Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema „Gott-Inkognito“

Dr. Ulrich Engel OP

24.12.2003 in der Dominikanerkirche Heilig Kreuz, Köln

Predigtpreis 2004 für die beste Predigt

Predigt steht in gekürzter Fassung als mp3-Datei zur Verfügung

Predigt zum Thema „Gott-Inkognito“

„Lieber Gott, laß mich jetzt hier nicht feierlich werden. Amen“ – mit diesem Stoßgebet beginnt der Schriftsteller Adolf Muschg seine „Geschichtenweihnacht“. Ich möchte mir den Satz zueigen machen; das heißt: nicht zu feierlich soll es heute Abend zugehen! Und um diesem meinem guten Vorsatz treu zu bleiben, habe ich einen prominenten ‚Aufpasser’ mitgebracht; er soll meine Predigt begleiten.

Ich stelle Ihnen vor: Heinrich Böll.
Böll (1917-1985) war eine schillernde Figur: Kölner mit Haut und Haaren, aus der Kirche ausgetretener Katholik, humanistischer Schriftsteller, politischer Querkopf, geehrter Nobelpreisträger, pazifistischer Überzeugungstäter; von kirchlichen Kreisen als Nestbeschmutzer angefeindet, der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verdächtigt, ordnungsgemäß und katholisch beerdigt in Merten in der Nähe unseres Klosters Walberberg.

Oftmals während meines Studiums bin ich zu seinem Grab gegangen, über die Felder führte der Weg und durch die kleinen Straßen der typischen Vorgebirgsdörfer. Ich habe seine mit buntbemalten Steinen geschmückte Grabstelle besucht, weil mich dieser Mann als Schriftsteller faszinierte und immer noch fasziniert. Vor allem aber: Böll hat etwas ganz zentrales von unserem Glauben verstanden, das uns kirchlichen Insidern oftmals abhanden gekommen ist. Dieses ‚etwas’ möchte ich bezeichnen als das menschgewordene Inkognito Gottes.

Ein Beispiel: 1961 verfasste Böll das Drehbuch zu einem Fernsehfilm über Irland. An einer Stelle wird eine Kneipenszene gezeigt. Zu dieser Szene schrieb Böll folgenden Text:
„Wo (wie in Irland) kein Wein wächst, [wo] importierter Wein seine Blume verliert, wo die Aufklärung kein Publikum fand, da dürfen die Heiligen sich Christus als Biertrinker vorstellen.“(1)

Und Böll kommentiert seinen Text so: „Sicher wird manch römischer Kragen platzen angesichts der wilden Vorstellung, Bier könne ‚sakramentsfähig’ sein und als Ewigkeitsgetränk zulässig.“(2)

Aber Obacht: Verurteilen wir diese Äußerung nicht vorschnell als Blasphemie oder gar als die gotteslästerliche Spinnerei eines ehrfurchtslosen Gesellen! Immerhin kann sich Böll an dieser Stelle auf eine leibhaftige Heilige berufen. Im 5. Jahrhundert lebte die in Irland: Brigida von Kildare ist ihr Name. Verehrt wird sie als Patronin Irlands, der Kühe und der Wöchnerinnen.(3)

Und dieser heiligen Nonne wird das folgende Gedicht zugeschrieben:
„Ich möchte die Männer des Himmels
bei mit zu Gast haben
und große Fässer voll Fröhlichkeit
ihnen kredenzen.
Sie sollen lustig sein beim Trinken,
auch Jesus soll mit ihnen
bei mir hier zu Gast sein.
Einen großen See von Bier
will ich bereit haben für den König der Könige.
Ich möchte die heilige Familie
trinken sehen in alle Ewigkeit.“(4)

Sie merken: Böll findet sich in gar nicht so schlechter Gesellschaft; und eine heilige Nonne ist wohl kaum der Blasphemie zu verdächtigen. Zugegeben, die Vorstellung von der Heiligen Familie, die per omina saecula saeculorum – in alle Ewigkeit(5) weiter trinkt, entspricht nicht unbedingt unseren vertrauten Weihnachts- und Krippenbildern. Aber das hatte ich Ihnen ja zu Beginn meiner Predigt versprochen: Es soll heute nicht gar so feierlich werden!

Dem Schriftsteller Böll geht es mit seiner Rede vom biertrinkenden Christus darum, Himmlisches und Weltliches zusammenzubringen. Sakrales und Profanes, Spirituelles und Materielles dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden – so sein Credo. Böll erkundet das Göttliche in unseren ganz alltäglichen Begebenheiten. Und zu diesen ganz alltäglichen Dingen gehört nun auch das Bier – zumal hier bei uns in Köln.

Böll beschreibt in seinen Romanen und Erzählungen mit erkennbarer Sympathie eine Welt der kleinen Leute, der skurrilen Typen, der Außenseiter und Gescheiterten. Clowns und Trunkenbolde, Narren und Prostituierte, Verrückte und Terroristen bevölkern seine Bücher – und Ehebrecherinnen und Ehebrecher zuhauf! Bölls Figuren verbringen ihre Nächte und Tage in grellen Bordellen und zwielichtigen Eckkneipen, in düsteren Hinterhöfen und mit einer Currywurst in der Hand am Imbiss um die Ecke.

In diesem ganz und gar unfeinen Milieu findet Böll den ‚Bruder Jesus’. Natürlich nicht offen erkennbar, sondern inkognito, verborgen. Hier feiern die Menschen jesuanische Gemeinschaft, beim Frühstück zum Beispiel. Menschlich-göttliche communio findet bei Böll nicht unter brausendem Orgelklang in gotischen Kathedralen statt, sondern ganz schlicht: beim Teilen von Brot und beim Austausch von Zigaretten und Bier. „Sein ganzes literarisches Werk lebt von der Überzeugung, daß sich das Göttliche zwischenmenschlich verleiblichen, versinnlichen läßt.“(6) Der Alltag wird geheiligt, nicht der Sonntag und nicht der Feiertag.(7)

Liebe Gemeinde,
wenn das nichts mit Weihnachten zu tun hat! Damals vor 2000 Jahren in Bethlehem ist doch nicht weniger geschehen als dies: Göttliches und Menschliches sind untrennbar miteinander verwoben worden. Sakrales und Profanes, Spirituelles und Materielles bilden seitdem ein unentwirrbares Knäuel: Gott ist Mensch geworden und hat die Welt samt uns Menschen geheiligt.

Und nicht nur das. Die lukanische Weihnachtsgeschichte(8), die wir im Evangelium gehört haben, erzählt – wie die Böllschen Romane auch – von Menschen in einem ganz und gar nicht vornehmen Milieu: Ein jüdisches Kind wird in der Fremde, in der Provinz – unterwegs – geboren. Nicht (wie es sich eigentlich gehört) in einem ordentlichen Kinderbettchen, sondern in einem schäbigen Futtertrog erblickt das Neugeborene das Licht der Welt. Und unehelich ist der Kleine zu allem Überfluss auch noch. Die Eltern: Ein Zimmermann und ein junges Mädchen; sie stammen aus der Provinz Galiläa, genauer: aus Nazaret, von wo aus bekanntlich nichts Gutes kommen kann.(9)

Und die Hirten, von denen Lukas zu berichten weiß, dürfen wir uns allemal nicht als trachtenbewehrte bayerische Hütebuben vorstellen. Arme Schlucker waren sie, Tagelöhner im Dienste ihrer Herrschaften, vielleicht sogar zelotische Partisanentrupps, zu gut deutsch: „Terroristen“(10). Und dann sind da noch Engel, Gottesboten, Himmelswesen, Zeichen einer anderen Welt und Wirklichkeit.

Inmitten dieser ‚ehrenwerten Gesellschaft’ wird Gott Mensch. In diesem so gänzlich unfrommen und schon gar nicht bürgerlichen Milieu leuchtet die Menschlichkeit Gottes auf – versteckt und unscheinbar, sichtbar nur den Narren am Rande des Weltgeschehens. Gott ist Mensch geworden im Versteck, inkognito. Und inkognito ist er auch seinen Weg hier auf Erden gegangen. Die wenigsten haben etwas von diesem Wunder kapiert; am ehesten noch die Prostituierten, die kleinen Räuber, sogenanntes ‚Gesocks’. Mit ihnen feierte, aß und trank er. Nicht umsonst wohl war er als „Fresser und Säufer“(11) verschrien.

Diese eigenartig sperrige Geschichte des Jesus von Nazaret erzählt Heinrich Böll auf seine Weise. An Weihnachten ist Gott Mensch geworden. Inkognito hat er sich in unsere Welt eingeschlichen, um denen Bruder zu sein, die ‚ganz unten’ sind. Zu treffen ist er am Tresen der Eckkneipe, am Küchentisch und hinter dem Bahndamm – vielleicht biertrinkend. Hier können wir ihm begegnen, hier ist er anwesend, als Mensch mit uns. Und für uns. Kurz: als Gott-Inkognito.

Gott wird Mensch. Inmitten unseres Alltags. Das feiern wir an Weihnachten. Und damit das hohe Fest nicht gar zu feierlich-pompös gerät, lade ich Sie ein: Lassen Sie sich getrost ein wenig von Bölls bierseligen Jesus provozieren! (Und heute Abend zu Hause, da trinken Sie ruhig noch ein Glas Kölsch auf ihn. In diesem Sinne: Zum Wohl!)

Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Fest und hoffe inständig, dass meine Weihnachtspredigt 2003 nicht gar zu unfeierlich geraten ist...

Amen.


(1)    H. Böll, Irland und seine Kinder. Fernsehdrehbuch (1961), in: ders., Werke Bd. 6: Hörspiele, Theaterstücke, Drehbücher, Gedichte I. 1952-1978, hrsg. von B. Balzer, Gütersloh 1979, 396.
(2)    Ders., Die Ursachen des Troubles in Irland (1970), in: ders., Ende der Bescheidenheit. Schriften und Reden 1969-1972, München 1985, 136.
(3)    Vgl. J. Torsy, Der große Namenstagskalender, Freiburg/Br. 141990, 54.
(4)    Zit. nach K.-J. Kuschel, „Vielleicht hält Gott sich einige Dichter ...“ Literarisch-theologische Porträts (Rothenfelser Reihe), Mainz 1991, 328.
(5)    Vgl. H. Böll, Irland und seine Kinder, a.a.O.
(6)    K.-J. Kuschel, „Vielleicht hält Gott sich einige Dichter ...“, a.a.O., 326.
(7)    Vgl. W. Jens, ... den Alltag heiligen: Heinrich Böll, in: Ders. / H. Küng, Anwälte der Humanität. Thomas Mann – Hermann Hesse – Heinrich Böll, München 1989, 61-78.
(8)    Lk 2,1-14.
(9)   Vgl. Ijob 1,46.
(10)   Vgl. dazu H. Gollwitzer / P. Lapide, Ein Flüchtlingskind. Auslegung zu Lukas 2, München 1990, 16f.
(11)   Mt 11,19.