Foto von aufgeschlagenen Büchern

Rundfunkpredigt über Lukas 1,1-20

Pfarrvikar Stephan Da Re und Rundfunkpfarrerin Annette Bassler (ev)

24.12.2010 im SWR 4 - Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz

Hier können Sie die Predigt hören

 

Annette Bassler

Frohe Weihnachten wünscht Ihnen Annette Bassler

 

und Stephan Da Re. Ihnen allen ein gesegnetes Fest.

Wir freuen uns, dass Sie mit uns in diesen heiligen Heiligabend hineingehen. Wo immer Sie sind- zu Hause oder unterwegs. Mit der Familie, mit Freunden oder mit sich selber allein: seien Sie herzlich willkommen.

 

AB

Uns ist heute der Heiland geboren. Das feiern heute abend die Menschen rund um die Erde. Sogar die, die das gar nicht recht glauben können. Woher kommt dieser Zauber, was macht dieses Fest so einzigartig?

 

SDR

Gott kommt zu uns als Mensch. Als ein zartes, hilfloses Kind kommt Gott uns nah. Als Kind berührt er das Kindliche in uns, macht uns sensibel für das Zarte und Zerbrechliche und für das Wunder der Liebe.

 

AB

Wir leben in bedrohlichen Zeiten. Sicher zu wohnen, sein Auskommen zu haben, ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die Finanzkrise macht sich bei vielen bemerkbar durch härtere Arbeit, schärfere Konkurrenz.

Im Frieden mit den Nächsten und den Nachbarn zu leben ist nicht selbstverständlich.

 

SDR

Wir haben genug Grund, uns zu fürchten, aber die Botschaft der Engel an Weihnachten ist: Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude.

Ein Kind ist uns geboren und wir dürfen neu anfangen. Etwas, was tot erscheint, kann zu neuem Leben erwachen. Gott ist nah.

Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart.

 

 

1. Musik: EG 30 "Es ist ein Ros entsprungen“, Fritz Wunderlich/1966 M0083462/ 1.54 Min.

 

SDR

Gott wird Mensch. Das feiern wir an Weihnachten. Die alt vertraute Geschichte steht im Lukasevangelium. Hören wir den Anfang dieser Geschichte.

 

Lesung: Lukas 1,1-7 (Sprecher: Ernst- Walter Siemon)

 

AB

Alle Jahre wieder höre ich die vertrauten Sätze. Bei mir weckt die Geschichte auch Erinnerungen. An die Weihnachtsfeste meiner Kindheit. Wissen Sie noch, wie das bei Ihnen war- Weihnachten als Kind?

Mit 5 Jahren – das war in den 50er Jahren- bekam ich zu Weihnachten meine erste Puppe. Ihr Kopf war aus Porzellan und ihr Körper aus Heu mit Stoff überzogen. Nelda, so hieß sie, war mein großer Schatz.

 

Damals nach dem Krieg musste mein Vater beruflich noch einmal ganz von vorne anfangen. Das Haus musste gebaut werden.  Vielleicht saß meinen Eltern auch die Angst im Nacken. Und der Wunsch: nie mehr arm sein, nie mehr Hunger haben, nie mehr in Trümmern leben.

Kurzum: sie hatten wenig Zeit für die schönen Dinge des Lebens: herumliegen, mit den Kindern spielen, vorlesen, Musikhören und vor allem hinhören, was ein Kind so für Sorgen hat. Für all das war wenig Zeit.

 

An Weihnachten schaute ich immer sehnsüchtig auf das Kind in der Krippe und hielt meine Puppe Nelda fest an mich gedrückt. Und ich sagte zum Christkind: wenn ich meine Puppe so liebe, dann liebst du mich doch bestimmt auch. Und dann weißt du auch, dass ich manchmal ganz schön allein bin. Weil meine Eltern so viel zu tun haben. Deshalb wünsche ich mir von dir vor allem, dass meine Eltern mehr Zeit haben für mich, dass meine Mutter ein bisschen glücklicher aussieht und dass sie stolz ist auf mich und sich nicht so viele Sorgen macht. Das wünsch ich mir, liebes Christkind.

 

2. Musik: "Ich steh an deiner Krippen hier"- 1. Strophe/ 0.54

SDR

Weihnachten hieß für mich als Kind: viel unterwegs sein. Meine Eltern waren geschieden. Und so habe ich Weihnachten mal hier, mal dort erlebt. Heilig Abend habe ich in der Regel mit meiner Mutter und meinem Bruder verbracht. Am 1. und 2. Weihnachtstag war ich bei meinem Vater.

 

In den Gottesdiensten, die wir besuchten, hörten wir auch die Weihnachtsgeschichte. Die heilige Familie- Maria, Josef und das Kind, das war vor allem eine heile Familie. Umso schmerzlicher wurde mir der Bruch der eigenen Familie bewusst.

 

Trotzdem hat mich diese Geschichte damals fasziniert. Sie erzählt von der Geburt des Kindes unter widrigsten Bedingungen. Und dann noch einem Stall in Bethlehem, irgendwo in der Fremde, weit weg von zu Hause.

 

Das hat mich schon als Kind getröstet. Ich spürte: Gott ist da! Auch wenn die Ehe meiner Eltern in die Brüche gegangen ist.

 

Trotz der Scheidung meiner Eltern konnte ich als Kind immer spüren, dass ich geliebt wurde. Und ich konnte es auch sehen: Ich erinnere mich noch gut, wie liebevoll meine Eltern das Weihnachtsessen vorbereitet haben, wie sie den Christbaum geschmückt und die Geschenke unter dem Baum gelegt haben.

Meinen Eltern lag sehr viel daran, mit uns Kindern Weihnachten zu feiern wie eh und je - auch wenn es für mich bedeutete, viel unterwegs zu sein. Und deshalb verbinde ich mit Weihnachten so viele positive Erinnerungen.

 

3. Musik: "Ich steh an deiner Krippen hier"-2.3. Strophe / 1.47 min.

AB

Wenn man erwachsen wird, muss man lernen, sich im Leben zu behaupten und um das, was man will, auch zu kämpfen. Die Geborgenheit der Kindertage ist irgendwann vorbei und man merkt: das Leben ist nicht einfach. Und die Welt, in die man hineingeboren ist, ist manchmal einfach nur erschreckend. Wie soll man über die Runden kommen und seine Familie ernähren? Wie ist man geschützt vor Unglück und Katastrophe? Dabei trifft es doch immer die kleinen Leute am härtesten.

 

SDR
So war das auch damals, bei Jesu Geburt. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von den Hirten, das waren die ärmsten der damaligen Zeit. Wenn etwas Neues passierte, war es für sie meistens nichts Gutes.

 

 

Lesung: Lukas 1,8-14 (Sprecher: Ernst- Walter Siemon)

 

AB

Wenn man erwachsen ist und selber für Kinder verantwortlich, sieht das Weihnachtsfest etwas anders aus. Als unsere drei Kinder klein waren, gehörte die Adventszeit für mich zur größten Herausforderung im Jahr. Weil ich dafür zuständig war, dass bis Heiligabend alles gemacht war. Und da war ich wie meine Eltern früher im Dilemma: du solltest mehr Zeit haben mit den Kindern- aber wer kauft ein, schmückt die Wohnung, denkt an die Geschenke der Freunde und dass sie rechtzeitig verschickt werden.

 

Ich wollte eine gute Mutter sein, alles richtig machen. Aber meine Kinder haben mir immer wieder zu verstehen gegeben: Wir brauchen gar nicht so viele Sachen. Wir brauchen vor allem Dich. Dass du da bist.

 

Heute, da meine Kinder erwachsen sind, denken ich gerne an die schönen Weihnachtsfeste zurück, an den schön geschmückten Baum, die Spielzeuge darunter, das gemeinsame Essen. Bis heute zehren sie und wir alle davon. Und sie lachen über mich, die ich mir früher mir viel zu viele Sorgen gemacht habe.

 

 

4. Musik: Kommet, ihr Hirten, Instrumental (Gruppe Chantal)
7442234/ 0.54 min.

 

SDR

Meine Frau und ich feiern in diesem Jahr Weihnachten anders als sonst. Unsere Krippe ist leer. Denn unsere Zwillinge, die wir an Weihnachten in den Armen halten wollten, sind viel zu früh zur Welt gekommen und haben nur wenige Tage gelebt. Heute, am Heiligen Abend, schmerzt uns das noch mehr als sonst.

 

Aber es ist da auch viel Dankbarkeit bei uns. Dankbarkeit, dass wir sie hatten und eine kurze Zeit begleiten durften. Für einen kurzen Moment haben sie uns zu glücklichen Eltern gemacht.

 

In dieser Situation höre ich die Weihnachtsgeschichte. Ich höre von den Hirten auf den Feldern von Bethlehem. Ich höre von dem Engel, der ihnen und allem Volk große Freude verheißt. Die Sehnsucht nach Frieden auf Erden und in meinem eigenen Leben, die kenne ich auch. Auf eine ganz eigentümliche Weise wird mein Leben Teil der Geschichte.

 

Meine Frau und ich feiern auch in diesem Jahr Weihnachten - trotz allem. Und wir tun es gemeinsam mit unseren verstorbenen Kindern. Wir schneiden zwei Äste aus unserem Weihnachtsbaum und legen sie auf ihr Grab. Auf diese Weise kommt Weihnachten auch zu ihnen.

Und auf diese Weise wird - zumindest in diesem Augenblick - aus Angst und Trauer Zuversicht und Freude. Die Dunkelheiten, die an Weihnachten deutlicher zu Tage treten als sonst, werden erhellt vom Licht von Weihnachten. Für uns ist Weihnachten deshalb auch ein Hoffnungsfest:

 

Hoffnung zu haben, dass uns Gott aus der Traurigkeit herausführt; Hoffnung zu haben, dass er für unsere toten Kinder sorgt; und Hoffnung zu haben, dass wir zurück finden ins Leben und in eine Zukunft, die offen ist.

 

5. Musik: : Jesus bleibet meine Freude (Marschall und Alexander), 2007

7341169/ 2.55 min.

SDR

Weihnachten ist auch das Fest, an dem man Bilanz zieht. Das Fest, an dem man zurückblickt auf das vergangenen Jahr und auf das eigene Leben.

 

Da gibt es manches, was schmerzt und weh tut. Aber auch gute Erinnerungen. Wie geht Ihnen das an Weihnachten?

 

AB

Meine Mutter ist gerade 90 geworden. Sie lebt noch in dem Dorf, in dem sie groß geworden ist und kennt dort jeden Stein. Seit 20 Jahren ist sie Witwe und viele Verwandte und Freunde sind inzwischen gestorben.

 

Um sie herum ist es stiller geworden. Und seit einiger Zeit flüchtet sie nicht mehr vor dieser Stille, sondern horcht in sie hinein. Was kommt mir da entgegen- aus der Stille? Spricht da jemand?

 

Ja, sagt die Weihnachtsgeschichte. Aus der Ungewissheit, was wird, aus demDunkel kommt ein Licht. Die stille Nacht ist gar nicht so still. Da ist ein Kind geboren. Da gibt es neues Leben, das Gott uns schenkt.

 

6. Musik: "Stille Nacht, heilige Nacht" Duett für Sopran, Siglinde Darnisch & Ingrid Mayr, 7361169, 1.23 min.

 

SDR

Meine Großeltern waren bis ins hohe Alter dankbar. Obwohl sie Freunde verloren haben und einsamer geworden waren. Sie waren dankbar für die vielen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Lebensweg. Die konnte ihnen niemand nehmen.

 

Meine Großeltern vor Augen kann ich Weihnachten auch feiern, wenn mir vielleicht gar nicht danach ist. Man kann Weihnachten feiern, auch wenn das Leben gar nicht so aussieht, als hätte man Grund zum Feiern.

 

Und so war es ja auch in der Weihnachtsgeschichte. Hören wir, wie die Geschichte zu Ende geht.

 

 

Lesung: Lukas 1,15-20 (Sprecher: Ernst- Walter Siemon)

 

7. Musik: Konzert für Orgel A Dur, op 2 G.F. Händel 2. Satz, SWR RO Klaus Arp/ M0016051 / 1.46 min./
darauf gesprochen:

 

AB

Gott ist Mensch geworden. Wir sind nicht mehr allein. In jedem Menschen, dem wir begegnen, können wir Gott begegnen. In jedem Menschen können wir seine heilsame Nähe spüren.

 

SDR

Mit diesen Gedanken wollen wir uns nun von Ihnen verabschieden.

Und mit den Worten eines irischen Weihnachtssegens:

 

AB

Nicht, dass jedes Leid dich verschonen möge,
noch dass dein zukünftiger Weg stets Rosen trage,
keine bittere Träne über deine Wange komme,
und kein Schmerz dich quäle -
dies alles wünschen wir dir nicht.

SDR

Sondern:
Dass dankbar du allzeit bewahrst
die Erinnerung an gute Tage.
Dass mutig du gehst durch Prüfungen,
auch wenn das Kreuz auf deinen Schultern lastet,
auch wenn das Licht der Hoffnung schwindet.

AB

Dass jede Gabe Gottes in dir wachse,
dass einen Freund du hast,
der deiner Freundschaft wert.

SDR

Und dass in Freud und Leid
das Lächeln des menschgewordenen Gotteskindes
dich begleiten möge.

AB

Frohe Weihnachten!

SDR

Ihnen allen ein gesegnetes Christfest!

 

8. Musik "O du fröhliche, o du selige" SWR- Rundfunkorchester, Leitung Peter Falk, Life- Aufnahme Gesang von Solisten mit Konzerthörern

2.25 min.