Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Heiligen Geist über Ezechiel 11,19

Sr. Christina Mülling (rk), Geschäftsführerin INFAG

12.10.2013 im Kloster der Tertiarschwestern in Brixen, Italien

Predigt bei den Tertiarschwestern in der Messe zum Heiligen Geist vor der Wahl der neuen Provinzleitung.

Durch den Geist ist Gottes Liebe ausgegossen in unsere Herzen

Foto: © privat

Die Predigt hören können Sie hier.

 

„Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Ich lege meinen Geist in euch und bewirke, dass ihr meinen Gesetzen folgt.“

Wir bitten heute ganz besonders im Blick auf die Wahl und auf die Zukunft der Gemeinschaft um den Heiligen Geist. Und so möchte ich mit Ihnen anhand des Bildes von Sr. Sigmunda May einige Gedanken zum Heiligen Geist vertiefen.

Auf dem Bild ist eine Menschengruppe dargestellt, für die das Pfingstereignis handgreiflich erfahrbar wird.

Eine brennende Sonne zerreißt die Finsternis und hüllt die Menschen, die sich nach ihr ausstrecken, in helles Licht. Sie werden eingetaucht in das Feuer, das verzehrt, läutert, reinigt und die Herzen in Brand steckt. So ist in den Flammen dieses Feuerballes auch ein Kreuz angedeutet, unter dem die vom Geist Ergriffenen stehen. Das Feuer des Geistes verbindet diese Menschen zu einer Gemeinschaft und schließt den Kreis zwischen Gott und den Menschen. Die Einheit zwischen Gott und den Menschen und den Menschen untereinander wird durch den Geist wiederhergestellt.

Offen für das, was sich ereignet, strecken sich diese Menschen mit Leib und Seele ganz nach oben aus. Schutzlos stehen sie da, hautnah miteinander in Berührung. Jede einzelne Figur ist bereit zu empfangen, und als Gemeinschaft bilden sie eine Schale, in die sich der Hl. Geist eingießen kann. Er ist es, der alle eint, der aus „Allein-Stehenden“ „Zusammen-Stehende“ und aus „Einzel-Gängern“ „Weg-Gefährten“ macht.

Stellen wir uns einmal vor, eine von diesen Figuren würde sich dem Wirken des Geistes oder der Gemeinschaft verschließen, würde die Hände verschränken, oder sich gar aus dem Ganzen herauslösen?

Würde auch nur einer sich verweigern, so wäre das Gefäß undicht und der Geist würde ihnen zwischen den Fingern zerrinnen.

Die Gruppe bildet keine starre Form, sondern eine bewegte dynamische Gemeinschaft. Alle sind auf eine Mitte ausgerichtet, die den engen Kreis dieser Gruppe sprengt. Sie richten ihren Blick von sich weg auf ein gemeinsames Ziel. Jeder hat dabei seinen einmaligen Standort, seine individuelle Blickrichtung. Jeder erkennt von seinen Standort aus einen anderen Aspekt und erst die Summe aller Erfahrungen bildet ein Ganzes.

Auffallend sind die Hände: eine Hand ist wie zum Empfang nach innen geöffnet, die andere ist nach außen gerichtet, um das Empfangene weiterzugeben. Jeder erhält eine andere Gabe, mit der es nun zu wuchern gilt. Vom Geist bewegt und in die göttliche Dynamik des Gebens und Empfangens hineingenommen, wirken die Hände jetzt selber wie Flammen. Wo Herzen entflammt sind, dort sind auch die Hände befreit zu heiligem Tun.

Zwei Botschaften aus diesem Bild können uns das Pfingstereignis näher erschließen:

1) Pfingsten ist das Fest der offenen Hände und Herzen

Um den Geist aufnehmen zu können, braucht es offene Herzen und offene Hände. Oft können wir das Wirken des Heiligen Geistes nicht erfahren, weil unsere Herzen, unserer Gemeinschaft mit anderen Geistern gefüllt sind. Ezechiel sagt: „Ich lege einen neuen Geist in euer Herz!“ Und das bedeutet ja auch, da sind auch alte Geister.

Klangschale mit Tüchern anstoßen – anschließend immer ein Tuch rausholen

Wenn diese Schale symbolisch für unsere Gemeinschaft oder unser Herz nehmen und sie vom Heiligen Geist berühren lassen, dann merken wir, der Ton ist gedämpft. Es gilt Ungeister aus unserem Herzen zu entfernen. Erst wenn unsere Herzen leer werden, können sie mit dem neuen Geist wieder gefüllt werden.

P. Heribert Arens hat uns auf der INFAG-Mitgliederversammlung einige Ungeister aufgezeigt, von denen man sich verabschieden muss, damit wir wieder gefüllt werden können vom Geist des Lebens, der Hoffnung und der Zukunft: Ich möchte ihnen jetzt einige dieser Ungeister nennen, von denen wir uns verabschieden müssen und wir werden sie symbolisch aus dieser Schale rauswerfen:

  • Da ist einmal der Ungeist der Schwarzmalerei und der Schönmalerei => Um die Chancen, die in unserer jetzigen Situation liegen, erkennen und ergreifen zu können, muss die Wirklichkeit angeschaut und ausgesprochen werden, so wie sie ist. In der Realität können wir neue Wege erkennen - nicht im Schönmalen der Vergangenheit und nicht im Schwarzmalen der Zukunft.


  • Damit verbunden müssen wir den Ungeist der Verherrlichung der Vergangenheit loslassen und uns dem Geist öffnen der Zukunft erschließt. In der Vergangenheit war nicht alles besser. Wenn sie ehrlich zurückschauen, wissen sie auch da gab es große Schwierigkeiten und Probleme.

Wir müssen uns dem Geist der Zukunft öffnen, dem Geist, der uns in die Zukunft führt und uns im Jetzt begegnen möchte.

  • Wir müssen uns verabschieden vom Ungeist, der meint in der Beibehaltung des Vergangenen, des Erreichten liegt die Zukunft und uns dem Geist des Wagnisses öffnen. Wenn sie an ihre Mutter Anfängerin denken, dann hat sie sich immer wieder dem Geist des Wagnisses geöffnet: des Wagnisses neu aufzubrechen, neu zu suchen, loszulassen, weiterzugehen. Nur das Bestehende zu erhalten kann tödlich sein.


  • Wir müssen uns verabschieden vom Ungeist des Nur-Reagierens und uns öffnen dem Geist der Vorausschau. Wer solange wartet, dass er nur noch reagieren kann auf das, was kommt, der steht in kurzer Zeit vor den Trümmern. Es gilt vorauszuschauen, eine Zukunftsvision zu entwickeln, auf die wir zugehen können und jetzt die Weichen zu stellen, damit wir dort auch hinkommen können.


  • Es gilt sich zu verabschieden vom Ungeist der Gleichgültigkeit: Was ich denke ist eh egal! Ich habe das Meine getan, jetzt sollen die anderen schauen. Wir haben ganz deutlich im Bild gesehen: Jeder Blickpunkt ist wichtig! Wenn sich eine verweigert, verrinnt der Geist in der Gemeinschaft. Alle sind gefordert. Wir sind eingeladen, uns neu zu öffnen für einen Geist der Leidenschaft, der leidenschaftlich um den Willen Gottes ringt, leidenschaftlich Christus in der Gegenwart sucht: Wo kommt er uns heute entgegen?.


  • Und schließlich sind wir eingeladen, uns vom Ungeist der Resignation und der Angst zu verabschieden. Diesen Ungeistern gilt es eindeutig den Mietvertrag zu kündigen! Lassen wir uns füllen vom Geist der Hoffnung und des Mutes. Lassen wir uns nicht ausbremsen von unseren Ängsten, von der Angst um uns selbst. Lassen wir uns füllen vom Geist der Hoffnung!

Und das ist dann die 2. Botschaft:

2) Pfingsten erlebt selten einer alleine, Pfingsten ist ein Fest der Gemeinschaft.

Jede einzelne ist unersetzlich. Der Reichtum einer Gemeinschaft sind ja gerade die verschiedenen Blickwinkel und Standorte, die es gilt zuzulassen, damit sie vom Geist zu einem großen Ganzen verbunden werden können. Das geht jedoch nur, wenn wir auf unsere Schutzmaßnahmen voreinander verzichten; wenn wir innerlich abrüsten, die Schutzschilde, die wir um uns herum tragen, loslassen; wenn wir irgendwann einmal erlittenes Unrecht endlich einmal in die Vergebung entlassen, uns wieder neu aufeinander einlassen und uns gegenseitig in Liebe zumuten.

Die pfingstliche Gemeinschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie aus der Erstarrung aufbricht und sich von den Impulsen bewegen lässt, die von Innen und Außen auf sie zukommen. Sie wird nicht von Uniformität bestimmt, sondern von Originalität, mit der jeder Einzelne an seinem Platz steht und ihre Gaben und Auf-Gaben wahrnimmt.

Wir sind eingeladen, uns von Gott für eine solche Gemeinschaft „be-Geistern“ zu lassen.

Leere Klangschale anschlagen und den Ton verschweben lassen

Komm Hl. Geist

und verwandle uns.

Du machst aus Allein-Stehenden

Zusammen-Stehende,

aus Einzel-Gängern

Weg-Gefährten.

Durch Dich können Stumme

reden und sich mitteilen.

Du kannst unsere Verschiedenheiten

ergänzen zur Einheit.

Komm Hl. Geist

und sende uns.

Lass unseren Worten

Taten folgen.

(Theo Schmidkonz)