Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Ostern

Pater Christoph Wrembek SJ

16.04.2017 St. Clemens, Hannover

Liebe Gläubige,

Wie gern möchte ich, möchten wir den Jubel von Ostern erklingen lassen! Wie schön wäre es, wiederum den Frieden Gottes, das Leben ohne Tod zu feiern:
„Triumph der Tod ist überwunden“ – aber in diesem Jahr, so will mir scheinen, ist Ostern das Fest der Märtyrer, das Fest der Tränen. Ohne diese Tränen wäre der Jubel falsch.

Wie viele Tränen sind geflossen in den vergangenen Tagen und werden fließen in den Tagen, die vor uns liegen. Es könnte einem vorkommen, als sei Gott auf dieser Erde nicht weiter gekommen als bis nach Golgota. Bis dorthin hat er sich noch mühsam geschleppt. Dann hat ihm das Kreuz den Weg versperrt.

Gottes Weg auf dieser Erde endet im Tod. Die Liebe Gottes wird festgenagelt am Holz. Hat sie dort ihr volles Maß schon erreicht, jene Maßlosigkeit, von der wir träumen? Eine Maßlosigkeit, die nun rostige Nägel festhalten können?

Die Märtyrer und die Tränen unserer Tage sind die Kehrseite all jener hehren Worte von Sicherheit, die wir so gerne hören: Innere Sicherheit und äußere Sicherheit. Sicherheitszonen, Polizei zur Sicherheit, Militär zu Sicherheit, Bomben zur Sicherheit. Und wenn wir ehrlich sind: Ist es nicht schön, durch ein sicheres Hannover gehen zu können? Einen ruhigen Ausflug ins Grüne zu genießen, der von nichts bedroht und zerstört wird? Ja, wir brauchen Sicherheit, ohne ein Mindestmaß an Sicherheit ist das Leben ein einziger Kampf mit dem Tod, von früh bis spät. Und so sorgt sich der Innenminister um unsere Sicherheit, und die Großen der Welt tun es ebenso, sagen sie.

Und Gott selbst? Hat Gott sich zu wenig um unsere Sicherheit gesorgt? Hat er sich viel zu wenig um die Sicherheit seines Sohnes gekümmert? Und unsere koptischen Brüder und Schwestern in Ägypten, hat der Engel Gottes geschlafen und sie nicht behütet vor dem Bösen? Die Liebe des mütterlichen Vaters
will doch, dass alle Menschen gerettet werden, auch die in den Flüchtlingsheimen und die anderen, die sich verkaufen müssen, auch die in zerrissenen Familien, jene in Gefängnissen, auf überladenen Flüchtlingsschiffen. Und auch die Mörder.

Wie viele Tränen sind im Kelch Gottes!

Könnt Ihr den Kelch trinken?, hat er die gefragt, die seinen Namen tragen.

In den vergangenen 40 Tagen wollten wir Gott helfen, diesen Kelch seines Sohnes zu trinken. Das bedeutete aber, dass auch wir uns bereitet hätten zum
Martyrium, bereitet für das Grab. Sind wir zu einem Freund des Verurteilten geworden? Zu einem Freund all derer, die zerschunden ins Gab gelegt wurden?

Aber, und das feiern wir heute und das ist ohne jeden Zweifel wahr: Das Grab ist nicht das Ende, ist kein trostloses Tor in ein dunkles Nichts – so wie das
Kreuz nicht ein Zeichen für Gewalt ist, sondern ein Zeichen für Vertrauen, für Treue, für schenkendes Füreinander: Siehe, deine Mutter – siehe, dein Sohn.

Das Grab hat die Leichen hergegeben, das Grab ist leer. Die Toten sind verschwunden. Alle Toten. Für immer.

In dieses Grab, das leer ist, schauen wir. Es ist das Zeichen der Sicherheit Gottes für uns: Er behandelt uns nicht, wie wir es verdient hätten, sondern wie wir es brauchen. Ich, Dein Erlöser, bin nicht tot. Ich, Dein Schöpfer, schaffe Dich neu. Ich, der Barmherzige, bin der rettende Gott für alle. Wer immer auf der Erde in ein Grab sinkt, und wenn es ein Grab von Zerfetztem ist oder von Schlamm oder von Wasser, er fällt immer an meine Seite, ich bin schon vor Dir dort in Deinem Grab – und ich hole Dich heraus aus Deinem Grab.

Unsere Sicherheit als Christ liegt nicht in Barrikaden und Schutzzonen, nicht in kugelsicheren Westen oder Türverriegelungen, sondern in unserem offenen Herzen, das liebt und das deswegen bereitet ist zum Martyrium, bereit für das Zeugnis jener Liebe, die nicht untergehen wird, jenes Erbarmens, das bereit ist für Tränen, aus denen neues Leben sprießt. Aber für eines ist es nicht bereit: Für Zurückschlagen. Die koptischen Frauen und Männer halten das Böse aus und werfen es nicht zurück. Darin erfüllt sich der Sinn Christi, der uns gesagt hat: Das Böse kommt weniger von außen, von anderen, es kommt viel eher aus mir selber. Unser Herz ist in den 40 Tagen stark geworden in dem Vertrauen, dass die Liebe das Böse zum Stillstand bringen wird, durch die Ohnmacht des Martyriums, des Zeugnisses der Liebe, das auch die Feinde umschließt.

Maria die Mutter und Maria die Freundin haben kein Zeugnis des Blutes gegeben, sie haben das Zeugnis der Tränen gegeben. Sie sind Menschen der Tränen, die aus einem Herzen kamen, das den Einen liebte. Die Sicherheit dieser Frauen waren nicht Soldaten, ihre Sicherheit war ihr Herz, das den liebte, der sein Leben hingab, den Sohn, den Freund. Seine Hingabe, sein „für-euch“ war voller Sinn, war die Erfüllung aller Träume der Menschen. Hier auf Golgotha, wo der Allerhöchste am Boden lag, und hier, im offenen leeren Grab, das keinen festhalten kann, wo Nägel zu Antimaterie werden, erstand die Zukunft unserer Erde, der neuen Familie Gottes.

Maria die Mutter und Maria die Freundin haben die Salben und Tücher und Gewürze bereitet, um den zu salben, den ihre Seele liebte. Für den sie Tränen weinten. Vielleicht braucht unsere Erde noch viel mehr Tränen, um die Liebe in den Herzen zu erwecken, damit kein Weg mehr endet auf Golgota, sondern im Grab – im Grab, das plötzlich leer ist, das keinen Toten festhalten kann, weil die Liebe des Ewigen alle Gräber umfängt.
Lass Gott den Stein vor Deinem Herzen wegschieben, der Dich im Gewöhnlichen gefangen hält.

Lass Gott in Deinem Herzen seine und Deine Tränen fließen, damit die Liebe auf der Welt größer wird. AMEN.