Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Hebräer 4,12.13

Dr. Friedrich Brandi, Pastor (ev.-luth.)

31.01.2016 Melanchthongemeinde in Hamburg, Groß Flottbek

Wie würden Sie, Liebe Gemeinde, wohl reagieren, wenn nach einem Attentat einer islamistischen Organisation – sagen wir mal ein Attentat auf eine christliche Minderheit in einem arabischen Land – also wenn nach so einem Attentat ein Bekennerschreiben zu lesen wäre, in dem Folgendes als Zitat aus dem Koran stünde:

„Allah ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und Allah ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Allahs, dem wir Rechenschaft geben müssen.“

Vermutlich wäre die Empörung groß. Man weiß es ja: Im Koran sind viele solcher Gewalttexte zu lesen, und genau auf diese Sätze berufen sich dann auch die religiös motivierten Attentäter. Sie sagen: Der Koran, also die Worte des letztgültigen Profeten Mohammeds, sind wahrhaftig und ewig gültig.

 

Liebe Gemeinde, Sie haben es vermutlich gemerkt: Bei diesem Text handelt es sich nicht um Verse aus dem Koran, sondern um zwei Verse aus der Bibel, aus dem Hebräerbrief. Verse, die wir vorhin als Epistellesung gehört haben – ich habe nur das Wort Gott durch die arabische Übersetzung von Gott ersetzt: Allah.

 

Lassen wir diesen Gedanken für einen Moment ruhen, ich komme darauf zurück.

Wie wird in der Bibel von Gott gesprochen? Es gibt kein eindeutiges Reden von Gott – mal ist er wie eine Sonne, mal wie der Mond, dann wird er als Richter beschrieben, als Vater (hier ein gütiger,dort als ein strenger Vater) und auch als Mutter, die Schutz spendet;  Jesus vergleicht Gott mit einem Haushalter oder einem Weingärtner. Ja, und dann ist da auch noch der Gott, der die Erstgeburten der Ägypter tötet und das den fliehenden Israeliten nachstürmende Heer im Meer qualvoll ersaufen lässt. Und dann ist er wiederum ein Hirte, der durchs finstere Tal führt, barmherzig und von großer Güte. Und am brennenden Dornbusch spricht die Gottesstimme: „Ich bin der ich sein werde“ oder anders übersetzt: „Ich bin da“ – so die wörtliche Übersetzung des hebräischen Jahwe)

 

Die große Herausforderung der biblischen Tradition und unseres Glaubens, der aus dieser Tradition schöpft und durch sie geformt ist, besteht darin, dass dieser Gott nicht zu sehen ist und deswegen auch nicht eindeutig zu beschreiben ist. Damit hatte schon das murrende Volk am Fuße des Sinai schon seine Not. Sie haben ein goldenes Stierbild gebaut, weil sie einen Gott zum Anfassen brauchten. Ein Problem, das bis heute andauert, denn dieser unsichtbare Gott beschäftigt immer wieder Konfirmanden, die sich fragen, wie sie denn an Gott glauben können, wo Seine Existenz sich doch gar nicht beweisen lässt. Und auch leidgeprüfte Menschen fragen sich und auch schon einmal mich als Pastor: Warum lässt Gott dieses Leid zu? Wenn Er dieses Leid zulässt, dann kann es ihn doch nicht geben.... Die Meisten von uns kennen solche Fragen.

 

Aber wie soll unser irdischer Verstand und unser zeitlich begrenztes Empfinden auch etwas beschreiben können, was von Ewigkeit zu Ewigkeit ist? Wie sollen wir mit unseren begrenzten Möglichkeiten reden von einem Gott, der größer ist als all unsere Vernunft? Wie von Gott reden, vor dem wir allein die Endlichkeit unseres Daseins und unsere irdische Begrenztheit erkennen können?

 

Man kann, liebe Gemeinde, von diesem Gott nur erzählen – und zwar davon erzählen, welche Erfahrungen ich und du mit diesem Gott gemacht haben. Ich kann erzählen, wann und in welcher Lage ich einen schützenden Gott erlebt habe, damals, als ich mich einsam und verlassen fühlte; oder als ich Glück erfahren habe; oder wenn ich wie aus heiterem Himmel Geborgenheit spüre, ohne genau sagen zu können, woher sie kommt; oder wenn mich der Feind in Gestalt einer unheilbaren Krankheit bedrängt und ich in dieser Bedrängnis erfahre, dass „Gottes Wort meines Fußes Leuchte“ ist (Ps 119) und ich dadurch wieder neue Kraft spüre und ich mich neu orientieren kann. Und: Ich kann auch erzählen, wo und wann mir Gottes Zuwednung gefehlt hat – und wie ich gerade in Seiner Abwesenheit Gott neu entdecken konnte.

 

Solche Geschichten stehen in der Bibel – oder anders gesagt: Die Bibel ist nichts anderes als Aufzeichnungen von Menschen und ihren Erfahrungen mit jenem Gott, der größer und mehr ist als unsere Vernunft. Es sind manchmal sehr nüchterne und manchmal sehr poetische Erlebnisberichte, aber alle haben eines gemeinsam: Sie erzählen von einem Gott, der bei den Menschen ist, bzw. – noch konkreter – bei mir in einer bestimmten Situation. Das heißt: Ohne diese bestimmte Situation lässt sich gar nicht von Gott reden; ohne den Kontext ist Gott gar nicht zu begreifen.

 

Wer die biblischen Beschreibungen von Gott allerdings als zeitlos gültig versteht, oder wer darin etwas Objektivierbares erkennen möchte, hat nichts verstanden von dem Gott der Bibel - - und auch nichts von all den unterschiedlichen Erfahrungen, die Menschen mit Gott machen! Und das ist der Hauptfehler der Islamisten (wohlgemerkt: nicht der Moslems, die überwiegend sehr differenziert und erfahrungsbezogen von Gott reden) und übrigens  auch der christichen Fundamentalisten: Sie lassen den Kontext weg und nehmen die poetische Sprache des Korans oder der Bibel als wortwörtliche Rede. Sie sagen: So ist Gott – da steht es doch!

 

Jetzt lese ich unseren Predigttext noch einmal. Und dabei schwingt der Kontext, in dem diese zwei Verse geschrieben worden sind, gleichzeitig mit:

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sonderns es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

 

Der Hebrärerbrief ist verfasst worden zu einer Zeit, als die junge Christenheit in höchster Bedrängnis lebte und verfolgt wurde. Man ging damals davon aus, dass die Welt bald untergehen wird und den noch lebenden Menschen nur noch eine kurze Zeit bleibt, um ein gutes und gottgefälliges Leben zu führen, damit man, wenn die Welt denn vergeht, auch wirklich ins Himmelreich eingeht – und nicht in die Hölle verdammt wird.

 

Nun gut, diese Vision von damals – von den Einen erhofft und von den Anderen gefürchtet – diese Vision hat sich nicht erfüllt. Die Menschheit lebt weiter – bis heute. Was jedoch damals galt, kann durchaus auch heute noch gültig sein – freilich in anderer Form. Wer sich und sein Leben, wer sein Denken, Fühlen und Handeln am Wort Gottes ausrichtet, der muss sich vom „Zeitgeist“ nicht gefangennehmen lassen. Das Wort Gottes, das in Jesus Mensch geworden ist, schärft unseren Blick auf das Weltgeschehen, ohne dass wir uns von ihm vereinnahmen lassen.

 

Wir sind es ja gewohnt, die Meinung unserer Lieblingszeitung zu übernehmen; wir schließen uns gerne den Gedanken und Urteilen der veröffentlichen Meinung an oder der Haltung unserer Freunde. Und dabei geben wir uns selbst selten Rechenschaft darüber, ob das denn wirklich richtig ist. In unserem Text aber wird gesagt – in sehr bildreicher und radikaler Sprache: Wir als Christen gehören nicht zu dieser oder jener Gruppierung von Menschen oder Ideologien. Als Christen gehören wir zu diesem unsichtbaren Gott, von dem die Bibel in unterschiedlicher Gestalt erzählt.

 

Wenn wir diese Zugehörigkeit zu Gott wirklich ernst nehmen, wird unser Urteilsvermögen auf besondere Weise geschärft. Denn dann sind wir nicht mehr Gefangene einer bestimmten Ideologie, keine „Sklaven im Geiste“ von irgendwelchen Meinungsmachern. Wir sind auch nicht zu faul zum Selberdenken, sondern wir entwickeln vor dem Hintergrund der Befreiungs-Erzählung des Alten Testaments, mit den Psalmen im Herzen oder mit den Gleichnisreden Jesu und den Gedanken des Paulus’ im Verstand eine eigene Position -- eine Position, die vom Geist Gottes durchtränkt ist. Und diese Position wird dadurch charakterisiert, dass sie eine heilsame Distanz zum Weltgeschehen aufgebaut ist. Damit erhält der „Gottesfürchtige“, um einmal dieses schöne alte Wort zu benutzen, die Möglichkeit, eine kritische Haltung einzunehmen, ohne sich von irgendjemasndem vereinnahmen zu lassen – es sei denn von Gott....  

 

Ohne jetzt noch all zu viele Fässer aufzumachen, möchte ich jedoch wenigstens andeuten, was ich damit meine, bzw. was ich vermute, was der Bibeltext von heute uns sagen möchte: Ob Flüchtlingsfrage, ob AfD oder Pegida, ob soziale Schere in Deutschland, ob Waffenlieferungen und Bekämpfung des Terrors mit Krieg und Gegengewalt, ob Gentechnik oder TTIP – immer gilt: Was sollte ich denken und sagen mit der Bibel in der Hand und mit dem Mensch gewordenen Wort Gottes, also mit Jesus im Herzen? Was heißt ganz konkret und in meinem Leben z.B. das radikale Liebesgebot: „Liebe deine Feinde und tu wohl denen, die dich hassen“? Wie verhalte ich mich all den drängenden Fragen der Zeit gegenüber, wenn ich mir bewusst bin, dass jeder Menschen, - wirklich jeder Mensch! – ein liebenswertes Geschöpf Gottes ist?

 

Man wird dann sehr schnell spüren, dass das Wort Gottes schärfer ist als jedes zweischneidiges Schwert und dass vor Gott unsere Herzenshaltung nicht verborgen bleiben kann. Wir müssen Rechenschaft ablegen – nicht vor irgendwelchen Menschen, sondern allein vor dem Höchsten, wie immer wir uns Ihn vorstellen.

 

„Denn nicht die Menschen, sondern Gott ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“

Amen