Foto von aufgeschlagenen Büchern

Rundfunkpredigt über Lukas 18,9-14

Pastor Uwe Cassens (efg)

23.08.2009 in der Auferstehungskirche Hamburg Fuhlsbüttel

übertragen auf NDR-Info und WDR 5

Hier können Sie die Predigt hören

Liebe Hörerinnen und Hörer,
liebe Gemeinde,

ein anständiger Pharisäer kostet ungefähr 3,50. Ein gehöriger Schuss Rum. Zur Tarnung etwas Kaffee drüber und eine Haube aus Schlagsahne. Jede Küstenkneipe, die was auf sich hält, hat ihn auf der Getränkekarte.

Was anderes scheinen als sein. Wasser predigen und Wein trinken.
So muss ein Pharisäer sein. Jedenfalls nach allem, was man so von denen gehört hat!
Gut, dass Jesus diese Leuten mal so richtig vorgeführt hat!

Mein erster Gedanke bei der Vorbereitung des Gottesdienstes war:
Ein Supertext ist das! Unaufrichtigkeit muss an den Pranger. Selbstgerechtigkeit muss entlarvt werden.
Selbst in der Kirche soll’s das geben. Eine Frömmigkeit, die nur sich selbst und das eigene Seelenheil im Blick hat, war mir immer schon ein Gräuel.

Da liefert die Geschichte, die Jesus erzählt, doch die biblische Begründung, einigen Leuten mal gehörig die Leviten zu lesen.
Ja, es gibt Menschen, von deren Art zu glauben, ich mich distanziere. Und jawohl, es gibt Verhaltensweisen, die ich unmöglich finde.

Und wie ich mir da so meine Gedanken über diesen tollen Predigttext mache, und wie mir so die eine oder andere Person durch den Kopf geht, merke ich auf einmal:
Der Text wendet sich gegen mich selbst. Am Anfang hatte ich ihn als so was wie eine Keule verstanden, und ich war bereit, sie zu schwingen. Und plötzlich schießt es mir durch den Kopf:

„Das bist du doch! Du hast doch oft genug gedacht: ´Herr, ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie dieser da!“

Das mit der Bibel ist schon merkwürdig: Manchmal muss man sie „gegen sich selbst“ lesen, wenn der Zugang zu den Texten gelingen soll. Die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner ist ein klassisches Beispiel dafür. Was Jesus gemeint hat, verstehen wir wohl nur, wenn wir uns auch mal vom scheinbar sicheren Boden unserer Überzeugungen entfernen und den Standort wechseln.

Das geht bei diesem Text schon los bei unserer Bewertung dieser Beiden, die uns da begegnen: Der Pharisäer und der Zöllner.

Die Sympathien der meisten Bibelleser gehören dem Zöllner. Der kommt bei Jesus am Ende ja auch ausgesprochen gut weg. Und außerdem – wenn man sich mit ein bisschen Fantasie mal dieses Szene vorstellt: wirkt er nicht geradezu rührend, wie er da so verloren steht, abseits, und wie er da kaum ein Wort rauskriegt.

Aber in Wirklichkeit war er der üble Bursche!
Die Zöllner in Israel waren ja nicht nur Kollaborateure der römischen Besatzungsmacht. Viele bereicherten sich auch einigermaßen schamlos auf Kosten ihrer Landsleute. Womit wohl auch klargestellt ist: Wer heutzutage Zollbeamter ist, hat einen ehrbaren Beruf!

Aber Zöllner damals in Israel, die hatten ein Ansehen wie - wie ein Manager, der seine Firma in den Ruin treibt, bei seiner Kündigung die vertraglich vereinbarte Abfindung kassiert und sich mit dem eigenen Vermögen in der Toskana verschanzt.
Oder wie ein Politiker, der private Kosten nicht von dienstlichen Aufwendungen unterscheiden kann und sie aus der Kasse des Steuerzahlers begleicht.

Und der Pharisäer?
Ist der nicht das Urbild des aufgeblasenen Frömmlers - arrogant und selbstgerecht – einer, der alles besser weiß – einer, der die Frömmigkeit über die Barmherzigkeit gestellt hat?

Aber ganz im Ernst: Die waren gar nicht so übel, die Pharisäer!
Zugegeben, sie waren ein bisschen sehr orthodox. Strenggläubig.
Aber was ist denn dagegen einzuwenden, wenn jemand seinen Glauben ernst nimmt? Wenn jemand betet. Meinetwegen auch fastet.

Und außerdem: Die Pharisäer hatten durchaus mit dafür gesorgt, dass die Menschen in Israel unter der römischen Besatzung ihre Identität wahren konnten. Dass sie behalten konnten: „Dies gehört zu unserem Glauben“. Oder: „Jenes ist unsere Geschichte, unsere Tradition. Das gehört zu uns und gibt uns Halt.“

Und auch das soll nicht unter den Tisch fallen: Jesus selbst hatte Freunde und Gesprächspartner unter den Pharisäern. Zum Beispiel einen gewissen Nikodemus aus Jerusalem, der sich sehr für die Lehre Jesu interessierte, und der später auch Jesus gegen seine Pharisäerkollegen in Schutz nahm.
Also: es ist keineswegs alles so eindeutig, wie es auf den ersten Blick scheint.

Eindeutig dagegen ist der Ort, an dem Jesus seine Beispielerzählung spielen lässt: Der Tempel in Jerusalem. Für die Leute von Israel war das unstrittig: Der Tempel – Wohnung Gottes!
Pharisäer und Zöllner hatten offensichtlich mehr gemeinsam, als man so meinen möchte. Zum Beispiel den Gedanken:
„Gott erfahren? Mit ihm sprechen? Ihm auf die Spur kommen?
Wenn das gehen sollte, dann da!“

Uns evangelischen Christen ist die Vorstellung fremd, Gott habe nur an einer Stelle seine Wohnung. Liebe Hörerinnen und Hörer, wir Baptisten haben’s nicht so mit besonders heiligen Orten. Aber die Architektur eines Domes, die Stille eines Klosters, die Geschichte eines Wallfahrtsortes – das bringt auch bei mir eine spirituelle Seite zum Schwingen. Ganz offensichtlich gibt es solche Plätze, die dabei helfen, die Gedanken auf Gott auszurichten.

Vielleicht haben Sie auf Ihrer Urlaubsreise einen solchen Ort besucht. Eine Kathedrale. Oder auch nur eine kleine Kapelle.
Ob sich hinter dem Interesse an Architektur oder Geschichte nicht noch etwas ganz anderes verbirgt?  Zum Beispiel die Sehnsucht nach einer Dimension des Lebens, die über das hinaus reicht, was wir in unserem Alltag sehen und erleben? Die Sehnsucht nach Gott?

Aber nun erzählt die Geschichte ja gerade: Der Ort allein macht´s noch nicht! Im Gegenteil: Er kann mich sogar auf eine völlig falsche Spur setzen! Ein religiöses Empfinden auslösen, eine weihevolle Wallung in Gang setzen, die mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hat. Und interessanterweise mit Gott schon mal gar nichts!
Der Glaube, so wie Jesus ihn versteht, hat wenig mit in sich gekehrter Frömmigkeit zu tun, sondern bewährt sich im Umgang mit den Menschen, mit denen ich zu tun habe.

Unser Pharisäer macht auf den ersten Blick den Eindruck einer gefestigten Persönlichkeit. Sehnsucht nach Gott? Ach ja – aber eigentlich war er doch schon am Ziel seiner religiösen Hoffnungen angekommen:
Mit Gott auf du und du. Stammgast im Tempel.

Wie viel Pharisäer steckt in uns?
Er jedenfalls wusste, wie das geht mit dem Gottesdienst: Wann man aufsteht, und wann man sich setzt. Wann aus der Heiligen Schrift vorgelesen wird und wie man sich dabei verhält. An welcher Stelle und zu welchen Anlässen die vorgesehenen Gebete gesprochen werden. Und so weiter und so weiter.

Aber merkwürdig: Irgendwas scheint mit seinem Glauben nicht zu stimmen. Oder besser gesagt: Irgendwas scheint mit Gott nicht zu stimmen! Immerhin hält dieser routinierte
Gottesdienstbesucher es für nötig, Gott zu erinnern und ihm ein wenig auf die Sprünge zu helfen:
„Ich faste zweimal am Tag“, sagt er, „ich gebe den Zehnten von all meinen Einnahmen“.
Herr, erinnerst du dich? Ich bin’s doch. Dein Freund, der Pharisäer!

Ein merkwürdiges Phänomen ist das: Hinter dieser zur Schau gestellten Rechtgläubigkeit verbirgt sich eine große Unsicherheit:
Die Angst, man könne es Gott eben doch nicht recht machen.
Und all dieses Fasten, dieses Opfern, dieses Befolgen aller möglicher Ordnungen und Gebote, ja, sogar dieses Beten, all das kann zu einer Krücke werden, an der man durchs Glaubensleben humpelt.

In dieser Unsicherheit entschließt der Pharisäer sich zu einem rabiaten Mittel: Er vergleicht sich mit einem „Gegner“, dem er mit Sicherheit haushoch überlegen ist:
Du meine Güte, dieser Zöllner da, dieser Minderbemittelte in Sachen Glauben, der nicht mal weiß, welche Gebetshaltung man einnimmt, der kann ihm doch nicht das Wasser reichen!

Irgendwie steckt das in uns drin: Wir vergleichen uns immer wieder mal mit anderen. Und je nachdem, mit wem wir uns vergleichen, stürzt uns das in einen Anfall von Depression, oder unser Ego macht sich auf einen kurzfristigen Höhenflug.

Wir vergleichen Lebensläufe und Karrieren.
Wir rechnen Erfolge und peinliche Schlappen gegeneinander auf.
Die Leistungsgesellschaft verlangt Siegertypen. Und sie liefert die Beurteilungskriterien frei Haus: Schön, stark, beliebt, kreativ, durchsetzungsfähig, reich – und wenn schon nicht reich, dann jedenfalls erfolgreich.

Aber wo Sieger sind, gibt es auch Verlierer. Und jeder Vergleich sorgt dafür, dass die Unterschiede zementiert werden: Gewinner und Verlierer. Sieger und Besiegte. Mächtige und Ohnmächtige.

Aber so ist unsere Welt doch! Und so funktioniert unsere Gesellschaft doch: Entsteht aus unseren Unterschieden nicht die Dynamik, die zu Entwicklung und Fortschritt führt?
Ja, so ist die Welt. Und Jesus war Realist genug, um das zu wissen. In vielen Gesprächen mit seinen Schülern hat er das gesagt: „Arme habt ihr immer unter euch“. Oder „Mächtige machen immer Druck“. Oder: „Die Kinder der Welt sind doch um einiges klüger als die Kinder des Lichts.“

Und trotzdem gilt:
Bei Gott gelten andere Maßstäbe! Der Gott, der das letzte Wort über das Leben eines Menschen spricht, urteilt anders, als es in dieser Welt üblich ist:
Da steht der Zöllner, der Betrüger, der Römerfreund, und Jesus urteilt: „Am Ende des Gottesdienstes ist der gerechtfertigt nach Hause gegangen“. Soll heißen: Der war Gott recht, so wie er war.

Hat Gott beide Augen zugedrückt angesichts der Tatsache, dass er seinen Lebensunterhalt mit Wucherei und Korruption bestritten hat?
Mitnichten. Der Zöllner war Gott nicht deshalb recht, weil er Zöllner war.
Der Zöllner war unglücklich mit seinem Leben. Gemieden von den Mitbürgern. Isoliert und am untersten Ende der Beliebtheitsskala. In Sachen Glauben ein blutiger Laie.
Er wusste, dass er vor Gott nichts vorzuweisen hat: Keinen Glauben, und gute Taten schon mal gar nicht. Aber er wendet sich an Gott – von dem er wenig weiß und den er auch nicht versteht. Schüchtern, zögernd, tastend. Wohl wissend, dass er Gott gegenüber keine Ansprüche geltend machen kann.
„Sei mir Sünder gnädig“. Das ist alles, was er rauskriegt. Und es reicht! Gott genügt es!

Man macht der Kirche immer wieder mal gerne den Vorwurf: „Ihr legt es darauf an, das Selbstbewusstsein der Menschen zu brechen. Eure Predigt macht die Leute doch erst zu Sündern. Ihr seid doch angewiesen auf Leute, die sich selbst erniedrigen.“

Die Kirche hat in der Tat Phasen erlebt, in denen sie der Versuchung zur Machtausübung nicht widerstehen konnte. Damit hat sie das Evangelium, die gute Botschaft Jesu pervertiert.
Mit dem Glauben, wie Jesus ihn gelehrt hat, hat das nichts zu tun.

Dem Zöllner aus unserer Geschichte hat keine religiöse Instanz das schlechte Gewissen eingeredet. Er ist nicht an Gott gescheitert. Oder an der Religion, sondern an seinem Leben!
Unser Leben ist die Folge von Entscheidungen. Oft auch von Zwängen. Von Denkmustern oder auch Bedingungen, die wir vorfinden.
Die Welt ist kompliziert, und wer mit offenen Sinnen durchs Leben geht, dem dämmert die Erkenntnis: Eigentlich bleiben wir immer irgendjemandem etwas schuldig. Aus Schwäche. Aus Unkenntnis. Womöglich auch aus schicksalhafter Notwendigkeit.
Einen schuldfreien Weg durch das Dasein gibt es nicht.

So leben wir in dieser Welt. Und angesichts dieser Situation sagt Jesus mit seiner Beispielgeschichte:
„Ihr müsst Gott doch nichts vormachen und schon gar nichts vorrechnen. Ihr könnt euch ihm anvertrauen, und  zwar ohne Angst vor Fehlern und Versäumnissen. Und ihr sollt es wissen, dass Gott euch wertschätzt. Dass ihr ihm wichtig seid. Dass er euch liebt.

„Sei mir Sünder gnädig“, betet der Zöllner. Vielleicht gehen uns diese Worte nur schwer über die Lippen. Sie klingen ja so etwas altbacken nach Strafe, nach Betteln, nach Winseln um Gnade. Das liegt wohl auch daran, dass sich unser Sprachempfinden im Laufe der Jahrhunderte geändert hat.

Aber wie klingt das?
„Ich will mich dir anvertrauen“. „Ich setzte meine Hoffnung auf dich.“ „Lass mich nicht im Stich“. „Gott, ich brauch dich“.
Möglicherweise sind uns solche Worte näher. Verständlicher. Und sie drücken dasselbe aus, was der Zöllner mit Mühe und Not herausgebracht hat.

Mit dieser Geschichte hat Jesus dem überbordenden religiösen Selbstbewusstsein einiger seiner Zeitgenossen einen Dämpfer verpasst.
Aber vor allem ist sie eine Einladung zum Glauben. Die Einladung, Gottes Freundlichkeit, seine Liebe und seine Großzügigkeit für unser eigenes Leben zu entdecken.

Übrigens:
Glaube ist immer auch ein ständiger Lernprozess.
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser da!“ ?
Ich jedenfalls will daraus lernen: Meine Urteile können oberflächlich sein, überheblich und vorschnell. Vor allem sind sie nicht das letzte Wort zum Leben eines Menschen.

Wo das gelernt und umgesetzt wird, kann man wesentlich entspannter miteinander leben.
Und wenn ich Jesus richtig verstehe, ist es doch so:
Entspannung ist ein Kennzeichen des Glaubens!

Amen