Foto von aufgeschlagenen Büchern

Rundfunkpredigt bei hr4

Pfarrer Michael Becker (ev)

20.01.2011

Warum Bertha sich schminken lässt

Bertha schminkt sich immer, wenn sie das Haus verlässt. Genauer gesagt: Bertha lässt sich schminken. Sie kann nämlich ihre Hände nicht mehr bewegen. Ihre Beine auch nicht. Bertha ist Ende fünfzig und leidet seit Jahren schon an Multipler Sklerose, einer Entzündung des Nervensystems. Die Krankheit kommt in Schüben und lähmt erst die Beine, dann die Arme. Alleine kann sie gar nichts mehr machen. Rund um die Uhr hat sie Helfer im Haus: Ihren Mann, die beiden Söhne, und viele Schwestern und Haushaltshilfen, die kochen und sauber machen, Bertha anziehen, sie in den Rollstuhl setzen und mit ihr spazieren gehen. Bevor Bertha aber ihr Haus verlässt, hat sie immer eine besondere Bitte: Ein wenig Puder auf die Wangen, etwas Lippenstift und Parfum. So viel Zeit muss sein. Das ist sich Bertha wert.
 
Ich bewundere Bertha dafür. Sie ist sich etwas wert. Sie lässt sich nicht gehen. Manche werden vielleicht denken: Muss das denn sein, dass sich eine Kranke auch noch schminken lässt? Und ich denke: Ja, das muss sein. Das ist Ausdruck ihrer Würde. Bertha ist ja nicht nur krank, sie ist vor allem eine Frau. Bertha will nicht nur die Kranke im Rollstuhl sein, sondern auch die Frau, die etwas auf sich hält. Geduldig wartet sie, bis sie angezogen ist, die Schuhe anhat und die warme Jacke. Dann kommt der Moment, den sie so gerne mag. Die junge Frau, die gerade bei ihr ist, kämmt Bertha schön die Haare, streicht mit dem Pinselchen Puder auf die Wangen, dann Farbe auf ihre Lippen und gibt noch ein paar Spritzer Parfum an die Kleidung. Und raus geht’s zum Spaziergang.
 
So viel Zeit muss sein. Zeit für Würde. Kranke sind nicht einfach nur krank, sondern sind Menschen. Menschen, die - wie Gesunde ja auch - gut aussehen und riechen möchten. Als trotzten sie so ihrer Krankheit. Als sagten sie jeden Tag einmal: Ich kann mich zwar nicht mehr bewegen, aber ich bleibe ein Mensch. Du kannst mir Krankheit schicken, Gott, aber meine Würde kannst du mir nicht nehmen. Dafür, sagt Bertha, will ich schon sorgen.