Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über Johannes 6,1-13

Pfarrer Dr. André Golob (ak)

24.06.2017 Alt-Katholische Pfarrgemeinde Rosenheim

Teilen macht reich !

 

Liebes Brautpaar,

liebe Hochzeitsgemeinde,

liebe Freunde und Mitchristen,

 

als ich meiner Frau sagte, welche Stelle der Bibel ich für die heutige Hochzeit ausgesucht habe, hat sie schon ein bisschen komisch geschaut. Naja, die „wundersame Brotvermehrung“ ist nicht gerade das klassische Evangelium, über das man zu einer Hochzeit predigt. Und als ich in meinen Trauungsbüchern blätterte, die ein Geistlicher so zu Hause im Regal stehen hat, fand ich tatsächlich in keinem die Verwendung dieser Bibelstelle. Eigentlich schade, denn wenn man genauer hinschaut passen diese Worte vom Teilen und Sattwerden sehr schön zu einer Hochzeitsfeier.

 

Die Geschichte von der Brotvermehrung fordert uns auf, wir sollten die Engstirnigkeit unseres Egoismus aufgeben und statt dessen lernen, unsere Habe mit anderen zu teilen, ja unser Leben zu teilen. Der Sinn dieser Geschichte ist deutlich: Wir Menschen können so unendlich reich sein, würden wir uns nur entscheiden zu teilen. Und dafür brauchen wir nicht viel zu haben. Wir müssen nicht reich sein. Wie der kleine Junge, der - selber arm - seine wenigen Lebensmittel den Tausenden zur Verfügung stellt.

 

Jede wahre Beziehung zwischen Menschen beginnt mit einem solchen Sich-Öffnen, Sich-Einander-Übergeben im Feld einer Armut, die langsam zu einem tiefen Vertrauen reift. Das Wunder der Brotvermehrung in der Nähe Jesu beginnt damit, dass wir gemeinsam den Blick von unseren Armseligkeiten weg hinauf heben zum Himmel. Diese wunderbare Fähigkeit besitzen wir, das Leben des anderen zu berühren wie ein uns anvertrautes Geschenk und es zu segnen mit der Gnade Gottes. Ein solches Wunder der Verwandlung kann sich ereignen, wenn wir all das, was der andere von seinem Leben in unsere Hände legt, von Herzen annehmen und als Geschenk des Segens an ihn zurückgeben.

 

Wie sehr trifft dies auf die Ehe zu. Niemand kennt uns so gut wie unser Partner, unsere Partnerin, niemand kennt unsere Schwächen, unsere Macken, unsere Armseligkeiten so gut, wie der Mensch, der uns am nächsten steht, der uns liebt. Er nimmt uns an so wie wir sind. Nicht verstecken brauchen wir uns vor ihm, sondern dürfen sein wie wir sind. Nichts ist mehr klein zu achten oder als gering zu werten, wenn wir es sehen mit den Augen Gottes, eines Liebenden, der will, dass es uns gibt in unserer Armseligkeit. Ein Gefühl absoluten Angenommenseins, ein Gefühl des Glücks. Du bist nicht unbedeutend, beliebig oder nebensächlich auf Erden, nein du bist etwas Einzigartiges, etwas ganz Bedeutendes für mich – dich zu haben bedeutet reich zu sein.

 

Ehe bedeutet das Leben zu teilen, uns selbst mitzuteilen, uns einander zu schenken mit all unseren Facetten. Dies kommt auch in dem Symbol für die Ehe zum Ausdruck, das ihr „Hochzeitsheftchen“ ziert: Die ineinander fassenden Ringe. Vor allem in der Tatsache, dass die Ringe in dieser Form eine Schnittmenge bilden – ein Zeichen für geteiltes Leben, für gemeinsames Verschmelzen. Manchmal mag diese Schnittmenge groß sein und wachsen, mitunter auch schrumpfen, doch wird immer eine Schnittmenge, eine Gemeinsamkeit bestehen. Ohne diese Schnittmenge keine Ehe, keine Gemeinschaft, keine Liebe.

 

Fatal wäre es aber auch, wenn die Ringe deckungsgleich aufeinanderlägen. Bei aller Gemeinsamkeit wäre kein Geben mehr möglich, da nichts eigenes mehr vorhanden, keine Freiräume. Obwohl Schnittmengen unbedingt nötig sind, geht es nicht um ein totales Verschmelzen, sondern um die Beibehaltung eigene Bereiche zur individuellen Entfaltung. Manche Ehepaare überfordern sich, indem sie alles füreinander sein wollen. Die Liebe ist für viele heute auch ein Ort der religiösen Erfahrung. Dadurch wird sie zwar aufgewertet  zugleich aber auch überfordert. Die Suche jedoch nach echter religiöser Erfahrung kann die Liebe sowohl vertiefen als auch entlasten. Dabei spielen Freunde nicht selten eine große Rolle, die ihnen mit Rat und Tat, mit Empathie und Zuneigung zur Seite stehen.

 

Wer liebt sorgt sich um das Leben und Wachstum des anderen. Er übernimmt Verantwortung, gibt Antwort auf die artikulierten oder stummen Bedürfnisse des Gegenübers. Wer liebt achtet Person und Individualität seines Partners – lässt ihn und sie auf eigene Weise wachsen und sich entfalten. Zur Liebe gehört die einfühlsame Erkenntnis des Partners, der Partnerin – ohne ihm oder ihr das wunderbare Geheimnis seiner Person entreißen zu wollen.

 

Der Ring ist ein faszinierendes Symbol. Er hat keinen Anfang und kein Ende und sagt uns damit: Wir versprechen einander ewige Treue, ewige Verbundenheit in Liebe und Zuneigung.

 

Der Ring ist auch ein Symbol des Schutzes gegen böse Mächte. Und in der Tat können wir uns dem Bösen, der Kälte, dem Egoismus in der Welt nur stellen, wenn wir Rückhalt haben, Rückhalt in einem geliebten Menschen. Gerade in unserer Welt, die nicht immer eine heile Welt ist, sondern immer wieder von leidhaften Erfahrungen durchzogen, da ist es wichtig jemanden zu haben, der einen wieder aufbaut, der in den Arm nimmt und zuhört. Da kann der Ring zu einem Rettungsring werden.

 

Im Neuen Testament kennen wir den Ring der Vergebung; der Ring als Symbol des Verzeihens, des Verständnisses. Ein solcher Ring kann Ehe retten. Verzeihung, so sagt ein chinesisches Sprichwort, ist die beste Münze im Haus. Vergebung, Verzeihen hält Menschen zusammen. Auch die Tiefen, die Stürme müssen Verheiratete teilen und gemeinsam aus ihnen hervorgehen, gestärkt und umso inniger verbunden.

 

Teilen macht reich, das steht fest. Und es ist, wie uns das Sprichwort sagt: Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude. Und da sind wir wieder bei unserem Evangelium von der Brotvermehrung, das eigentlich ideal zu einer Hochzeit passt, da es anschaulich zeigt, wie reich wird sein können, welche Fülle das Leben für uns bereit hält, wenn wir nur das Vertrauen und den Mut haben „Ja“ zu sagen.

 

Ich wünsche Ihnen, liebes Brautpaar, dass Ihre Schnittmenge stets eine Ideale sei. Und eines vergaß ich noch zu erwähnen. Trauringe sind in der Regel aus einem kostbaren Metall gefertigt. Der Glanz des Edelmetalls kann uns an die Herrlichkeit des siebenten Himmels erinnern, der allein den Liebenden versprochen ist. Dieses Glück wünsche ich Ihnen beiden, auch im Namen unserer Gemeinde.

 

Amen.