Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,11 u. Lukas 2,7

Pastor Martin Jäger (ev.-meth.)

24.12.2015 Zionskirche Nürnberg

Christvesper 2015

Fachkräfte für Willkommenskultur

Fachkräfte für Willkommenskultur

Sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge Lk 2,7b

Er kam in sein Eigentum;
und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Joh 1,11

Liebe Gemeinde,
Wirte haben bei uns einen schlechten Ruf.
Wer nichts wird, wird Wirt, sagt ein Sprichwort. Wirte werden pauschal verdächtigt, es mit der Steuer nicht so genau zu nehmen.
Man sagt ihnen nach, sie seien unzuverlässige Pächter, die gerne mal die Miete schuldig bleiben. Sie würden die Kundschaft zum Trinken verleiten, gepfefferte Preise verlangen und seien selbst ihre besten Kunden. Und nicht zu vergessen: Schwarzarbeit, Geldwäsche, Kontakte zur Mafia, und Förderung der Prostitution.
Ganz schön happig, was da zusammenkommt, wenn man mal alle Vorurteile und Klischees über die Gastronomen aufzählt. Bestimmt fallen Ihnen noch mehr ein.
Vorurteile sind schließlich unsere Spezialität.
Dabei bieten Wirte und Gastronomen uns doch Gelegenheit zum Feiern und Urlaub machen.
Sie sorgen dafür, dass wir auf einer Geschäftsreise eine Unterkunft haben.
Sie arbeiten, damit wir es uns gemütlich machen und gepflegt ausgehen können.
Bis in die Nacht hinein. Vorzugsweise an Wochenenden und Feiertagen und in den Ferien.
Wir erwarten von einem guten Restaurant oder Hotel, dass es immer dann geöffnet hat, wenn bei uns mal die Küche kalt bleiben und wir uns verwöhnen lassen wollen.
Wir möchten freundlich, zuvorkommend und flott bedient werden. Und selbstverständlich soll das Essen frisch zubereitet sein.
Gastronomen und Hoteliers sind selbständig und tragen ein hohes unternehmerisches Risiko. Denn sie sind zu 100% abhängig von den Gästen.
Wenn die ausbleiben, bleiben sie auf ihren Kosten sitzen und haben umsonst gearbeitet.
Dazu müssen sie sich von den oft gar nicht netten Gästen auch noch allerhand bieten lassen.
Sonderwünsche, kleinliche Reklamationen und Meckereien; manche behandeln Hotelangestellte herablassend und respektlos.
Nein, die Arbeit als Wirt (oder Koch, oder Kellner) ist wirklich kein Zuckerschlecken.
Das geht an die Substanz. Das ist ein extrem aufreibender Job. Schlecht bezahlt übrigens auch, wenn man nicht gerade ein Nobelrestaurant oder eine Bratwurstbude am Christkindlesmarkt betreibt.
Kein Krippenspiel ohne Wirt.
Aber keiner will ihn spielen, den bärbeißigen, unfreundlichen Kerl, der das heilige Paar anraunzt.
Bei uns früher, als ich noch in der Sonntagsschule war, haben sie dafür immer den Roland ausgesucht. Ein bisschen pummelig und grob. Keine große Leuchte und nicht gerade beliebt bei uns anderen Kindern. Genau der richtige, um Maria und Josef an der Türe abzufertigen.
Ja, Wirte kommen meistens auch in den Krippenspielen schlecht weg. Dabei steht in der Weihnachtsgeschichte nur, dass für Maria und Josef kein Platz mehr in der Herberge war.
Nichts davon, dass man sie wegen ihrer Herkunft, ihrer sozialen Stellung oder ihrer prekären Situation wegen nicht hätte aufnehmen wollen. Die Herberge war einfach voll. Ausgebucht.
Sie waren zu spät dran, hatten nicht reserviert, und vielleicht auch kein Geld, um sich ein nobleres Quartier zu leisten.
Was hätte der Wirt denn machen sollen? Immerhin hat er ihnen schließlich zu einer Not-Unterkunft verholfen.
Der arme Wirt. Er kann eigentlich gar nichts dafür. Letztlich muss er den Buhmann spielen, muss als Negativfolie herhalten, an der die Krippenspiel-Regisseure die Unfreundlichkeit und Fremdenfeindlichkeit der Menschen zeigen.
Ich möchte deshalb heute, am Heiligen Abend 2015, einmal für die Wirte sprechen:
Als Wirt muss man Menschen mögen.
Man muss kontaktfreudig, aufgeschlossen und zuvorkommend sein und darf nicht auf die Uhr schauen. Dienst nach Vorschrift reicht da nicht.
Ein guter Wirt stellt sich auf seine Gäste ein. Er möchte, dass sie sich wohlfühlen.
Bei der Familienfeier, beim sonntäglichen Mittagstisch oder beim romantischen Candlelight-Diner, das Sie vielleicht heute Abend Ihrer Liebsten schenken werden.
Jemanden bewirten ist viel mehr als ihn abzuspeisen.
Gastlichkeit ist eine Atmosphäre, die zum Verweilen und zum fröhlichen Beisammensein einlädt.
Eigentlich sind Wirte ausgewiesene Fachkräfte und Repräsentanten einer Willkommenskultur.
Sie sind stets zu Diensten. Berufs-Dienstleister. Sie Sie sind Profis darin, Menschen das Gefühl zu geben, liebenswürdig und geachtet zu sein. Manchmal sind sie auch Seelsorger.
Natürlich hat ein Wirt auch mal einen schlechten Tag. Und selbstverständlich muss man sich von den Gästen nicht alles bieten lassen. Wenn zum Beispiel jemand ausfällig wird, andere Gäste belästigt oder seine Rechnung nicht zahlen will, muss der Wirt auch mal Kante zeigen und den Störenfried rauswerfen. Aber ein hartherziger, unfreundlicher Wirt ist sicher nicht die Regel, sondern die Ausnahme.
Unfreundlich, fremdenfeindlich oder sogar gewaltbereit sind im wahren Leben andere.
Meistens bleiben sie anonym, schmieren im Schutz der Dunkelheit ihre Parolen auf Hauswände oder verbreiten ihre Hassbotschaften über das Internet.
Die Sprachrohre einer Bewegung, die es immerhin schafft, tausende besorgte Wutbürger auf die Straße zu locken, versehen ihre egoistischen und fremdenfeindlichen Parolen gerne mit dem Hinweis: „Das wird man ja mal sagen dürfen …“
So richtig laut herziehen über Flüchtlinge trauen sich manche aber dann doch nur in ihrer Stammkneipe, am Stammtisch, wo man sowieso am liebsten unter sich bleibt.
Nebenbei: Hut ab vor jedem Wirt, der da nicht mitmacht und diesen Ton in seinem Gasthaus nicht duldet.
Wie gesagt, ich finde, Wirte sind alles andere als Unmenschen. Im Gegensatz zu manchen, die sich selbst für rechtschaffene und ehrbare Bürger halten.
Vor einigen Wochen, kurz nach ihrem Namenstag, habe ich eine Person kennengelernt – oder besser: von ihr erfahren – die auch heimlich Plakate anklebt und nicht erkannt werden möchte. Ihre Botschaften sind allerdings nicht hasserfüllt und fremdenfeindlich, sondern das Gegenteil davon.
Barbara heißt sie.
Überall, wo Barbara gemeine Schmierereien, Hassparolen, sinnlose Verbotsschilder oder aberwitzige Hinweise findet, wird sie aktiv. Barbara kommentiert solche unfreundlichen Botschaften mit Humor und Fantasie und verwandelt hässliche Schilder und Plakate in Kunstwerke.
Der Grundton ihrer Botschaften lautet: Hass ist krass. Liebe ist krasser.
Europa braucht mehr Herz, schreibt Barbara und ersetzt die gelben Sterne der Europaflagge durch Herzen. Manche ihrer Texte sind Parodien, Anklänge an bekannte Popsongs oder Gedichte. Zum Beispiel der folgende: Ich klebe es an jede Wand: “Viel mehr Liebe braucht das Land.”
Unter ein NPD-Plakat mit dem Text „Geld für die Oma statt für Sinti & Roma. NPD“ schreibt sie: Wer Oma für den Hass missbraucht, der hat das falsche Zeug geraucht. Barbara.
Und unter ein Plakat der AfD:  „Besorgte Wutbürger, denen die Obdachlosen bisher immer scheißegal waren, missbrauchen sie jetzt als Argument gegen Flüchtlingshilfe.“
Stattdessen gibt sie zu bedenken: „Stell dir vor, du brauchst Asyl und (k)einer hilft dir.“
Ihre witzigen und bissig-ironischen Plakate sind Anti-Hass-Botschaften, die die unmenschliche Art, miteinander umzugehen, entlarven.
„Bildung ist die beste Verteidigung“, sagt Barbara. Nicht Angriff. Und Waffen dürfen nirgendwohin geliefert werden, weil die ganze Welt ein Krisengebiet ist.
Erst allmählich wird mir bewusst, wie viel diese Person mit Weihnachten zu tun hat.
Das Wort Barbara kommt aus dem Griechischen und ist ein lautmalerisches Wort für die Fremden, die Barbaren. Barbara heißt auf Deutsch die Fremde.
Hat sie diesen Namen und die Anonymität gewählt, weil sie sich für ihre Meinung schämt? Oder weil sie Angst hat, dass die, die sie kritisieren, sich an ihr rächen?
Ich glaube nicht. Wenn sie sich Barbara nennt, „Fremde“, dann zeigt sie damit, dass sie sich mit den Fremden, mit den Geflüchteten solidarisch fühlt.
Und dass sie anonym bleibt, gibt denen, die ihre Botschaften lesen und gut finden, die Möglichkeit, zu sagen: Ich bin auch Barbara.
Wir verbinden den Namen Barbara auch mit der heiligen Barbara. Ihr Gedenktag ist der 4. Dezember. Die heilige Barbara gilt unter anderem als Schutzpatronin der Bergleute, der Gefangenen und der Helfer des Technischen Hilfswerks (THW).
Da sind wir wieder bei den Wirten:
Die Helferinnen und Helfer des THW, BRK, der Johanniter, diese fremdenfreundlichen Helfer sind seit Monaten im Dauereinsatz, um die Fremden, die an unserer Grenze und in den Städten ankommen, mit dem Nötigsten zu versorgen: Ein Platz zum Schlafen, etwas zu essen, ein freundliches Wort. Das sieht erst mal nach nicht viel aus. Kein Candlelight-Diner und kein fünf-Sterne-Service. Aber es ist in Wirklichkeit viel mehr, wenn sie Menschen, die auf ihrer gefährlichen Reise von Schleppern ausgenommen, an vielen Grenzen festgehalten, abgewiesen, weitergeschickt worden sind, willkommen heißen und ihnen eine kleine Verschnaufpause verschaffen.
Alle diese Helferinnen und Helfer, die hauptberuflichen und die vielen ehrenamtlichen, sind Fachkräfte für Willkommenskultur. Gute Wirte, wenn man so will. Gute Wirte, die sich mit ihrem Verhalten an dem Guten Hirten orientieren, an Jesus, dem Christus, dem Gottessohn und Messias, der, wir vergessen das manchmal, ein Flüchtlingskind war.
Ich habe in diesem Jahr keinen Barbara-Zweig abgeschnitten. Der würde sonst heute blühen.
Aber ich möchte mir an der Künstlerin Barbara und an all den guten Wirten, die ein Herz für Fremde haben und für Menschen in Not, ein Beispiel nehmen.
Ich denke heute an die Wirte, an alle hauptamtlichen und ehrenamtlichen Fachkräfte für Willkommenskultur und Gastfreundschaft. Ich will dankbarer werden für den Service, den sie mir bieten, und ihre Arbeit schätzen und würdigen.
Ich will mich endlich, aber nicht zuletzt ermutigen lassen, selber gastfreundlich zu sein. Nicht nur für die jetzt anstehende Feier im Familienkreis.
Ich weiß: Christus möchte, dass wir gute Wirte sind, Fachkräfte für Willkommenskultur und Gastfreundschaft.
Die sprichwörtliche Gastfreundschaft ist übrigens nicht etwa eine Erfindung des sogenannten christlichen Abendlandes, sondern sie trägt das Herkunfts-Attribut „orientalisch“. Sie kommt aus den Ländern, aus denen z.Z. die meisten Flüchtenden zu uns kommen.
Ich glaube nicht, dass diese Menschen diesen Teil ihrer Kultur zurückgelassen haben.
Und ich stelle mir vor, wie gut das unserem christlichen Abendland tun würde, wenn wir ihnen die Chance geben würden, uns zu zeigen, wie das geht.
Damit sich nicht wiederholt, was der Evangelist Johannes (1,11) fast resigniert über die Ankunft des Gottessohns in der Welt konstatiert:
Er kam heim, aber ausgerechnet von den eigenen Leuten wurde er nicht angenommen.
AMEN