Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zum Weihnachtsfest

Pfarrer Ulf Rödiger

24.12.2016 in den Orten des Pfarrbereiches Aken/Rosenburg

„Er wird der Friede sein“

 

(Gnade sei mit uns.....)

 

Liebe Gemeinde, liebe Kinder

 

Aus alten Märchen winkt es

Hervor mit weißer Hand,

Da singt es und da klingt es

Von einem Zauberland;

 

Wo bunte Blumen blühen...

Und grüne Bäume singen...

Und Nebelbilder steigen...

Und blaue Funken brennen...

Und laute Quellen brechen...

 

Ach, könnt' ich dorthin kommen

Und dort mein Herz erfreun

Und aller Qual entnommen

Und frei und selig sein!                (Schumann;  Dichterliebe)

 

Ins Zauberland wünschen wir uns an diesem Abend, in diesen Tagen. An den Ort, an dem weder Krieg noch Terror, weder Streit noch Unfrieden herrscht.

Wir tun alles dafür, dass unsere Stuben in diesen Tagen ein solcher Ort des Friedens sein mögen. Wenigstens hier, in unserem privatesten Raum, muss es doch möglich sein, dieser kranken Welt, etwas entgegen zu setzen.

Obwohl es doch selbst in dieser kranken Welt, Orte voller Hoffnung und Verheißung gibt.

 

Wissen Sie, warum die Bibel so viel Wert darauf legt, ausgerechnet an Bethlehem als Geburtsort Jesu festzuhalten?

Weil auf diesem kleinen Stück Erde die Verheißung ruht, dass von ihm aus der Friede in die Welt kommt. Denn so steht es im Propheten Micha:

 

1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewiesen ist. 2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder und Schwestern wiederkommen zu den Israeliten. 3 Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.             4 Und er wird der Friede sein.

                                                                                                                              (Mi. 5,  1-4)

 

Der Retter der Welt und unseres Lebens, kommt vom Dorf / kommt aus dem unscheinbaren Städtchen. Fällt es dort leichter an den Frieden zu glauben, als in den großen Hauptstädten? Dort herrschen Glanz und Gloria. Dort steppt der Bär. Aber die großen Städte sind eben auch Zielpunkt all derer, die auf Unheil und Terror aus sind.

Aber soll man das jetzt als Vorteil gelten lassen? Sich damit beruhigen?

 

Immerhin; Bethlehem hat eine große Tradition.

Die Familie des großen Königs David kommt daher, und jeder bekommt sofort leuchtende Augen wenn er seinen Namen hört.

„Ja damals, als alles noch in Ordnung war, als die Verhältnisse klar und übersichtlich waren, als man noch wusste wer Feind und wer Freund ist.“

Damals?, als der Friede noch auf dem Gleichgewicht der Abschreckung beruhte, und also nur durch Gewaltandrohung gewahrt wurde?

 

Doch jetzt, sind die vermeintlich schönen Zeiten längst nur noch verblassende Erinnerung. 

 

Ach! jenes Land der Wonne,

Das seh' ich oft im Traum;

Doch kommt die Morgensonne,

Zerfließt's wie eitel Schaum.                     (Schumann, Dichterliebe)

 

Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat.

                                                                                                                      (Mi. 5, 2)

 

Inzwischen sind andere Zeiten aufgezogen. Der Friede im Land empfindlich gestört und selbst im kleinsten Raum die Erfahrung: Es misslingt uns immer wieder, dauerhaft Frieden untereinander zu halten.

Wie schnell schleicht sich die Unstimmigkeit ein, wie schnell sind wir dabei uns hinreißen zu lassen von Gedanken der Missgunst und des Hasses.

Sollten wir es da nicht aufgeben, auf bessere Zeiten zu hoffen und uns darauf einrichten, dass der Mensch nun einmal nicht anders kann, als auf Gewalt und Gegengewalt zu setzen? Wollen wir wirklich zurück zum: „Wie Du mir so ich Dir?“

Stellen wir es wieder her, das Gleichgewicht des Schreckens?

 

Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines

Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.

Und er wird der Friede sein.                                                        (Mi. 5, 3-4)

 

Wir feiern seine Geburt, feiern das Kommen dessen, der den Frieden wie kein anderer verkörpert – mit Leib und Seele

Wir feiern im Wissen und im Angesicht des Terrors und des Krieges in aller Welt und manchmal bis hinein in unsere Stuben.

 

 

Nicht „postfaktisch“ weil wir unsere Sehnsucht über die harten Fakten stellen, sondern „kontrafaktisch“ weil gegen die Fakten nur die Hoffnung hilft, dass wir nicht allein sind in unserem Streben nach Frieden. Das der Friede nicht nur frommer Wusch ist, sondern von ihm selbst gebracht wird.

Er ist der Maßstab, an den wir uns halten müssen, wenn „Friede auf Erden“ Wirklichkeit werden soll.

 

Und so kommt ER in einem Ort zur Welt, der nicht einmal tausend Kämpfer aufbringen kann. Dem Terror des Diktators Herodes hat er nichts entgegen zu setzen als die Wehklage der Frauen, denen die Kinder entrissen werden.

 

Und so bringt ER die ersten sechs Lebensjahre als Flüchtlingskind in Ägypten durch.

 

Und so sucht ER Menschen, die sich mit ihm auf den Weg machen, von Gottes Liebe und Barmherzigkeit für alle Menschen, zu erzählen.

ER bringt sie zusammen um den einen Tisch, zum Reden und Erzählen, zum miteinander sein und zum gemeinsamen Mahl.

Sein Friede beginnt tatsächlich in einer Stube im Obergeschoss eines Hauses. Setzt sich fort in Häusern und Kirchen, aber auch in Moscheen und Synagogen. Beginnt dort wo Menschen, von ihm angesteckt, nicht aufhören danach zu streben, den Frieden Gottes zu halten und zu stiften.

Dabei ist sein Friede, kein Konzept, keine Strategie, sondern ist immer wieder „gelebtes Leben“.

Das macht es uns nicht leicht ihm zu folgen. Denn anders als bei einem Programm geht es nicht um das Abarbeiten einer „Friedensliste“ und dann ist alles in Ordnung, sondern um das Vertrauen in seine Person auch nach über zweitausend Jahren noch.

 

Deshalb gibt es weder ein Rezept für einen friedlichen Weihnachtsabend daheim, noch eines für den ewigen Weltfrieden. Aber es gibt Anhaltspunkte:

 

Mit Worten des Dichters:

Sage, wo ist Bethlehem?
Wo die Krippe? Wo der Stall?
Mußt nur gehen, mußt nur sehen -
Bethlehem ist überall.

-         ist jetzt und hier.

-         ist jederzeit.                                     (Rudolf Otto Wiemer)

 

Beginnt dort, wo wir ernst machen, mit unserer Sehnsucht, nach Verständnis und Verständigung, nach sozialer Gerechtigkeit, Nächsten – wie Fremdenliebe.

Beginnt, wo wir uns täglich neu fragen, wohin will Gott uns führen und was will er das wir tun. Da ist Bethlehem. Denn da wächst Frieden.

Wir wissen es doch längst und bekommen es täglich neu vor Augen geführt:

 

Alle Konzepte, alle Allianzen und alle Machtspiele, können wohl zum Frieden beitragen, aber auf Dauer sichern können sie ihn nicht. Man kann ihm Nachhinein, spekulieren und politisieren, alles in Frage stellen und so tun, als hätte man es immer schon gewusst.

Aber alles das hilft nicht, wenn unsere Herzen und Sinne nicht auf  Frieden aus sind. Wenn wir uns anstecken lassen von denen, die in Machtmitteln das Heil sehen. Wenn der Frieden nicht in unseren Herzen und Sinnen wächst, sind alle Strategien nur Pflaster auf wunde Seelen.

 

Dabei sind unsere Häuser und Stuben unser ganz privater Raum, ein Lernort für uns und unsere Kinder. Manchmal gelingt uns der weihnachtliche Friede, die weihnachtliche Versöhnung und die Weihnachtsfeiertage werden so schön, dass wir eine Ahnung davon bekommen, wie Gott unser Zusammenleben gemeint hat.

Manchmal aber gelingt es auch nicht und es bleibt zwiespältig. Dann ist tut es gut sich daran zu erinnern, das der, welcher der Friede schlechthin ist, ja auch erst wachsen musste und erst ganz am Ende seines Lebens einen Weg geht, der aller Gewalt und aller Macht eine unverrückbare Hoffnung auf das Leben entgegen setzt.

Der Berliner Bürgermeister sprach im Zusammenhang mit dem Anschlag davon, dass es um das Bewahren einer klaren Haltung geht. Was das heißt, lerne ich vor allen anderen, bei Jesus Christus.                        

 

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.                                                       AMEN