Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Buß- und Bettag "Fürchtet Euch nicht"

Dr. Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments a.D.

17.11.2016 Dom zu Braunschweig

"Fürchtet Euch nicht"

Kriegsspuren erreichten uns lange Zeit vor allem über Fernsehbilder. Für die meisten Deutschen war Krieg nach den furchtbaren Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, mit unzähligen Opfern von Soldaten und Zivilbevölkerung – mit 55 Millionen Toten –, in weite Ferne gerückt. Bilder von zerbombten Städten und Trümmerfrauen, von Kriegsversehrten und Flüchtlingstrecks kennen viele nur noch aus Erzählungen und von Bildern. Heute werden für die altgewordenen Eltern und Großeltern die Kriegserlebnisse manchmal wieder wach. Lange waren sie unter dem Alltag verschüttet und wurden verdrängt. Erst jetzt werden manchen Kriegskindern die Traumata ihrer Eltern bewusst. Kriegsspuren verheilen langsam oder auch nie. Für die Mehrzahl der Deutschen gilt jedoch: Mit wachsender zeitlicher Entfernung verblassten die Spuren des Weltkrieges im Laufe der Jahre. Krieg und seine Spuren sind für viele in weite Ferne gerückt.

In den 1990er Jahren kam mit den Auseinandersetzungen auf dem Balkan der Krieg nach Europa zurück. Aber auch diese Jugoslawienkriege scheinen heute weitgehend vergessen. Die meisten, der damals nach Deutschland Geflohenen, gingen in ihre Heimat zurück. Viele historische Gebäude sind wieder aufgebaut. Mit dem Zuzug von knapp einer Million Flüchtlingen in unseren Tagen sind die Kriegsspuren nach Deutschland mit voller Wucht zurückgekehrt.

Spuren des Krieges im Nahen Osten wurden für uns präsent. Viele Menschen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und afrikanischen Ländern suchten und suchen Zuflucht in Deutschland. Die meisten fliehen vor den Schrecken des Krieges, vor Bomben, Hunger und Aussichtslosigkeit in den belagerten Städten.

In ihren Gesichtern erkennen wir Kriegsspuren. Sie bringen die Spuren des Krieges nach Europa. Wir können sie vor den Flüchtlingsunterkünften, vor Turnhallen, auf Straßen und Plätzen, in U-Bahnen und Bussen sehen – jeden Tag.

Heute begehen wir den Buß- und Bettag. Er bildet das Ende der ökumenischen Friedensdekade, die in diesem Jahr unter dem Thema „Kriegsspuren“ steht. Der Buß- und Bettag gibt uns Gelegenheit innezuhalten, stehen zu bleiben und uns bewusst zu machen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Vor allem in der evangelischen Kirche mahnt der Buß- und Bettag seit dem 19. Jahrhundert zur Umkehr und Buße. Buße und Umkehr scheinen auch heute manchmal so weit weg wie die Spuren des Krieges. Zu einer solchen Neuorientierung rief auch Papst Franziskus auf, als er 2013 die Gleichgültigkeit der Europäer auf Lampedusa anklagte. Noch schien uns das Schicksal der Flüchtenden nur mittelbar zu berühren. Die Bilder gekenterter Boote, die Rettung erschöpfter Menschen betrafen vorwiegend Italien, aber nicht vorrangig uns. Man war entsetzt. Aber zu unmittelbarer Reaktion empfanden viele keine Notwendigkeit. Der Brandbrief der Bürgermeisterin von Lampedusa kurz nach ihrer Wahl 2013 an die Europäische Union verhallte weitgehend ungehört:

„Wie groß muss der Friedhof auf meiner Insel noch werden? Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint. Ich bin entrüstet über das Schweigen Europas, das gerade den Friedensnobelpreis erhalten hat und nichts sagt, obwohl hier die Zahl der Toten daran glauben lässt, es wäre Krieg.“

Die bedrückenden Bilder von Flüchtlingen, von Menschen, die noch immer vor den europäischen Küsten elendig ertrinken, dürfen uns nicht ruhen lassen. Das Risiko, dem sich Flüchtlinge hundertausendfach aussetzen, einzig getragen von der Hoffnung auf ein besseres Leben, ist Ausdruck der Verzweiflung, die in ihren Heimatländern herrscht. Sie alle tragen Spuren des Krieges in sich.

Wir würden unsere Werte verraten, wenn Stacheldraht, Tränengas, Wasserwerfer und Hundestaffeln unsere Mittel wären, Flüchtlinge von der Europäischen Union fernzuhalten.

Mich bedrückt es, wenn verantwortliche Persönlichkeiten in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union sich als Verteidiger des „christlichen Abendlandes“ ausgeben, und sich gleichzeitig einer kalten, unmenschlichen Sprache gegenüber Flüchtlingen bedienen. Bei all unserer Bereitschaft Menschen in unserem Land willkommen zu heißen, dürfen wir nicht vergessen, dass weltweit 65 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Die Möglichkeiten der Aufnahmeländer sind begrenzt. Ich stimme unserem Bundespräsidenten zu, wenn er sagt: „Wir wollen helfen. Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich.“

Deswegen müssen wir unterscheiden zwischen politisch Verfolgten und Kriegsflüchtlingen einerseits sowie Wirtschaftsflüchtlingen andererseits. Hierfür eine menschliche Lösung zu finden, die auch unseren Möglichkeiten entspricht und die Sicherheit unserer Bürgerinnen und Bürger gewährleistet ist die wohl größte Herausforderung für Deutschland und die Europäische Union, die wir zu bewältigen haben.

In den Versen 27 und 28 des Matthäus-Evangeliums, das für die diesjährige Friedensdekade ausgewählt wurde, heißt es: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.“

Was haben diese Worte mit den Spuren eines Krieges zu tun?

Diese Stelle ist Teil der Aussendungsrede Jesu an die Apostel. Jesus erklärt seinen Jüngern, dass er harte Bedingungen stellt. Die Jünger können keine Reisetasche, kein zweites Hemd mitnehmen. Jesus verspricht ihnen keine rosigen Zeiten. Er prophezeit ihnen vielmehr, dass sie für ihr Handeln gehasst und verfolgt werden. Er erwartet von ihnen, dass sie sich nicht abschotten, dass sie keine Heimlichtuerei betreiben, sondern, dass sie – in unserer heutigen Sprache – transparent und offen den Glauben leben und verkünden: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird, in das Ohr, das predigt von den Dächern.“

Jesus fordert von seinen Jüngern klare Stellungnahmen, keine ängstliche Zurückhaltung – weder aus Scheu, noch aus Furcht, noch aus Höflichkeit!

Kaum jemand wird heute auf ein Dach steigen, um öffentlich seine Meinung zu äußern. Aber die Forderung, öffentlich Stellung zu beziehen, bleibt; gelegen oder ungelegen – auch wenn die Fordernden negative Konsequenzen befürchten müssen, wie bei den Montagsdemonstrationen vor dem Mauerfall im Herbst 1989 oder den Demonstrationen und Versammlungen der vielen jungen Menschen während des sogenannten arabischen Frühlings.

Ich habe im März 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo junge, ägyptische, muslimische Menschen kennengelernt mit ihrer Hoffnung und Sehnsucht nach Freiheit, Demokratie und einer Ordnung des Rechts. Wir können die entschiedenen Worte, die Jesus uns mit diesem Evangelium auf den Weg gibt, nur an uns heranlassen, wenn wir uns von dem dreimaligen „Fürchtet Euch nicht“ ergreifen und anregen lassen. Dieses „Fürchtet euch nicht“ rahmt den gesamten Text ein. Es ist sein Zentrum.

Das wiederholte „Fürchtet euch nicht“ fordert uns auf, die Herausforderungen anzunehmen, die Spuren des Krieges in den Augen der Fremden zu sehen, ihnen zu helfen und ihnen eine Zukunftschance, so gut wir es können, zu ermöglichen. Dazu müssen die zu uns Gekommenen und Kommenden aber auch bereit sein, unsere Werte anzuerkennen und zu respektieren. In der Verteidigung unserer Werte müssen wir ebenso entschieden und mutig sein. Fürchtet Euch nicht! Martin Luther, dessen Reformation von 1517 im kommenden Jahr in besonderer Weise im Mittelpunkt der kirchlichen Erinnerung steht, galt als politisch furchtlos, wenn er die Richtigkeit seiner Thesen erkannt hatte. In dieser Weise focht auch er für Frieden wenn er sagte: „Es gibt keinen Weg zum Frieden, wenn nicht der Weg schon Frieden ist.“

Frieden ist die Verheißung und das Vermächtnis des vereinten Europas. Als der Friedensnobelpreis 2012 an die Europäische Union verliehen wurde, hob das Preiskomitee hervor, dass am Anfang der Gedanke des Friedens und der Aussöhnung unter den europäischen Staaten im Vordergrund stand. Die Würde des Menschen, die Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, Recht, Gerechtigkeit und Toleranz bilden das Wertegerüst, auf dem die europäische Einigung fußt. Ein Wertegerüst, das zum Leitbild der Europäischen Union und auch zum Vorbild für viele in der Welt geworden ist. Ein Wertegerüst, das auf dem europäischen Kontinent lange Zeit keine Selbstverständlichkeit war. Im Mai dieses Jahres gedachten französische und deutsche Politiker der „Hölle von Verdun“. In diesen grausamen Schlachten vor 100 Jahren sind über 300.000 deutsche und französische Soldaten in ganz kurzer Zeit sinnlos gefallen.

Der Erste Weltkrieg, diese Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts hinterließ Spuren, die lange Zeit Frieden unmöglich machten. Erst nach den nochmaligen Schrecken des Zweiten Weltkriegs brach der Gedanke der Versöhnung sich seine Bahn. In ihrem christlichen Glauben verbundene Politiker, wie Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide De Gasperi, legten das Fundament für die Versöhnung Europas. Weitere Kriege sollten durch eine enge Verflechtung unmöglich werden. Bei ihren Ideen stand stets der Mensch im Mittelpunkt. „Nicht Staaten vereinigen wir, sondern Menschen“, erklärte Jean Monnet. So wurde möglich, was für die ehemaligen Kriegsgegner lange Zeit unmöglich schien: Vergebung, Versöhnung und Brüderlichkeit – Kernelemente der christlichen Lehre. Dies ist auch unser Auftrag heute und für die Zukunft.

Damals war nicht vorhersehbar, dass die europäische Einigung die längste Friedensperiode der an der Einheit Europas beteiligten Staaten und Völker unseres Kontinents einleiten würde. Das Ziel, formuliert von Robert Schuman, wies den Weg. Der erste Satz seiner historischen Erklärung vom 9. Mai 1950 war ambitioniert und eindeutig:

„Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.“

Robert Schumans Worte sind unverändert aktuell: Auch wir müssen heute „Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen“, unternehmen, wenn wir Not und Elend auf der Welt überwinden, Krisen und Konflikte beenden, den internationalen Terrorismus bekämpfen oder den Klimawandel eindämmen wollen.

Die Gründerväter Europas hatten die „Größe der Bedrohung“ am eigenen Leib erfahren: Auseinandersetzungen um Grenzen und Grenzräume zwischen den Staaten Europas. Die Schrecken der beiden Weltkriege haben die Gründerväter zur deutlichen Mahnung veranlasst. Sie ist für uns heute aktueller denn je. Ich wiederhole sie gerne: Nie wieder Grenzen und Mauern in den Köpfen der Menschen!

Nie wieder Hass, Feindschaft und Gegnerschaft zwischen den europäischen Völkern!

Nie wieder Grenzen zwischen den Ländern der Europäischen Union!

Diese Mahnung greift die Botschaft der Aussendungsrede an die Jünger auf: Fürchtet Euch nicht!

Fürchtet euch nicht, neue Wege zu gehen, den Hass und den Nationalismus zu überwinden, die Vorurteile der Menschen abzubauen, Wege zu neuen Begegnungen und Mitmenschlichkeit zu finden und zu beschreiten.

Die Gründergeneration überwand ihre Furcht und setzte Zeichen. Sie traten für ein übernationales Wertesystem ein, das ihnen ihr christlicher Glaube mitgegeben hatte. Sie setzten sich dafür ein, dass diese Werte in ganz Europa verbindlich wurden.

In der Präambel des Vertrages über die Europäische Union verpflichten sich die Staaten ausdrücklich auf die „Grundsätze der Freiheit, der Demokratie und der Achtung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten und der Rechtsstaatlichkeit“, die sich „aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas“ entwickelt haben.

Sie drücken ihren Wunsch aus, die „Solidarität zwischen ihren Völkern unter Achtung ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer Tradition zu stärken“.

Nur wenn alle Mitgliedsstaaten sich dieser Grundwerte bewusst sind, ist weiterhin Frieden in Europa möglich.

In der Erklärung des Rates der EKD zur Lage Europas vom 23. April dieses Jahres ruft die Evangelische Kirche in Deutschland ihre Schwesterkirchen in Europa und alle Menschen, denen die europäischen Errungenschaften am Herzen liegen, dazu auf, gegen das schwindende Vertrauen in die europäische Idee aufzustehen und um gemeinsame Lösungen für die aktuellen Herausforderungen zu streiten.

Fürchtet Euch nicht! Habt Mut, dieses zu tun!

Auf dem Weg der Ökumene ist Vieles geleistet worden. Allein, dass ich heute als katholischer Christ, hier in Braunschweig, in einem evangelischen Dom, vor ihnen stehe, ist ein besonderes Zeichen des Zusammenwachsens, für das ich sehr dankbar bin. Die Herausforderungen in der Welt sind zu gewaltig, als dass wir Christen unsere Energie im Streit und in Auseinandersetzungen untereinander verschwenden dürfen. Auch angesichts zunehmender autoritärer Regime in aller Welt, die die Würde des Menschen missachten, ist es die gemeinsame Aufgabe der Christen, sich für die Würde des Menschen einzusetzen. Dort, wo die Würde des Menschen verachtet wird, ist der Krieg nicht weit entfernt.

Die Würde des Menschen ist der Kern des christlichen Glaubens, der uns verbindet. Das Gemeinsame ist größer als das Trennende. Wir sollten es nicht nur furchtlos bekennen, sondern auch in unserem Handeln der Welt davon ein glaubwürdiges Zeugnis geben. Fürchtet Euch nicht!

Die Fortschritte der Ökumene machen Mut. Aber sie reichen nicht. Wir müssen diesen Weg entschlossen weitergehen. Es braucht Bürgerinnen und Bürger, die das Handeln nicht allein dem Staat und der Kirche überlassen, sondern die im Rahmen ihrer Möglichkeiten „auf die Dächer steigen“, um öffentlich Stellung zu beziehen und sich für die Grundwerte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Demokratie und des Rechts einzusetzen.

Dabei ist eine Haltung der Entschlossenheit und des Mutes notwendig, wie sie Martin Luther auf dem Reichstag in Worms 1521 zugeschrieben wurde, auch wenn diese Worte historisch so nicht belegt sind: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“

Mit einem ökumenischen Geist können wir auch mit Papst Franziskus beten:

„Heute, liebe Brüder und Schwestern, möchte ich mir den Schrei zu eigen machen, der von jedem Winkel der Erde, von jedem Volk, aus dem Herzen eines jeden und von der einen großen Menschheitsfamilie mit immer größerer Ängstlichkeit aufsteigt. Es ist der Schrei, der laut ruft: Wir wollen eine friedliche Welt; wir wollen Männer und Frauen des Friedens sein; wir wollen, dass in dieser unserer Weltgemeinschaft, die durch Spaltungen und Konflikte zerrissen ist, der Friede aufbreche und nie wieder Krieg sei! Nie wieder Krieg! Der Friede ist ein zu kostbares Gut, als dass er nicht gefördert und geschützt werden müsse.“

Es ist unsere Pflicht als Christen, uns für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt, in Europa und in Deutschland einzusetzen.

Wir bedürfen einer Rückbesinnung auf die Würde des Menschen, jedes Menschen, als Absage an jede Form der Diskriminierung, der Gewalt und des Krieges. Wir bedürfen einer Rückbesinnung auf die Barmherzigkeit und auf die Solidarität zwischen den Menschen. Wir müssen der zunehmenden Gefahr, die Brücken zwischen den Menschen zu sprengen, mit Entschlossenheit und Mut begegnen. Wir sind aufgerufen, Brücken zwischen den Kulturen und Religionen zu bauen. Das ist der Kern des christlichen Gebots der Nächstenliebe.

Dazu ermutigen uns die Worte Jesu.

Fürchtet Euch nicht! Amen!