Foto von aufgeschlagenen Büchern

Radiopredigt über Lukas 2,16-19

Diakon Matthias Loretan (rk)

01.01.2011 auf DRS 2 und DRS Musikwelle (CH)

zu Neujahr

Staunen

© privat

Hier die Predigt hören.

 

 

Neujahr. Neujahrsmorgen. Neujahr morgens halb zehn. - Wer will wohl jetzt die Neujahrspredigt hören?

 

Vielleicht die Frau, die sich jeden Sonntag vor dem Radio niederlässt und andächtig die Predigt hört. - Vielleicht ein Mann, der erst gegen Morgen ins Bett kam und nun mit einem brummenden Schädel aufgewacht ist. Er steht in der Küche, löst eine Tablette Alka-Seltzer in einem Glas Wasser auf, in der Hoffnung, das fahle Getränk würde bald Wirkung zeigen. - Oder da ist eine Familie mit dem Auto unterwegs. Sie machen einen späten Weihnachtsbesuch, bei einem entfernten Verwandten oder bei der Arbeitskollegin der Mutter.

 

Liebe Hörerin, lieber Hörer, Sie werden es ahnen: Ich bin ein Neuhjahrsmuffel. Ich glaube nicht an das Datum dieses Neuanfangs. Nichts wird sich ändern. Ich finde mich wieder als der Alte im Jahr, das neu geworden sein soll. Ich jedenfalls bin der Alte geblieben.

 

Diese Einsicht hat etwas Trotziges. Aber auch etwas Entlastendes. Und keine Spur von Resignation. Ich bin - auch im Neuen Jahr - der Alte geblieben. Und Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, Sie dürfen sich darauf einstellen: Sie kriegen von mir keinen Ratschlag, wie Sie den verordneten Feiertag, die Zäsur im Kalender über die Runden bringen oder  gar sinnvoll gestalten können. Für mich ist Neujahr der 8. Tag nach Weihnachten. Basta! Neujahr ist Weihnachten für Schwer-Belehrbare, für Spätzünder!

 

Frech ist diese Behauptung. Aber ich meine sie nicht rechthaberisch. Nicht, dass Weihnachten der eigentliche christliche Festtag wäre und Neujahr nur der (neu-)heidnische Abklatsch. Meine Behauptung ist kein Kind bitterer Süffisanz nach dem Motto: Sie feiern nach einem Kalender, dessen Sinn sie längst vergessen haben: Sie wissen nicht, dass sie die Jahre nach der Geburt Christi zählen.

 

Weihnachten – Neujahr. Es macht keinen Sinn, die Feste gegeneinander auszuspielen. Denn beide Feste laden uns dazu ein, uns bewusst zu werden: Heute ist der erste Tag. Heute. Aber auch morgen. Und übermorgen. Jeder Tag ist der erste Tag. Mit jedem Tag bricht etwas Neues an. Jeden Morgen kann ich einen neuen Anfang machen. Mein Leben lang!

 

Das ist die Zuversicht des Neujahrs- und auch des Weihnachtsmuffels. Das Datum ist Zufall. An jedem Tag ist Neujahr. Heute ist der erste Tag. An jedem Tag ist Weihnachten. Alle Tage will Gott Mensch werden. An jedem Tag neu. Heute.

 

Neujahr – acht Tage nach Weihnacht. Nur zu leicht verkommen die acht Tage zu einer schlechten Ewigkeit. Die acht Tage sind Zeit genug, um wahrzunehmen, was von den Wünschen und Vorsätzen wahrgeworden ist. Die acht Tage sind Zeit genug, um einzusehen, dass die Weihnacht unserer Kindheit immer weiter weg rückt.

 

Diese Einsicht schmerzt. Wir bleiben eingespannt, in einen gnadenlosen Takt. In dieser Agenda ist Weihnachten nichts Anhaltendes, nichts Unaufhörliches. Alle Jahre wieder ist die Zeit des versprochenen Anfangs schnell vorbei. In der getakteten Zeit rückt der eigene Anfang, die eigene Geburt immer weiter weg. Und wir gehen langsam, aber stetig dem Ende zu. Mit jedem Kalenderjahr müssen wir ein Jahr abhaken. Jedes Jahr wandert ein Kalender ins Altpapier. Neujahr wiederholt sich, wird zu einem wiederkehrenden Startschuss für das Rennen im Hamsterrad. Spätestens am 3. Januar hat uns die Agenda wieder.

 

Das ist der Zwang des Kalenderjahres. Die getaktete Zeit läuft davon. Immer schneller und schneller. Ich kann sie nicht aufhalten. So viel will ich noch tun. Doch die Zeit hat nicht gereicht. Sie reicht nicht. Und sie wird nicht reichen. Was mir nicht alles entgeht! Während ich dort das eine tue, verpasse ich hier das andere. Angestrengt versuche ich die Kontrolle zu behalten. Ich will regeln, was noch zu regeln ist. Aber ich bin eingespannt in einen atemlosen Wettlauf, den ich nicht gewinnen kann.

 

Höchste Zeit, aus diesem Diktat zu fallen. Das Tempo zu drosseln. Inne zu halten. In einen anderen Rhythmus zu kommen. Einzuschwingen in eine andere Zeit. Anzukommen. Jetzt.

 

Wie könnte ein solches Ankommen geschehen? Da ich eine solche andere Zeit nicht kenne? Wie könnte Gott nachhaltig Mensch werden? So dass Weihnachten nicht ein flüchtiger und alle Jahre wiederkehrender sentimentaler Moment bleibt, ein kitschiger Ausnahmezustand, eine vorübergehende Stimmung.

 

Hören wir die Frohbotschaft zum heutigen Tag aus dem zweiten Kapitel des Lukasevangeliums: Die Hirten eilten hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. - Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war.

 

Liebe Hörerin, lieber Hörer, was haben die Hirten eigentlich gesehen? Ein noch namenloses, windelweiches Kind. Nichts Weltbewegendes. Eher etwas Unfertiges, Erbärmliches. Und doch stehen die Hirten für eine besondere Aufmerksamkeit. Die Legende stellt sie hin als Zeugen, die hinter etwas Gewöhnlichem die Ankunft des Göttlichen ahnen. Selber sind die Botschafter dieser Ankunft noch etwas verwirrt und aufgeregt. Die Hirten – sie eilen noch.

 

Und Maria? Der Kalender des katholischen Kirchenjahres weiht ihr den Neujahrstag und feiert ihn als Hochfest der Gottesmutter. Dies kann als christliche Vereinnahmung empfunden werden. Wenn wir uns allerdings an den biblischen Text halten, so sind ihm Triumphalismus und Rechthaberei fremd. Die Legende des Evangelisten erzählt von Maria als einer nachdenklichen Frau. Sie spricht die ganze Weihnacht kein einziges überliefertes Wort. Sie lässt das Wunder auf sich zukommen. Sie hört sich das Zeugnis der Hirten an. Und sie bewahrt das Geheimnis dieser Nacht in ihrem Herzen.

 

Mit seiner Weihnachtsgeschichte will Lukas nicht nur und nicht in erster Linie Fakten erzählen. Für seine Geschichte wählt Lukas die Form einer Legende. Die Legende ist die Form der frommen Einfachheit. Und die fromme Einfachheit wiederum ist die innere Haltung, in der wir das Geheimnis dieser Nacht überhaupt erst verstehen können. Jenseits der Fakten und jenseits der Dogmen birgt es sich im Staunen. Und Maria ist die Frau, die uns dieses Staunen lehrt. Von ihr erzählt Lukas: „Maria bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen. Und sie dachte darüber nach.“

 

Im Staunen bin ich auf der Seite der Hirten. Und noch mehr auf der Seite von Maria. Im Staunen kann sich das Leben jeden Augenblick neu entfalten, es kann eine neue Richtung einschlagen. Gewissheiten lösen sich auf. Antworten werden fraglich. Vor der Krippe stehe ich mit leeren Händen. Ich kann zugeben, dass ich ein Anfänger bin.

 

Im Staunen kann sich das Leben jeden Augenblick neu entfalten. Ich kann aber auch auf dem alten Weg weitergehen, und ihn mit anderen Augen sehen. Im Staunen bin ich in einer neuen Zeit angekommen.

 

Im Staunen wird mir das Leben zum Geheimnis. Und mit jedem Anfang wird es noch tiefer und grösser. In der Tiefe dieses Geheimnisses kann ich mich auch verlieren. Das Geheimnis kann aber auch zu einer neuen Art von Heimat werden. Im Wort Ge-heim-nis steckt ja bereits das Wort „Heim“. Der Religionsphilosoph Romano Guardini weiss darum und sagt:

 

„Je älter ich werde, desto grösser wird das Geheimnis in allem.

Aber auch etwas anderes geschieht: Das Geheimnis wird bewohnbar.“

 

Für das Heim im Geheimnis reicht ein Stall. Es braucht keine Burg. Es braucht keinen Palast. Denn im Stall wird Gott Mensch. Im Stall wird das Christfest unaufhörlich. Im Stall wird Gott ein Mensch, nachhaltig.

 

Fürs 2011 wünsche ich Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer,

nur so viel Agenda wie nötig

und so viel Staunen wie möglich.