Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt zur Reihe "Luther aufs Maul geschaut"

Pastor & Dipl.-Theol. Andreas Dreyer (ev.)

05.02.2017 Stolzenau, Landeskirche Hannover

Gottesdienst/Predigt zur Reihe Luther aufs Maul geschaut – Themengottesdienste zum Reformationsjahr im KK Stolzenau –Loccum

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand Untertan.

Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann Untertan.“

(aus: Von der Freiheit eines Christenmenschen,  1521)

 

Liebe Gemeinde

Taufe und Freiheit – vielleicht haben sie gestutzt oder kurz innegehalten, als sie hörten, unter welchem Motto oder Thema unser heutiger Gottesdienst hier steht.

 Taufe und Freiheit - geht das denn wirklich zusammen, ja kann das überhaupt zusammengehen? Sind das nicht zwei widerstreitende, sich diametral gegenüberstehende Begriffe?

Ein streng frommer, evtl. evangelikaler Mensch, denken wir vielleicht an einen Fundamentalisten in Amerika, er würde unserem Motto möglicherweise entgegenhalten:

„Mit der Taufe gehörst du nun einmal Gott, du wirst sein Eigentum. Du bist dann nicht mehr so frei wie vorher, sondern du hast dich an Gebote und Regeln und Gesetze und Normen zu halten, denn das kann man von einem getauften Christenmenschen erwarten. Deine Freiheit ist dann bestenfalls noch eine relative Freiheit. Zwar ist das gut für uns Menschen, so mit Gott verbunden zu sein, aber mit dem Begriff der Freiheit sollten wir es nicht verbinden. „

Und ein moderner Zeitgenosse, der kirchenkritisch eingestellt ist wie es bekanntlich für nicht wenige hierzulande zutrifft, stellen wir z.B. uns einen Freidenker oder einen Vertreter des Humanistischen Verbandes vor,  der würde uns von der anderen Seite entgegenhalten: Euer Kirchensystem macht automatisch unfrei. Unmündige Kinder werden getauft und dann in einem bestimmten Sinne erzogen, anstatt sie frei und unabhängig aufwachsen und später selber entscheiden zu lassen, was sie wollen und wozu sie gehören wollen.

Und mit Eurem vielgepriesenen KU wird auch nichts besser, denn da herrscht nun einmal, ob man es will oder nicht ein Gruppendruck unter den Jugendlichen - und wirklich nein sagen am Ende der gemeinsamen Zeit, das wird auch kaum ein Jugendlicher je tun, obwohl er u.U. seine Glaubenszweifel hat. Seine Eltern würden dies auch nicht unbedingt tolerieren. So schön also Eure Feste sind – man kann sie nicht einfach als Feste der Freiheit bezeichnen, denn dazu haben sie auch zu viel mit Bindung zu tun. ..

Und außerdem sind eure Kirchen viel zu sehr mit dem Staate verbandelt, als dass sie frei wären. ..

Und wir, Anrede; wir wären erst mal ratlos und müssten neu nachdenken und unsere Argumente sortieren….

Und dann kommt da doch vor 500 Jahren ein Mönch und Theologe daher und sagt, Taufe und Freiheit, die gehören zusammen, ja die bedingen sogar einander und dies kann und will ich euch aus der Schrift heraus, und zwar mit dem Heiligen Paulus, begründen und darlegen…

Ein Mann immerhin, der sich selbst ‚der Freie‘ genannt hat, umbenannt hat, denn sein Familienname lautete ja ursprünglich ‚Luder‘

 (gut, das können wir verstehen, dass man einen solchen Namen ablegen will)

und dieser Mann nun benennt sich in Luther um,  nach dem griechischen Wort eleutheria, was ja nichts anderes als Freiheit bedeutet.

Nun, er hätte den Leuten natürlich viel erzählen können, denn: wer konnte denn schon lesen und schreiben damals, wer hätte schon etwas dagegenhalten sollen, wenn ein Theologieprofessor, hochangesehen, seine wohlüberlegte und in gut gesetzten Worten formulierte Meinung öffentlich kundtat.

 Aber ich unterstelle einfach mal, dass es Luther ernst damit war, dass er auch meinte, was er sagte und dachte und schrieb. Weil wir das auch aus anderen Zusammenhängen über ihn wissen: ernsthaft, gewissenhaft, überzeugt, grundehrlich. Bei allen Schwächen, die er in anderen Bereichen gehabt haben mag.

Doch welche Freiheit genau meinte Luther?

Bedenken wir dazu zuerst einmal,  was für Freiheiten die Menschen damals überhaupt kannten, in dieser Zeit, am Ausgang des Mittelalters, in dieser dunklen Zeit, in einer Zeit vieler Abhängigkeiten und Unfreiheiten und Verpflichtungen und Gelübde und Eide und Bindungen.

Ja, um zu verstehen, welche Freiheit Luther denn meinte, müssen wir uns hineinversetzen in einen Zeitgenossen von Luther, den wir hier der Einfachheit halber mal Georg nennen.

 Georg ist Bauer, Landmann, Leibeigener auf einem Gut. Eine Schule hat er nie besucht. Bücher hat er nicht daheim, wozu auch, denn er kann nicht lesen und demzufolge auch nicht schreiben. Er ist Leibeigener seines Fürsten, d.h., das Land darf er nicht verlassen, er hat weder Perso noch Reisepass und selbst wenn er einen hätte, würde ihm das Geld fehlen, sich aufzumachen. Von der Ernte hat er große Teile an den Fürsten und die Kirche abzugeben, ihm und seiner Familie bleibt so gerade das Lebensnotwendige.  Geld, das ihm ein wenig Freiheit bringen könnte, fehlt fast völlig. Und  wenn man etwas braucht, was man nicht selber herstellt, dann  muss man tauschen. Die wenigen Münzen, die er hat, versucht man ihm in der Kirche mit Versprechungen abzulocken  - zumeist mit Ablassbriefen, die die umherziehenden Prediger verkaufen und die angebliches Seelenheil verheißen.

Prediger, die statt von Freiheit nur von Angst und Furcht reden, wenn sie Gott schildern. Das krasse Gegenteil zu Luthers Reden und Denken also…

Im Grunde genommen lebt unser Georg in einem permanenten Grundgefühl der Angst,  er lebt nicht in Freiheit, er weiß gar nicht so recht, was er sich darunter vorstellen soll.

So hat er Angst vor dem Fürsten, Angst vor der Kirche, Angst vor Krankheiten, Angst vor Missernte, Angst davor, bestraft und eingesperrt zu werden, was damals schnell gehen konnte. Angst vor Gewittern und anderen Naturkatastrophen, ja sogar: Angst vor Gott. Denn der straft und rächt.

 Er würde sich unter dem Begriff der „Freiheit“ kaum etwas vorstellen können. Vielleicht, wenn er einen Vogel davonfliegen sind aus den Bäumen im Garten. Frei wie ein Vogel. Oder: vogelfrei. Doch Oh weh, das ist ja auch nichts Gutes, denn vogelfrei bedeutet: ohne Schutz dazu stehen, von jedem beraubt und bestohlen werden zu dürfen, ja sogar umgebracht werden zu können.

 Was für eine verkehrte Welt!

Und dieser unser Georg, er besucht nun mehr oder weniger zufällig einen Godi in Wittenberg, den diese sagenhafte Luder-Luther hält. Irgendwie hat er in seinem Dorf davon gehört. Und sich gesagt: dorthin will ich's mal an einem Sonntag versuchen, früh losgehen, dann schaffe ich es vielleicht dort zum Gottesdienst. Und er erreicht die Stadt am Weißen Berg, und er schleicht sich mehr oder heimlich in die große stolze Stadtkirche - und er hört dort zum ersten Male so richtig von der Freiheit. Von der  Freiheit der „Kinder Gottes“. Und damit, mit ‚Kinder Gottes‘,  meint dieser Luther keine Sekte, und er meint damit auch nicht einige wenige Personen aus der Bibel, sondern, so sagt er zumindest, er meint damit tatsächlich alle, die zur Kirche gehören.

 Weil sie getauft sind und diese Taufe sie zu Teilen der Kirche macht, zu Miterben, zu Kindern Gottes eben.

Und dazu gehört er, Georg, einfaches Knecht vom Lande, natürlich. Kaum zu fassen.

Und dieser Luther redet weiter, er spricht davon, dass wir Menschen vor Gott frei sind. Dass wir sogar geliebt sind, geliebt von Gott. Das hat er vorher noch nie gehört.

Vom Rest der Ansprache nimmt er nur noch einige wenige Brocken mit, zuviel Neues dringt auf ihn ein, die neuen Lieder auf Deutsch, der Klang der großen Orgel, das neue Altarbild, das dieser Cranach gemalt hat und so viel anderes. So hört er noch, dass wir nicht unter dem Gesetz stehen, sondern frei sind von der Knechtschaft. Und dieser Luther, das ist sein Eindruck: der spinnt nicht einfach so herum, der zitiert da aus der Bibel. Aus Gottes Wort! Aus diesem Heiligen Buch. Der hat sich das also nicht ausgedacht, sondern  er hat es sich erarbeitet aus der Bibel heraus.

Georg ist verunsichert. Schwankend verlässt er die Kirche. Ihm brummt der  Schädel. Als er vor zwei Stunden hineinging, war er ein anderer. Jetzt hat sein Weltbild einen Knacks bekommen. Das, worauf er sich bisher verließ, scheint so nicht zu stimmen.

Eigentlich sollte sein Glaube, sein Selbstbild, sein Gottesbild ja nach einem Gottesdienst bestärkt und gefestigt sein. Doch heute ist das genaue Gegenteil der Fall, er ist zutiefst verunsichert. Sollte denn alles falsch sein, was man ihm bisher gesagt hatte?

Ja, er ist einerseits begeistert -  andererseits macht ihm das auf eine neue Art und Weise Angst. Da käme ja so viel an Verantwortung auf ihn zu. Bisher dachte er, für alles Wichtige und Entscheidende, da würden der Fürst auf dem Schloss und der Priester in seinem Heimatort schon für ihn denken und handeln, er müsste nur das machen, was die sagen, der Rest solle ihn mal nicht bekümmern.

 Sollte denn etwa sein bisheriges Leben falsch sein?

 Sollte er alles missverstanden haben?

Kann er diesem Prediger in Wittenberg, diesem Martin, vertrauen oder ist auch nur, der auf eine andere Art und Weise an sein weniges Geld will?

Georg zögert. Als er wieder daheim ist, spricht er mit seiner Frau darüber. Grete. Die auch an Gott glaubt. Aber die von der Bibel nichts weiß, weil sie damit immer nur lateinische Worte verbindet, die in der Kirche verlesen werden. Sie ist ihm anfangs keine gr. Hilfe, sie kann gar nicht verstehen, warum Georg so verstört, so verändert ist. Er versucht ihr mit eigenen Worten zu erklären, was er in Wittenberg von diesem Doktor Martinus gehört hat. Er erinnert sich an Einzelheiten aus der Predigt, die er erst vergessen zu haben schien. Sie beginnen darüber zu reden.

Nach einiger Zeit sagt Grete: Was meinst Du, kann ich da auch einmal mitkommen, oder würde ich da sehr auffallen? Sind dort denn auch Frauen im Gottesdienst? Nein, das ist nicht wie in unserem Dorf, wo jeder seinen festen Platz hat,  komm‘ einfach mit, da sind viele Frauen, und dieser Luther hat ja auch eine.

Gemeinsam gehen sie am übernächsten Sonntag nach Wittenberg. Und sie haben Glück, Luther ist wieder am Predigen, kommt sogar erneut auf die Taufe zu sprechen. Liest darüber aus der Bibel vor. Wisst ihr nicht, dass die, die da getauft sind, zu einem einzigen Leib zusammengehören? Ein Leib, viele Glieder. Und keins kann ohne das andere sein. Und wir gehören alle zu Gott und sind in ihm und durch ihn zur Freiheit berufen.

Gilt das denn tatsächlich auch für uns?, fragt Grete auf dem Heimweg. Wir sind doch nur kleine Bauersleute, keine großen Leuchten.

 Ja, das hat Luther doch gesagt. Es ist nicht entscheidend, ob unser Glaube groß oder klein ist. Entscheidend ist, dass Gott uns frei gemacht hat, mit diesem Jesus Christus, und dass er uns in den Bund mit sich aufnimmt. So habe ich ihn verstanden.

Nein, unter der Woche bleibt das Leben von Georg und Grete fast dasselbe, die gleiche Arbeit, die gleiche Mühsal, die gleiche Verachtung durch die Herrschenden, die ihnen da entgegenschlägt, die gleichen beängstigenden Worte und Gesten. Das äußere Leben bleibt das gleiche.

 Aber das innere, das hat sich verändert. Sie haben eine innere Freiheit gewonnen. Sie wissen: das letzte Wort hat Gott, ein Gott, der uns frei macht von den Bindungen dieser Welt, von den Gesetzen dieser Welt. Auf dieses letzte Wort Gottes, darauf vertrauen wir.

Und das macht uns inwendig frei, das alte kann und nicht länger zurückhalten. Weil er selbst, Gott,  uns als freie Menschen haben will, auch wenn das anderen missfällt.

Fortan gehen sie, soweit es ihre Zeit zulässt, nach Wittenberg zu Doktor Martinus, um diese Botschaft zu hören. Und darüber zu sprechen. Und darauf zu bauen und zu vertrauen.

Weil sie nun wissen: wir sind und bleiben Kinder Gottes, geliebt und angenommen und frei von den Bindungen dieser Welt.  Amen. Kanzelsegen.  Amen.