herumsteht, sondern eines, das wirkt, das anpackt, das die Welt und die Menschen um sich herum verändert.

Wenn Gott wirklich die Liebe ist, dann ist er nirgends so nah, so menschlich erfahrbar wie dort, wo Menschen lieben: wo sie einander lieben und gemeinsam auch andere lieben. Dazu schenke Euch Gott seinen Segen: heute und alle Tage Eures Lebens!

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsre Vernunft,

der halte unsern Verstand wach

und unsre Hoffnung groß

und stärke unsre Liebe! (Uwe Seidel nach Phil 4,7)

Amen.

 

1 Der Song „Twilight Innocence“ der Band „Novembers Doom“ wurde beim Einzug über Lautsprecher eingespielt.