Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigttext über Lukas 11,5-13

Prädikantin Dr. Gabriele Bosch, Bibliotheksleiterin (ev.)

21.05.2017 Kirchen in Groß Glienick und Nunsdorf bei Zossen

Es ist heiß in Jerusalems Altstadt. Ich sehe viele Männer und Frauen durch die engen Gassen in Richtung Tempelberg laufen. Ich folge ihnen, bleibe auf einer Treppe stehen und kann hinüberschauen – zur Klagemauer. Vor einer 18 Meter hohen Wand stehen durch einen Zaun getrennt links die Männer und Jungs, rechts die Frauen und Mädchen. Fast alle wiegen ihren Oberkörper nach vorne und hinten. Die Männer haben lange schwarze Gewänder an, viele tragen Hüte aus denen Schläfenlocken herausschauen. Alle beten alleine vor sich hin. Manche murmeln, andere bewegen stumm ihre Lippen. Einige rufen laut. In den Ritzen der Mauer stecken unzählige kleine Papierröllchen. Darauf stehen Gebete. Jeden Tag stehen Hunderte Jüdinnen und Juden vor dem letzten Rest ihres Tempels und richten ihre Freuden und Klagen an Gott. Viele beten, dass der Messias endlich kommt. Sie beten um Frieden. Sicher sind auch persönliche Wünsche und Bitten dabei. So öffentlich dazustehen, in einer politisch aufgeheizten Atmosphäre, von Polizei bewacht und dabei betend, das ist eine ganz besondere Mischung. Ich habe dies 2012 mit meinen eigenen Augen gesehen und war sehr beeindruckt. Inniges, aber doch laut vorgetragenes Gebet.

Öffentliches Gebet, und doch kein gemeinsames, jeder für sich. Beides kommt mir fremd und doch auch irgendwie vertraut vor.

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Die Jünger hatten gesehen und gehört, wie Jesus lange ins Gebet versunken war. Sie wollten wissen, wie sie beten können. Sie fragten Jesus, und er lehrte sie das Vaterunser, das wir bis heute so beten.

Das wird uns im Lukasevangelium vor diesen zwei kleinen Gleichnissen erzählt. Die Jünger hatten gelernt, zu Gott Vater zu sagen. Gott, den Schöpfer der Welt, als Vater oder als Freund anzusprechen. Das ist geradezu revolutionär. Ganz wenige Menschen hatten sich bis dahin so Gott nähern dürfen. Wir haben in der Lesung aus dem Alten Testament gehört, dass Mose mit Gott wie mit einem Freund sprach, von Angesicht zu Angesicht. Doch es gibt andere Geschichten, da durften Menschen Gott nicht anschauen, sie hätten seine Heiligkeit und ihre eigene Unheiligkeit nicht ausgehalten bzw. überlebt.

Jesus lehrt die Menschen, und so auch uns, zu Gott Vater zu sagen und ihm zu begegnen, wie man einem Freund oder einer Freundin begegnet. Haben wir noch ein Gespür dafür, was für ein atemberaubendes Geschenk das ist? In keiner anderen Religion kommt uns Gott so nah wie im christlichen Glauben.

Wie darf ich Gott begegnen? Ich darf ihn bestürmen. Ich darf sogar unverschämt werden. Ich muss mich nicht schämen, wenn ich mich bedürftig zeige. Wer betet, weiß, dass er bedürftig ist. Wenn ich Gott um etwas bitte, weiß ich, dass ich nicht alles aus eigener Kraft erreichen kann. Die entscheidenden Dinge im Leben werden mir geschenkt, das Leben selbst wird mir geschenkt. Für die Gesundheit kann ich zwar einiges tun, aber letztendlich wird sie mir geschenkt. Freundinnen und Freunde, meinen Lebenspartner oder meine Ehefrau. Ich gehe zwar auf die Suche nach ihnen. Aber dass eine Freundschaft gelingt, eine Ehe gut wird, die Kinder den Weg gehen, der in ein gutes und zufriedenes Leben führt, alles Geschenk, ob von Gott erbeten oder nicht.

Im ersten Gleichnis rückt die Unverschämtheit des nächtlichen Störenfrieds in ein besonderes Licht. Er kommt ja nicht, weil er zu schusselig war, für sich noch kurz vor Ladenschluss Brot zu kaufen.

Er kommt, weil er plötzlich, ohne Vorwarnung zum Gastgeber geworden ist. Ein dritter Freund stand auf einmal hungrig spät abends vor seiner Tür. Es fällt mir leichter unverschämt zu sein, wenn ich für einen anderen bitte als für mich selbst. Dazu ermuntert uns Jesus in diesem Gleichnis. Seid unverschämt, wenn es um das Wohl derer geht, die euch kurz oder lang anvertraut sind! Das ist der tiefe Sinn der Für-Bitte!

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Neulich im Bekanntenkreis mit drei, vier Frauen und Männer am Tisch. Carola sitzt mir lächelnd gegenüber. Ihre Haare sind schon wieder etwas nachgewachsen nach der dritten Chemotherapie. Sie strahlt Ruhe und Zuversicht aus. Ich frage, wie es ihr geht. Sie sagt: „Du, es geht mir unverschämt gut! Das ist aber kein Wunder, denn es beten ja viele Leute für mich.“ „Ja, das ist toll“ sage ich. Gleichzeitig kommt mir die Erinnerung. Für meine Mutter haben damals auch viele Menschen gebetet, und dann ist sie doch gestorben. Hat meine Mutter  um einen Fisch oder um ein Ei gebetet und eine Schlange oder einen Skorpion bekommen?

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Das zweite Gleichnis erzählt Jesus, um klar zu machen, dass ein Vater seine Kinder nicht enttäuscht, wenn sie ihn um etwas bitten. Welcher Vater würde seinem Sohn eine Schlange in die Hand legen oder der Tochter einen Skorpion, beides giftige Tiere, die töten können? Kein Vater würde das tun und erst recht nicht Gott! Und doch haben wir manchmal nicht das Vertrauen, dass uns Gott etwas Gutes gibt. Ist es nicht so: Wen Gott liebt, den züchtigt er? Habe ich nicht schon oft Gott um etwas gebeten und es dann doch nicht bekommen?

Was geschieht eigentlich, wenn wir beten? Manche sagen: Warum soll ich Gott um etwas bitten? Er weiß doch sowieso, was ich brauche.

Beten ändert ja doch nichts, sagen die anderen. Ich kenne Menschen, die jahrelang für etwas gebetet haben und haben es nicht bekommen. War ihr Glaube zu klein? Hat Gott sie nicht gehört? Letztlich kenne ich aber nur ganz, ganz wenige Menschen, die mit Gott in enger Verbindung waren, und am Ende enttäuscht wurden.

Wir beten um Fische und um ein Ei. Wir beten um Brot. Wir beten für eine neue Arbeitsstelle. Wir beten, dass wir wieder gesund werden. Wir beten, dass Frieden auf der Welt wird. Wir beten dafür, dass Ungerechtigkeit, Hunger und Kriege aufhören. Und was passiert? Oft meinen wir, es passiert gar nichts. Augenscheinlich passiert auch oft nichts Besonderes. Wunder sind sehr selten. Denken wir aber daran, dass das Ende der DDR zuerst in den Kirchen herbeigebetet wurde. Dann fiel die Mauer wirklich. Das war einmal ein Wunder, das ganz sicher durch das Gebet vieler Christinnen und Christen befördert wurde.

Ich denke noch einmal an meine Bekannte, die bis August zur Chemotherapie geht. Ich denke an meine Mutter. Auch wenn sie die Gesundheit nicht zurückbekommen. Sie erleben und bekommen durch das Gebet möglicherweise etwas anderes, als sie sich vorstellen. Ich behaupte mal: Sie gehen so oder so nicht leer aus. Sie werden nicht enttäuscht, wenn sie mit Gott im Gespräch bleiben. Gott selbst legt sich in ihre Hände.

Das ist viel mehr als ein Fisch oder ein Ei, das ist Leben statt Tod. Ewiges Leben. Gut, wenn ich das glauben kann.

Jesus nutzt das Bild des Freundes und das Bild des Vaters. Er spricht von der Tür, an die wir betend anklopfen. Er spricht nicht von einer Klappe in der Tür, durch die das Brot hindurchgereicht wird. Nein! Die ganze Tür öffnet sich. Es stehen zwei Menschen voreinander.

Auch, wenn der eine schlaftrunken ist und der andere unter Druck steht, weil ihn der nächtliche Gast überrascht hat. Ich stelle mir vor, dass sie sich kurz umarmen, bevor der eine dem anderen das Brot gibt. Jesus sagt: Sucht, und ihr werdet finden, klopft an, und es wird euch geöffnet werden. Ich möchte euch nicht nur etwas durch die Türklappe reichen. Ich mache die Tür ganz weit auf, trete ein und möchte dein Gast sein. Ich möchte nicht ein Erfüllungsautomat sein. Oben wirfst du deinen Wunsch ein und unten plumpst die Erfüllung raus. Du hältst nicht deinen Rock hin wie Sterntaler und sammelst die Münzen ein, die vom Himmel fallen. Ich komme gleich selbst vom Himmel zu dir.

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Ich bin noch einmal gedanklich bei der Klagemauer in Jerusalem. Ich wünsche mir, dass die Gebetsröllchen, die in der Mauer stecken, nicht ungelesen verwittern. Ich habe die Vorstellung, dass auch die Klagemauer eines Tages eine Tür bekommt. Gott mag keine undurchlässigen Mauern.

Er bevorzugt Türen, durch die er kommen kann, an die wir anklopfen können. Über fünfzig Mal wird in der Bibel erwähnt, dass sich eine Tür oder ein Tor öffnet. Gott will Begegnung mit mir. Er ist bei mir in dunklen und in hellen Stunden. Natürlich weiß Gott, was ich brauche. Am meisten brauche ich die Zusage, dass ich geliebt bin, dass ich nicht alleine dastehe und am Ende alles gut wird. Der Schöpfer der Welt kommt mir im Gebet ganz nah. Im letzten Vers unseres Bibelworts heißt es:  Gott gibt uns den Heiligen Geist. In zwei Wochen feiern wir Pfingsten, nachdem wir nächste Woche Himmelfahrt gefeiert haben. Jesus verlässt uns wieder, aber der Heilige Geist kommt, um uns zu trösten und das vor Gott zu tragen, was wir brauchen. Und so ist der auferstandene Jesus doch immer und überall bei uns.

Gott gibt uns nicht immer, was wir wünschen, aber immer, was wir brauchen. Manchmal weiß Gott besser, was wir brauchen, als wir selbst. Und wenn ich schon mal verwirrt war und meinte, jetzt bekommst du Steine statt Brot. Immer habe ich gespürt, dass Gott mir nahe sein möchte. Er tröstet mich, auch wenn in meinem Leben nicht alles nach Wunsch geht. Die Tür öffnet sich. Wenn ich gesucht habe, habe ich immer gefunden.

Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird geöffnet werden.  Amen.