Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Hebräer 11,8-10

Pfarrer Hans Martin Baumann

24.03.2002 in der Kirche Huttwil/Schweiz

Bei der Goldenen und Diamantenen Konfirmation

Ergreife den Stafettenstab des Glaubens

Liebe Gemeinde!

Sie hätten viel zu erzählen, unsere lieben Jubilarinnen und Jubilare, die vor 60 und vor 50 Jahren konfirmiert wurden. Noch nie seit der Schöpfung der Welt war die Entwicklung so stürmisch wie im letzten halben Jahrhundert. Das spürte man nicht nur in den technischen Berufen. Auch im Haushalt, in der Kindererziehung und in der Landwirtschaft waren große Umwälzungen zu bewältigen. Das forderte uns alle sehr.

Nur gut, dass Gott seine Geschichte mit der Menschheit durchgezogen hat, dass auch der Eroberungszug der Liebe Gottes nicht versendet ist in dieser schnellebigen Zeit. Nur gut, dass auch das Volk Gottes unterwegs blieb, obwohl viele Christen müde und ausgelaugt wirken.

Darum passt der Hebräerbrief so gut in unsere Zeit. Dieses späte Schreiben des Neuen Testaments ist ums Jahr 100 nach Christus an Christen der dritten Generation adressiert. Verebbt war damals der Schwung der Pionierzeit nach dem Pfingsterlebnis. Es tauchten Schwierigkeiten auf, die man Jahrzehnte vorher so noch nicht gekannt hatte. Diesen erschlafften Christen will der Hebräerbrief Mut machen.

Dazu greift er das Bild des Stafettenlaufs auf. Der Stafettenlauf des Glaubens geht durch alle Generationen, solange diese Weltzeit tickt, dem Ziel des Reiches Gottes entgegen. Er geht auch durch die etwas müde Zeit ums Jahr 100 und durch die Müdigkeit ums Jahr 2002. Der Start des Laufes war nicht erst ums Jahr 30 am Pfingstfest. Schon Jahrtausende zuvor waren Frauen und Männer des Glaubens unterwegs.

Zu den sportlichen Stafettenläufen gibt es freilich Unterschiede. Im Spitzensport zählt die Schnelligkeit. Im Stafettenlauf des Glaubens geht es um ganz andere Werte, um Treue und Vertrauen, um Demut und Mut, ums Dranbleiben und gleichzeitig ums Offensein für neue Erfahrungen. Im Spitzensport haben nur junge Leute etwas zu bestellen. Bald gehört man zum alten Eisen. Abraham aber, eine prominente Figur im Stafettenlauf des Glaubens, war 75jährig, im Alter der diamantenen Konfirmanden also, als er zur entscheidenden Etappe gerufen wurde. Auch Moses war kein Jüngling mehr, als er die Aufgabe bekam, das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten zu führen. Weil er 40 Jahre als Schafhirte Geduld und Demut üben musste, war er wohl etwa im Alter unserer goldenen Konfirmanden.

Die drei Verse unseres Bibeltextes weisen uns am Beispiel Abrahams auf drei Merkmale hin, die auch für uns gelten, wenn wir im Stafettenlauf des Glaubens unterwegs sind. Die erste Besonderheit ist im ersten Satz verpackt: "Auf Grund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf weg zu ziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte, und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde." Das erste Merkmal ist der persönliche Ruf und der persönliche Auftrag an jeden einzelnen Läufer und jede einzelne Läuferin. Höchst erstaunlich ist das: Der grosse Schöpfer des Weltalls kennt und liebt jedes Einzelne von uns.

Jochen Klepper sagt es so: "Ob Gott gleich Mond und Sterne und Sonnen werden sah, mag er dich doch nicht missen in der Geschöpfe Schar, will stündlich von dir wissen und zählt dir Tag und Jahr."
Die amerikanische Schriftstellerin Catherine Marshall hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Gott hat keine Enkel." Was meint sie damit, Gott habe keine Enkel? Grosskinder sind doch auch etwas Schönes! Frau Marshall ist überzeugt, dass Gott zu jeder Person in jeder Generation den direkten Kontakt, den Kontakt vom Vater zum Kind sucht. Gute Traditionen und Bräuche in Ehren, sie sind wichtig für unseren Platz in der Traditionskette des Glaubens. Aber sie genügen nicht.

Gott will uns den Stafettenstab persönlich übereignen. Damit zeigt er uns, wie wichtig und wie lieb wir ihm sind. Der zweite Jesaja wendet sich ums Jahr 550 vor Christus an seine verelendeten und mutlosen Volksgenossen. Die waren so geknickt, dass sie nichts mehr von sich selbst erwarteten. Doch der Prophet durfte ihnen Gottes mächtige Hilfe zusagen: "Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein."

Kommen wir nun zum zweiten Merkmal mit dem zweiten der drei Sätze: "Auf Grund des Glaubens hielt sich Abraham als ein Fremder wie in einem fremden Lande auf, und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheissung, in Zelten." Als Fremder wie in einem fremden Land sind wir unterwegs. Wir sind auf der Durchreise, noch nicht am Ziel. Wir können auf dieser Erde nicht in einem letzten Sinne daheim sein. Das ist nicht nur darum so, weil wir den Tod vor uns haben. Dazu kommt, dass wir Menschen unserer göttlichen Bestimmung entfremdet, fremd geworden sind. Die Menschheit lebt in einer gefallenen Welt, einer sündig gewordenen Welt. In einem Bild gesprochen: es geht ein Sprung durch alle und durch alles hindurch, der die gute Schöpfung beeinträchtigt. Wenn wir genau hinhören, wie es mit uns und unserem Lebensraum Erde bestellt ist, ertönt ein "Scherbelton" statt eines hellen Glockentons - wegen dieses Sprungs.

Wir stehen jetzt in der Passionszeit. Am nächsten Freitag begehen wir den Todestag unseres Herrn. Dort, wo die ärgste Dissonanz "gescherbelt" und der Unschuldige den Kreuzestod erlitten hat, hat Gott das Böseste zum Besten gewendet. Durch die Vergebung soll der Sprung in der Beziehung mit Gott und der Sprung in den zwischenmenschlichen Beziehungen nicht nur zusammengekleistert werden, er soll ganz verschwinden.

Nun kommen wir zum dritten Merkmal: "denn er (Abraham) erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat." Wir sind unterwegs durch eine Zeit, in der uns wahrlich vieles nicht gefallen kann. Aber vor uns steht das gute Ziel, auf das alle Wege zulaufen, das Reich Gottes. Es ist wichtig, dass wir uns vom Bösen, das die Welt bedroht, nicht ins Bockshorn jagen lassen. Es ist wichtig, dass wir uns vom Rückenwind der Liebe Gottes, vom Schöpfungswind, vorn Weihnachts-, Karfreitags- und Osterwind der Liebe Gottes nach vorne schieben lassen, dem Reich Gottes entgegen. Dieser Wind heißt Heiliger Geist. Der Heilige Geist lässt uns hinter dem banalen Wind und der beschädigten Oberfläche des Lebens etwas Besseres erkennen. Es ist die Kraft der Liebe Gottes, die uns für jeden Menschen Hoffnung gibt.

Doch wie passt das zu den wenig angenehmen Erfahrungen von uns älteren Menschen, dass unsere Kraft abnimmt und dafür die "Besten" zunehmen, diese untrügIichen Vorboten des Todes. Ich denke: Gott will, dass gerade über der Zeit unseres Alters die Sonne seiner Gnade scheint. Wir sind zwar näher am Tod als die Jungen, aber auch näher an der Ewigkeit. Die holländische Evangelistin Corrie ten Boom pflegte zu sagen: "Das Beste kommt noch!"

"Halt! Jetzt müssen wir schauen, dass wir auf dem Boden bleiben!", mögen nun einige von euch denken. Hat nicht Friedrich Engels, der Freund von Karl Marx, an den Christen gerügt, sie vertrösteten die armen Leute auf ein besseres Jenseits, statt dass sie auf der Erde für gute Lebensbedingungen für alle kämpften. Aus Engels Einspruch möchte ich lernen, dass das Reich Gottes viel mehr ist als ein Ort von kleinen Privatparadiesen der Frommen. Nach unserem Text ist es "eine Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat." Alle Verhältnisse und Lebensbereiche werden total entgiftet und erneuert, alles, was dem Willen Gottes entgegensieht, wird abgebrochen. Dieser Wille Gottes aber soll nach der dritten Vater Unser Bitte bekanntlich nicht nur im Himmel, sondern auch auf Erden geschehen. Schon auf Erden sollen die drei christlichen Kardinaltugenden Glaube, Liebe und Hoffnung Fuss fassen, denen Gott Ewigkeitsdauer zuspricht.

Dabei gebe ich Friedrich Engels zu bedenken: Keine menschliche Ideologie, schon gar nicht die Ideologie des atheistischen Kommunismus, kann Gerechtigkeit und Frieden für alle schaffen. Die Motörlein aller Weltverbesserungsvorschläge und Gedankensysteme geben gar bald ihren Geist auf. Sie kapitulieren vor der harten Wirklichkeit. Aber der Motor der Liebe Gottes steht nicht still. Der hält durch. Seit Beginn der Schöpfung ist er ununterbrochen am Laufen. Während der Erdenzeit von Jesus Christus, und dann vor allem bei seinem Tod und seiner Auferstehung hat der Motor der Liebe Gottes gezeigt, welche Abgründe er überbrücken kann, welchen Feinden er überlegen ist. In den letzten Tagen dieser Weltzeit aber wird der Motor der Liebe Gottes den letzten Durchbruch schaffen, und uns in unser endgültiges Zuhause führen. Es ist das Reich Gottes, die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selber geplant und gebaut hat.

Amen