Foto von aufgeschlagenen Büchern

Radioandacht über Scham

Dr. Peter Kottlorz

11.03.2009 auf SWR 1 in der Sendereihe Anstöße

Hier die Predigt hören

 

Teaser: Öffentliche Demütigungen sind salonfähig geworden in Deutschland. Aber jemanden öffentlich zu beschämen ist wie Blutvergießen sagt ein weiser Spruch.

Heute mit Peter Kottlorz, einen schönen guten Morgen!

„Peter, du bist peinlich“, das war schon fast ein geflügeltes Wort bei meinen Kindern. Wenn sie zum Beispiel Freunde eingeladen hatten und ich mich, aus ihrer Sicht mal wieder daneben benommen hatte. Ein typischer Fall von „Fremdschämen“. Wenn Kinder die Andersartigkeit ihrer Eltern erkennen und sie sich durch deren Fehler peinlich mit ihnen verbunden fühlen.

Sich schämen, Scham, Schamgefühl – ist eine Urerfahrung. Schon auf der dritten Seite der Bibel geht es um das Nacktsein des Menschen und seine Scham darüber. Aber bei der Urerfahrung Schämen geht es nicht nur ums Körperliche. Ich kann mich auch schämen, wenn ich gedemütigt werde oder öffentlich bloßgestellt. Öffentliche Demütigungen sind in Deutschland mittlerweile salonfähig geworden. Was da seit Jahren im Privatfernsehen geboten wird ist unter aller Kanone. Wenn ich nicht eine Tochter im Teenageralter hätte wüsste ich nicht was sich da Woche für Woche abspielt. Aber durch sie schau ich immer mal wieder in so Sendungen wie  „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany’s next Top Model“ rein. Seit Jahren werden da junge Leute vor einem Millionenpublikum zur besten Sendezeit, gedemütigt, verspottet und bloßgestellt. Die Model-Domina Heidi Klum spannt ihre hungerhakigen Kandidatinnen regelmäßig so lange auf die Nerven-Folterbank bis sie heulen. In der jüngsten Superstar-Staffel befahl der Juror-Tyrann Dieter Bohlen einem Mädchen, das ums Weiterkommen bettelte auf die Knie und das arme Mädchen hat das auch noch gemacht.

 „Menschenverachtung ist die schlimmste Form der Gottesverachtung“, sagt der Autor Werner Mitsch. Und normalerweise pflege ich  Entgleisungen im Fernsehen nicht im Radio zu erwähnen um damit nicht auch noch Werbung für sie zu machen. Aber Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ und „Germany’s next Top-Model“ werden hauptsächlich von jungen Menschen gesehen, die dabei sind ihre Identität zu bilden. Dabei sehen sie Normen und Werte, die im schroffen Gegensatz zum christlichen Menschenbild stehen. Ein Menschenbild, das zwar um die Fehler und Schwächen des Menschen weiß, sie aber nicht herausstellt. Und Gefühle wie Scham nicht produzieren, sondern lindern möchte. Denn der Mensch ist so viel mehr als seine Schwächen und seine Würde deshalb unantastbar. Und statt solche geldgeilen Demütigungs-Shows auch noch mit dem Deutschen Fernsehpreis auszuzeichnen, sollte unsere Gesellschaft lieber darüber nachdenken, wie sie diese strategisch geplanten „Wertevergifter“ in die Schranken verweisen kann. Denn „Jemanden öffentlich beschämen, ist wie Blutvergießen“, heißt ein so alter wie weiser Spruch.