Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Heiligabend in einem ökumenischen Familiengottesdienst

Pfarrer Dr. Stephan Hagenow

24.12.2003 in Selzach/Schweiz

Predigt zu Heiligabend

Folgende Geschichte wurde vor der Predigt im Gottesdienst erzählt:
So war das mit den Engeln
Der Engelchor ist unterwegs auf die Erde um bei der Geburt des Sohnes, ihres Herrn, zu singen. Sie streiten, weil zwei niedere Engel, einer mit krummen Beinen, der andere mit abstehenden Flügeln behaupten, der Herr habe eine Textänderung aufgetragen. Nicht „Ehre sei Gott in der Höhe!“, sondern „Ehre sei Gott in der Tiefe!" müssen sie singen. Der Erzengel und ein paar Engel sind unsicher, weil der Herr in letzter Zeit eigenartige Beschlüsse gefasst hat, z.B. dass sein Sohn bei den Menschen geboren werden soll. Darum muss der Erzengel noch retten, was zu retten ist und er verbietet den neuen Text mit der Drohung, eure himmlische Karriere sei sonst zu Ende. Man kennt sie ja, die Unruhestifter, die immer etwas neues wollen. Der Stern, ihr Wegweiser, führt die Engelschar nicht zum hell erleuchteten Jerusalem, sondern zum kleinen Dorf Bethlehem. Dort angekommen verspüren sie wenig Lust vor ein paar ängstlichen Hirten zu singen und zu jubilieren. Nur ein Engel mit krummen Beinen und einer mit abstehenden Flügeln hüpfen umher. Sie sangen besonders fröhlich und hüpften lustig auf dem Feld herum.
Und als der mit den krummen Beinen ganz nah an einem Hirten vorbeikam, flüsterte er ihm leise ins Ohr, sodass es der Erzengel nicht hören konnte: „Ehre sei Gott in der Tiefe!". Da wurde der erschrockene Hirte ganz froh, und später erzählte er es seinen Freunden und die wurden auch froh, und der neue Text des himmlischen Herrn hatte sich bald herumgesprochen.
(Theodor Leonhard; gekürzte Fassung aus: Praxishilfe Weihnachten; hrg. von A. Beuscher, Nidderau 2001) Hi! Seid ihr gut drauf?
Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Hallo, verehrtes Publikum!
Ich Grüße Euch, meine Schwestern und Brüder!
Salut zäme, ist Euch wohl?
Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Liebe Heiligabend-Gemeinde!

Ihr seht, Grüße haben es in sich. Grüße sind nichts Beiläufiges. Nichts Unwichtiges. Grüße geben kund, wie eine Beziehung eigentlich gemeint ist. Wenn wir uns begrüßen, stellen wir klar, dass wir mit friedlichen Absichten kommen und dem anderen unser Wohlwollen gilt: Wir wünschen einen „guten Tag", wir sagen „Grüß Gott" und wünschen dem Gegenüber damit den göttlichen Segen. Ein Gruß kann kenntlich machen, wes Geistes Kind man ist. Manchmal auch wessen Ungeistes Kind: Von Cäsar bis Hitler verlangten die Diktatoren, dass man einander in ihrem Namen grüßt und sich das Heil wünscht. Grüße sind keinesfalls harmlos und unbedeutend.
Dies hat wohl auch der Erzengel gewusst und deshalb so harsch auf den ungewöhnlichen Gruß der beiden Engel reagiert. Die beiden tanzen aus der Reihe, der mit den krummen Beinen und der andere mit den abstehenden Flügeln. Auf krummen Beinen läuft man nicht mainstream mit dem Rest des Hofstaates. Und mit abstehenden Flügeln eckt man beständig überall an. Aber das wollen die beiden Querköpfe ja eigentlich gar nicht. Sie haben sich den neuen Text „Ehre sei Gott in der Tiefe!" ja gar nicht selber ausgedacht sondern behaupten steif und fest, dass der Herr selbst ihnen den neuen Text aufgetragen hat.
Zwar haben die anderen, die vom establishment, von der classe politique, den Satz ja auch gehört aber eben, so wörtlich könne der ja gar nicht gemeint sein. Die Geburt des Sohnes Gottes muss doch würdig gefeiert werden. Da muss man Gott in der Höhe loben und zu Höhenflügen in der Ehrerbietung auflaufen. Gott will doch schließlich verehrt werden, auch wenn er im Stall zur Welt kommt. Gott bleibt doch Gott - auch wenn er in Windeln gewickelt ist.
Und haben die vom mainstream nicht Recht, die mit den geraden Beinen und den eleganten Flügeln, wenn sie sagen, es ist uns wohl, wenn Gott Gott bleibt? Wenn wir ihn verehren können, da oben im Himmel. Wo er weit weg ist – und wo wir dann schimpfen können, dass er nie da ist, wenn man ihn braucht. Gott muss man doch anbeten und verehren können, mit feierlichen Gottesdiensten und einer Mozartmesse am Heiligabend. Mit vielen bunten Kugeln und glitzerndem Lametta. „Großer Gott wir loben dich, alles, was dich preisen kann, Kerubim und Serafinen, stimmen dir ein Loblied an, alle Engel, die dir dienen, rufen dir stets ohne Ruhe, Heilig, Heilig, Heilig zu.“ So singen wir doch auch gerne mit den Engeln zusammen. Vielleicht weil wir hoffen, dass ein wenig von dem Glanz auf uns abfärbt.

Wenn Gott schon so eine Schnapsidee hat im Stall auf die Welt zu kommen, dann wenigstens mit attraktivem Beiprogramm, himmlischem Hofgesang, niedlichen Schafen und imposanten Ochsen. „Ehre sei Gott in der Tiefe!", das lässt sich nur schwer aushalten. Auch wenn die Theologen an jedem Weihnachten wieder predigen, dass Gott Mensch geworden ist – so ganz richtig Mensch darf unser Gott dann doch nicht werden.
Warum eigentlich nicht? Ich vermute mal, weil wir dann Angst um unsere Erlösung haben. Es muss doch etwas Größeres, Geheimnisvolles geben – wie sollen wir von einem erlöst werden, der sich ganz auf unser Niveau herablässt womöglich noch mit krummen Beinen und abstehenden Flügeln. Oder mit anderen politischen Ansichten oder einem falschen Gesangbuch. Oder in den stinkenden, verarmten Hirten. Nein, es wehrt sich etwas in uns, die Menschwerdung Gottes so zu wörtlich zu nehmen, wie sie gemeint ist. Dass sich Gott ganz auf uns einlässt so wie wir sind, mit allen Schwächen und Eitelkeiten.
Aber die beiden kleinen anarchischen Engelchen lassen sich nicht abbringen und singen unverzagt: „Ehre sei Gott in der Tiefe!“ – freilich etwas leiser und nur zu denen, die es auch verstehen. Die mit der Weihnachtsbotschaft leben können, dass Gott Mensch geworden ist damit Frieden herrscht unter uns. Die Gott nicht im Himmel einen guten Mann sein lassen wollen, sondern die ihn auf den Boden der Tatsachen, in ihr eigenes Leben hineinholen wollen, Ehre sei Gott in der Tiefe, das sind alle, die Weihnachten als göttlichen Gruß verstehen.

Und der Gruß der Engel macht deutlich, wie Gott es mit uns Menschen meint: Gnade und Frieden – das will Gott für die Welt und für uns Menschen. Der Engel überbringt den Hirten und mit ihnen uns die Botschaft und den Gnadengruß Gottes: „In alle Finsternis und Traurigkeit der Welt sende ich meinen Heiland, den Retter, das Kind, das die Welt neu macht und verwandelt. Geht hin in den Stall, geht hin zu dem Kind, das in Windeln gewickelt in der Krippe liegt: Hier an diesem erbärmlichen Ort, hier, wo die Dynamik und Schönheit hier, wo aber auch die Zartheit und Gefährdung des Lebens so unmittelbar zu spüren ist hier mache ich alles neu. Hier bricht es an, das Reich Gottes, die Welt wie ich sie gewollt habe. Hier im Stall von Bethlehem komme ich euch ganz nahe. Ich kenne eure Traurigkeit. Ich nehme Teil an Eurem Leiden. Ich nehme selbst Schmerz und Ablehnung auf mich, weil ich euch nahe bin und euch liebe. Hier beim Kind in der Krippe seht ihr meine Macht.
Hört ihr es, liebe Engel zu Selzach? Diesen sanften Gruß Gottes, der allen Hass und Ärger sprengt. Diesen liebenvollen Gruß Gottes, der die Tiefe eurer Herzen erreicht. Hört ihr es – diesen leisen Friedensgruß Gottes. In seinem Namen Grüße ich euch.

Tschau zäme,
Häb sorg,
Machs guet
P'hüet di Gott,
„Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!"

Amen.