Foto von aufgeschlagenen Büchern

Radiopredigt über Johannes 8,3-11

Diakon Matthias Loretan (rk)

21.03.2010 im Schweizer Radio DRS 2 und DRS Musikwelle sowie in den Gottesdiensten der Pfarrei St. Ulrich in Kreuzlingen

© privat

Hier die Predigt hören!

 

Von einem, der sich bückt

Liebe Hörerin, lieber Hörer

Versöhntsein ist eine wunderbare Erfahrung. Versöhnt mit sich selbst, mit den Anderen, den Nächsten und Fremden, versöhnt mit Gott. Wenn es mir gelingt, in diese Haltung hinein zu kommen, aus ihr zu leben, dann kann ich die Dinge in Güte sehen. Ich kann mich und die Anderen in Güte annehmen. Diese Haltung kann ich allerdings nicht einfach erwerben. Es gibt dafür keinen Lehrplan und keine Rezept. Es sind eigentlich die Umwege, die Umwege vor allem über die eigenen Fehler, die einen in diese heilende Erfahrung führen. Versöhnung lässt einen erkennen: Das Gehen der eigenen Umwege macht die Unverwechselbarkeit des eigenen Lebens aus. Oder wenn ich es in der Sprache des Glaubens sagen darf: Es ist meine Lebensaufgabe, im Gehen des eigenen Weges, im Gehen all meiner Umwege die Fügung und Führung Gottes zu erkennen.

Wie komme ich also in diese versöhnliche Haltung? Von wem habe ich sie gelernt? Wer war mir behilflich, den eigenen Weg zu finden? Lassen Sie mich von einem ersten Umweg erzählen: Ich war ein frommer Erstklässler. Begeistert empfing ich die Erstkommunion. Und ich beichtete gern und häufig. Allerdings nicht das, was mich eigentlich umtrieb. Ich verstand es selber nicht. Das war dieses fast schon fromme Gehabe. Und andrerseits machte ich Sachen, die selbst der Teufel verboten hatte. Aus dem Laden meiner Eltern klaute ich Süssigkeiten, auch Geld, und zwar in Beträgen, die ich nicht als klein abtun möchte, und Zigaretten. Im Geheimen rauchte ich die Zigaretten mit zwei anderen Buben: Eine Mary Long, eine Arlette, eine L&M. Im Dunkel des Kellers mit dem Öltank sahen wir die Stengel aufglimmen, husteten und erzählten uns vom Leben, als wären wir erwachsene, die es im Griff hätten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie und warum meine Mutter von unseren verbotenen Abenteuern Wind gekriegt hat. Ich spüre aber noch heute das unangenehme Gefühl, bei etwas Verbotenem erwischt worden zu sein. Geblieben ist das Gefühl der Demütigung, das Erfahrene abzustreiten, das Erfahrene meinen abstreiten zu müssen.

Es war an einem Sonntagnachmittag im Sommer. Die Mutter hielt die Beweislast für genügend. Als Strafe verordnete sie Hausarrest und schloss mich vom geplanten Ausflug aus. Allein Zuhause überlegte ich zerknirscht, wie ich den Schaden wieder gut machen könnte, wie die angekündigte Strafe des Vaters abzuwenden wäre, wie ich die Zuneigung der Eltern wieder gewänne. Am Abend, als die Mutter mit den Geschwistern vom Ausflug zurückkehrte, hatte ihr ältester Sohn die langen Latten und Balken des Balkons mit dem vorhandenen Speiseöl angestrichen. Diese nutzlose Geste der Reue musste meine Mutter gerührt haben. An weitere Strafen kann ich mich jedenfalls nicht erinnern.

Wie komme ich in die Haltung der Versöhnung? Die Strafe der Eltern und die Rache der Götter abzuwenden, ist eine Etappe auf dem Weg, erwachsen zu werden und für das eigene Handeln Verantwortung zu übernehmen. Um aber den eigenen Lebensweg in Güte zu verstehen, braucht es mehr und Anderes. Es genügt nicht, mit einer versöhnlichen Geste den Zorn der strafenden Götter zu manipulieren, die Furien der hohen Selbst-Ansprüche günstig zu stimmen. Dazu braucht es eine andere Selbst-Zusage. Eine, die den Wert und die Würde der Person, nicht zuerst an Bedingungen und Gesetze knüpft. Eine, die die eigenen Verstrickungen und Umwege in Güte sehen lernt. Von dieser Art, die Dinge zu sehen, die Dinge in Güte zu sehen, hat Jesus Zeugnis abgelegt. Er holt uns hinein in eine Beziehung zu einem Vater, in dessen Schoss wir geheilt sind. Jesus selbst ist so ein Geheilter, ein Heiland, der sich nach vorne bückt, und über ihn die Anschuldigungen und Selbst-Vorwürfe, ins Leer laufen lässt. So schreibt er in den Sand kein neues Gesetz, er lernt nur eine Schrift, die eine Frau zum Geheimnis ihres Lebens finden lässt. Wenn sie ihren Widerspruch in Güte sehen lernt, kann sie tun, was sie will. Sie ist mit ihren Blüten und Dornen geheilt. Aber hören Sie selbst die Frohbotschaft des heutigen Tages im 8. Kapitel des Johannes-Evangeliums.

„Die Schriftgelehrten und die Pharisäer brachten eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern. Die Verse dieses Epitaphs sind geschrieben an die Ausssenwand einer alten Kirche. Sie steht auf dem Burghügel von Raron. Verfasst hat die Grabinschrift der Dichter Rainer Maria Rilke. Nicht ohne Stolz wusste meine Mutter die Verse herzusagen. Par coeur. – Aus dem Herzen. Für mich als Buben waren sie höherer Blödsinn. Und ich ärgerte mich: Warum sollten diese toten Buchstaben mehr bedeuten, als das Spiel auf dem Fussballplatz. Der FC Raron war damals gut, der beste Club jedenfalls im Oberwallis. Und Gott schien auch nichts gegen ihn zu haben, bliess doch der Wind die Rufe der Begeisterten bis hinauf zur Kirche. Sie streiften die Grabinschrift.

Mehr als ein Vierteljahrhundert später liege ich im Gras vor der Kirchenwand mit dem Rilkeepitaph. Neben mir liegt ein Freund, ein Filmemacher aus der damals noch existierenden DDR. Dem Arbeiter- und Bauernstaat hat er immer wieder Bilder und Wahrheiten abgetrotzt, und dabei das Wohlwollen jener riskiert, von denen er abhängig war. Bevor wir uns ins Gras gelegt haben, fährt er mit der Hand über die verwitterte Grabinschrift, zärtlich, als könnte er sie so seiner Handfläche einschreiben. Dann zieht er ein schwarzes Wachsheft mit den karierten, leicht holzstichigen Blättern hervor und notiert darin die Verse des Dichters.

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.

Wie erschöpft liegen wir im Gras. Die Winde treiben auf dem Nachthimmel die Wolken vor sich her. Wie Kulissen lassen sie sich vor den vollen Mond schieben. Aber immer wieder bricht das fahle Licht durch und leuchtet auf die Schattenberge der gegenüberliegenden Talseite. Die Windböen verfangen sich in den Blättern des Rosenbusches, der neben dem Grab die Kirchwand hochklettert. Plötzlich fallen schwere, dicke Regentropfen, zuerst nur einzelne. Wir rennen los, den Burghügel hinunter. Beim Auto angekommen, regnet es Bindfäden. Wir fahren los. Zuerst stumm. Zu hören ist nur das kratzende Reiben der Scheibenwischer. Wir fahren in die nasse Nacht. Die Blicke gebannt in eine Welt, die uns entgegen fährt, ohne uns zu verschlingen. Die Scheibenwischer schreiben ein mechanisches Lied ohne Bedeutung. Die Fahrt in den Regen wird zwei Stunden dauern. Dann werden wir in Nyon angekommen sein. In der Zwischenzeit erzählt ein Mann sein Leben. Ich weiss nicht mehr, wer angefangen hat: Ich – mit Fragen? Er – mit Erzählen? Überhaupt kann ich mich an keine einzige meiner Fragen erinnern. Nur an den Blick, gerade aus, in die nasskalte Nacht, in die Schrift des Scheibenwischers. Beim Zuschlagen der Autotür auf dem Parkplatz in Nyon, weiss der Mann, wie er sich entschieden hat. Vor ihm liegt der schwierige Weg, die Konsequenzen seines Ratschlusses zu tragen. Wie kann er gerecht werden: Einer Frau, die er geliebt hat? Zwei Kindern, denen er Vater sein will? Einer Frau, mit der er die Welt teilt?

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern.

Es gibt Entscheidungen, bei denen riskieren wir unser Leben. Wenn alles auf dem Spiel steht, mag es einem zumute sein wie Rilkes Rose. Ansprüche zerren uns hin und her. In uns klafft ein Widerspruch, der keinen Schlaf mehr finden lässt. Doch was ist mit dieser Lust? Ausgerechnet in der mittleren Zeile des Gedichts! Sie kommt mir vor, wie eine Einwilligung in das Geheimnis der eigenen Widersprüche. Als ob die Gegensätze nicht in erster Linie eine inhaltliche Antwort bräuchten. Sondern eine andere Art, sie wahrzunehmen, sich wahrzunehmen. Da kann es gut sein, in einem Auto geborgen zu sein, mit einem Fahrer, der seine Fragen vergisst und dem die Schrift des Scheibenwischers die Bedeutung seiner Gesetze stiehlt. Ein heilender Raum der Versöhnung tut sich auf, der nichts Leichtfertiges hat, aber die Gewissheit wachsen lässt: Ich bin dieser Widerspruch. Ich darf ihn liebend annehmen, mit all seinen Konsequenzen. Auch wenn ich nicht weiss, wohin mich mein Ratschluss führen wird, mir als Geheimnis darf ich treu bleiben, in der Gewissheit, dass Einer die Schönheit, meine Blüten und Dornen sieht und birgt.

ISSN 1420-0155, Herausgeber: Katholischer Mediendienst, Reformierte Medien. Jahresabo per Kalenderjahr zu Fr. 45.-- als PDF-Datei. Einzel-Expl. im Kopie-Verfahren für Fr. 3.-- über Radiopredigt, Pf 1914, 4001 Basel. Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdruckes, jegliche Reproduktion sowie Übersetzungen bleiben vorbehalten. Bestellungen und Elektron. Versand: Radiopredigt c/o Reformierte Medien, Badenerstr. 69, Postfach, 8026 Zürich, mail: abo@radiopredigt.ch Produktion: Reformierte Medien, Zürich