Der Predigtpreis im Interview

Gott liket mich nicht – er liebt mich

Werner Thiede
13.02.2014
Werner Thiede - Gott liket mich nicht – er liebt mich

Foto: Privat Prof. Dr. theol. habil. Werner Thiede (Regensburg) ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Bayern und Publizist. An der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt er Systematische Theologie (Dogmatik/Ethik). Sein Buch „Die digitalisierte Freiheit. Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion“ (Berlin 2013, 258 S.) ist im LIT-Verlag erschienen.

Anfang Februar hat der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, gewarnt: Freiheit und Demokratie sind von totalitären Tendenzen der digitalen Gesellschaft bedroht. Der Theologieprofessor und Publizist Werner Thiede kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Er sieht die Vernetzung der Welt kritisch und fordert Zurückhaltung.

Predigtpreis: Herr Professor Thiede, Sie teilen die Sorge, dass die Digitalisierung unserer Kultur die freiheitliche Demokratie bedroht. Wie kommt ein Theologe zu diesem Thema?

 

Werner Thiede: Als Christenmensch bin ich sensibilisiert für die Freiheitsthematik. Und ich beobachte, dass die digitale Revolution neben den neuen Freiheiten, die sie in manchen Bereichen mit sich bringt, Menschen oft auch unfreier macht. Denken Sie nur an die äußeren und inneren Abhängigkeiten von digitalen Apparaten, die sich bis zur Sucht steigern können. Oder an den erhöhten Zeitdruck im beruflichen und privaten Bereich dank ständiger Erreichbarkeit. Oder auch an die Flucht vieler Erwachsener und Jugendlicher in virtuelle Welten. Der württembergische Landesbischof Otfried July warnt mit Recht vor der Gefahr, „im täglichen digitalen Kommunikationswahnsinn abzusaufen“. Seit den Offenlegungen Edward Snowdens über die weltweite Ausspähung durch Geheimdienste ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass die digitale Revolution nicht nur Segen bringt. Der SPD-Politiker Egon Bahr brachte es kürzlich in einer Talkshow auf die Formel: „Wir sind in einem digitalen Kampfzeitalter.“

 

Predigtpreis: Fühlen Sie sich bestätigt, nachdem Martin Schulz, der Präsident des Europaparlaments, Freiheit und Demokratie durch totalitäre Tendenzen der digitalen Gesellschaft bedroht sah?

 

Thiede: Genau das habe ich in meinem neuesten Buch ausgeführt. Einige andere Geisteswissenschaftler haben ebenso auf diese Gefahr aufmerksam gemacht. Ich denke da etwa an den Berliner Philosophieprofessor Byung-Chul Han: Er hat erklärt, das Internet der Dinge vollende die Transparenzgesellschaft, und die sei nicht mehr zu unterscheiden von einer totalen Überwachungsgesellschaft. Auch hat Bundespräsident Joachim Gauck am Tag der Deutschen Einheit daran erinnert, dass ja nicht etwa in den Tiefen Afrikas oder Asiens, sondern inmitten unseres aufgeklärten Europas im 20. Jahrhundert eine Diktatur emporgewachsen ist. Deshalb sollten wir uns davor hüten, so etwas nur als einen einmaligen historischen Schrecken zu deuten.

 

Predigtpreis: Kann das Internet die nächste Diktatur bringen?

 

Thiede: Im 21. Jahrhundert würden totalitäre Strukturen unter anderen Umständen entstehen. Die digitale Revolution stellt jedenfalls technische Bedingungen dafür bereit. Das hat Parlamentspräsident Schulz gemeint.

 

Predigtpreis: Sie sehen nicht nur eine politische Freiheitsfalle, sondern auch eine ökologische. Gefährdet etwa Ökostrom die Freiheit?

 

Thiede: Ökostrom zu produzieren fördert ein Umdenken, das ich begrüße. Aber die smarten Strom-, Gas- und Wasserzähler, die über das Netz Auskunft über unseren Verbrauch und unsere Lebensweise geben, kritisiere ich: Sie sind datenschutzrechtlich bedenklich. Österreich hat deshalb die Pflicht zu digitalen Stromzählern inzwischen wieder abgeschafft. Die massiv gehäufte Datenkommunikation kostet außerdem Energie, auch dort, wo sie mittels Mobilfunk erfolgt. Dessen umstrittene Strahlung kann die Gesundheit gefährden – ein ökologisches Problem, das in Zeiten des mobilen Internets wieder offener diskutiert werden sollte.

 

Predigtpreis: Im letzten Teil Ihres Buches sprechen Sie auch von einer „spirituellen Freiheitsfalle“. Wie funktioniert sie?


Thiede: Von Freiheit kann man nicht nur in politischem Sinn reden, sondern auch in psychologischem und ebenso in spirituellem Sinn. Die digitale Revolution verführt in der Tendenz dazu, Gott als den letzten Horizont abzublenden. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die Magie der neuen Technik und auf abstrakte, digital erzeugte Wirklichkeiten. So wird bereits ernsthaft anvisiert, die Unsterblichkeit der Seele und am Ende gar die Auferstehung der Toten digital herzustellen.

 

Predigtpreis: Viele Christen sehen Social Media und Blogs vor allem als missionarische Möglichkeiten, als neue Kanzeln für die Predigt. Soll man darauf vielleicht verzichten?

 

Thiede: Theologie und Kirche folgen dem digitalen Imperativ immer bereitwilliger. Natürlich entstehen durch das Netz neue Kommunikationswege. Aber keine Twitterandacht ersetzt den Gottesdienst in der Kirche. Die Eucharistie muss ich in Gemeinschaft sehen, fühlen und schmecken. Theologisch gesagt: Die viva vox evangelii, die lebendige Stimme der Christus-Botschaft, hat im direkten Miteinander von Mensch zu Mensch mehr Gewicht als eine digital vermittelte Info. In der Gemeinschaft innerhalb der „Kohlenstoffwelt“ erfahre ich als Christ die Liebe des fleischgewordenen Gottes ganzheitlicher als in virtuellen Beziehungen. Gott liket mich nicht bloß, er liebt mich.

 

Predigtpreis: Die evangelische Kirche sieht sich gern als Kirche der Freiheit. Verliert sie ihre Freiheit im Netz?

 

Thiede: Ich wünsche mir von den Verantwortlichen in Theologie und Kirche mehr Sensibilität für die Zweischneidigkeit des digitalen Schwertes. Der anvisierten „Digitalisierung aller Dinge“ wohnt ein totalitärer Zug inne. Im Januar hat Papst Franziskus das Internet als ein „Gottesgeschenk“ gelobt, aber zugleich gewarnt, es könne dazu dienen, Menschen zu manipulieren. Digitalisierte Freiheit ist manipulierte Freiheit. Wir brauchen eine neue Aufklärung, um die Mündigkeit des Menschen zu wahren. Darin liegen Themen, über die auch die Theologie nachdenken muss.


 Das Interview führte



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Kommentare zu diesem Artikel

Anzeige: 1 - 1 von 1.
 

20.02.14 08:34 Uhr

Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach aus Göttingen schrieb:

Herr Thiede kommt leider etwas spät und sachlich daneben daher, wie Sie hier nachlesen können http://gerhardlauer.de/files/5813/8755/6886/lauer_lesen.pdf. Wenn es anders wäre, hätte der Predigtpreis nicht den Erfolg, den er hat, und wir auch nicht.

(Prof. DDr. Ulrich Nembach, Göttingen, Mitglied des Predigtpreis-Kuratoriums)

Quelle: Lauer, Gerhard (2012). Am Ende das Buch - Lesen im digitalen Zeitalter. Jahrbuch der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 25 (2012), 138-160

 
 

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