Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 1,45–55

Prädikantin Jutta Köster (ev.-luth.)

02.04.2017 Martinskirche Engelbostel-Schulenburg

Marias Lobpreis

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater, der da war, der da ist und der da sein wird. Amen.

Die erste Frühlingssonne zieht mich hinaus in den Garten. Das junge Grün zeugt davon, dass die Natur sinnbildlich gesprochen „in den Startlöchern“ steht. Die Knospen des Schneeglöckchens sind schon zu erkennen. Der Strauch der Zaubernuss als Zeichen des ausklingenden Winters blüht schon. Ich suche mir auf der Terrasse eine geschützte Stelle, decke einen Gartensessel ab und genieße diese erste, kraftspendende Wärme. Schließlich schlafe ich ein.

Vom Nachbarsgrundstück höre ich eine Melodie. Es ist eine helle Frauenstimme. Ich schaue auf, ob meine Nachbarin Elisabeth auch in ihrem Garten ist, obwohl die Stimme nicht zu ihr passt. Nein, es ist eine sehr viel jüngere Frau, die singt.

Ach ja, ich erinnere mich. Zacharias und Elisabeth, die in einigen Wochen ihr erstes Kind erwarten, auf das sie schon so lange gewartet haben und aufgrund ihres hohen Alters auch nicht mehr zu hoffen gewagt haben, haben Besuch von ihrer sehr viel jüngeren Schwester Maria. Das muss die junge Frau sein, die singt. Sie wirkt von weitem so glücklich und gelöst.

Wie ungewöhnlich, denke ich bei mir, dass man im Garten steht und aus voller Seele und mit vollem Herzen singt. Doch ich werde neugierig. Aber, was singt sie da nur?

„Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.“

Ach ja, Maria ist auch schwanger! Es ist wahr! Maria lobpreist Gott für seine Wahl und dankt für ihr ungeborenes Kind. Sie freut sich auf das Kind, denn Gott hat Großes an ihr getan. Und doch,

ich weiß, sie hat ihre Schule noch nicht zu Ende, wohnt noch zu Hause und führt ein einfaches Leben bei ihren Eltern in Nazareth.

Woher nimmt sie diese Freude und Hoffnung, denke ich bei mir. Sie ist knapp 14 Jahre, wirkt allerdings älter. Man sagt, der Vater des Kindes könnte Joseph sein, nicht viel älter als Maria, der in einer Schreinerei arbeitet. Wer weiß, ob das stimmt. Wie soll das auch gehen? Er ist doch selber fast noch ein Kind und hat nichts. Maria hat doch noch ihr ganzes Leben vor sich, noch nichts von der Welt gesehen und jetzt das, ein Kind. Wird Joseph sie überhaupt heiraten? Und wenn nicht? Und doch, trotz allem oder gerade deswegen steht diese gottesfürchtige Frau da voller Hoffnung und Zuversicht und Dankbarkeit. Maria singt. Singt ihr Glück in die Frühlingssonne hinaus, denn sie weiß sich von ihrem Glauben getragen. Ihr Lobgesang rühmt die Gnade Gottes gegenüber allen, die ihm vertrauen. Und Maria vertraut Gott. Ein Engel hat ihr verkündet, dass ihr Kind ein ganz besonderes sein wird. Und mit all diesem Gottvertrauen steht sie in der Frühlingssonne. Und auch ich verspüre plötzlich tief in mir drin eine Dankbarkeit und Freude über diesen Frühlingstag. Ich habe noch nie einen Menschen so singen gehört….

Doch - Maria singt weiter:

„Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht

bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm

und zerstreut, die hoffärtig sind in ihrem Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unseren Vätern,

Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.“

Ja, trotz ihres jungen Alters, weiß Maria von den Problemen der kleinen Leute nur allzu Gut. Wenn sie zu Besuch ist, hilft sie zusammen mit ihrer Schwester Elisabeth in der Kleiderkammer des Dorfes. Viele Flüchtlingsfamilien sind es, die jetzt zu ihnen kommen. Maria weiß von der Not in den totalitären Ländern dieser Welt, in denen Verfolgung und Krieg herrschen. Sie ist sich sicher, ihr Gott wird diese Herrscher vom Thron stoßen und Frieden und Hoffnung für alle Menschen bringen.

Oder denkt sie dabei auch an Herodes und Augustus, frage ich mich, die römischen Herrscher, die Judäa und Galiläa so viel Leid und Elend zufügen? Auch ihre Familie hat in Nazareth darunter zu leiden.

In Marias Lied werden alle Gläubigen mit Christus auf dem Thron sitzen und Frieden bringen. Doch Vorsicht, die römischen Soldaten sind überall! Sie darf nicht so laut singen! Sie könnte für diese Worte gefangengenommen werden.

Ja, Maria sing für den Frieden. Damit kann man so viel erreichen. Schon einmal haben Menschen allein durch Gesang, Gebete und Kerzen Frieden und Freiheit erreicht. Die legendären Montagsdemonstrationen waren ein bedeutender Bestandteil der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR und führten 1989 zum Fall der Mauer, die Ost- und Westdeutschland trennte, ohne dass ein Tropfen Blut vergossen wurde. Gemeinsames Singen, gemeinsame Gebete und gemeinsamer Glaube kann stark machen; kann die Welt bewegen, kann die Welt verändern…..Ich höre laute Stimmen.

Durch die Zweige sehe ich Elisabeth in den Garten treten. Die beiden Frauen lachen sich an, obwohl Elisabeth nicht gerade zum Lachen zu Mute ist. Ihr Mann Zacharias hat vor kurzem seine Arbeit verloren und in seinem Alter ist es schwer eine neue Anstellung zu finden. Das Geld ist knapp und sie werden von der Tafel mit Essen unterstützt. Bald sind sie zu dritt. Wie soll es dann weitergehen, denke ich so bei mir. Aber Elisabeth sieht nicht traurig und hoffnungslos aus. Sie singt sogar mit Maria mit und lobt den Gott der die hungernde Seele, die sich hilfesuchend an ihn wendet, sättigt. Das gilt sowohl für den leiblichen als auch für den geistlichen Hunger! Die Frauen sind sich einig. Die Reichen sind diejenigen, die in dieser Welt alles haben und von Gott nichts wissen wollen. Am Ende bleiben sie leer, d.h. sie bekommen von Gott keine Erlösung und keine Gnade.

Die letzte Predigt im Gottesdienst am vergangenen Sonntag kommt mir in den Sinn. Sie handelte vom reichen Kornbauern, dem es genauso erging. Vor dem Sterben sagte Gott zu ihm: „Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?“ Der Kornbauer war ja nicht reich bei Gott.

Aber diese beiden Frauen im Garten nebenan in der ersten Frühlingssonne, ja, ich bin mir sicher, sie sind reich bei Gott. Sie singen drauf los, weil sie nicht anders können. Sie erheben die Stimme, achten nicht auf falsche oder richtige Töne, sondern singen von dem, was sie bewegt, was ihr Herz erfüllt. Singen von Gottes Stärke und Kraft, von seiner Macht, die gewaltig verändert und dabei die Barmherzigkeit nicht vergisst. Lautstark davon erzählen, dass Gott mir Ansehen und Stärke verleiht.

Die beiden Frauen sagen einander zu: „Gesegnet bist Du! Du hast recht getan, Gottes Wort zu vertrauen.“

Zulassen, wenn Gottes Geist am Werk ist, weil dann erst Zukunft wachsen kann. Zukunft für die Frauen und deren Familien, Zukunft für Johannes, den Täufer, und für Jesus Christus, Gottes Sohn. So entsteht ein kraftvolles Lied über Gottes Macht und Stärke, das von seiner Barmherzigkeit singt. Die Formulierungen lauten nicht: Irgendwann wird es so sein. Nein: Heute, jetzt, in diesem Moment, hier im Garten der Nachbarin, wirkt die göttliche Kraft; jetzt schenkt sie Barmherzigkeit; jetzt nimmt sie sich unser aller an; jetzt verändert sie die Welt.

Lossingen, gemeinsam, wenn wir solche Momente erleben, wenn Gottes Geist uns erfüllt und zum Singen bringt. Verkünden, dass Gottes Herrschaft zum Guten führt und unser Glaube an Jesus Christus uns in Situationen trägt und hilft, wo manche keinen Ausweg mehr finden und nicht wissen, wie es morgen weitergehen soll. In solch ein Lied stimme ich gerne mit ein.

Mir wird kalt, die Sonne ist weg, ich erwache.

Doch manchmal, wenn ich in den Garten gehe, sehe ich Maria wieder vor mir, wie sie im Scheine der Frühlingssonne singt. Manche Sorgen schwinden dann und ich summe das Lied leise vor mich hin, dessen Text im Evangelium des Lukas, Kapitel 1, Verse 45 – 55, zu finden ist. Das hat mir Elisabeth verraten. Singen sie doch einfach mal mit!

Amen.