Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über Philipper 2,4

Pfarrer Dr. Felipe Blanco Wißmann (ev.)

01.10.2016 Ev. Kirche Reinheim

Trauung

Liebe Hochzeitsgemeinde, liebes Brautpaar!

„Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“

Das ist nicht meine altväterliche Ermahnung an Sie beide, so als müsste ich jetzt voller Sorge sagen: Seid nicht so egoistisch, schaut auch auf den anderen.

Dies sind vielmehr die Worte Ihres Trauspruchs, aus dem Brief des Apostel Paulus an die Philipper, aus dem 2. Kapitel.

Sie beide sind das erste Brautpaar, das sich diesen Trauspruch ausgesucht hat.  Es war die Tageslosung, also der biblisches Vers des Tages am Tage Ihrer Verlobung. Dass viele Brautpaare einen anderen Spruch nehmen, liegt vielleicht auch daran, dass der Vers aus dem Philipperbrief erst einmal nicht so gefällig wirkt, nicht ganz so romantisch. Hier im Spruch wird ja eigentlich die eigene Sichtweise unterschieden von der des anderen, während man ja am Tag einer Trauung vor allem über das Gemeinsame sprechen will.

Und davon gibt es ja nicht wenig.

Über das Gemeinsame haben Sie beide sich ja auch kennengelernt. Sie, Herr Renner, haben damals jemanden gesucht, der mitkommt zu Sportveranstaltungen. Und zwar zu Sportveranstaltungen, zu denen nicht jeder gehen will. Nein, nicht Wrestling oder Curling oder so. Aber Football und Basketball immerhin. Und so haben Sie beide sich kennengelernt auf der Internet-Plattform Lycos.

Bald hatten Sie sich dann verabredet, zusammen zu den Skyliners Frankfurt zu gehen. Vorher wollten Sie noch zusammen essen. Und da hat sich gezeigt: Das Essen und Reden ist viel interessanter als der Sport. Das hat gut funktioniert, das war für beide unterhaltsam, obwohl Sie ja erst befürchtet hatten, Herr Renner, dass Sie vielleicht zu wortkarg sind für Ihre Frau, die rheinhessische Fröhlichkeit gewöhnt war.

 

Liebes Brautpaar!

„Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.“

Seit dieser Zeit im Herbst 2004 sind Sie ein Paar. Und haben sich seitdem darin geübt, nicht nur auf das Eigene zu sehen, sondern auch auf das, was dem anderen dient. Eine Bewährungsprobe ist das gemeinsame Wohnen, und diese Probe haben Sie schon sehr bald unternommen. Schon Anfang 2005 haben Sie gemeinsam in Offenbach gewohnt. Ein wichtiges Thema beim Zusammenleben ist ja immer die Frage: Wer hat welches Bedürfnis nach Ordnung? Ein wichtiges Feld, auf dem man praktisch leben kann, was der Trauspruch sagt: nicht mehr nur auf die eigenen Bedürfnisse zu achten, sondern auch auf die des anderen. Und das haben sie über die Jahre auch immer besser geschafft.

Vor einigen Jahren sind Sie nach Nieder-Roden gezogen. Sie haben viel gemeinsam erlebt. Haben schöne Reisen unternommen. Nach Amerika, Stockholm, Bali zum Beispiel.

Am 30.12.2013 gab es dann den Heiratsantrag in Köln, in der Nähe des Schokoladenmuseums. Und nicht ein Jahr zuvor in New York. Sie waren damals in Amerika, und viele hätten erwartet, dass die Verlobung da passiert. Aber auf dem Empire State Building kann das ja jeder.

Und natürlich ist die kleine Lina der schönste Ausdruck Ihrer Gemeinschaft, und gleichzeitig weist Ihre Tochter Sie immer wieder darauf hin, wie wichtig das im Leben ist: Achte nicht nur auf das Deine!

Sie wissen inzwischen ganz gut, was Sie aneinander haben.

Sie, Frau Renner, Sie sehen in Ihrem Mann den Ruhepol. Er versteht Sie, er ist herzlich und großzügig.

Und Sie, Herr Renner, mögen die Geduld Ihrer Frau, mögen es, wie sie für Harmonie sorgt, wie sie darauf achtet, dass es den Menschen um sie herum gut geht.

 

Liebes Brautpaar!

Wir schauen heute nicht auf das, was Sie am jeweils anderen nicht so mögen. Dazu haben Sie während unseres Gespräches auch etwas gesagt. Aber damit kommen Sie zurecht, denn Sie leben ja schon ihren Trauspruch im Alltag:

„Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf, was dem andern dient.“

Sie sind gerüstet für die Zukunft, was immer die bringt, an weiterem Familienzuwachs, an Projekten wie dem Bau eines Hauses, was auch immer.

 

Liebe Hochzeitsgemeinde, liebes Brautpaar!

Der Trauspruch zeigt einen Weg, Gemeinsamkeit, Gemeinschaft zu leben. Und das trotz aller Verschiedenheit.

Gerichtet ist er eigentlich natürlich an eine christliche Gemeinde. In dieser Gemeinde kamen damals im Römischen Reich Menschen ganz verschiedener Sprache und Herkunft zusammen. Und oft gab es da natürlich Streit. Paulus betont: Trotz aller Verschiedenheiten gibt es etwas Gemeinsames, Verbindenes, das viel wichtiger ist. Die Grundlage, das Fundament. Das ist Jesus Christus natürlich für die christliche Gemeinde.

„Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht“, so heißt es da direkt im Anschluss an den Trauspruch. Und so soll es eben nicht nur in der Gemeinde sein, sondern auch in Ihrer Ehe.

 

Liebe Hochzeitsgemeinde!

Ein gutes Beispiel für eine Ehe, die scheinbar ohne gute Gemeinschaft auskommt, stammt für mich aus der Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“. Die wurde gedreht im finsteren Mittelalter, nämlich in der ersten Hälfte der 70 Jahre. Da war ich noch nicht auf der Welt. Aber berühmt ist sie eigentlich auch heute noch, einige Folgen werden auch gelegentlich wiederholt. In dieser Serie lässt die Hauptperson Alfred Tetzlaff keine Gelegenheit aus, sich mit fast allen Menschen anzulegen, und insbesondere seine Frau bekommt ständig was ab und wird sehr oft nicht Liebling oder so, sondern „dusselige Kuh“ genannt.

So soll und wird es bei Ihnen nicht sein. Sie gehen liebevoll miteinander um, auch wenn es beim Streit mal impulsiv wird. Zum Glück sind Sie beide da nicht gleichermaßen impulsiv, wie Sie gesagt haben. Einen guten Rat gibt es in der Bibel auch, wie man mit Streit umgehen kann. Dieser gute Rat steht im Epheserbrief. Dort heißt es nämlich: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“. Mit anderen Worten: Bevor man sich als Ehepaar schlafen legt, muss Streit geschlichtet sein. Zu Streit kann und wird es leider kommen, auch wenn man miteinander sehr loyal und tolerant ist, wie Sie es sind. Aber die Bibel traut uns zu, ganz praktisch etwas für den Frieden zu tun. Und in der Ehe kann das eben bedeuten: Sich wirklich dazu durchringen, Versöhnung zu suchen, bevor er sich weiter hineinfrisst in die Beziehung und auch noch z.B. die Ruhe der Nacht zerstört.

 

Liebe Hochzeitsgemeinde, liebes Brautpaar!

Liebe und Ehe bedeuten eine Entscheidung. Nicht nur im Standesamt oder heute in der Kirche, sondern immer wieder. Eine Entscheidung, nicht nur auf das Seine zu schauen, sondern auch auf das, was dem anderen dient. Sie beide versprechen heute einander nochmals, immer wieder die Entscheidung für den Partner und für die Gemeinschaft zu treffen, in der man auf den anderen achtgibt. Und nicht nur auf das Eigene schaut. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, so empfinden Sie das. Sie sind angekommen, in Nieder-Roden. Im Berufsleben auch. Sie haben Ihre Tochter. Sie wollen diese Gemeinschaft ganz deutlich und öffentlich leben, so kommt es heute in ihrem Versprechen zum Ausdruck.

Aber vor diesem Versprechen müssen Sie keine Angst haben. Denn Sie sind auf Ihrem gemeinsamen Weg nicht alleine. Ihre Verbindung wird heute in diesem Gottesdienst gesegnet. Und damit kommt zum Ausdruck: Ihre Ehe beruht nicht allein auf der Kraft Ihrer Worte, Ihres „Ja“ zueinander, sondern ist von etwas Größerem getragen und geschützt: Von Gottes „Ja“, zu Ihnen beiden und zu Ihrer Ehe. Gott will bei Ihnen sein, er fordert nicht nur den Frieden, er verspricht ihn uns selbst und sagt ihn uns und Ihnen zu. Was immer die Jahre auch bringen.

Amen.