Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt über Prediger 4,9-12

Pastor Matthias Lemme (ev.)

03.06.2017 Christianskirche Hamburg-Altona

Wo wohnt das Glück? Das große, das unermessliche. Das Glück, das satt macht. Das einen sagen lässt: Danke. Angekommen. Schön. Chapeau! Wo wohnt das Glück?
Manche sagen: Liegt doch längst vor euren Füßen! Stolpert man schnell drüber, wenn man zu hoch hinaus will. Wenn man das Glück in der Ferne sucht. Dort, wo das Gras hellgrün leuchtet. Das Glück liegt längst vor euren Füßen.

Andere sagen: Das Glück, das muss man gemeinsam suchen. Hauptsache, man geht los. Der Weg ist das Ziel. Kleiner Rucksack, auf ins Blaue – das Glück wartet auf euch. Irgendwo – nicht hier, wo ihr es euch gemütlich gemacht habt.

Einer sagt: Wo das Glück wohnt? Komische Frage. Ich weiß nur: Eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei. Und der, der das sagt, ist kein Versicherungsverkäufer.

 

Liebe Kristiane, lieber Andrej, wir singen und beten heute mit euch – und wir feiern eure Liebe. Nichts weniger als das: eure Liebe. Standesamt und Recht und Ordnung und Ehegattensplitting und all dieser Kram – sei’s drum. Ihr seid hier als Bittende, als Bedürftige. Jede Liebe braucht den Segen Gottes. Jede Liebe braucht mehr als sich selbst. Sie braucht Freunde – und einen Gott, der mit euch an sie glaubt. Weil jede Liebe ein Wagnis ist. Weil gegen jede Liebe eine Menge Kraut wachsen kann.

Lieber Andrej, liebe Kristiane, ihr habt zusammen studiert, hier in Hamburg, Sonderschulpädagogik. Ihr habt Seminare besucht, Vorlesungen gehört, Klausuren geschrieben. Dann habt ihr zusammen getanzt. Nicht unterm Sternenhimmel, sondern unter der Sternbrücke. Bar 227, Jimi Hendrix an der Wand, die S-Bahn rumpelt. Man verdurstet dort nicht – und zu viel Platz gibt es auch nicht. Ein guter Ort, um sich ein wenig kennen zu lernen. Irgendwann bricht dann der Morgen an. Morning has broken, like the first morning, sunlight from heaven. Und dann erst mal gucken. Und dann mal ‘ne Nachricht schreiben. Und dann mal beim Dockville-Festival auf Containern sitzen und der Musik zuhören. Die Bässe spüren, nicht in der Masse, sondern zu zweit. Und dann Nachrichten schreiben über Studi-VZ (Ihr seid schon sehr lange zusammen...). Und dann sechs Wochen Zug fahre durch Europa. Und dann Uganda und Tanzania und Sanzibar...

 

Wo wohnt das Glück? Das Glück, das satt macht. Das einen sagen lässt: Danke. Angekommen. Schön.
Manche sagen: Liegt doch längst vor euren Füßen! Stolpert man schnell drüber, wenn man zu hoch hinaus will...

Andere sagen: Das Glück wartet auf euch. Hauptsache, man geht los. Der Weg ist das Ziel. Auf ins Blaue...

Einer sagt: Eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei. Und der, der das sagt, ist kein Versicherungsverkäufer.

 

Wir feiern eure Liebe. Da versagen einem manchmal die Worte. Gut, wenn man sich dann welche leihen kann. Bei Profis. Und bei Poeten. Ein echter Profi in Ehe-Dingen ist Helene Klaar, eine renommierte Scheidungsanwältin. Gefragt, was sie Leuten vor der Hochzeit rät, sagt sie: „Weiß ich nicht“. Oder Sachen wie: „Das Gesetz regelt die Ehe – von der Liebe steht da kein Wort.“ Sie selbst ist ewig lang verheiratet, hat Kinder großgezogen – und sie hat dann doch noch etwas über ihre persönliche Liebe zu sagen: „Wir haben nie geglaubt, dass uns das pure Glück erwartet. Wir haben nicht an die Fernsehwerbung geglaubt, die einem vormacht, wenn man den Kindern nur die richtige Windel umschnallt, tanzen sie Cancan, schreien nie, und man kann wunderbar kochen und hübsch sein und aufregenden Sex haben. Außerdem haben mein Mann und ich feste politische Überzeugungen und sind der Meinung, dass an allem wirklich Schlechten der Kapitalismus schuld ist. Daher lassen wir uns nicht gegeneinander hetzen.“

Gut, wenn man sich Worte borgen kann. Und eine Haltung. Für die Liebe – und für die Ehe. Bei Profis. Und bei Poeten. Echte Poeten in Liebes-Dingen findet man in der Bibel. Glaubenskünstler, Sängerinnen und Lebemänner. Sie alle haben ihre Geschichte mit Gott. Sie haben ihre Sehnsüchte und Erinnerungen und klugen Erfahrungen in weise Worte gepackt. Und sie durch die Jahrhunderte getragen, durch Herzen und Schmerzen, durch Demut und gute Anfänge. Ihr habt solche Worte gesucht – und habt sie gefunden im Predigerbuch. Das Predigerbuch ist so etwas wie die Ratgebersparte in der Bibel. 2300 Jahre alt, voll mit lebensgetränkten Gedanken, weniger fromm, oft philosophisch. Da steht: „So ist's ja besser zu zweien als allein; denn sie haben guten Lohn für ihre Mühe. Fällt einer von ihnen, so hilft der andere ihm auf. Wenn zwei beieinanderliegen, wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.“

Eine dreifache Schnur reißt nicht so leicht – nicht so leicht wie eine zweifache. Liebe geht nicht ohne den Blick in den Himmel und zu den Anfängen alles Seins. Liebe verkümmert ohne Glauben und ohne Hoffnung. Sich lieben heißt, nicht fertig miteinander zu sein, nicht perfekt zu sein. Sich lieben heißt, miteinander zu wachsen.

Wir alle hier wissen, dass Liebe zerbrechlich ist und deshalb kostbar – also bitten wir um Gottes Segen für Euer Zusammenleben. Ihr seid bei aller Harmonie, bei all den Dingen, wo ihr ähnlich tickt, nicht perfekt und nicht fertig. Ihr bringt nicht nur eure Honigseiten mit in die Ehe, sondern auch eure Macken. Ihr seid verknüpft wie eine zweifache Schnur. Da ist schon was. Wie kann ein Einzelner warm werden? Aber ihr wollt mehr und braucht auch mehr. Erst eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei.

 

Ihr Ostafrika habt ihr eine Scheinehe geführt. Ihr habt zwei Patenkinder dort. Ihr habt mit Mangelerscheinungen gekämpft und wart dankbar über eine lauwarme Dusche. Ihr habt gelernt, was man braucht im Leben. Ihr habt auf sechs Quadratmetern gelebt, später auf 44, heute auf 88. Und ihr habt – nicht genau darüber, aber dann eben doch auch über das große Ganze – eine gemeinsame Abschlussarbeit geschrieben: „Lernkultur und geistige Entwicklung“. Ihr habt Trauriges durchgestanden und Anstrengendes, Ihr musstet nach den Maßstäben anderer lehren und leben. Ihr habt auf eure Art geantwortet und mit den Schulkindern Figuren aus Eiswürfeln befreit. Jetzt seid Ihr frei – und aufs Beste verbunden. Weil Ihr wisst, was Ihr aneinander gefunden habt.

 

Wo wohnt das Glück? Das Glück, das satt macht.
Manche sagen: Liegt doch längst vor euren Füßen!

Andere sagen: Das Glück wartet auf euch. Der Weg ist das Ziel.

Einer sagt: Eine dreifache Schnur reißt nicht leicht entzwei. Und der, der das sagt, ist kein Versicherungsverkäufer.

 

Villa Nova de Millfontes, Portugal: „Neues Dorf der tausend Quellen.“ Der provisorische Ring vom Juwelier, der fährt schon ein paar tausend Kilometer mit, versteckt in der linken Autotür. Und die vagen die Andeutungen, die fahren auch mit. Aber ihr seid ja auch cool. Was gar nicht so einfach ist. Aber dann machst du die Teelichter an, Andrej. Drei oder fünf, da gehen die Erinnerungen auseinander. Und du wunderst dich ein wenig, Kristiane. Und dann ... schreibt Ihr eure Geschichte weiter. Und Gott fängt an, sich noch ein Stück enger in eure Lebensschnur hineinzubinden.

 

Alle eure Dinge geschehen im Blick Gottes. Lasst die Liebe geschehen. Ihr müsst nicht die besten Köche und Liebhaber sein. Ihr müsst nicht jederzeit für alles Verständnis haben. Ihr müsst nicht immerzu Gold füreinander sein.

Glaubt daran, dass Gott Gott ist, dann könnt Ihr Menschen sein. Wir alle werfen euch mit unseren Wünschen und mit unserer Liebe in Gottes Namen hinein. Ihr seid da gut aufgehoben. Amen.