Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Lukas 11,5-13

Pfarrerin Martina Wittkowski (ev.-luth.))

21.05.2017 Trinitatiskirche Löningen

Liebe Schwestern und Brüder,

am letzten Wochenende war ich auf einer Hochzeit. Es war ein schönes Fest. Braut und Bräutigam waren glücklich mitten unter ihren Gästen. Es wurde gut gegessen und ausgelassen getanzt.

„Der schönste Tag des Lebens“ wird der Tag der Hochzeit oft genannt. Ein Tag, an dem so viel Glück, so viele Hoffnungen und Träume in der Luft liegen. Was stellen sich zwei junge Menschen alles vor für ihr gemeinsames Leben! Was wünschen Sie sich alles! Was erträumen Sie sich!

*

Zwei Tage später flogen die frisch Angetrauten in den Urlaub, in die Flitterwochen. Um sich zu erholen von den Strapazen der Vorbereitungen. Um die erste Woche ihrer Ehe auf ganz besondere Weise zu erleben.

So wie Lea und Alexander, von denen ich erzählen will.

Einen Traum wollten sie sich erfüllen.

Mit einem ganz besonderen Urlaub sollte ihr Leben als Ehepaar anfangen.

Auf wie vielen Internetportalen hatten sie gesucht!

Sie wollten sich entspannen. Am Meer wollten sie Urlaub machen. Warm sollte es sein. Gutes Wetter garantiert. – Und kulturell interessant sollte es auch noch sein.

Ihre Wahl fiel auf Sizilien:

„Von drei Meeren umgeben, mit traumhaften Buchten, Steilküsten und goldgelben Stränden, die Feuer spuckenden Vulkane Ätna und Stromboli, Weinberge und Olivenhaine, dichte Wälder, weite Ebenen und eine Jahrtausende alte Kultur - hier bleiben keine Wünsche offen …“

Manchmal in den stressigen Wochen der Hochzeitsvorbereitungen malten sie es sich schon aus, wie es sein würde.

*

So wie man sich die Verwirklichung mancher schönen Pläne ausmalt:

Man sieht sich schon glücklich in der neuen Beziehung.

Man sieht sich befreit an der neuen Schule.

Man sieht sich unbeschwert leben am neuen Wohnort.

Allein die Vorstellung von dem, wie es sein könnte, macht schon so viel Freude!

*

Wunderschön war die Hochzeit von Lea und Alexander gewesen.

Es hatte gut getan, als bei der kirchlichen Trauung für sie gebetet wurde:

„Schenke den beiden einen guten Weg.

Öffne ihnen die Türen.

Lass sie ihr Glück finden!“

Als der Pastor seine Hände auf ihre Köpfe legte und sie segnete, hatte sie das berührt.

Ja, - Gott war mit ihnen mit seinem Segen.

Selbst das Vaterunser hatte in diesem Moment einen ganz anderen Klang. „Dein Wille geschehe …“ und „Unser tägliches Brot gib uns heute“ … - Gut, von einem Größeren begleitet zu sein.

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Nach der fröhlichen Feier am Abend freuten Sie sich nun auf ihre Hochzeitsreise.

Zwei Tage nach der Hochzeit waren sie pünktlich am Flughafen in Hamburg, um den Flieger nach Catania auf Sizilien zu nehmen.

Alles lief nach Plan, das Einchecken war unkompliziert.

Lea hatte einen Platz am Fenster. Sie liebte es, über den Wolken zu sein.

Der Start lief reibungslos. Der kleine Imbiss wurde gereicht.

*

Natürlich hatten sie in den letzten Tagen vom Ausbruch dieses Vulkans auf Island gehört. Der mit dem unaussprechlichen Namen.

Aber: Island, das war weit weg. Und wie sollte das ihre Hochzeitsfeierlichkeiten trüben?!

Doch jetzt - die Durchsage des Piloten:

„Meine Damen und Herren. Es tut mir leid. Die Luftfahrtüberwachungsbehörden haben soeben beschlossen, den Luftverkehr über großen Teilen Europas einzustellen. Die Aschewolken, die von dem isländischen Vulkan ausgehen, stellen eine zu große Gefahr für den Flugverkehr dar. Unser Flugzeug ist im Moment nicht akut gefährdet, aber wir können unser Reiseziel nicht weiter ansteuern. Sobald wir wissen, wohin wir umgeleitet werden, teilen wir es ihnen mit.“

Aufregung im Flugzeug. Das versetzte allen einen gehörigen Schreck.

Alle Pläne waren durcheinander geworfen. Eine Katastrophe!

Die Stewardessen versuchten zu beruhigen. Es bestand keine Gefahr.

Lea zitterte doch vor Aufregung und Angst.

Alexander blieb ruhig. „Warten wir’s ab“, sagte er. „Da wird schon jemand gut auf uns aufpassen.“

Nach einer halben Stunde war es klar: „Unser Flug wird umgeleitet nach Amsterdam. Der Hamburger Flughafen ist voll ausgelastet, alle anderen größeren Flughäfen in Deutschland auch.“

*

Amsterdam – nicht Sizilien.

Wie ein Luftballon geplatzt waren alle schönen Träume.

Das gemeinsame Leben begann nicht reibungslos. Sondern mit einer großen Panne.

Ganz anders, als sie es sich gewünscht hatten.

Kälter. Nüchterner. Anstrengender.

*

Für mehrere Tage sollte der Flugverkehr in Europa sicherheitshalber ruhen.

Kein Meer, kein warmes Wetter, keine südländische Kultur, kein italienisches Essen …

Das Hotel in Amsterdam wurde dem frisch gebackenen Ehepaar gestellt.

Aber die Enttäuschung, mit der mussten sie alleine klar kommen.

Als sie in Amsterdam gelandet waren, war der Himmel wolkenverhangen. Es regnete.

„Das fängt ja gut an, - von wegen: „Gottes Segen geht mit Euch!“, sagte Alexander etwas bitter.

*

Das Hotel war schnuckelig holländisch. Nach dem Frühstück am nächsten Morgen beschlossen sie, die zwei, drei Tage, die sie nun hier bleiben würden, zu nutzen.

Die Sonne lugte hinter den Wolken hervor.

Sie spazierten durch die Straßen der großen Stadt. Entdeckten eine Abfahrtstelle für Grachtenfahrten und stiegen ein.

Wie schön – wie romantisch sogar, die Stadt vom Wasser aus zu sehen! Interessant die Erklärungen der Fremdenführerin.

Nach der Fahrt schlenderten sie durch die Straßen und kamen zu einem großen Beton-Gebäude, auf dem zu lesen war: Van-Gogh-Museum. Die Schlange war kurz, und so gingen sie schon bald durch die großen Glastüren in das Gebäude.

Einmalig waren die Bilder, die sie darin entdeckten. Die berühmten Sonnenblumen. Das Bild öffnete einem das Herz!

Und dazu die Geschichte des Künstlers!

Sie hatten gar nicht gewusst, wie schön Amsterdam war und welche Kulturschätze sich hier verbargen.

Alexander staunte darüber, wie gut Lea über die neuere Kunstgeschichte bescheid wusste und wie sehr sie sich für die Bilder begeistern konnte. Sie hatten richtig viel Spaß.

*

Abends telefonierte Lea ausführlich mit ihrer besten Freundin.

„Alles ist ganz anders gelaufen… Wir sind nicht da angekommen, wohin wir eigentlich wollten. Jedenfalls jetzt noch nicht … Unsere Träume haben sich nicht 1:1 erfüllt.“

Spontan warf ihre Freundin ein: „Wie das manchmal so ist im Leben.“

Lea erzählte ihr die ganze Geschichte. Dass sie nun in Amsterdam waren – und nicht auf Sizilien. Wegen des Vulkans.

Sie erzählte auch, wie froh sie war, dass sie sicher gelandet war. Sie erzählte, wie sie die aufregende Situation im Flugzeug gut zusammen durchgestanden hatten. Wie hatte es ihr gut getan, Alexander an ihrer Seite zu haben, der ihr Mut machte und so gelassen blieb!

Sie erzählte, wie sehr es ihnen gefallen hatte, die Bilder van Goghs gemeinsam anzusehen und auf sich wirken zu lassen.

Von der romantischen Grachtenfahrt…

„Es ist zwar nicht der Urlaub, den wir uns vorgestellt haben … - aber auf eine ganz eigene Weise sind das unglaublich schöne Erfahrungen, die wir zusammen machen. Ob uns das auf Sizilien auch so gegangen wäre?!“

*

Am nächsten Morgen saßen sie beim Frühstück in ihrem urigen Amsterdamer Hotel. Es gab Erdnussbutter und Schokoladenstreusel zu den Brötchen… Lecker!

Als Lea in ihrer Handtasche nach etwas suchte, erwischte sie einen kleinen Zettel, der noch darin lag.

Darauf hatten sie zum Traugespräch mit dem Pastor den Bibelvers aufgeschrieben, den sie sich als Trauspruch ausgesucht hatten:

„Bittet, so wird Euch gegeben. Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan.“

Sie mussten lachen, als sie das hörten.

„Na, ganz so direkt hat es mit der Gebetserhörung ja nicht geklappt“, sagte Lea.

„Aber irgendwie ist das, was wir hier in Amsterdam gefunden haben, auch wertvoll.

Die Türen, die sich uns hier öffnen, lassen uns ganz viel Neues entdecken.“

„Und“, fügte Alexander hinzu, „uns selbst haben wir noch einmal ganz anders entdeckt.“

*

Kurz darauf schrieb Alexander eine WhatsApp an seinen Freund:

„Alles ganz anders gelaufen als gedacht. – Aber Gottes Segen war dabei.“

So wie es manchmal ist im Leben. 

  Amen.