Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Matthäus 20,28

Dieter Göring, ev. Religionslehrer

22.03.2016 evangelische Kirche in Wilferdingen

Das macht nicht jeder! (Merkt's euch! Ich komme am Schluss darauf zurück!)

 

19irgendwas80. Ich war Schüler der 7. oder 8. Klasse.

Eines morgens sitze ich wie immer in der Straßenbahn auf dem Weg zur Schule. Kurz nach Spielberg treten auf einmal drei Männer heraus und erklären: „Fahrkartenkontrolle!“ Sofort bricht allgemeine Hektik aus. Jeder gruschtelt nach seiner Monatskarte. Manche haben sie gleich bei der Hand und wirken im Nu wieder entspannt.

An diesem Morgen sieht es nicht gut für mich aus: Ich merke schnell, dass ich die Fahrkarte – verflixt nochmal – zu Hause liegen lassen habe. Und dann ist auch schon prompt der Kontrolleur bei mir. Ich stelle mich suchend und spiele auf Zeit. Entsprechend bitte ich den Schaffner, noch einen Moment zu warten. Ich würde die Monatskarte bestimmt gleich finden. Absolut sicher! Zu meinem Glück hat der Schaffner heute Morgen tatsächlich gute Laune und checkt erst mal andere Schüler um mich herum.

Aber meine Fahrkarte ist eben nicht da! Da ist nichts zu machen. Fieberhaft überlege ich, ob ich noch eine Chance habe, aus der Nummer heil rauszukommen. Schließlich  habe ich eine Idee: Mit rasendem Puls bitte ich einen Freund, der bereits kontrolliert wurde, mir heimlich seine Fahrkarte zuzuschieben. Ronald fackelt nicht lange und steckt sie mir zu. Und dann geht alles blitzschnell: Der Schaffner dreht sich mir wieder zu. Zitternd halte ich ihm die Fahrkarte hin – jetzt kommt's drauf an! Und womit ich im Leben nicht mehr gerechnet hätte: Nach einem kurzen Blick nickt er mir zufrieden zu. Dass der Kerl auf dem Passfoto der Monatskarte pechschwarze Haare hatte, war dem Kontrolleur gar nicht aufgefallen!

Ich kann euch kaum beschreiben, wie erleichtert ich an jenem Morgen war. Ronald war an diesem Tag mein absoluter hero. Im letzten Moment hatte er mich 'rausgehauen und dabei selber Ärger riskiert. Am liebsten hätte ich Ronald wie Majestix bei Asterix und Obelix auf einen Schild gehievt und aus lauter Dankbarkeit einen Tag lang höchstpersönlich spazieren getragen!

Oft wenn es Karfreitag wird, muss ich an diese Geschichte aus meiner Schulzeit denken. Ratet mal, warum. Sagen wir so: Weil es sich mit Jesus und mit mir ein bisschen so verhält wie mit Ronald und mir damals: Ronald war bereit gewesen, mir aus der Patsche zu helfen. Jesus ist das auch.

Ronald wollte nichts über mich kommen lassen! Genau wie Jesus.

Wenn mir Ronald damals nicht ausgeholfen hätte, dann wäre ich tatsächlich dran gewesen und hätte mit der AVG und zu Hause einen Mordsärger bekommen. Bzw.: Ohne Jesus würde da in Zukunft noch richtig 'was auf mich zurollen!

Ich weiß, es klingt absolut nach Zumutung, wenn ich sage: Für Gott stecken wir Menschen in einer brenzligen Lage! Bei ihm sehen wir alt aus.

„Nein!“, sagt ihr jetzt, „wir doch nicht! Wir machen unser Soziales Engagment-Testat. Und außerdem haben wir auch so total ehrliche Absichten, ein netter Kerl oder eine charmante Dame zu werden.“

Mag sein. Aber Gott bleibt bei seiner Einschätzung – ob wir es wahrhaben können oder uns gedanklich nach Strich und Faden dagegen wehren: Für ihn sind wir nicht die geborenen Powergutmenschen, für die wir uns gerne ausgeben. 

Gott sieht uns auch kritisch. Und zwar, weil wir nicht dieselbe Leidenschaft für das Gute haben wie er. Mal ehrlich: Unsere Tage sind ein einziges Kuddelmuddel aus guten Taten und bösen Gedanken - aus kleinen Hilfsdiensten und schuftigen Intrigen, aus Wertschätzung gegenüber den einen und Schadenfreude gegenüber den anderen. Kurzum, aus Zickenkrieg, Liebenswürdigkeit und im nächsten Augenblick dann wieder ganz viel Egoismus. Dass wir dabei nicht genug nach Gott fragen – dass wir ihm oft in unseren Gedanken sogar einen Maulkorb verpassen und ihm zu verstehen geben: „Gott, das, was ich grade mache, das geht dich nichts an! Jetzt halt dich aber mal schön raus und sei brav still!“ - das kommt ja noch dazu.

Tja, und das soll Gott einfach so mir nichts, dir nichts vergessen und abhaken?!

Wäre doch zu schön, um wahr zu sein: Gott als einer, der richtig 'was einstecken kann und deshalb nicht gleich wie du und ich total ausflippt. Gott als einer, bei dem ich Fehler machen kann und der mich deswegen nicht gleich nachsitzen lässt. Und Gott als einer, der mir nichts nachträgt, weil wir ihm dafür zu schade sind.

Ich kann's euch ja jetzt an dieser Stelle verraten: Genau das alles trifft auf Gott zu. Auf der einen Seite sind wir zwar bei Gott ziemlich abgeschrieben, weil wir unser Leben zu oft für alles Mögliche und Unmögliche zweckentfremden. Andererseits will Gott dann seine Enttäuschung über uns auch nicht einfach so stehen lassen. Deshalb hat er längst mit sich und Jesus ausgemacht, dass er das mit uns und unseren schlechten Karten selber in die Hand nimmt und grundsätzlich in Ordnung bringt. Und schon sind wir bei Karfreitag und mitten in der Bibel!

Im NT sagt Jesus von sich in der 3. Person (Mt 20,28): „Der Menschensohn [alias Jesus] ist gekommen, dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ M.a.W., durch seinen Tod am Kreuz hebt Jesus unser schlechtes Standing bei Gott auf. Alle Vorwürfe, die Gott gegen uns vorbringen würde, hat Jesus am Kreuz verstummen lassen.  Das ganze Thema „Fehl und Tadel“, Schelte und Kritik hat sich damit erledigt. Man könnte sagen: Wegen Jesus haben wir's längst hinter uns! Durch ihn haben wir's gepackt.

Gott liegt daran, dass wir Menschen reichlich Gelegenheit kriegen, gut bei ihm wegzukommen. Hauptsache, er kann uns gegenüber seinen eigenen Vorwürfen und gegenüber unserem schlechten Gewissen in Schutz nehmen. Gott will uns nichts mehr ankreiden und übel nehmen. Stattdessen möchte er uns lieber an sich binden und uns bei sich ankommen lassen. Gott würde alles für mich tun!

Wie gesagt, ich bin dankbar, dass mich Ronald damals auf meine Bitte hin aus einer fiesen Situation während der Fahrkartenkontrolle gerettet hat. Aber noch cooler finde ich, dass Jesus, wenn's um mich und dich geht, völlig ungebeten und freiwillig längst zur Stelle war und am Kreuz für uns eingesprungen ist. Die Vorstellung hat schon 'was: Ich mache da 'was verkehrt, gehe Gott gewaltig gegen den Strich und wäre eigentlich bei ihm fällig. Aber dann kommt Jesus und sagt: „Ich hab das längst bei Gott für dich ausgebügelt! Du kannst das zwischen Gott und dir ganz entspannt sehen!“

Und genau das wünsche ich euch: Nämlich, dass ihr merkt, dass euch Gott lieber ein bisschen zu viel mag und sich lieber zu sehr mit euch abgibt, als euch zu schnell abzuschreiben. Lieber opfert sich Jesus für uns an Karfreitag bis zuletzt auf, als dass er uns blindlings auf unserem Schicksal hocken lässt. Lieber bereinigt er alles, als dass uns irgendwer davon abhält, bei Gott total angesagt zu sein.

Letztlich ist Jesus an Karfreitag nun wirklich nichts vorzuwerfen: Er hat seine Sache für uns Menschen richtig gut gemacht!

Oder habt ihr jemanden, der für euch schon mal gestorben ist?!

Wie hatte ich am Anfang gesagt? - Das macht nicht jeder!