Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Matthäus 28,1-8

Pfarrerin Jasmin El-Manhy (ev.)

26.03.2016 Stadtkloster Segen

Ostern

Vor einer Woche habe ich einen Mann beerdigt. Er ist unerwartet gestorben mit Ende vierzig. Als ich in die kleine Kapelle auf dem Friedhof kam, stand ich plötzlich in einem Ostergarten. Im ganzen Altarraum hatte die Familie des Verstorbenen kleine Bäume aufgestellt, deren Äste gerade anfingen zu sprießen. An die Äste hatten sie bunte Bändchen gehangen und auf dem Boden standen Blumenvasen gefüllt mit dicken Sträußen aus bunten Tulpen. Und in der Mitte stand der Sarg. Die Familie hatte ihn weiß lackiert.

Weiß wie Schnee. Und dann bemalt. Mit Blumen und Schmetterlingen.

Mit Wolken und einem Haus.

Der Name des Toten stand vorne in bunten Buchstaben auf den Sarg geschrieben und die kleine Tochter hatte ihren farbigen Handabdruck darauf hinterlassen.

 

Und dann sah ich den Engel. Ganz hinten in der Kapelle rechts neben dem Altar stand er. Eine große Statue, ein Engel aus weißem Stein mit breiten Flügeln.

Und als dann alle, die gekommen waren, um mit der Familie Abschied zu nehmen, da waren, erzählte ich ihnen die Geschichte von Ostern. Von Maria Magdalena, die Jesus lieb gehabt hatte und zum Grab ging. Vom Erdbeben und vom Engel, der aussah wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Und von dem „Fürchtet euch nicht!“

Davon, dass zweimal in der Bibel von einem Engel erzählt wird, der sagt „Fürchtet euch nicht“. An Weihnachten an der Krippe bei der Geburt Jesu. Und Ostern an seinem Grab.

 

Geburt und Tod. Das sind Grenzen auf denen wir uns bewegen, Momente, in denen Himmel und Erde nahe beieinander sind. Momente, in denen Liebe und Dankbarkeit, Angst vor dem Verlust und Trauer um das Verlorene unser Herz weit machen und durchlässig für vielleicht so etwas wie Ewigkeit. Oder für Gott.

Himmel und Erde sind miteinander verbunden, in jedem von uns, das ist mein Glaube.

Und ich finde ihn im Kreuz.

Gott im Himmel. Gott am Kreuz.

In den Kirchen segnen wir unter dem Kreuz und setzen es auf die Kirchtürme und stellen es auf die Gräber.

Gott im Himmel. Gott am Kreuz.

Und in diesen Momenten, in denen beides ganz nah beieinander ist, werden die Herzen weit und durchlässig für vielleicht so etwas wie Ewigkeit. Oder Gott.

Die Familie, die den Sarg weiß lackiert und farbig bemalt und den Ostergarten aufgestellt hatte, kannte die Geschichte von Maria Magdalena am Grab nicht. Ich habe sie auch nicht gefragt, warum sie das alles gemacht haben.

Aber sie haben mir diese Geschichte, die Geschichte von der Auferstehung, damit erzählt. Ich war in der Kapelle die einzige, die ganz in schwarz gekleidet war.

Das, was ich ihnen geben konnte, war das „Fürchtet euch nicht!“

Das kann man sich nicht selbst sagen, wenn man Grab steht.

Fürchtet euch nicht, denn die Verbindung, die jeder von uns in sich hat, das ist mein Glaube,

die zum Himmel, zu Gott, die reißt nicht ab.

Die bleibt. In Ewigkeit. Gott im Himmel. Gott am Kreuz.

Die bleibt über den Tod hinaus.

Es gibt etwas, das bleibt.

Und auch wenn ich manchmal denke, dass es schwer ist, zu glauben,

denke ich an den Gräbern oft: manchmal ist es schwerer, nicht zu glauben.

Es gibt etwas, das bleibt. Ewigkeit. Oder Gott. Oder Liebe.

Und deshalb: Fürchtet euch nicht.

Nicht vor dem Tod.

Nicht vor dem Leben.

Und nicht vor der Liebe.

Amen.