Foto von aufgeschlagenen Büchern

Vom Aufbewahren und Wegwerfen – Gott finden im Nichtfinden

Dompfarrer & Regens Ulrich Beckwermert (rk)

07.03.2014 in Osnabrück

Morgenandacht im Deutschlandfunk

© privat

mit freundlicher Genehmigung:

Autor: Dompfarrer Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Katholische Hörfunkarbeit für Deutschlandradio und Deutsche Welle, Bonn

www.dradio-dw-kath.eu

 

Die Predigt hören können Sie hier.

 

Vom Aufbewahren und Wegwerfen: Von dem Kirchenlehrer Augustinus habe ich gelernt, dass der Glaube an Gott nicht nur etwas mit Bewahren, sondern auch mit Wegwerfen zu tun haben kann. Er hat das in seinen „Bekenntnissen“ so ausgedrückt: „Was soll es ..., wenn einer dich (Gott) nicht fassen kann? Er freue sich“, so Augustinus, „ ... und möge lieber im Nichtfinden dich finden als im Finden dich doch nicht finden.“ (1)

Ein gewagtes Wort eines großen Kirchenlehrers: Gott finden im Nichtfinden! Ich weiß noch sehr gut, wie mich diese Aussage als Theologiestudent irritiert hat. Ich habe mein Studium damals mit dem Ziel begonnen, Gott zu finden, war verwurzelt und engagiert als Jugendlicher in der Pfarrgemeinde. Wenn man mich etwas über Gott fragte, konnte ich antworten. Das wollte ich im Studium vertiefen. Und deshalb verstand ich nicht, wieso ein so kluger Geist wie Augustinus das Nichtfinden Gottes so positiv bewerten konnte. Nicht im Studium, erst später im Dienst in der Gemeinde habe ich angefangen zu verstehen, was Augustinus wollte. Geholfen hat mir dabei ein kranker und alter Mann. Ich erinnere mich, wie er mir sehr traurig erzählte, dass er nur noch wenige Monate zu leben habe. Ich kannte ihn aus der Gemeinde sehr gut, wir redeten oft miteinander und ich besuchte ihn fast jede Woche. Sein Zustand verschlechterte sich und er wurde immer stiller. Ich dachte nun, ihn trösten zu müssen und redete ihm gut zu. Aber das hätte ich nicht tun sollen.

„Hören Sie auf damit“, sagte er mir mit angestrengter Höflichkeit, „ich kann das jetzt nicht hören.“ Ich konnte das nicht verstehen! Über Jesus sprach ich, über seine Wunder, über seinen Kreuzweg und seinen Weg zur Auferstehung. Der Mann wollte das nicht hören. Es entstand eine peinliche Stille zwischen uns, die hat es vorher nicht gegeben. Als ich ging, fragte er mich, ob ich wiederkommen würde. Jedes Mal fragte er das. Das hat mich gewundert. Ich empfand unsere Begegnungen als anstrengend und verkrampft. Warum dann wiederkommen? Ich quälte mich weiterhin zu den Besuchen, bei denen wir fast nur noch schwiegen. Nur das fragte er immer: Kommen Sie wieder? Das letzte Mal, als ich ihn besuchte, war er tot. Zwanzig Minuten vorher gestorben. Es hat zwischen uns kein letztes Wort gegeben, keinen Abschied. Ich wollte ihn trösten und mit ihm über Gott sprechen. Er wollte mich nicht hören. Aber er wollte meinen Besuch und dass ich dabei schweige.

„Gott finden im Nichtfinden.“ Das fiel mir damals wieder ein. Es gibt Menschen, die finden Gott nicht in den Erzählungen und Geschichten über Gott und auch nicht darin, dass man ihnen von Gott erzählt. Sie finden ihn anders. Sie erleben Gott in Zeiten schwerer Krisen als den ganz Unfassbaren, der sich unserem Finden und Erklären entzieht. Sie finden ihn, indem sie alle ihre vertrauten Gottesbilder nicht nur ablegen, sondern sich davon radikal trennen: wegwerfen. Und deshalb ertragen sie es kaum, wenn Menschen ihnen von Gott erzählen und ihnen ein Bild nach dem anderen von Gott gezeigt wird.

Es gibt Menschen, die haben durch ihre Krankheit ihre Gottesbilder weggeworfen, weil keines dieser Bilder Gott mehr fassen kann. Mich macht das sehr nachdenklich. Wird nicht manchmal zu viel von Gott erzählt und mit oft zu großer Selbstverständlichkeit? Sicher: Es gibt die Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift. Aber es bleibt auch immer noch das unaussprechliche Geheimnis Gottes, dass sich vor allem den Menschen stellt, die von Krankheit und einem drohenden Tod betroffen sind. Und mir bleibt die Erfahrung, dass der Kranke nicht meine Worte wollte, sondern meine Gegenwart. Gott finden im Nichtfinden ist kein Atheismus oder Unglaube. Es ist wie bei Augustinus der Glaube an die Gegenwart Gottes, die größer ist als alles Beschreiben, Begreifen und Verstehen. Deshalb wollte der alte und kranke Mann, dass ich ihn besuche ohne zu reden. Ich war für ihn vielleicht wie ein Symbol für Gott, der immer der Gegenwärtige ist, auch wenn er gerade in Tagen schwerer Krankheit schweigt. Wenn der Kranke auch im Verlauf seiner Krankheit ein Gottesbild nach dem anderen weggeworfen hat, den Glauben an die Gegenwart Gottes hat er sich bewahrt.

Heute kann ich viel besser damit umgehen und die Kranken danken es mir. Denn das habe ich mir bewahrt: Besuchen ja, aber nicht so viel reden. Eben: Gott finden im Nichtfinden.

  1. Augustinus, Bekenntnisse, Frankfurt Inselverlag 1987, Seite 27