Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 52,7–10 u. Johannes 1,1-18

Dorothee Becker, Theologin und Seelsorgerin (röm.-kath.)

25.12.2015 Pfarrei Heiliggeist, Basel

Weihnachten

O du fröhliche Weihnachtszeit. Nun freut euch, ihr Christen. Herbei, o ihr Gläubigen, fröhlich triumphieret!

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht in dieser Zeit, liebe Mitfeiernde, aber wenn man es recht bedenkt, können einem die fröhlichen und zur Fröhlichkeit aufrufenden Lieder in dieser Zeit und am Ende dieses Jahres 2015 doch schnell im Hals stecken bleiben.

Mir jedenfalls ist es bei der Vorbereitung auf dieses Fest so gegangen. Und mehr noch. Die Lesungstexte aus dem Alten Testament haben mich bei der Vorbereitung angerührt wie noch nie. „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt“ und – aus der Lesung der Heiligen Nacht: „Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Frass des Feuers. Denn uns ist ein Kind geboren…“

Wenn ich diese tausende von Jahren alte Verheissungen lese, dann kommen mir aktuellste Bilder vor Augen. Kopfkino. Das sich nicht abstellen lässt. Menschen an Europas Grenzen, zu Fuss aus ihrer Heimat gekommen. Tausende von Kilometern Menschen auf den griechischen Inseln, dem Tod auf dem Mittelmeer knapp entronnen. Einstige Hochburgen der Kultur, die nun in Trümmern liegen: Aleppo, Damaskus. Die Mauer in Israel und die Gefahr einer weiteren Intifada. Menschen an europäischen Bahnhöfen, die nicht wissen, wie es mit ihnen weitergeht. Menschen in Paris und so vielen anderen Orten, die um ihre sinnlos ermordeten Angehörigen trauern.

Und die Diskrepanz zwischen der Realität und der Verheissung schmerzt mich unendlich, nimmt mir den Atem, ja, lässt mir die Tränen kommen.

Wie können wir mit diesen Bildern Weihnachten feiern, fröhlich sein, die Ankunft des göttlichen Kindes in der Welt, so wie sie ist, besingen? Müsste dieses Kind nicht auf der Stelle kehrt machen? Denn: die Seinen nahmen ihn nicht auf. Dürfen wir überhaupt feiern, so lange Kinder auf dem Weg nach Europa im Mittelmeer ertrinken? Oder, wie auch diese Nacht wieder, gerettet werden müssen?

Es ist gut, sich diese Fragen zu stellen. Es ist gut, sich dessen bewusst zu sein, dass weder zur Zeit des Jesaja noch zur Zeit Jesu, der in einem besetzten Land aufwuchs und erst recht heute kein himmlischer Friede herrscht. Kein Friede auf Erden.

Und es ist gut, trotzdem zu feiern. Ja, wir dürfen feiern und uns freuen. Nicht triumphierend und nach dem Motto: wir sind die Grössten, weil wir wie Gott sind. In diese Versuchung könnten wir ja kommen, wenn wir sagen: Gott wird Mensch.

Nein, nicht so, sondern: leise und demütig. Weil Gott sich klein gemacht hat. Weil er ein Kind geworden ist, hilflos und machtlos. Weil er sich die Not und Hilfsbedürftigkeit von uns Menschen zu eigen gemacht hat. Sie selber am eigenen Leib erfährt. Weil er Licht und Leben ist und will, dass wir das Leben haben und es in Fülle haben.

Ja, wir dürfen feiern und uns freuen darüber, dass Gott Mensch geworden, dass das Wort Fleisch geworden ist. Und wunderbar ist es und es wird die Welt verändern, wenn wir diese Freude darüber mit anderen teilen.

Es ist ein Geheimnis: das Wort ist Mensch geworden in dem, der zugleich am Herzen des Vaters ruht.

Wenn er doch die Kunde brächte vom Herzen des Vaters, seine Botschaft der Liebe, die alle, die ihn hören, ergreift! Wenn er doch das Licht brächte in unsere Welt!

Wenn diese Welt sich doch änderte durch alle Menschen guten Willens, denen die Engel zugerufen haben in der heiligen Nacht: Friede den Menschen seiner Gnade.

Dann könnten wir ihm glauben, dem Freudenboten, der auf den Bergen den Frieden ankündigt, der die frohe Botschaft bringt, der Rettung verheisst. Dann könnten wir ihn erkennen, ihn in seinem Eigentum aufnehmen und wenn wir dann die Macht haben, Kinder Gottes zu werden, kann Weihnachten werden, heilige Nacht.

Dann dürfen wir, ja, dann müssen wir Weihnachten, die Menschwerdung Gottes, die Ankunft des göttlichen Kindes feiern als Zeichen der Liebe, des Lichts und des Lebens gegen Gewalt, Hass und Tod. Der grosse Theologe Karl Rahner sagt:

„Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt, ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, weil es Gottes endgültige Tat, weil es Gott selbst in der Welt ist. Und dieses Wort heisst: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch. Ich bin da, ich bin bei dir. Ich bin deine Zeit. Ich weine deine Tränen. Ich bin deine Freude. Ich bin in deiner Angst, denn ich habe sie mitgelitten. Ich bin in deiner Not. Ich bin in deinem Tod, denn heute begann ich mit dir zu sterben, da ich geboren wurde, und ich habe mir von diesem Tod wahrhaftig nichts schenken lassen. Ich bin da. Ich gehe nicht mehr von dieser Welt weg, wenn ihr mich jetzt auch nicht seht. Und meine Liebe ist seitdem unbesieglich. Ich bin da. Es ist Weihnachten. Zündet die Kerzen an. Sie haben mehr recht als alle Finsternis. Es ist Weihnacht, die bleibt in Ewigkeit.“[1] Amen.

 


[1] K. Rahner, aus: Sämtliche Werke. Band 7: Der betende Christ. Geistliche Schriften und Studien zur Praxis des Glaubens. Freiburg 2014; zit. n. Der andere Advent. Hamburg 2015.