Foto von aufgeschlagenen Büchern

Traupredigt

Pfarrer i.R. Eberhard Iskraut

03.06.2016 Schloßkirche Berlin-Britz

Trauung

Seit Mitte des Jahres 2016 gibt es in der Landeskirche Berlin-Brandenburg – Schlesische Oberlausitz anstelle der bisherigen Segnungsgottesdienste für gleichgeschlechtliche Paare endlich die vollgültige Trauung.

Da ich mich zusammen mit Gisela dafür seit Jahren - auch öffentlich - eingesetzt habe, wurde ich am 3. Juni 2016 gebeten, eine solche zu halten. (Erläuterung des Verfassers)

Eine der beiden Bräute gehört keiner Kirche an. Deshalb haben wir einen Gottesdienst zur Eheschließung" vereinbart, der diese besondere Situation berücksichtigt und respektiert. Dazu gehört auch eine gesonderte Befragung beider Bräute. Aber auch die nichtchristlichen Angehörigen sollten in diese Befragung mit einbezogen werden.

 

Liebe Festtagsgemeinde, liebes Brautpaar!

Heute erlebe ich es zum ersten Mal, dass die Bezeichnung für ein Ehepaar in unserer deutschen Sprache zutreffend ist: Braut-Paar!

Das ist schon bemerkenswert, bewegend für viele unter uns, aber selbst­ verständlich noch lange nicht. Zu lange haben die Diskriminierungen und Bestrafungen gedauert, jahrhundertelang die Heiratsverbote durch die staatlichen Gesetze und durch beide großen Kirchen. Noch ist diese alte Zeit nicht in allen Köpfen vorbei, aber ein guter Anfang ist gemacht, und darum ist es gut, dass wir diesen Gottes­ dienst mit einem fröhlichen Dankeslied begonnen haben, worin es heißt: "Danke, o Herr, für alle guten Freunde. Danke, o Herr, für jedermann. Danke, wenn auch dem größten Feinde ich verzeihen kann."

Liebe Jenny, liebe Corinna! Sie haben bereits gute Freunde, und ich kann mir denken: Diese Zahl kann noch wachsen - und je treuer Sie zueinander stehen, wird bei so manchem aus dem Belächeln solch einer Gemeinsamkeit Respekt und Achtung erwachsen. Sie haben vor fünf Wochen standesamtlich geheiratet, sogar im Schloss. Das reicht ja eigentlich. So denken heute in unseren Breiten auch die meisten Leute. Also fragt man sich: Was tun wir noch hier ... in der Kirche? Noch einmal so etwas Ähnliches wie beim Standesamt? Vielleicht nur noch etwas feierlicher? (falls das überhaupt gelingt!) Die Antwort ist ganz einfach:  Wir wollen Ihre Ehegemeinschaft Gott anvertrauen, also Ihren vor dem Standesamt mit allen Konsequenzen besiegelten Entschluss in Gottes Hände legen und ihn bitten, ER möge Ihr gemeinsames Leben segnen. Dazu haben Sie sich für diesen Gottesdienst aus all den möglichen Texten das Wort des Apostels Paulus an die Christen in Korinth als Trauspruch ausgesucht:

 

Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe - diese drei.

Aber die Liebe ist die größte unter ihnen. (1. Kor. 13,13)

 

Da kann ich Ihnen bei aller festlichen Atmosphäre in dieser Kirche aber eine Enttäuschung nicht ersparen: Ein Trautext ist das nicht! Denn Paulus dachte bei diesen Worten nicht an Menschen, die sich lieben gelernt haben und sich nicht mehr aus den Augen lassen wollten. Er schreibt das an Menschen, die sich zerstritten hatten. Schade, unter den Christen in Korinth gab es so viele Gaben, die im Zusammenwirken viel Gutes bewirkt hätten. Die einen hatte!) die Gabe der Zungenrede, der sog.  Glossolalie, mit der sie Gott mit all ihren Gefühlen begeistert loben konnten. Aber denen musste der Apostel sagen: Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete, und keine Liebe wäre in mir, so wäre es nicht s. Da gab es auch kluge Leute, die sich mit der griechischen Philosophie auseinandersetzten und ihre eigene Gotteserkenntnis für die tollste Sache der Welt hielten. Denen musste der Apostel sagen: Wenn ich Gottes Gedanken kennte und alle Weisheit der Welt wüsste und hätte keine Liebe in mir, es wäre alles nicht s. Unser Wissen ist Stückwerk. Wir sehen doch alles nur matt und ungenau wie durch einen kupfernen Spiegel. Also Leute, bleibt auf dem Teppich, ihr lebt noch nicht in Gottes neu­ er Welt. Mit den vielen Gaben und Aktivitäten in der Gemeinde in Korinth trieben sie nur ihre Geltungssucht an. Sie feierten Gottesdienste mehr gegeneinander als mit einander. Schade, wenn Dankgebet und Fürbitte von Angeberei überlagert wer­ den, dann fehlt die Liebe, dann fehlt die Möglichkeit, miteinander zu leben.

 

Nicht wahr, das ist kein Text für Menschen, die sich ja mögen und sich ihr er Liebe ganz gewiss sind und dies nun mit ihren Eltern, Freundinnen und Freunden, mit Trauzeugen und Verwandten dankbar feiern wollen!                                                      

Vielleicht aber doch. Denn Paulus stellt der Situation der Christen in Korinth bei all den vielen Gaben, die sie aufbieten können, drei bleibende Werte entgegen:

"Glaube, Hoffnung, Liebe - diese drei".

"Der Glaube, (das sagt der Apostel an anderer Stelle) ist nicht jedermanns Ding." Die meisten unter uns kommen ja aus dem Teil Deutschlands, in dem der christliche Glaube die große Ausnahme war. Die Wende hat zwar zu einem kurzfristigen Nachdenken geführt, aber dann siegte die zunehmende Gleichgültigkeit. Der Glaube war zu keiner Zeit „jedermanns Ding." Glaube hat niemand in seinen Genen. Glaube wird nicht vererbt. Wer an Gott glaubt, ist auch kein besserer Mensch, aber - so meine ich jedenfalls - er ist besser dran. Er kann das Leben in größeren Zusammenhängen sehen.  Und wenn einer glauben kann, dann ist das jedes Mal ein kostbares Wunder, kein Verdienst. Und wenn zwei Menschen glauben oder daran interessiert und davon berührt sind, dann schauen sie sich nicht nur einander an (das kann auch auf Dauer langweilig werden), aber sie denken und blicken in die gleiche Richtung – und das kann spannend werden.

Den zweiten Wert benennt der Apostel mit dem Wort Hoffnung.

Was tun mitunter Menschen nicht alles, um andere retten zu wollen -  Stichwort: Rupert Neudeck – Cap Anamur. Menschen werden gerettet aus dem Meer, aus Bergwerken oder bei den Wiederbelebungsversuchen von Komapatienten. Zu welchen Kraftanstrengungen lassen sich Menschen beflügeln, ehe sie doch den Mut aufgeben. Und wenn man sie fragt – die Retter und die Geretteten: „Wie habt ihr das geschafft?“ dann hört man sie sagen: „Die Hoffnung stirbt zu aller letzt“. Christliche Hoffnung meint nicht nur Extremsituationen, sondern bezieht sich auf die Gesamtheit unseres Lebens. Der große Theologe Dietrich Bonhoeffer hat den Satz gesagt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will“ und damit wir Gott nicht als den großen Zauberkünstler verstehen, fährt er fort: „Dazu braucht er Menschen, die sich alles zum Besten dienen lassen.“

Und nun last not least „die Liebe“.

Die Reihenfolge heißt ja nicht „Glaube, Liebe, Hoffnung“, sondern Glaube, Hoffnung, Liebe! Und der Apostel fügt noch hinzu: „Aber Liebe ist die größte unter ihnen“. Frage: Wie lässt dem Apostel Paulus die Liebe über den Glauben stellen und über die Hoffnung? Ich denke, die Liebe ergänzt beides. Glaube kann sehr abstrakt verstanden werden. Aber die Liebe macht ernst mit dem Glauben, macht ihn verstehbar. Und Hoffnung? Sie übersieht mitunter das Gegenwärtige. Aber die Liebe sagt, was jetzt dran ist. Sie weist den Glauben und die Hoffnung auf den allermächtigsten Schritt.

 

Liebe kann auch Ferne zu Nächsten machen. Liebe kann verbinden, wo Streit ist. Liebe macht Feinde nicht gleich zu Freunden, aber Menschen, denen zuliebe ich etwas tun kann. Liebe kennt den Mut zur Vergebung. Liebe führt Menschen wieder zusammen. Habe ich nun alles gesagt? Auf keinen Fall.

Wenn ich daran denke, was in der Bibel alles über die Liebe geschrieben steht, dann komme ich mir vor wie ein Mensch, der Ihnen gerade mal einen Türspalt geöffnet hat, um Ihnen einen kurzen Einblick zu gewähren – einen Raum, in dem Gottes Liebe zu Hause ist. Liebe ist die kostbarste Gottesgabe. Denn wo sie da ist, wo sie bleibt, da können auch zwei Menschen beieinander bleiben, und darum ist es doch recht, dass Sie sich als Leitwort für Ihr gemeinsames Leben dieses Wort ausgesucht haben.

Amen.