Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Vaterunser

Wolfgang Gerlach (ev)

19.09.2010 in der Dresdner Gemeinde Zum Weißen Hirsch

Eröffnung der Predigtreihe zum Vaterunser

Seit Kindertagen gehören für mich Beten und Bett zusammen. Als ob sich der Geist Jesu in mein Bettchen geschlichen hätte: Sein Kämmerlein bot ich ihm m Kinderzimmer. Zum Plappern wie die Heiden kam es nicht, denn vor dem Amen der vorbetenden Mutter war ich meist schon eingeschlafen. Das geht mir oft bis heute so – selbst mit dem Vaterunser. Ich fange wohl mit dem Beten zu spät an. Manche Abende bete ich gar nicht. Ich weiß noch, welche Erlösung es für mich war, als in einer Vorlesungspause im Theologiestudium eine Mitstudentin mir 1961 begeistert erzählte, was sie gestern in dem gerade erschienenen Buch des anglikanischen Bischofs John A.T. Robinson gelesen habe: „Stellen Sie sich vor, er schreibt in seinem Buch „Honest to God“, dass auch er nicht täglich betet. Das gibt er offen zu“! Das befreite mich nachträglich von meinem schlechten Gewissen, wenn ich mal nicht gebetet hatte.

Nun ja! Das schlechte Gewissen war weg. Aber mein Beten wurde noch seltener. Ritus braucht Regelmaß. Beten, nur wenn einem danach ist, überfordert „die Freiheit eines Christenmenschen“!

So ging und geht es bei mir zu, liebe Gemeinde. Und wie steht’s bei Ihnen? Mag sich jeder selbst hier auf Fragen einlassen, die ich anbiete. Dafür gibt es gleich Zeit, seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. In Meinen Fragen mag für jeden etwas dabei sein:

Wo bete ich: Im Bett? Bei Tisch? In einer Gruppe? In der Kirche?

Wann bete ich? Wie oft am Tag? Nur im Urlaub? Nur in der Not?

In welcher seelischen Verfassung bete ich? Traurig, ängstlich, freudig? – Dankbar?

Was bete ich? Psalmverse? Gedichte? Vaterunser? Selbst formulierte Fragen, Bitten?

Für wen bete ich? Für mich? Für Angehörige meiner Familie? Für Freunde? Für einen kranken Menschen? Für Menschen, die von Naturkatastrophen betroffen sind? Für die Kirche oder die Gemeinde? Für Politiker?

Wie bete ich? Laut? Stimmlos? Ohne Sprache, also nur in Bildern?

Mit wem bete ich? Mit meinem Ehepartner? Im Familienkreis? In einer vertrauten Gemeinschaft? In einer anonymen Gruppe? Im „stillen Kämmerlein“ allein?

Welch ein Überfall von Fragen. Gehen Sie Ihrer inneren Stimme nach. Und wenn nichts kommt, lassen Sie kommen, was kommen will.

Um Sie einzustimmen und Ihnen Zeit zu geben, begleitet Sie der Organist mit Orgelspiel für einige Minuten.

II.

Ich danke dem Kirchenvorstand für die Einladung, die Predigtreihe zum Vaterunser eröffnen zu dürfen.

Vater unser im Himmel (oder: in den Himmeln)

Einer der Jünger bittet Jesus: „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11,1). Und Jesus antwortet mit Worten des uns vertrauten Vaterunser. Das hat Jesus ganz sicher nicht spontan fomuliert, sozusagen aus dem Stand. Ähnliche Gebetsangebote waren damals wohl im Umlauf. Der fromme Jude Jesus variiert hier, was jedem Juden aus dem Kaddisch damals und bis heute vertraut ist. Auch im jüdischen Achtzehngebet kehrt zwei Mal die Wendung „Unser Vater“ wieder. Neu ist: Jesus spricht von „meinem Vater“. So wird es ihm auch im Garten Gethsemane in den Mund gelegt (es konnte ja niemand gehört haben!): „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir“ (Mt 26,39). Wie Jesus zu seinem’ Vater spricht, so hört der Täufling am Jordan vom Himmel die Stimme: „Du bist mein geliebter Sohn“ (Mk 1,11 par.). Der Geist Gottes, so will’s die Schrift, begründet am Jordan die einmalige Beziehung zwischen Vater und Sohn – sozusagen im Himmel beschlossen und auf Erden wirksam. Vermutlich hat die spätere junge Gemeinde dieses „unser“ auf sich bezogen. Dieses „unser“ sollte das feste Gefüge der Gemeinde bekräftigen – in Zeiten äußerer Bedrohung.

Auf den Streit, ob Gott Vater oder Mutter sei oder beides oder keins von beiden, gehe ich nicht ein.

Einige von uns haben vielleicht noch aus Luthers Kleinem Katechismus gelernt:

„Vater unser im Himmel. Was ist das?

Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, auf dass wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen, wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“.

Luther wehrt die irrige Meinung ab, wir könnten zu unwürdig sein und zu unheilig, vor Gott im Gebet zu treten. Obgleich Gott, „euer Vater, weiß, was ihr bedürfet, ehe denn ihr ihn bittet“, will er, dass ihr ihn bittet. Nach Luther will Gott gebeten sein. Sein Gott fordert Gebetsgehorsam ein.

Hier stocke ich. Braucht Gott mein Gebet wirklich? Ist’s nicht umgekehrt? Brauche nicht vielmehr ich das Gebet? Ehe es mir hilft, ver-hilft es mir, meine Wünsche, Fragen, Ängste in Worte zu fassen. Sprache klärt. Das Wort hält mich, es fasst mich zusammen. Beim Gebet ist es nach meiner Überzeugung nicht mit frommen, wortlosen Gefühlen getan. Beten heißt in Sprache fassen, was womöglich bisher noch keine Sprachform gefunden hatte. Beten will ausdrücken, was mich bedrückt und was mich beglückt. Im Gebet gebe ich mich preis. Indem ich bete, werde ich mir meiner Schwachheit bewusst: vor Gott bin ich klein. Dies zu erkennen, macht den Beter stark. Daher die Paulusformel coram Deo: „Meine Kraft ist in den Schwachen (in der Schwachheit?) mächtig“.

Im Gebet lüge ich nicht. Ich mache mir nichts vor, weil ich weiß: Ich kann Gott nichts vormachen. Im Gebet deute ich mich selbst. Ich forme mich und bekomme Gestalt

Ich bete in der Gewissheit, dass ich gehört werde und dass es mir zum Heil gereicht. Mein Beten kann nicht davon ausgehen, dass das Erbetene eintritt. Gott „erhört“ nicht nur im Fall von Wunscherfüllung. Das wäre Magie. (Bonhoeffer: Gott erfüllt nicht all unsere Wünsche, aber all seine Verheißungen).

Wenn mir die Worte fehlen, dann mag ich Zuflucht nehmen in Bewährtes: in Psalmen, in Gebete derer, die vor mir waren,. Das Vaterunser kann zum Refugium werden. Denn hier ist alles zusammengefasst, was menschliches Dasein ausmacht. Darum ist es weder Wunder noch Zufall, dass selbst die Menschen, die den Kontakt zu Kirche und Glauben verloren haben, für Notlagen das Vaterunser immer noch parat und präsent haben.

III.

Geheiligt werde dein Name

Diese erste Bitte kommt dem Kaddisch sehr nahe.

Zentral darin zielen die Bitten auf die Heiligung des göttlichen Namens und auf das baldige Kommen des Gottesreiches.

Der Vorbeter spricht (bis heute):

Erhoben und geheiligt werde sein großer Name in der Welt,

die er nach seinem Willen geschaffen hat,

und sein Reich komme (zur Herrschaft) in euerm Leben und in euren Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in naher Zeit. Darauf sprechet: Amen!

Gemeinde: Sein großer Name sei gelobt in alle Ewigkeit!

Eine geheimnisvolle Formulierung: Geheiligt werde dein Name. Wer denn soll Gottes Namen heiligen? Gott selber oder wir Menschen?

Die Plattdeutsche Bibel meint beide und überträgt salomonisch. Zuvor heißt es: „Unse Vadder in’n Himmel!“ Und dann geht’s weiter: „Mak din Nam herrli un hillig ock bi uns! Help du uns ock dorto, dat du gans unse Herr warst“!

Martin Luther meint, wir Menschen haben den Namen Gottes zu heiligen. Luthers Antwort auf „Was ist das“? (geheiligt werde dein Name), lautet:

„Gottes Name ist zwar an sich selbst heilig. Aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns heilig werde. Wie geschieht das? Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird, und wir auch heilig, als die Kinder Gottes danach leben. Dazu hilf uns, lieber Vater im Himmel“.

Dass auch wir heilig werden – das hat so seine Tücken. Immerhin enthält das Vaterunser keine Bitte, Gott möge mich zu einem heiligen, frommen, glaubwürdigen Menschen machen. Solange Gottes Größe, also sein heiliger Name unantastbar bleibt, werde ich selber mir meiner Kleinheit, Bedürftigkeit und Abhängigkeit bewusst. In diese Richtung zielt wohl Dietrich Bonhoeffers Brief v. 21. Juli 1944 aus dem Gefängnis Tegel, einen Tag nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler. Darin erzählt er von einem Gespräch mit einem französischen jungen Pfarrer:

„Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ‚ich möchte ein Heiliger werden’ (– und ich halte für möglich, dass er es geworden ist –). Das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen. Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden ... Später erfuhr ich und erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt“. Wenige Zeilen zuvor schreibt er übrigens: „Ich glaube, dass Luther in dieser Diesseitigkeit gelebt hat“. (DBW = Dietrich Bonhoeffer Werke), Bd. 8, S. 541f.)

Luther hat im Großen Katechismus das Wort „heiligen“ zusätzlich mit „loben, preisen, ehren“ erläutert und damit zugleich das Reden mit dem Tun verbunden, also das Ineinander von ora et labora anklingen lassen. Dies nimmt das berühmt gewordene Wort Bonhoeffers auf, dass unser Christsein künftig nur in zweierlei bestehen wird: „Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“.

Jüdische Tradition hält bis heute daran fest, dass die Heiligkeit des Gottesnamens zu allererst gewahrt wird dadurch, dass man den Namen nicht ausspricht. Man umschreibt ihn mit „mein Herr“ (adonaj). Zugleich heiligt ein frommer Jude den Namen Gottes (ha shem) durch sein Tun. So konnte der Jude Jesus in der Bergpredigt sagen: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen, Herr, Herr, ins Himmelreich kommen, sondern die den Willen meines Vaters im Himmel tun“ (Mt 7, 21).

Für die Heiligung, für das Heilbleiben des Gottesnamens, gehören auch heilige Orte: Dafür steht der Brennende Dornbusch: Das Feuer gleicht der “Herrlichkeit“ Gottes, seiner (wie Juden sagen) „Schechina“, in der er sich zugleich verbirgt. Das Feuer verbrennt dich und sein Licht blendet dich, wenn du ihm zu nahe kommst. Wenn Karl Barth demonstrativ einmal auf der Kanzel geraucht hat, dann wollte er damit seinen Protest gegen heilige Orte äußern. Ich finde, er hat sich blamiert: er hatte wohl keinen Sinn für das „Fascinosum et tremendum“. So hat der Theologe Rudolph Otto das Wesen des Heiligen beschrieben: Das Fackelartige saugt dich an und erschüttert dich.

Die Pointe der Anrede („Vater unser im Himmel“) in Verbindung mit der Ersten Bitte („Geheiligt werde dein Name“) sehe ich in einer poetisch-ethischen Verbindung, die hier Jesus gelungen ist:

Ich heilige den Namen Gottes, der wie ein Vater ist und auch Vater heißt, indem ich als sein Kind mich gehalten fühle und mich verhalte: Damit er, der Vater, (so Luther im Gr. Kat.) „von uns nicht Schande, sondern Ehr und Preis habe“ (vgl. Peter v.d. Osten-Sacken, Katechismus und Sidur, Berlin 1984, S.184).

Ob mir das gelingt? Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass ich trotz allen Scheiterns und Verfehlens Gott nicht nur Schande bringe, sondern ihn auch manchmal erfreue. Ohne diese Hoffnung könnten allenfalls nur Menschen mich mögen und Freude an mir haben. Das wär’ mir zu wenig. Wenn wir Gottes Kinder sind, dann wird da auch ein Vater sein, der uns nicht nur schützt und warnt, sich nicht nur ärgert oder enttäuscht ist, sondern uns auch liebt und sich an uns freut – vom Kinderbettchen an bis ins Alter.

Gebet nach der Predigt

Gott im Himmel, der Erde zugetan,

unbegreiflich fern und doch zum Greifen nah.

Dich rufen wir an als Vater,

der um seine Kinder weiß,

wir als Kinder, die dem Vater vertrauen –

auf Schritt und Tritt,

auf Umweg und Fehltritt,

gehalten, nicht verworfen,

ermutigt, nicht verängstigt.

Dein Name – von uns heil zu halten,

dennoch oft beschädigt,

weil wir uns verfehlten,

Freiheit kostend ohne dich.

Deinen Namen zu heiligen ermutigt und befähigt uns,

beim Namen zu nennen, was unterschwellig schwelt:

Schuld nicht zu verharmlosen,

das Gute in der Güte zu erkennen.

Himmlischer Vater,

heile das Zerbrochene,

zerbrich, was uns trennt.

Lass uns tun, was wir von dir erwarten.

Heilig werde uns sein Name!

Gelobt sei Gott und nicht beschwiegen.

AMEN.