Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zu Römer 14,10-13

Pfarrer Frank Briesemeister (ev.)

19.06.2016 Martin-Luther-Gemeinde in Darmstadt

Liebe Gemeinde,

zu Beginn ein persönliches Bekenntnis: Ein großes Vergnügen am Tag ist für mich, wenn ich Zeit finde, die Tageszeitung zu lesen. Wenn ich mich an den Küchentisch setze, eine Tasse Kaffee trinke, was Süßes dazu esse und anfangen kann zu blättern. Am liebsten beginne ich mit dem Sportteil. Fußball hat mein Interesse sofort. Ich lese gerne die Kommentare zu den Fußballspielen. Jetzt natürlich die der Europameisterschaft! Ich lese die Kommentare zu den Spielen, die ich selbst gesehen habe. Vergleiche, ob der Kommentator dasselbe Spiel gesehen hat wie ich. Und ich lese die Artikel zu den Spielen, die ich mir nicht anschauen konnte.

Immer wieder kommt in den Artikeln eine besondere Person vor. Der Schiedsrichter. Über ihn wird in der Regel berichtet, wenn er falsch entschieden hat. Ein Elfmeter, der keiner war, Fehlurteile, die zur unberechtigten gelben oder roten Karte führten.

Solche Entscheidungen können ein Spiel durchaus entscheiden.
Und doch ist der Schiedsrichter für solche Spiele, für den Sport unerlässlich.

 

Wenn ich dann mit dem Sportteil durch bin, geht es in der Zeitung weiter nach vorne.

Zum Wirtschaftsteil, zu den Seiten, die die Politik betreffen. Und auch hier finden sich Artikel, in denen Schieds-Richter vorkommen: Richter am Gericht. Da gibt es Urteile auch aus der Sportwelt zu lesen. Ein Urteil, das die Gesellschaft beschäftigte, ist der Richterspruch zur Steuerhinterziehung von Uli Hoeneß gewesen. Die Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, ob der bekannte und beliebte Präsident des mächtigen Vereins von Bayern München sich irgendwie aus der Affäre ziehen kann oder ob er behandelt wird wie andere auch. Das Landgericht München II verurteilte ihn 2014 zu 3 ½ Jahre Haft.

Nach Verbüßung der halben Zeit kam er Anfang des Jahres auf Bewährung auf freien Fuß. Mittlerweile ist er auch in der Öffentlichkeit wieder zu sehen.

Im April konnte ich den letzten Akt des Gerichtsprozesses gegen fünf Top-Manager der Deutschen Bank verfolgen, allen voran der Noch-Co-Chef Jürgen Fitschen. Nach einem Jahr Verhandlungsdauer kam das Münchner Landgericht hier zu dem Ergebnis: Die Beklagten haben nicht vor Gericht gelogen. Für den Anklagevorwurf des versuchten Prozessbetrugs habe es keinen einzigen Beweis gegeben. Entsprechend gab es Kritik seitens des Gerichts in Richtung Staatsanwaltschaft, die schlecht recherchiert und den Prozess unnötig in die Länge gezogen haben soll.
Meine Gedanken dazu: Wenn es denn stimmt, soll es so sein.

Ich möchte aber nicht verschweigen, dass ich einen gewissen Argwohn hege gegenüber den Mächtigen in der Wirtschaft, die sich gute Anwälte leisten können.

Noch stärker beschäftigt hat mich allerdings das Urteil gegen Anders Breivik.

Jenen Mörder, der in Norwegen vor fünf Jahren 77 Menschen kaltblütig wahllos tötete.

Er hatte gegen seine langjährige Isolationshaft geklagt. Und er bekam Recht.

Die Länge und die mangelhafte Begründung der Isolation führten zu dem Urteil, dass diese Form der Haft die Menschenrechtskonvention verletzte.

Zuerst dachte ich: ‚Dieses Monster, jetzt nutzt er den Rechtsstaat doch tatsächlich nach Strich- und Faden aus. ‘ Aber dann war ich wiederum zufrieden, dass unser europäisches Rechtstaatsdenken funktioniert und die Menschenrechte für alle und jeden Gültigkeit behalten. Menschen tatsächlich dauerhaft in Isolation zu halten ist Folter.

 

Richter – Schiedsrichter im Sport, Richter vor Gericht.

Auch im persönlichen Bereich ist mir das Richten hinlänglich bekannt.

Dann, wenn einer über den anderen genau Bescheid zu wissen meint.

Wenn einer glaubt, sich über das Verhalten oder das Erscheinungsbild eines anderen erheben zu können. Wenn sich eine über den anderen zum Richter aufspielt! Moral wird da groß geschrieben. Und Urteile werden schnell zu Verurteilungen. „Du, warum urteilst du über deine Schwester? Oder du – warum verachtest du deinen Bruder?“ – fragt da unser Predigttext.

Eine berechtigte Frage! Warum meine ich das Recht zu haben, den anderen in eine Ecke stellen zu können? Zu wissen, was gut, richtig, anständig ist? Woher nehme ich das Selbstverständnis, mich über andere erheben zu können?

Unser Bibeltext rückt da etwas gerade: „Wir alle werden einmal vor den Richterstuhl Gottes treten müssen, vor dem jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben wird.“

 

Wir haben nicht das Recht, moralisch über den anderen zu urteilen.

Zugleich brauchen wir Gerichte, die Fehlverhalten in der Gesellschaft juristisch sauber überprüfen und zu Urteilen kommen. Schiedsrichter, die darauf achten, das Regeln eingehalten werden.

Was aber fehl am Platz ist, ist jegliche Form von „Moralapostelei“.

Das letzte Urteil über jeden von uns, steht nur einer Instanz zu: Gott. Dem Schöpfer, der Liebhaberin, dem Vollender des Lebens. Hier sind wird verantwortlich für unser Tun und Lassen, für unser Sprechen und Schweigen.

Nun ist viele Jahrhunderte lang genau damit Angst erzeugt worden: der strafende Gott. Das ist zum Glück weitgehend vorbei. Doch was fangen wir in heutiger Zeit mit dem Bild vom Richterstuhl Gottes überhaupt an?

Werfen wir noch einmal einen Blick auf unserer Gerichtswesen.

Packend finde ich immer wieder die Entscheidungen der Damen und Herren, die in roten Roben gekleidet sind. In den Nachrichten wird immer wieder über wesentliche Entscheidung berichtet, die durch sie getroffen werden. Ich meine das Bundesverfassungsgericht. Ich finde, das ist ein spannendes Gremium. Im eigentlichen Sinn werden hier ja keine Urteile gefällt. Vielmehr werden Entscheidungen anderer Gerichte oder politische Entscheidungen überprüft, ob sie dem Inhalt des Grundgesetzes standhalten. Gibt es berechtigte Zweifel, werden Entscheidungen aufgehoben und den entsprechenden Instanzen zur Wiedervorlage und Neubearbeitung zurückgegeben.

Beim Bundesverfassungsgericht habe ich ein sehr gutes Gefühl. Hier habe ich das Empfinden, unser Rechtsstaat liegt in guten Händen. Einem solchen Gericht kann ich trauen.

Könnte es vielleicht sein, dass Gottes Richterstuhl im Sinne eines solchen Bundesverfassungsgerichts zu verstehen ist? Ein göttliches Bundesverfassungsgericht? Dann würde auf dem Richterstuhl nicht allein der strenge Richter sitzen. Jener, der für Recht und Ordnung, für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt.
Das göttliche Bundesverfassungsgericht würde ebenfalls von mehreren bestückt sein.

Ich kann einige von ihnen regelrecht vor mir sehen:
Da sitzt der „Gute Hirte“. Der „Gute Hirte“, der sich für seine Schafe einsetzt. Der sie kennt, an ihnen interessiert ist, sie genau im Blick hat. Der sich um jedes einzelne Schaf sorgt und müht.

Daneben sehe ich Gott im Bild der „tröstenden Mutter“. Jene, die ihr Kind auf dem Schoß sitzen hat – eng gekuschelt. Die sich anhört, was passiert ist. Die die Wunde zärtlich pustet und sanft über das Haar streichelt.

Ich sehe das Bild vom „Vater mit offenen Armen“, der sein Kind erwartet und herzlich in die Arme schließt. Jenen Sohn, der so lange weg war. Von dem er lange nichts gehört hat.

Seinen Sohn, der unter die Räder gekommen ist und den Weg zurück findet.

 

Gottes göttliches Bundesverfassungsgericht. Unter anderem besetzt mit dem guten Hirten, der tröstenden Mutter, dem liebevollen Vater. Eine Vorstellung, die mir Vertrauen einflößt. Die mir keine Angst bereitet. Die mir Mut macht, über mich selbst und mein Leben nachzudenken: ‚Wie geht es mir gerade im Umgang mit all den Menschen, mit denen ich täglich zu tun habe?

Wie geht es mir mit jenen, mit denen ich zusammen arbeite, zusammen lebe, denen ich begegne? ‘

 

Gottes göttliches Bundesverfassungsgericht ist dann nicht ausschließlich etwas ganz Fernes, was sich irgendwo jenseits meines Lebens befindet und sich eines Tages ereignet.

Gottes göttliches Bundesverfassungsgericht ist vielmehr etwas, dass sich hoffentlich hier und heute in mir zu Wort meldet. Dann, wenn ich zur Ruhe komme. Wenn ich über mich und mein Leben nachdenke. Wenn ich mein eigenes Verhalten hinterfrage und bereit bin, zu korrigieren.

Der Predigttext sagt dazu: „Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seiner Schwester und seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“

 

Diese gute Grundausrichtung unseres Lebens lässt sich zuspitzen und positiv formulieren.

Dann geht es nicht nur um das, was zu unterlassen ist. Sondern auch darum, welches Verhalten erwünscht ist und Nutzen für alle hat.

Hier kommen für mich das Loben und die Anerkennung ins Spiel. Dass ich den Blick darauf richte, was gelingt und gut tut, was mir am anderen schön und lebendig begegnet, was uns einander erfrischt und erfreut und keineswegs selbstverständlich ist.

Solches möchte ich auffinden und beim Namen nennen.

Dazu bedarf es meines freundlichen Blickes. Dem anderen nichts Böses zu unterstellen, sondern erkennen, wo was glückt und dieses zur Sprache zu bringen.

Denn schließlich geht es darum, nicht zu richten, sondern einander aufzurichten.

Nicht zu verachten, sondern einander zu achten. Amen.