Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Thema "Jesus: kein Softi und kein Macho"

Diakon Dr. theol. Emmerich Beneder (rk)

19.08.2001 in Ottenschlag, Niederösterreich

Jeder von uns macht sich ein Bild von Jesus, aber ist es auch biblisch? Ich habe den Eindruck, dass wir die Gestalt Jesu nach unseren Vorstellungen gebildet und geglättet haben. In der biblischen Wirklichkeit jedoch geht von Jesus eine erfrischende Unruhe aus, die das ständig Gewohnte durchbricht. "Das Evangelium ist immer Feuer" (R. Siebenrock).

Jesus ist keine Gestalt, die überall Zustimmung auslöst. Er ist das Zeichen, dem widersprochen wird. Er ist nicht einfach ein liebes Gesicht, in dem das "Allerlei der Welt sanft zusammengefasst ist" (Gottfried Bachl, Der schwierige Jesus, Innsbruck 1996). Aus meiner Erfahrung vermag ich zu sagen, dass er ein unbequemer Mann ist: Stoß und Abstoß gehen von ihm aus, Heftigkeit, Streit, Verweigerung der Anpassung und Widerstand.

Jesus wird in der Bibel "Stein" genannt (Lk 20,18, Röm 9,32, 1Petr 2,8) und "nicht Rose wie es Goethe und Rilke lieber getan hätten" (G. Bachl). Eine Rose steht für Farbe und Duft. Ein Stein hingegen ist ein Bild für einen Menschen, der in sich ruht und tragfest ist, Widerstand leistet, manchmal anderen im Wege steht und auch Ärgernis bereitet. Jesu Verhalten hat oft Anstoß erregt, von der Krippe bis zum Kreuz. Kein Mensch konnte sich vorstellen, dass der Messias in einem Stall geboren und am Kreuz sterbend noch verspottet werden sollte. Jesu Reden wurden oft als hart empfunden, so sagte er einmal: "Wenn jemand zu mir kommt und nicht sein eigenes Leben gering achtet, kann er nicht mein Jünger sein" (Lk 14, 26). Ist das nicht für viele eine Provokation? Dieser Ausspruch aber deutet darauf hin, dass es die Freundschaft Jesu nie zum Nulltarif gab. Er wird zu den Menschen, die durch ihn das Angebot der vergebenden Liebe und das Reich Gottes nicht annehmen, sagen: "Ich kenne euch nicht."

Heute ist Jesus vielen Menschen kein Stein des Anstoßes mehr. Verkünden wir das "Steinhafte" an Jesus noch? Wollen nicht viele einen gemütsvollen Jesus? Seine Ideen wollen das Gewohnte nicht hinnehmen, bringen Entzweiung und Streit, gehen nicht konform mit dieser Welt. Wundert es einen, wenn Jesus wie ein gehetztes Lamm von allen Seiten umstellt, ans Kreuz genagelt wurde und als Märtyrer der Wahrheit starb.

Ich erinnere mich an den Ärger meines Religionsprofessors, der einmal zu uns Studenten zornig gesagt hat: "Räumt die kitschigen und süßen Jesusbilder aus eurem Zimmer. Jesus ist kein Himbeerwasserheiland." Ein kitschiges Bild entspricht nicht der Wirklichkeit, der Härte des Lebens. Ein Theologe unserer Zeit hat Jesus den Chaosmeister genannt und wollte zum Ausdruck bringen, dass Jesus auch mit dem Chaos unseres Lebens fertig wird. Nach der Bibel ist Jesus der neue Adam, der neue Mensch, weil er von den Toten auferstanden ist. Er ist das Modell menschlichen Lebens, "der Weg, die Wahrheit und das Leben". In ihm treffe ich meinen Schöpfer, Erlöser und Vollender. Die Begegnung mit ihm gleicht einer Begegnung mit dem Feuer der Liebe, die mich ändern wird. Die Nähe Gottes wird durch Jesus spürbar und bewirkt "nüchterne Trunkenheit", macht eine Verbindung des Göttlichen mit dem Menschlichen möglich.

Doch Jesus macht uns auch unruhig, erschreckt uns, wenn wir die Apokalypse des Johannes Kap.1,13-18 lesen. Er ist und bleibt ein Mysterium, das wir nicht mit einem einzigen Bild ausdrücken können. Jesus ist das abenteuerlichste, aufregendste und brennendste Bild Gottes, das wir auf dieser Welt nie ganz erfassen werden. Er wird uns vertraut und fremd bleiben.

Amen