Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Reformationstag

Pfarrer Markus Beile (ev.)

04.11.2007 in der deutschen evangelischen Auslandsgemeinde Singapur

Anlässlich des Reformationstages 2007

Liebe Gemeinde!

Wir feiern heute den Reformationstag. Wir erinnern uns, dass Martin Luther ziemlich genau vor 490 Jahren seine Thesen, also seine Ansichten zum Ablasshandel, publik gemacht hat. Die Veröffentlichung der Thesen zum Ablasshandel im Jahre 1517 war der Auftakt zu einer Auseinandersetzung innerhalb der Kirche, deren Folgen sich damals keiner, auch Martin Luther nicht, bewusst war. Man stelle sich vor: Ein Mönch, ein Dozent an einer unbedeutenden Hochschule nimmt es im Verlaufe des Streites sogar mit dem Papst auf! Und gibt nicht klein bei! So sind die protestantischen Kirchen entstanden. Wir, die evangelischen Christen, feiern sozusagen Geburtstag. (Deshalb gibt es nach dem Gottesdienst übrigens ein kleines Büffet draußen vor der Kapelle).
Worum ging es damals bei dem Streit zwischen Luther und dem kirchlichen Establishment? Nicht um Äußerlichkeiten oder Formfragen. Sondern um die grundsätzliche Frage, mit der Luther so lange gerungen hatte: Ist mir Gott gnädig? Erbarmt er sich meiner trotz allem, was ich auf dem Kerbholz habe? Kann ich vor ihm bestehen, bei all den Sünden, die ich in meinem Leben angehäuft habe? Diese Frage hat die Menschen umgetrieben und hat ihnen keine Ruhe gelassen. Und die Kirche hat entsprechend auf diese Herausforderung reagiert. Sie hat sozusagen Warenhäuser aufgebaut. Da gab es das Erbarmen Gottes zu kaufen, fein säuberlich gestaffelt, in Regalen aufgetürmt, thematisch geordnet.

Da gab es das Erbarmen Gottes zu kaufen für einen selbst. Freikauf aus dem Fegefeuer. Für ein Jahr, mehrere Jahre, Jahrzehnte und noch längere Zeitrahmen. Die Ewigkeit dauert ja auch ein bisschen. Wie viel Erbarmen Gottes soll man kaufen? Nun, das hängt vom Geldbeutel ab. Aber: Das muss uns schon etwas wert sein. Im Fegefeuer soll es nicht so gemütlich sein.
So herrschte damals in den Warenhäusern, die die Kirche eingerichtet hatte, reger Betrieb. Ein bisschen sich was absparen vom Alltäglichen, das geht schon irgendwie, auch wenn die Zeiten schlecht sind. Immerhin geht’s da um mein Seelenheil.
Aber nicht nur der Freikauf von seinen eigenen Qualen im Fegefeuer ist in den Warenhäusern begehrt. Schließlich hat man ja auch noch eine Familie. Und die Vorfahren, die schon gestorben sind und in einer Art Warteraum – so stellte man sich das vor – auf ihr Schicksal warteten. Auch ihnen will man etwas Gutes tun.
Ja, so ein Einkauf im Warenhaus der Kirche geht ganz schön ins Geld. Wir können uns vorstellen, wie die Menschen damals hin- und hergerechnet haben: Reicht unser Geld noch für Urgroßmutter Emilie? Und die Großtante Hertha? Wenigstens ein kleiner Ablass für sie? Vielleicht haben wir nächstes Jahr wieder etwas übrig für sie?
So laufen die Menschen geschäftig durch die Regale. Kaufen hier eine größere Dose, dort ein kleines Röllchen, wandern durch die Reihen, die die Ablässe für die Verstorbenen bereithalten, kommen an den Vorräten vorbei, die für die engere Familie gedacht sind, und wenden sich dann zur Kasse, wo schon eine lange Schlange wartet.
Dort werden die schön verpackten Portionen des Erbarmens Gottes fein säuberlich zusammengerechnet. Und dann wird bezahlt.
Am Ende sind alle glücklich: Die Käufer, weil sie ordentlich für ihr Seelenheil investiert haben, und – wir können’s uns denken – natürlich auch die Verkäufer, die Kirchenmänner. Geld kann die Kirche immer gebrauchen. Die Kirche: Das klingt ein wenig unpersönlich. Nennen wir die Sache beim Namen: Besonders eifrig vom Ertrag der kirchlichen Warenhäuser profitierte Erzbischof Albrecht von Mainz. Albrecht hatte sich im Alter von 23 Jahren das Amt des Erzbischofs von Mainz gekauft, dabei aber Kredit bei den Fuggern aufnehmen müssen. Der musste nun zurückbezahlt werden. Übrigens war Albrecht auch noch Erzbischof von Magdeburg. Eigentlich verbot das Kirchenrecht streng, mehr als einen Bischofssitz innezuhaben, aber wenn man ein bisschen Kleingeld hat... Schmiergeldaffären im Mittelalter, und das bei der Kirche!
Neben Albrecht freute sich auch der Papst über den warmen Geldregen. Er wollte sich nämlich ein Denkmal setzen und in Rom die größte Kirche bauen, die die Christenheit je gesehen hat. So ganz umsonst geht das natürlich auch nicht...
Wir sehen, die kirchlichen Warenhäuser, die das Erbarmen Gottes feilboten, waren eine einträgliche Sache. Käufer und Verkäufer profitierten davon und so hätte es eigentlich weitergehen können, wenn da nicht so ein Unruhestifter namens Martin Luther aufgetaucht wäre.
Der hatte seltsame, völlig unkonventionelle theologische Ansichten, ein Störenfried, der weder mit Geld noch mit Morddrohungen ruhigzustellen war.
Die Ansichten des Dr. Martinus Luther breiteten sich aus. Und so kam es, dass bald neben den bisherigen kirchlichen Warenhäusern - neue evangelische Warenhäuser aufmachten.
Wenn da ein neues Geschäft in der Stadt aufmacht, dann ist das natürlich eine aufregende Sache. Wird es sich halten können? Wird es ein ernsthafter Konkurrent werden? Na, vielleicht wird das Erbarmen Gottes billiger. Konkurrenz belebt das Geschäft.
Auf der anderen Seite erzeugen die neuen evangelischen Warenhäuser Unruhe: Was soll das, werden sich andere gefragt haben. Brauchen wir doch gar nicht. Wir waren zufrieden mit den bisherigen Ablassbriefen der Kirche.
Und was die Betreiber der bisherigen Warenhäuser zu den neuen evangelischen Warenhäusern meinten, das können Sie sich selbst denken.

Neue kirchliche Warenhäuser? Nun ja, vorbeischauen kann man ja mal. Mischen wir uns unter die Neugierigen und Schaulustigen und betreten solch ein neueröffnetes kirchliches, in diesem Falle evangelisches Warenhaus.
Auch dort gibt’s Regale zuhauf. Das gewünschte Produkt, das „Erbarmen Gottes“, ist überall angeboten. Die Regale sind frisch gestrichen, das Produkt ist schön verpackt, sogar Schleifchen drumrum. Nun, warum nicht mal ausprobieren? So ganz scheinen es die neuen Geschäftsinhaber noch nicht heraus zu haben. Nirgendwo Beschriftungen, für wen das Produkt gedacht ist. Ob sich das nun für einen selbst, die Familie oder die Verstorbenen eignet, geht nicht hervor. Die Bediensteten lächeln nur freundlich und meinen, jedes Produkt passt für alle. Na, ob das gut gehen kann? Auch für wie viel Jahre das Produkt vom Fegefeuer befreit, ist nicht ersichtlich. Es gibt zwar große und kleine Dosen, aber genaue Mengenangaben: Fehlanzeige!
Die Leute sind etwas verwirrt, aber ein paar Wagemutige schieben ihren Einkaufswagen schon mal Richtung Kasse. Die Kassiererin tippt fein säuberlich die Produkte ein, der Käufer zückt einstweilen den Geldbeutel und hofft im Stillen, dass es zur Geschäftseröffnung auch ein paar Sonderangebote gibt. Preise waren nämlich auch keine zu finden.
Nun ist es soweit: Die Kassiererin lächelt freundlich und packt die verschiedenen Dosen „Erbarmen Gottes“ in Tüten. Der Kunde räuspert sich: „Ja,“ fragt er freundlich, „und was kostet das Ganze nun?“
Die Dame schaut etwas verwundert. „Wie meinen Sie?“
„Ich möchte bezahlen“, erwidert der Kunde. „Was kostet nun das Erbarmen Gottes, alles zusammen. Wie viele Taler, wie viele Heller?“ Der Kunde hat’s eilig und will nicht lange herumdiskutieren.
„Sie wollen das Erbarmen Gottes kaufen?“ Die Dame schaut ihn freundlich an und lächelt. „Das kostet nichts! Haben Sie nicht die Werbeanzeigen gesehen?“
„Wie?“ Der Kunde rollt ungläubig seine Augen. „Hören Sie, veräppeln kann ich mich selbst! Nun nennen Sie bitte die Summe, ich möchte los!“ Die Dame wiederholt noch einmal ihre Worte: „Das kostet nichts! Wirklich! Das Erbarmen Gottes ist umsonst. Das ist ein Geschenk Gottes an uns. Das brauchen wir nicht zu zahlen. Oder zahlen Sie auch sonst für Geschenke?“
„Ich“, stammelt der Mann, „äh, nein. Ich wusste nicht... Ich meine... Irgendwie verstehe ich das Ganze nicht.“
„Nun“, die Dame lächelt begütigend, „ich verstehe Sie, das ist alles noch ziemlich ungewohnt. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es damit seine Richtigkeit hat. Wenn Sie wollen, kommen Sie doch sonntags zu unserem Geschäftsführer, Martin Luther. Sie finden ihn in der Stadtkirche. Da spricht er in der Predigt über die ganze Angelegenheit!“
„Martin Luther? Ach der, zu dem die Leute alle hinrennen? Na, ich weiß nicht! Aber die Einkaufsachen darf ich mitnehmen? Ich meine, äh, ohne zu bezahlen?“
„Aber natürlich“, sagt die Dame an der Kasse, „ich hab’s Ihnen doch schon eingepackt!“
Der Käufer schüttelt ratlos den Kopf. „Und wie gehe ich mit den Produkten um?“ fragt er noch. „Da steht außen gar nichts drauf.“
„Drin ist ein Zettel mit der Gebrauchsanweisung“, sagt die Dame. „Ich hoffe, Sie können das ‚Erbarmen Gottes’ gut gebrauchen.“
„Ich glaub schon,“ stammelt der Käufer und geht.

Zuhause gibt’s erst mal ordentlich Ärger.
„Bist du verrückt?“ schimpft ihn seine Frau aus. „Warum musstest du denn dort einkaufen gehen? Immer diese Flausen im Kopf!“
Sichtlich verärgert wühlt sie in den Tüten.
„Diese neumodische Verpackung, das ist doch alles unwichtig. Du hast sicher ein Heidengeld dafür ausgegeben!“
„Das hat gar nichts gekostet!“ erwidert ihr Ehemann und wittert Oberwasser. „Ich...“
Doch seine Frau schneidet ihm das Wort ab.
„Das Erbarmen Gottes, umsonst? Was hab’ ich nur für einen Tölpel als Mann! Hast du ’was unterschrieben? Sicherlich kriegen wir demnächst tonnenweise das Erbarmen Gottes nach Hause geliefert!“
„Gar nichts hab’ ich!,“ verteidigt sich ihr Mann. „Die Frau an der Kasse hat gesagt, da ist eine Gebrauchsanleitung drin.“
Er greift nach einer Portion „Erbarmen Gottes“, reißt die Verpackung ab und öffnet die Dose. Ein kleiner Zettel kullert heraus.
„Und, was steht drauf?“, fragt seine Frau. „Nun lies doch schon!“
„Das Erbarmen: Geschenk Gottes“, liest ihr Mann. „Umsonst zu haben!“ „Versteh’ ich nicht!“, murmelt seine Frau. „Das ist sicher so ein Werbegag.“
„Jetzt wart’ doch mal ab!“ erwidert ihr Mann. „Da steht noch ’was: ‚Wichtig: Funktioniert nur, wenn man auch ernstlich bereut!’“
„Ich hab’ doch gewusst, dass da irgendwo ein Haken dran ist!“ zetert seine Frau. „Ernstlich bereuen! Das wäre ja noch mal schöner. Ich soll bereuen, was ich Falsches getan habe im Leben? Da ist das mit den bisherigen Ablässen zwar teurer, aber weniger anstrengend. Bereuen? Wo kommen wir denn da hin? Sofort gehst du noch mal los und kaufst die Richtigen.“
Ihr Mann wiegt sein Haupt hin und her: „Vielleicht ist da ja doch was dran!“ sagt er. „Du kannst dich erinnern, dass ich dich vor kurzem zu Unrecht beschuldigt habe. Du warst traurig und niedergeschlagen. Ich hab mein Unrecht dann eingesehen und dir gesagt, dass mir das Leid tut. Und so haben wir uns wieder versöhnt. Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte dir Geld gegeben? Vielleicht ist es so auch mit uns und Gott. Na vielleicht so ähnlich, ich bin ja kein Theologe. Meinst du wirklich, dass wir Gott mit Geld gnädig stimmen können? Übrigens: Was macht er mit dem ganzen Geld? Gibt’s im Himmel auch irgendwelche Läden?“
„Er ist es doch nicht, der es kriegt!“, sagt seine Frau. „Du bringst mal wieder alles durcheinander! Und außerdem: Ein schönes Kleid zur Versöhnung hättest du mir damals schon schenken können. Aber, hm, vielleicht hast du ja doch Recht. Ich werde noch mal darüber nachdenken.“

Und Sie, liebe Gemeinde, vielleicht auch?

Amen.