Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Konfirmation

Pfarrer Markus Weickardt (ev.)

02.06.2017 Grolsheim

Konfirmation

„Du bist wertvoll“

 

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz

und ein Herz für sein Wort. Amen.

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmationsfamilien,

aber vor allem natürlich liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen!

 

Heute nun ist der Tag Eurer Konfirmation.

Ganz klar ein besonderer Tag nicht nur für Euch, auch für Eure Eltern, Paten und Patinnen, Eure Familie.

Ein Tag an dem deutlich wird, Ihr werdet langsam erwachsen, Ihr macht immer mehr Euer eigenes Ding, Ihr werdet eigenständiger.

Früher zur Zeit Eurer Großeltern war die Konfirmation für die Meisten auch der Einstieg ins Berufsleben. Dann begann der so oft und viel besagte „Ernst des Lebens“.

Für Euch ändert sich zunächst nicht viel. Ihr wohnt weiter zu Hause, Ihr geht weiter in die Schule und tut das, was Ihr auch vor Eurer Konfirmation getan habt.

Manche mögen das bedauern, andere finden das ganz gut so.

Aber das heißt jetzt nicht, dass Ihr in Eurem Alltag nichts leisten müsstest. Ganz im Gegenteil.

Ich war immer wieder ganz verwundert und auch irritiert, wenn Ihr von der Schule, den Lehrer und Lehrerinnen, den Arbeiten und Prüfungen erzählt habt. Das war nicht nur das Thema in den Pausen, auch manchmal während der Konfi-Stunde seid Ihr immer wieder auf die Schule gekommen, musstet Euch austauschen und erzählen, was Ihr da erlebt habt. Was der Lehrer, die Lehrerin getrieben hat, was der oder diejenige überhaupt für eine ist, was der Mitschüler getan hat oder nicht getan hat und was Ihr noch alles zu erledigen und zu lernen habt. In dem Maße habe ich das selten erlebt. Auch die Entschuldigungen, dass Ihr nicht in die Konfi-Stunde kommen könnt, weil morgen eine wichtige Arbeit ansteht, für die Ihr noch lernen müsst.

Und wenn ich dann erlebt habe, wie geschafft und müde Ihr manchmal ward, wenn der Konfirmandenunterricht am späten Nachmittag begann, - und mir ging es da ja manchmal nicht anders - dann dachte ich mir: Nicht ärgern, es ist doch toll, dass die Jugendlichen trotz der belastenden Schule und all dem, was sie auch sonst noch so zu leisten haben, sich Zeit nehmen hier her in den Konfi-unterricht zu kommen und versuchen sich noch mal für eineinhalb Stunden zusammenzureißen und zu konzentrieren. Das war nicht immer leicht für Euch, für uns die wir den Unterricht gehalten haben auch nicht, aber im Großen und Ganzen hat es doch gut funktioniert.

Ja, Ihr müsst eine Menge leisten, auch schon in Eurem Leben, auch wenn die Erwachsen das manchmal nicht so anerkennen.

Das betrifft nicht nur die Schule, auch in Eurer Freizeit seid Ihr häufig irgendwo aktiv. Sei es beim Sport, der Feuerwehr, beim Lernen und Üben eines Instrumentes oder bei sonst irgendetwas.

Ihr müsst was leisten, Ihr werdet dazu angehalten von Euren Eltern, von Eurer Umwelt und vielleicht auch von Euch selbst, weil Ihr das so wollt. Und sich durch Leistung zu bestätigen, kann ja auch Spaß machen und das Selbstwertgefühl gehörig steigern.

 

Wir alle müssen jeden Tag etwas leisten - um für uns selbst zu sorgen, in der Familie, in der Schule, im Beruf, ja in nahezu allen Bereichen unseres Lebens. Das wir etwas leisten können, ist wichtig und meistens auch beglückend.

Aber ich habe das Gefühl, dass der Bogen heutzutage oft überspannt wird, auch schon bei Euch, dass wir uns selbst oder andere nur noch an Leistung messen. Unsere Leistungsgesellschaft, wie es ja so schön heißt, stellt uns da scheinbar täglich vor neue Herausforderungen. Hoch ist der Druck, gut da zustehen und immer Spitzenleistungen zu bringen und gleichzeitig auch noch alle anderen Lebensbereiche gut zu meistern. Zum Druck von außen, kommen die eigenen inneren Stimmen: Bringe ich es? Müsste ich nicht noch mehr tun? Sind die anderen nicht besser? Was ist, wenn ich die Leistung nicht mehr bringe? Wenn ich zu Versagen drohe?

Einige kennen wohl die Zweifel, ob die eigene Leistung ausreicht und das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Ihr kennt das wohl auch.

Das ist die Schattenseite unserer Leistungsgesellschaft. Immer wieder zerbrechen Menschen daran, dass sie nicht mehr das leisten können, was sie sich vorgenommen haben oder andere von ihnen erwarten. Und viele erliegen dabei dem Zwang immer perfekt zu sein oder zumindest so zu erscheinen. Solche Menschen kennt ihr wohl auch.

 

Wir feiern dieses Jahr 500 Jahre Reformation. Der Reformationstag am 31. Oktober ist dieses Jahr einmalig in Deutschland Feiertag, um an das Ereignis der Reformation und die Geburtsstunde der Evangelischen Kirche zu erinnern.

Im Mai 1530 steht die Sache der Reformation auf Messers Schneide. Die Lager der Reformierten und der Altgläubigen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Krieg liegt in der Luft. Da treffen sich die verfeindeten Lager zum Gespräch in Augsburg. Es soll den Versuch einer Einigung geben.

Luther selbstkann nicht dort hin. Der Bann liegt auf ihm. Er darf den Gegnern nicht in die Hände fallen. So bleibt er während der Verhandlungen in der Veste Coburg, bei Freunden. Aber er schickt seine besten Leute, angeführt von Philipp Melanchthon, dem brillanten Theologen und Vertrauten Luthers. Regelmäßig informieren berittene Boten den ungeduldig Wartenden.

Nach einigen Wochen kommen beunruhigende Nachrichten aus Augsburg. Die Freunde klagen, dass sie sich um Melanchthon Sorgen machen. Er lebt nur noch zwischen Verhandlungssaal, Schreibtisch und Besprechungszimmer. Er gönnt sich keine Ruhe, schläft kaum, isst wenig. Noch nicht einmal am Sonntag ruht er. Sie haben Angst, dass er nicht durchhält.

Martin Luther schreibt in einem seelsorglichen Brief an Melanchthon: „Aber Du höre, was ich vor allen Dingen will: Denke daran, dass Du Dir … Deinen Kopf zugrunde richtest. Deshalb will ich Dir und allen Freunden befehlen, dass sie Dich … unter Regeln zwingen, die Deinen Leib erhalten, damit Du nicht ein Selbstmörder wirst und danach vorgibst, dass dies aus Gehorsam gegen Gott geschehen sei. Denn man dient Gott auch durch Nichtstun, ja durch keine Sache mehr als durch Nichtstun. Deshalb nämlich hat er gewollt, dass vor anderen Dingen der Sabbat so streng gehalten werde. Siehe zu, dass Du dies nicht verachtest. Es ist Gottes Wort, was ich schreibe.“

Mich beeindruckt dieser Brief Luthers. Obwohl er weiß, was auf dem Spiel steht ermahnt er den Freund mit sich selbst sorgsam umzugehen, und auch an Ruhe zu denken.

Luther weiß, Menschen und ihr Leben sind wertvoll und kostbar. Nicht wenn sie perfekt oder erfolgreich sind, sondern weil Gott es ihnen zugesagt hat.

Nicht der Gedanke „Ich bin, was ich schaffe, was ich leiste. Ich bin erfolgreich - also bin ich wer!“ ist der der Bibel und des evangelischen Glaubens. Schon Luther hatte da eine andere Antwort vor 500 Jahren. Seine zentrale Erkenntnis, die dann zu all dem geführt, was geschichtlich gekommen ist, war nämlich: „Ich bin mehr, als was ich in meinem Leben leiste und schaffe. Ich bin mehr wert als das, was ich aus meinem Leben mache. Denn in Gottes Augen bin ich immer schon wertvoll.“ Theologisch gesprochen: Seine Gnade gilt mir immer und sie gilt mir bedingungslos ohne, dass ich dafür etwas leisten muss. Die Gnade Gottes geht mir immer voraus.

Diese Erkenntnis hat Luthers Leben verändert.

Für ihn war das die größte Entdeckung, die er während seines Bibelstudiums machte. Eine Entdeckung, die mit der Reformation die Welt veränderte. Damals meinten die Menschen, sie müssten große Leistungen erbringen – gute Werke –, um Gott zu beeindrucken. Heute wollen wir ja eher andere beeindrucken, Gott ist nicht mehr so präsent in unserem Alltag, wie bei den Menschen damals vor 500 Jahren.

Doch Martin Luther erkannte: Gott liebt uns und nimmt uns an. Für jeden Einzelnen gilt: „Du musst nichts leisten, um von Gott geliebt zu werden.“ Alles, was du tun musst, ist das zu glauben, also ganz auf Gott zu vertrauen. Gottes unumstößliches „Ja“ gilt jedem Menschen. Auch wenn wir das manchmal nicht glauben können. Diese biblische Erkenntnis hat Martin Luther neu entdeckt und in seinen berühmten 95 Thesen herausgestellt.

 

Geheiligt heißen wir als Christen nicht, weil wir etwa vollkommen wären, sondern weil wir durch unsere Taufe zu Gott gehören. Nach seinem Ebenbild hat uns Gott, der heilig ist, geschaffen. Wir sind also kostbar, wertvoll. Die anderen allerdings auch.

Ist damit egal, was wir ansonsten tun? Nein. Entscheidend ist aber die Reihenfolge. Nicht unsere eigenen guten Taten erzeugen Gottes Liebe, sondern Gottes Liebe erzeugt in uns den Antrieb zu guten Taten.

 

Für Euch die gleich Konfirmierten heißt das, Ihr dürft und sollt auch mal durchatmen. Das Leben verlangt Euch sicher noch genug ab und tut es ja schon.

Was ich Euch wünsche zumindest ab und zu, dafür gibt es ein schönes altes Wort: Muße.

Mit Kategorien von Freizeit, Faulheit oder Müßiggang lässt sich Muse nicht ausreichend beschreiben. „Wer Muße hat, ist frei davon, etwas zu müssen“.

Muße ist erfüllte und erfüllende Zeit - nur eben nicht sofort verwertbar, aber wertvolle Zeit. Weil sie Freiräume entstehen lässt, für so vieles Einmalige im Leben.

Und denkt daran, Ihr müsst nicht etwas werden, Ihr seid schon etwas. Da kann Euch große Gelassenheit im Umgang mit Euch selbst und mit den Menschen, die zu Euch gehören geben.

Und eine große Gelassenheit auf dem Weg, der vor Euch liegt.

Wir bitten heute darum, dass es ein gesegneter wird.

Der Herr sei mit Euch!

Amen.