Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Christvesper über Lukas 2,9-12

Pfarrer Keno Heyenga (ev.)

24.12.2016 Evangelische Kirche Weisweil

[Hinweise:

> Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas (Lk 2) wurde als Schriftlesung gelesen

> Die Kirche wird vor der Predigt abgedunkelt. Nur die Kerzen am Weihnachtsbaum und die Altarkerzen geben ein diffuses Licht in den ansonsten dunklen Kirchenraum.]

 

I. Hirten in der Nacht

Pechschwarz und undurchdringlich liegt die Nacht auf den Feldern. Das weite Land vor den Toren Bethlehems – verzehrt von der Dunkelheit.

Hinter den Hürden blöken die Schafe, stehen dicht an dicht und riechen streng.

Die Hirten sitzen beisammen und schweigen. Das Lagerfeuer lässt dunkle Schatten auf ihren harten Gesichtern tanzen. Die Augen starren ins Feuer, doch ihre Gedanken sind in der Nacht.

Die Hirten wissen, wie lang, kalt und dunkel die Nächte hier draußen sind; und doch werden sie sich nie daran gewöhnen.

Die Dunkelheit – sie trübt nicht nur den Blick, so dass man die Hand vor den Augen nicht sieht, sie trübt auch die Gedanken. In der Nacht werden Ängste wach und Sorgen tonnenschwer. Die Nacht legt einen schwarzen Schleier auf die Seele.

 

II. Wir in der Nacht

Pechschwarz und undurchdringlich liegt die Nacht auch auf den Feldern rund um Weisweil. Das weite Land von unseren Ortsgrenzen bis an den Rand der Welt – verzehrt von der Dunkelheit.

Unsere Augen blicken auf den leuchtenden Weihnachtsbaum und auf strahlende Kinderaugen und doch gehen die Gedanken in die Nacht.

In die Nacht, die über den Trümmern von Aleppo liegt, die schwer auf dem Mittelmeer lastet, mit seinen gesunkenen Booten, die Menschen in die Freiheit bringen sollten.

Die Nacht, sie liegt pechschwarz und undurchdringlich auf dem Breitscheidplatz in Berlin und auf so manch trauriger Seele.

 

III. Hirten: Landschaft der Gewalt

Die Hirten ziehen sich ihre Mäntel enger um die Schulter, doch die Kälte sickert beharrlich durch die Schafswolle und lässt sie frieren. Immer wieder wenden sie ihre Augen vom Feuer ab und blicken in die Nacht. Ihre Gedanken gehen hinaus auf das dunkle Land, in dem König Herodes herrscht. Ein brutaler Diktator, der mit harter Hand regiert, dessen Zorn Menschenleben kostet und der als Kindermörder in die Geschichte eingehen soll. Die Hirten verstehen diese Gewalt nicht, dieses kranke Machtgebaren der Herrschenden.

Ihre Blicke sind ratlos und leer, bis das im Feuer knacksende Holz sie zurückholt aus ihren Nachtgedanken und ein schales Gefühl zurücklässt.

 

IV. Wir: Landschaft der Gewalt

Die Kälte der Nacht sickert auch beharrlich durch die dicken Wände unserer Kirche und zieht unsere Gedanken hinaus auf das dunkle Land, in dem unberechenbare Machthaber mit harter Hand regieren.

Verstehen Sie die Gewalt, die da draußen tobt? Die blinde Todeslust der Terroristen? Das kranke Machtgebaren der Herrschenden, durch das Hunderttausende sterben – Männer, Frauen und Kinder? Auch in dieser Nacht, auch jetzt – in Aleppo und den ungezählten anderen Kriegsorten dieser dunklen Welt? Verstehen Sie das?

Und ertappen Sie sich zuweilen auch dabei, wie die Kälte da draußen auch Sie hier drin kalt macht, hartherzig?

Oder lassen diese Nachtgedanken auch bei Ihnen ein schales Gefühl zurück? Gerade heute Nacht, wo der Weihnachtsbaum funkelt und Kinderaugen leuchten?

Ist die Stille Nacht eine grabesstille Nacht?

 

V. Hirten: Brüllende Tiere

Ein Brüllen zerschneidet die Stille und hallt durch die Nacht. Die Hirten schrecken auf. Mit wachem Blick starren sie in die Dunkelheit und lauschen. Wieder ein Brüllen. Vielleicht ein Löwe oder ein Wolf? Einige Hirten gehen rüber zu den Hürden, schauen ob der Zaun geschlossen ist und überblicken ihre Schafe. Sie haben Angst, dass eines verloren geht und gerissen wird von einem Raubtier. Denn in der Nacht klingt selbst ein harmloses Rufen wie das Brüllen eines Löwen oder das Knurren eines Wolfes.

Doch – da ist nichts. Kein brüllender Löwe, kein knurrender Wolf.

Die Hirten setzen sich wieder ans Feuer, blicken unsicher umher und haben Angst um ihre Schafe.

 

VI. Wir: Brüllende Menschen

Löwen brüllen und Wölfe knurren auch bei uns. Sie brüllen und knurren auf den Straßen unseres Landes, in Internetforen, in Mikrofone und Kameras, über den Gartenzaun hinweg.

Sie malen mit ihren Worten ein düsteres Szenario in unsere Köpfe – als läge die Zukunft in finsterster Nacht. Sie sprechen von Überfremdung, davon, dass uns alles weggenommen wird, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen wie Raubtiere über uns herfallen.

Und viele glauben den brüllenden Löwen und knurrenden Wölfen. Sie bekommen es mit der Angst zu tun und versuchen ihre Schafe beisammen zu halten – ihren Wohlstand, ihre Idylle, ihre kleine sichere Welt. Und sie bauen Hürden um ihr Leben und um ihr Herz. Denn sie haben Angst.

 

VII. Wir und die Hirten in der Dunkelheit

So sitzen wir also hier – wie die Hirten – und blicken auf den leuchtenden Weihnachtsbaum. Und um uns herum, da draußen auf den Feldern, in der großen Welt, ist finstere Nacht. Pechschwarz und undurchdringlich. Und die Dunkelheit – sie trübt die Gedanken. In der Nacht werden Ängste wach und Sorgen tonnenschwer.

Musikstück Orgel: Unter dem Sternenhimmel (Hans-André Stamm)

 

VIII. Wir und die Hirten im Licht

Wie die Hirten am Feuer, sitzen wir hier in der Kirche – und draußen liegt eine pechschwarze und undurchdringliche Nacht über der Welt, die uns das Fürchten lehrt.

Doch dann tritt

[…] der Engel des Herrn […] zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtet um sie; und sie fürchten sich sehr.

Und der Engel spricht zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

(Lk 2,9-12)

 

IX. Hirten bei Gott

„Fürchtet Euch nicht! […] Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Die Nacht lastet schwer auf Euch. Doch fürchtet Euch nicht. Die Nacht wird licht.

Eure Gedanken sind trüb und Eure Sorgen schwer. Doch fürchtet Euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren.

Es ist finster in der Welt und Eure Angst ist groß. Doch fürchtet Euch nicht! Es ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Und die Hirten – sie gehen. Anders als sonst, sie gehen eilend – mitten in die Nacht hinein. Bis sich in der Dunkelheit ein Stall schemenhaft abzeichnet. Windschief steht er da, als ächze er unter der Last der Nacht.

Die Hirten treten vorsichtig ein. Ihre Schritte werden langsamer, als sie das Kind sehen.

Es liegt da, mit weicher Haut auf hartem Stroh.

Die Hirten blicken es an und sehen Gott, wie er atmet und schreit; wie seine Augen zum ersten Mal zwischen hell und dunkel unterscheiden – mit einem Blick, der tief ist wie das Meer und hoch wie der Himmel.

Hier liegt Gott. Mitten in der Nacht.

Hier liegt Gott. In der Finsternis einer gewalttätigen Welt, mit unberechenbaren Machthabern, mit brüllenden Löwen und knurrenden Wölfen.

Hier liegt Gott.

Da, wo es Grund zur Sorge gibt.

Wo sich Angst breit macht.

Wo es dunkel ist in mir.

Da liegt Gott.

„Fürchtet Euch nicht!“

 

X. Im Herzen ein Licht

Ich stelle mir vor, wie die Hirten sich herabbeugen – Gott entgegen. Mit seiner zarten Kinderhaut, seinen Augen, die Liebe suchen und Vertrauen wecken, mit seiner zerbrechlichen Gestalt, in der ein unbändiger Lebenswille liegt.

Ich stelle mir vor, wie die harten Hirtengesichter weich werden und sich ihre Herzen öffnen. Und wie die Dunkelheit entweicht – nicht aus der Welt, aber aus ihren Herzen.

Ich stelle mir vor, wie sich ein innerer Friede in ihnen ausbreitet, hell wie der Stern, dem die Weisen aus dem Morgenland folgen.

Ich stelle mir vor, wie ihre Seele aufatmet und licht wird und ihnen ein Lächeln ins Gesicht schickt.

Und dann, nach einer ganzen Weile, gehen sie. Zurück in die Nacht mit ihren unberechenbaren Machthabern, mit brüllenden Löwen und knurrenden Wölfen. Sie gehen zurück in die Nacht – und tragen ein Licht in ihrem Herzen. Und sie geben es weiter. Und die Welt wird heller.

 

XI. Wir heute Abend

Auch wir werden gehen – zurück in die Nacht, in der wir noch viel lachen oder still weinen werden. In der wir einander lieben oder bitterlich streiten.

Wir gehen zurück in die Nacht, die auch über den Trümmern von Aleppo, auf dem Mittelmeer und dem Berliner Breitscheidplatz liegt.

Wir gehen zurück in die Nacht mit ihren unberechenbaren Machthabern, mit brüllenden Löwen und knurrenden Wölfen.

Doch mit uns gehen drei Worte: „Fürchtet Euch nicht!“

Mit uns geht ein Licht.

Mit uns geht Gott.

Amen.