Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Hebräer 11,13-16 u. 13,14

Pfarrer PD Dr. Ulrich Beuttler (ev.)

26.06.2016 Straßenfest der Stadt Backnang

11,13 Abraham und die Väter und Mütter im Glauben sind alle voll Glauben gestorben, ohne das Verheißene erlangt zu haben; nur von fern haben sie es geschaut und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremde auf Erden sind. 14 Mit diesen Worten geben sie zu erkennen, dass sie ein Vaterland, eine Heimat suchen. 15 Und wenn sie das Land und die Heimat gemeint hätten, von dem sie ausgezogen waren, hätten sie ja Zeit gehabt, wieder umzukehren. 16 Nun aber sehnen sie sich nach einem besseren Vaterland, nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt vorbereitet.

13, 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

 

 

Heimat, liebe Straßenfestgemeinde, welch ein starkes und welch ein beladenes Wort. Dreimal taucht es in diesem Text auf, in dreifacher Weise möchte ich die „Heimat“ thematisieren.

 

Das erste: Die verlorene Heimat.

 

Wer flieht, packt keine Koffer, liebe Gemeinde. Wer fliehen muss, hat keine Zeit, die Dinge zu regeln, die Sachen zu ordnen, sorgfältig zu packen. Wer fliehen muss, der muss alles hinter sich lassen und kann nur das nötigste mitnehmen.

In den Vertreibungen während und nach dem zweiten Weltkrieg kam oft ohne Ankündigung die Militärmacht ins Haus, ließ eine halbe Stunde Zeit, um das etwas zusammenzuraffen, pro Person maximal 50 Kilo, so erzählen es viele der Vertriebenen aus den deutschsprachigen Ostgebieten, und dann ging es auf den Lastwagen und in den überfüllten Zug zum Abtransport.

Für viele „Flüchtlinge“, wie die Menschen hießen, die dann nach dem zweiten Weltkrieg zu hunderttausenden, zu 12 Millionen hierzulande heimisch wurden, war das oft eine traumatische Erfahrung. Wer flieht, kann kaum Koffer packen.

Wer heute vom Bürgerkrieg in Syrien flieht oder von untragbaren Zuständen in Militärdiktaturen in Schwarzafrika, kann auch keine Koffer packen. Er muss oft sogar die Familie zurücklassen und eine gefährliche Reise auf sich nehmen durch Länder, in denen es mit den Menschenrechten nicht so genau genommen wird, durchs Mittelmehr auf see-untauglichen Booten, von verbrecherischen Schleppern geschleust, bis sie vor Europas Grenzen stehen.

 

Menschen sind auf der Flucht, im 21. Jh. mehr als zuvor. Die UN zählt z.Zt. (nach dem Flüchtlingsbericht der UNHCR zum Weltflüchtlingstag diese Woche am 20.6.2016) 65 Mio. Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, fast so viele wie Deutschland Einwohner hat. Die meisten Flüchtlinge, die besonders im letzten Jahr zu hunderttausenden zu uns kamen, fliehen mit Grund, sie laufen vor der Armut oder dem Krieg und dem Terror weg, oder vor beidem. Sie fliehen nach Deutschland u. Europa, weil sie es hier im Leben besser haben möchten als zu Hause, das kein lebbares zu Hause mehr ist. Das gilt für jeden Einzelnen, jeder hat einen Namen, es ist keine „Flut“ aus Flüchlingen: Es ist Zaid aus Syrien, Sissoko aus Mali, Osarumwense aus Nigeria, Jerome aus Ghana, Jawad aus Afghanistan.

 

Auch wer das, wie die meisten von uns, zum Glück, nicht erleben muss, kann sich hineinversetzen in das menschliche Schicksal.

Auch der Bibeltext der ersten Christen setzt sich in die Situation hinein: Der Ursprung des christlichen Glaubens hat mit dem Verlust der Heimat zu tun. Abraham und die Väter und Mütter des Glaubens haben ihre Heimat verlassen. Sie sind ausgezogen aus ihrem Vaterland, im Vertrauen auf Gott, dass er ihnen eine neue Heimat, ein neues Vaterland geben wird, ohne zu wissen, wie und wo.

Die Heimat, das ist zuerst der Ort, wo man herkommt, den man aber auch verlassen und zurücklassen muss, um das Leben zu finden.

 

So ist die verlorene Heimat auch ein Symbol für das Dasein des Menschen überhaupt. Die Heimat ist zuerst der verlorene Ort. Die Bibel und die Geschichte des Glaubens fängt an mit dem verlorenen Paradies. Das Menschsein beginnt mit dem Verlust der Heimat, mit dem Verlust des idealen Lebens. Auch und gerade als Glaubende stehen wir hinter dem Paradies.

Fragt man jemanden nach seiner Heimat, so antwortet er gewöhnlich damit, wo er geboren oder aufgewachsen ist. Eine Spiegel-Umfrage ergab, dass auf die Frage, was für Sie Heimat ist, 2/3 der Befragten den Geburtsort oder den Ort der Kindheit nannten. Dabei wohnen die meisten längst nicht mehr dort.

Der Philosoph Christoph Türcke hat die verlorene Heimat sozialpsychologisch interpretiert: Der Geburtsort wird zwar als Heimat empfunden. Dabei ist Geburt doch das Gegenteil von Heimat. Ein Kind kommt „zur Welt“, d.h. es verliert die bergende, wärmende, nährende Hülle des Mutterleibs. Es wird hinausgedrängt in eine ihm fremde Umgebung. So ist das Menschsein von Anfang an, mit der Geburt, in der verlorenen ersten Heimat begründet, im verlorenen Mutterleib, in verlorenen Paradies: Das Leben ist gefährlich, man muss eine zweite Heimat nach der ersten Verlorenen ausbilden. Die Heimat, an der man als Kind anwächst, ist immer schon Ersatz für diejenige, in die man nicht zurückkommt.

 

Damit bin ich beim zweiten Begriff der Heimat: Der Heimat des Glaubens

 

Wie dem Kleinkind, so ist auch die Situation des Christen: Wir leben im Glauben, nicht im Schauen! Abraham und die Väter sind ausgezogen aus ihrem Heimatland, weil sie auf Gott vertrauten, dass er ihnen eine neue Heimat zeigen würde. Durch den Glauben ist Abraham ausgezogen, und durch den Glauben, heißt es im Hebräerbrief, ist er ein Fremder geblieben im dem verheißenen Land. So wie das Volk Israel in der Wüstenwanderung nach dem Auszug auf dem Weg ins gelobte Land sich Hütten in der Wüste bauen musste, so ist die Situation des Glaubenden, dass er unterwegs ist, unterwegs im Glauben und durch den Glauben, aber nicht angekommen, nicht schon zu Hause, nicht schon im Himmel und schon gar nicht zurück im Paradies.

 

Es gehört zum Erwachsenwerden des Menschen, dass man dies anerkennt: Die erste Heimat, der Mutterleib, ist für immer verloren, es gibt kein Zurück dahin, wo man wohlbehütet und genährt sein Leben als Embryo führen kann – manche Menschen, die nie erwachsen werden wollen, und manche Christen, die nicht glauben wollen, suchen jedoch genau dies: einen Glauben, bei dem man wie der Embryo zurück in den Mutterleib kriechen kann, damit man umsorgt ist, keine Verantwortung übernehmen muss, es bequem und kuschelig hat. Und Gott wird in solchem Wunschglauben zum Kuschelvater, zur Kuschelmutter, bei der man sich einnistet, um sich nicht abnabeln und nicht selbständig werden zu müssen.

 

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat den Christen, nicht ganz ohne Grund, vorgeworfen, mit ihrem Glauben solchen Mutterphantasien zu frönen, solche, wie er sagt, uteralen Sehnsüchte zu leben.

In der Tat: der Glaube und das Leben wären ja viel einfacher, wenn man immer in der Mutter bleiben könnte, aber es wäre auch infantil.

Für Abraham und die ersten Christen gehört es zum Wesen des Christen, im Glauben zu leben ohne die uterale Heimatssehnsucht. Glauben heißt, unterwegs zu sein in einer Welt, die gefährlich, die anspruchsvoll und anstrengend ist. Glauben heißt, auf Gottes Führung zu vertrauen, mit der Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben. Wer glaubt, der wartet nicht, bis er von Gott oder der Gemeinde bemuttert wird, wer glaubt, geht los, und lebt sein Leben, im Vertrauen auf Gott, der den Weg und das Ziel zeigt.

Glauben heißt unterwegs sein mit Gott, Glauben heißt auf dem Weg sein. Christen sind das wandernde Gottesvolk. Christen sind die Gemeinschaft derer, die mit Gott auf dem Weg sind, die jedoch noch längst nicht im Himmel und nicht im verheißenen Land sind.

 

Was den Glauben mit dem Schicksal der Flüchtlinge verbindet, ist dies, auf dem Weg und unterwegs zu sein, mit allen Unbequemlichkeiten, die das einschließt. Christen können sich in Flüchtlinge hineinversetzen, weil der christliche Glaube sich mit dem Wandern des Volkes Israel und dem Wanderdasein des christlichen Gottesvolkes verbunden weiß. Christen hausen quasi in Zelten, sie sind auf der Wanderschaft, sie gehen hinaus in die Welt und übernehmen Verantwortung für sich und andere. „Ihr sollt die Fremden nicht bedrängen, weil ihr selbst Fremde wart in Ägypten“, wird im 2. Mose vom Gottesvolk gefordert.

 

Allerdings würde ich nicht soweit gehen, wie es im Zusammenhang der Flüchtlingsthematik auch von kirchlicher Seite zu hören war: Flüchtlinge seien ein Geschenk Gottes, wurde da gesagt, Flüchtlinge seien eine Gabe Gottes.

Ich meine, eine solche Überhöhung verklärt die Sache: Die Flucht als solche, ihre Ursachen und Folgen, als solche, sind kein Gottesgeschenk. Man muss für Flüchtlinge nicht dankbar sein, man muss die Flucht und ihre Ursachen beklagen. Flüchtlinge sind kein Geschenk Gottes, weil die Flucht kein Geschenk Gottes ist. Nicht das Fliehen und die Flucht durch die Welt als solche macht zum Christen, sondern wie man damit umgeht.

Christen sind nicht unterwegs um der Flucht willen, so wie Flüchtlinge nicht aus Geschmack an der Flucht fliehen, das wäre geschmacklos und zynisch.

 

Von mancher Seite, auch von Flüchtlingsorganisationen, wird die Sache manchmal verklärt und überhöht, als ob es nichts anderes und nicht sonst wichtiges als dieses Thema gäbe.

Ich will hier keine politische Rede halten: Aber der Umgang mit dem Flüchtlingsthema krankt schon auch daran, dass es zwei Lager in unserer Gesellschaft gibt; die einen, die sozusagen jeden Flüchtling umarmen, und die andern, die ihn draußen halten wollen. Beides ist gleich falsch. Es kommt darauf an, einen angemessenen Umgang mit den Menschen, ihrem Schicksal und mit ihrer Zukunft zu gewinnen.

 

Damit bin ich beim dritten Thema: Die Heimat als Zukunft

 

Auch der biblische Text bleibt nicht dabei stehen, dass er das Fluchtdasein als solches verklärt und überhöht, sondern das Wandern im Glauben ist ausgerichtet auf eine Zukunft, auf eine Verheißung.

 

Der Umgang mit den Flüchtlingen kann nicht heißen, alle aufzunehmen, sondern die Aufnahme muss in geregelte Situationen und leistbare Integration hinübergeführt werden.

Man kann nicht einfach idealistisch sagen: Wir schaffen das, sondern man muss auch sagen, wie wir das schaffen, und in welchem Rahmen.

 

Hier sehen wir leider weder in unserm Land noch in Europa einen wirklichen Konsens. Das macht mir Sorge.

Denn so führt das Flüchtlingsthema dazu, dass wieder alte Nationalismen erstarken, die man als überwunden glaubte, und rechtsnationale Gesinnungen wieder Platz greifen, die man endgültig vergangen glaubte. Wir erleben z.Zt. eine zunehmende Spaltung Europas und auch Deutschlands in Nationen und Regionen, in Nationalitäten und Religionen. Neue politische Strömungen, die viele Anhänger finden, nicht nur von rechts, versuchen Stimmung zu machen gegen das Miteinander von Menschen und Religionen, sie spalten nach eigen und fremd, nach freund und feind, nach wir und ihr, sie säen Misstrauen und Fremdenfeindlichkeit, ja sie sprechen sogar eine Religion überhaupt und als ganze die Religionsfreiheit des Grundgesetzes ab. Das ist bedenklich.

 

Europa – auch das christl. Europa- hat nur dann eine Zukunft, wenn man es nicht wieder nationalistisch auseinanderspaltet. Europa hat nur Zukunft als eine Vision eines Miteinanders von Verschiedenheit. Wir wollen von Europa, vom christl. Abendland doch nicht nur den Sonnenuntergang übrig haben – wir wollen Europa als Land der Zukunft, als christl. Miteinander von Ländern und Nationen.

 

Das zeichnet auch christlich die Heimat als Zukunft aus: Die zukünftige Heimat, die den Christen versprochen ist, der Himmel, ist kein Tummelplatz des nationalen und der Gleichen unter Gleichen, dieHeimat, auf die der Glaube zugeht, ist die Stadt Gottes.

 

Die Stadt Gottes ist die Stadt der Ökumene der versöhnten Verschiedenheit, die Stadt Gottes ist eine solche, in der viele Glaubensüberzeugungen und Richtungen ihren Platz haben, weil sie sich alle unter Gott und nicht darüber stellen. Die Stadt Gottes ist ein großes ökumenisches Straßenfest, ein großer Straßenfestgottesdienst.

 

Das christliche Bild der Zukunft als eines Miteinander von Menschen verschiedenen Glaubens im einen Glauben an Gott, ist ein Hoffnungsbild für unsere Welt und unsere Gesellschaft.

Wenn wir nicht einfach pauschal eine von uns sagen lassen, wir schaffen das, sondern wenn WIR gemeinsam sagen, wir schaffen das, - im Rahmen des Möglichen - , wenn wir sagen, wie Xavier Naidoo singt: „Was wir alleine nicht schaffen, dass schaffen wir dann zusammen“, dann schaffen wir das auch – und mehr als wir glauben. Flüchtlingshilfsprojekte haben eine Zukunft, wenn sie auf Hoffnung aufgebaut, wenn sie nicht nur humanitär begründet sind, sondern auch hinführen auf Integration, auf eine Perspektive, die das Miteinander im Land im Blick hat – das Projekt, für das wir heute die Kollekte sammeln, ist ein solches, die Flüchtlingsklasse zur Arbeitsvorbereitung der Paulinenpflege Winnenden, in der jugendliche Flüchtlinge von traumapädagogisch geschulten Lehrkräften unterrichtet und zur Aufnahme einer Berufsausbildung vorbereitet werden.

 

Der Glaube an Gott vereint Menschen, weil er eine Zukunft verspricht; eine Zukunft nicht des und der Gleichen, sondern eine Zukunft versöhnter Verschiedenheit. Das ist Ökumene, das ist die Stadt Gottes, auf die Glaubende zugehen und ihre Heimat finden werden.

Die Heimat, das ist das Miteinander von Menschen im christlichen Geist des Friedens und der Versöhnung, Heimat als Verheißung ist das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft.

 

Heimat, welche ein starkes und welch ein beladenes Wort, liebe Straßenfestgemeinde, Heimat, so hat es auch die Theatergrupe in dreifacher Weise aufgegriffen, Heimat ist zuerst Verlust.

Das Paradies ist verloren, es gibt keine naive Heimat, auch nicht christlich, wir sind als Christen unterwegs im Glauben und haben die Heimat nur im Gottvertrauen des Glaubens (2.), dann ist

Heimat 3. ist eine Verheißung, ja Heimat ist eine Utopie, wie Bernhard Schlink sagt, ein Nichtort, ein Nicht-mehr-Ort, definitiv, aber Heimat ist auch eine Verheißung, eine Zukunft, auf die wir uns ausrichten, nämlich die Stadt Gottes: die Stadt Gottes, auf die wir uns ausrichten, ist die Zukunft als Miteinander von Glaubenden. Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen. Nach dieser Heimat habe ich Heimweh. Amen.