Foto von aufgeschlagenen Büchern

Videoandacht „Gedanken zum Ewigkeitssonntag“

Pröpstin Johanna Lenz-Aude (ev.-luth.)

November 2009

Hier die Predigt sehen

 

(Herbstliche Landschaft, Bäume, fallende Blätter in verschiedenen Perspektiven)

Pröpstin: Die Blätter fallen / fallen wie von weit / als welkten in den Himmeln ferne Gärten / sie fallen mit verneinender Gebärde / und in den Nächsten fällt die schwere Erde aus allen Sternen in die Einsamkeit / wir alle fallen / diese Hand da fällt / und sieh dir andere an / es ist in allen / und doch ist einer, welches dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Gang der Pröpstin über den Friedhof, Blenden auf versch. Grabsteine)

Ich bin schon immer gerne über Friedhöfe gegangen, schon als Kind. Ich habe bei den Grabsteinen lesen gelernt, und auch rechnen. Und wie alt ist dieser Mensch geworden? Hinter jedem Namen ein Menschenleben, einmalig unverwechselbar.

Jeder Mensch aus der Liebe zweier Menschen entstanden, neun Monate Schwangerschaft, Geburt, Kindheit, Jugend. Wie viele Träume und Erwartungen haben die Menschen wohl gehabt? Wie viel davon hat sich erfüllt. Anderes auch nicht? Jedes dieser Menschenleben einmalig und kostbar. Darum ist es ja auch so traurig, wenn einer von ihnen gestorben ist.

(Grab von Herrn Aude)

In diesem Jahr ist mein Mann gestorben. Ich bin viel hier auf dem Friedhof gewesen, gerade in den ersten Wochen und ich habe viel mit ihm gesprochen. Ich habe auch geklagt: Warum bist du gegangen? Warum hast du mich allein gelassen? Und es gab ganz schlimme Momente, einer der schlimmsten Momente, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte, war der Tag, an dem plötzlich der Stein hier lag.

(Schwenk auf Stein)

Sein Geburtsdatum und sein Sterbedatum, dieses Leben war begrenzt und zu Ende. Hier werde ich ihn nicht wieder sehen. Das hat wehgetan.

(Pröpstin in Andachtsraum, verschiedene Perspektiven und Überblendungen)

Mir hilft der Glaube, dass Gott es ist, der meinen Mann unendlich sanft in seinen Händen hält. Ich kann das nicht mehr, aber Gott hält ihn. Bei ihm bleibt er geborgen, das ist schön zu wissen. So wie all die anderen lieben Toten, die im Laufe eines Lebens ja dazu kommen. Und mir hilft der Blick auf das Kreuz hier in unserem Andachtsraum, und die vielen Kreuze auf dem Friedhof. Sie erinnern an Jesus. Gott hat Jesus dem Tod wieder entrissen und ihn auferweckt zu neuem Leben, verändert. Anders, aber ganz in Gottes Nähe. Und, so hat Jesus es gesagt, so wird es uns auch gehen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Das hat Jesus zu seinen Jüngern gesagt, darauf verlasse ich mich.

(Schnittbilder Friedhof, Grabsteine)

Das Todesdatum, ja, das steht dort auf den Steinen, aber Gott hat die Beziehung nicht abgebrochen, nicht gelöst.

„Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.“ Dieses Wort gilt.

(Pröpstin auf Friedhof)

Mir hilft es, dass ich sein Grab gestalten kann. Das Grab ist ein bisschen ungewöhnlich, aber mein Mann war für mich auch ein ungewöhnlicher und ein besonderer Mensch. Ein bisschen bunter ist es als andere Gräber, aber er mochte es so und ich mag es auch so. Und inzwischen kann ich auch anders mit ihm reden, nicht nur klagen und weinen. Wenn ich hier so stehe und buddele, dann erzähle ich ihm von meinem Leben, von meiner Arbeit, von meinen Plänen. Ich erzähle ihm von unseren Kindern. Das tut mir gut. Gott begleitet mich in dieser Zeit der Trauer.

(Gang über Friedhof in zahlreichen verschiedenen Perspektiven)


Gott ist ein Liebhaber des Lebens. „Beim Namen gerufen“ – das gilt all denen, die hier liegen, den Kleinen, den Großen. Aber das gilt auch uns, den Lebenden. Der Tod will mir weiß machen, mit dem Leben eines lieben Menschen sei alles aus und auch mein eigenes Leben hätte doch gar keinen Sinn mehr. Aber so ist es nicht. Gott will Leben für uns und Schritt für Schritt werde ich diesem Tod entrissen, auch in diesem Leben schon. Denn Gott will, dass wir fröhlich leben. Auch wir, die wir Menschen verloren haben. Auch unser Leben ist kostbar. Gott hat Freude für uns und im Gespräch mit anderen Menschen erfahren wir das, dann und wann, und das ist gut zu spüren, dass das Lachen wieder kommt und die Lebensfreude.

Nein, ich fliehe den Friedhof nicht. Nach wie vor gehe ich gerne über Friedhöfe und lese weiter gerne die Namen und lese auch die Daten.

Aber ich gehe auch weiter, denn auch mein Leben geht weiter. Und es ist schön, das zu spüren. Auch im Gespräch mit anderen – und ich freue mich, dass ich inzwischen auch wieder lachen kann. Gott sei dank.