Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Flüchtlingssonntag 2011

Markus R. T. Cordemann (rk)

19.06.2011 in der Kirche Petrus und Paulus Ittigen (Pfarrei Guthirt Ostermundigen) in der Schweiz

"Ich musste alles zurücklassen. Ausser meinen Talenten."

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

die alttestamentliche Lesung, die wir heute gehört haben, stammt aus dem Buch Exodus, dem zweiten Buch unseres Alten Testaments. Übersetzen lässt sich das griechische Wort Exodus mit Ausgang, Abreise oder Auszug. Und im Buch Exodus geht es ja auch um einen Auszug. Nämlich den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Doch ist die Bezeichnung Auszug nicht ein beschönigender Begriff für eine Sache, die wir ebenso gut als Flucht bezeichnen können? Die Flucht des Volkes Israel vor dem ägyptischen Pharao, der sie zu „harter Sklavenarbeit“ (Ex 1,14) zwang.

Beim Betrachten der ganzen Heiligen Schrift können wir sehen, dass der Exodus des Volkes Israel nicht die einzige Fluchterzählung ist: Da sind beispielsweise Abraham und seine Frau Sara, die wegen einer Hungersnot nach Ägypten flüchtetet (vgl. Gen 12,10). Ebenfalls wegen einer Hungersnot musste Isaak sein Land verlassen und nach Gera fliehen (vgl. Gen 26.1). Denken wir auch an Mose, der einem Israeliten zu Hilfe kam und dabei einen Ägypter tötete. Um anschliessend der Rache des ägyptischen Pharaos zu entkommen, floh Mose nach Midian (vgl. Ex 2,11-15). Nicht ganz so bekannt wie Abraham, Sara, Isaak und Mose ist Noomi. Auch sie musste wegen einer Hungersnot ihre Heimat verlassen und mit ihrer Familie in das Land der Moabiter flüchten (vgl. Rut 1,1ff.). Und vergessen wir nicht Jesus. Das Matthäus Evangelium berichtet uns, dass er kurz nach seiner Geburt mit seinen Eltern nach Ägypten fliehen musste, um den Soldaten des Herodes zu entkommen (vgl. Mt 2,13-15). Nach seinem Tod und seiner Auferstehung ging es seinen Jüngern nicht besser. Wegen ihres Glaubens an Jesus Christus wurden sie verfolgt und mussten fliehen (vgl. Apg 8,1).

Das Thema Flucht zieht sich also durch die ganze Bibel und sie berichtet immer wieder von Menschen, die zu Flüchtlingen wurden. Auf solche Menschen – auf Flüchtlinge – richtet der heutige Flüchtlingssonntag unseren Blick. Möglicherweise mussten sie wie Abraham, Sara, Isaak oder Noomi vor einer Hungersnot fliehen. Vielleicht mussten sie aber auch fliehen, weil sie sich wie Mose für unterdrückte Bevölkerungsgruppen eingesetzt haben. Es kann aber auch sein, dass der Glaube an Jesus Christus in ihrem Land nicht geduldet wird und sie deshalb fliehen mussten.

So verschieden die Gründe einer Flucht sein können, so ist eins allen Flüchtlingen gemeinsam: Sie mussten ihre Heimat, ihre gewohnte Umgebung, verlassen. Sie sind aufgebrochen, haben vielleicht in einem alten, kaum seetüchtigen Boot das Mittelmeer überquert und wussten nicht, was sie erwarten wird. Um ihr Leben zu retten, mussten sie alles zurücklassen, was ihr bisheriges Leben geprägt hat: Angehörige, Freunde, Besitz. Die meisten Flüchtlinge kommen deshalb buchstäblich mit leeren Händen.

Nur eins haben sie durch ihre Flucht nicht verloren, ihre Kompetenzen und Talente. Und genau diese möchten sie einsetzen. Flüchtlinge möchten nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen sein, sondern sie möchten die Chance bekommen, in ihrer neuen Heimat selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Doch leider wird ihnen dies erschwert oder gar unmöglich gemacht. Und dies führt nicht nur dazu, dass sie auf staatliche Hilfe angewiesen sind, sondern ihnen wird auch die gesellschaftliche Integration erschwert. Denn gerade im Berufsleben entstehen soziale Beziehungen, die umso wichtiger sind, wenn man an einem neuen Ort lebt. Dies kann sicher jeder von uns bestätigen, der einmal in eine fremde Gegend gezogen ist.

Kommen wir noch einmal zurück zu unseren biblischen Flüchtlingen. Auch sie mussten bei ihrer Flucht vieles zurücklassen und sich in eine ungewisse Zukunft aufmachen. Sie haben dies jedoch im Vertrauen auf Gott getan. Im Vertrauen auf den, der – wie wir es in der Lesung gehört haben – von sich selber sagte, dass er „ein barmherziger und gnädiger Gott“ (Ex 34,6) sei. Im Vertrauen auf den, von dem unser Evangelium sagt, dass er die Welt liebt und sogar seinen Sohn zur Rettung der Welt gesandt hat (vgl. Joh 3,16-18). Dieser Sohn Gottes – Jesus Christus – hat sich immer wieder den Menschen zugewandt, die am Rand der Gesellschaft standen. Und er hat die Solidarität mit den Armen und Schwachen nicht nur selbst gelebt, sondern auch seinen Jüngerinnen und Jüngern als Aufgabe hinterlassen. In der Rede vom Weltgericht (Mt 25,31-46) spricht Jesus sogar explizit von der Sorge um die Fremden: „ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35).

Mit den biblischen Flüchtlingen, die ich am Anfang aufgezählt habe, hatte Gott grosses vor. Die „Wirtschaftsflüchtlinge“ Abraham und Sara wurden zu den Stammeltern des Volkes Israel. Der „politische Flüchtling“ Mose hat das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt. Und die wegen ihres Glaubens an Jesus Christus verfolgten Christen haben geholfen, das Christentum in der Welt zu verbreiten.

Als Christinnen und Christen sollen wir uns an den Taten und Worten Jesu orientieren. Setzen wir uns deshalb dafür ein, dass Flüchtlinge bei uns eine Chance bekommen und in unserer Gesellschaft ihre Kompetenzen und Talente einsetzen können. Denn letztlich wissen wir nicht, was Gott noch grosses mit ihnen vorhat.