Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 66,10-14

Pastor Henning Hinrichs (ev.-luth.)

06.03.2016 Auferstehungskirche Reppenstedt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

bei den diesjährigen Oscar-Verleihungen hat in der Kategorie „Zeichentrick und Animation“ der Film „Alles steht Kopf!“ den Oscar bekommen als bester Film. Schon lange hat mich kein Film mehr so bewegt wie dieser. Und das liegt unter anderem daran, dass die Idee des Films so genial ist. Der Film spielt nämlich im Kopf, oder besser im Gehirn des 11jährigen Mädchens Riley.

In ihrem Kopf agieren fünf Wesen, die für ihre Gefühle stehen. Auf den Karten, die Sie zu Beginn bekommen haben, sind sie abgebildet. Sie steuern Rileys Empfinden und ihr Handeln, je nachdem, wer gerade an der Schaltzentrale steht, auf Knöpfe drückt, Hebel bewegt. Und das Gefühl, das die Kontrolle hat, färbt Rileys Erlebnisse und Erinnerungen dann ein und so wandern sie ins Gedächtnis und später ins Langzeitgedächtnis.

Da ist Freude, eine quitschgelbe Frau mit blauen Haaren, die immer fröhlich wie ein Flummi durch die Steuerzentrale hüpft, alles positiv bewertet, hier Möglichkeiten sieht, dort Begeisterung verstreut, immer laut, immer strahlend, immer voll sympathisch. Durch Freude kann Riley Vertrauen und Kraft gewinnen, ihr Leben genießen und erfahren, dass es gut ist. Das sind die gelben Erinnerungen.

Dann ist da Angst, ein schmaler Mann mit riesigen Glubschaugen, der vor Gefahren warnt, abwägt, hin und her überlegt und der Riley zurückschrecken lässt, wenn er an der Schaltzentrale steht. Durch Angst wird Riley vor schmerzhaften Situationen bewahrt. Das sind die violetten Erinnerungen.

Wut ist da, ein kleines kompaktes rotes Energiebündel, dessen Kopf bei Wutausbrüchen Feuer speit, der Rileys aggressive Seite steuert und sie zugleich aber auch antreibt, energisch an Sachen heranzugehen. Durch Wut kann Riley sich durchsetzen.

Ekel ist da, eine grüne Frau mit angewidertem Gesicht, die Riley aber erkennen lässt, was sie mag und was nicht.

Und dann ist da Kummer, eine kleine rundliche blaue Frau, langsam und lethargisch in ihren Bewegungen. Alles was sie anfasst, wird kaltblau gefärbt – selbst die schönsten Erinnerungen. Wozu ist sie da? Alle anderen Gefühle haben ihre gute Funktion, aber sie, Kummer? Zerstört sie nicht alles, was vormals so gut war?

Es ist wie im Leben, man bewertet die Freude als gut, den Kummer als schlecht. Niemand will Kummer und Traurigkeit erfahren, es wäre doch so schön, wenn überall Lachen und Feiern wäre.

Aber das Leben ist ja oftmals anders. Wie ist das für die Syrer hier in Reppenstedt, wenn sie Bilder ihrer zerstörten Heimat sehen müssen, jetzt in den Fernsehern, später vielleicht bei der Rückkehr? Und wie war es für das Volk Israel, das aus der Gefangenschaft kam und das verwüstete und verwahrloste Land sah?

Im Predigttext für den heutigen Sonntag fordert Jesaja die Israeliten auf, sich zu freuen, weil sie nach dem Exil, der Deportation in das Babylonische Reich endlich wieder in ihre Heimat kommen, und diese Heimat, die sie verwahrlost und zerstört antreffen, wieder blühen soll.

Wie schwer es ist doch, Freude zu empfinden! So erging es den zurückgekehrten Israeliten. Kummer gegen Freude.

Freuet euch, sagt ihnen Jesaja, freut euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust.

Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Nun kann man Freude nicht einfach verordnen. Das macht diese Worte so werbend wie auch wenig überzeugend, wenn man vor sich nur die Trümmer des eigenen Lebens sieht und alle Phantasie verloren hat, wie blühend und grünend diese Landschaft auch eventuell oder auch nicht wieder sein könnte?! Der Kummer färbt dann selbst die guten Erinnerungen ein. Selbst was früher schön und fröhlich war, wird im Wissen, dass es schon lange vergangen ist, vom Kummer eingenommen. Wozu Kummer?

Um zu verstehen, wie ein Mensch aus diesen Worten Jesajas oder Gottes tatsächlich Hoffnung finden kann, fehlt irgendwie etwas, ein missing link, ein wichtiges Verbindungsstück, dass den Übergang vom Kummer zur Freude erklärt.

Dieses Verbindungsstück liegt, so seltsam es scheint, im Kummer, und darum geht es in diesem Film „Alles steht Kopf!“.

Im Film werden Freude und Kummer durch ein Unglück aus der Schaltzentrale heraus katapultiert und müssen nun versuchen, wieder dorthin zurück zu kommen, wo sie hingehören, denn sonst könnte ja Riley nie wieder Freude empfinden – oder Kummer, aber die vermisst ja niemand.

Auf ihrer Reise zurück lernen sie irgendwo im Langzeitgedächtnis Rileys lustige  Fantasiefigur auf frühester Kindheit kennen, eine Mischung aus Elefant, Plüschteddy und Zuckerwatte: BingBong.

Er ist bereit, sie zur Schaltzentrale zu führen. Er selbst träumt davon, irgendwann wieder wichtig für Riley zu sein, wieder mit ihr spielen zu dürfen wie damals, in ihre Welt zurückkehren zu dürfen... Bis er merkt, dass dies nur ein Wunschtraum ist, weil Riley kein Kleinkind mehr ist, es nie wieder werden wird, und sie für ihn für  immer verloren ist. Er, der so fröhliche BingBong, sackt da in sich zusammen, starrt nun nur noch vor sich hin, der lustige BingBong, ausgemustert.

Wer kann ihm helfen in seinem Schmerz? Freude? Was soll sie positiv bewerten, welche Möglichkeiten aufzeigen, wo es offensichtlich erst einmal keine Möglichkeiten mehr gibt? Wie Begeisterung verstreuen wofür? Freude?

Kummer setzt sich zu ihm, lässt ihn reden, versteht und empfindet  die Verlorenheit von BingBong, kann mitweinen und leiden. Denn im Kummer steckt ja auch das Mitleid, das Mitgefühl, der Trost, der im gemeinsam empfundenen Kummer liegt, wenn man nebeneinander sitzt, weint, sich hält. Und BingBong steht dann doch wieder auf und führt die beiden weiter.

„Wie hast du das gemacht, Kummer?“ - fragt Freude.

Später hält Freude eine der schönsten Erinnerungen Rileys in Händen, wie sie von ihrem Eishockeyteam in die Luft geworden wird, das hatte sich Freude immer und immer wieder angeschaut. Es war so schön.

Doch diesmal schaut sie sich zum ersten Mal auch das an, was kurz vor dieser Freudenszene passiert war. Und da sitzt Riley traurig und allein auf einem Ast. Was war passiert? Hatte sie vielleicht beim Spiel versagt? Und wie konnte das sein? Da die Trauer und Einsamkeit und etwas später die Freude, ihr Team, das sie in die Luft wirft.

Und dann sieht Freude das Verbindungsstück. Wie ihre Eltern zu ihr kommen, wie sich der Vater links, die Mutter rechts von ihr auf den Ast setzen und sie fest umarmen, zuhören, mit ihr reden, oder einfach da sind. Und wie Riley dann irgendwann wieder zu ihrem Team gehen kann, empfangen und bejubelt wird, selbst wieder jubeln kann.

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Wer die Gegenwart Gottes in seinem Leben spürt, vielleicht im Gebet, vielleicht Gott erkennt in den Gesichtern, die plötzlich, vielleicht sogar in dramatischen Situationen zur Stelle sind, der empfindet das wohl so. Der erlebt, wie aus Verzweiflung neuer Aufbruch wird, aus Trauer wieder Freude, weil es dieses Verbindungsstück gibt. Im Angesicht Gottes alles sagen zu können oder einfach nur schweigen oder weinen oder sein zu dürfen bei diesem liebevollen und mitleidenden Gott.

Der erlebt, wie sich in und durch Gott plötzlich Kummer und Freude vereinen können und zur Wahrhaftigkeit werden – wie in dieser Passionszeit im Sterben und Auferstehen Christi.

Im Film treten Freude und Kummer nach ihrer Rückkehr gemeinsam an das Schaltpult, färben Rileys letztes Erlebnis, in dem sie Trauer, Trost und Versöhnung erlebt hatte, gelb und blau, gleichzeitig. Und sie wissen, dass das, wo sich Freude und Kummer vereinen, dass das die wirklich wichtigen Erlebnisse sind.

Warum hat mich dieser Film so bewegt? Ist ja nur ein Film und genau genommen sind die Figuren ja auch recht banal, comichaft.

Weil er etwas in mir zum Schwingen gebracht hat, meine Freude und meinen Kummer und meinen Trost in all den Irrungen und Wirrungen meines Lebens. Der Film erzählt ja eigentlich etwas für mich.

Und so ist es im günstigen Fall ja auch mit Bibeltexten. Einfach so aufgeschlagen und kurz gelesen wirken sie manchmal holzschnittartig und vielleicht wenigstens noch informativ. Aber vielleicht sehe ich ja auch, dass sie etwas für mich erzählen. Sie sprechen auch von meinen Trümmerfeldern, reden über die Freude, die ich wieder empfinden soll, aber zunächst von Kummer, Mitgefühl und Trost, die  dazwischen liegen und zu erleben sind in diesem Gott, der so liebevoll, leiderprobt und - wie hier - mütterlich ist.

Nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen.

Und der Friede Gottes, der größer ist als all unsere Vernunft, bewahre unserer Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.